Von der Puszta in die Hauptstadt

Dieser zweite Bericht über unsere Reise durch Ungarn deckt die Zeit vom 1. bis 13. Juni 2010 ab.

Kaum zu glauben, dass wir noch bis vor einer Woche jeden Morgen die Heizung anschmeissen mussten. 13 Grad im Wohnmobil – nein, Indianerlis wollen wir nun wirklich nicht spielen. Wir haben den Balaton und das ganze dazu gehörige Bala-Bala hinter uns gelassen. Das „Ungarische Meer“ wie der Plattensee auch bezeichnet wird, muss im Hochsommer touristisch aus allen Nähten platzen. Da bei uns weder Badetemperaturen noch –Wetter herrschten, haben wir den See nur mit gebührendem Abstand betrachtet. Seit unserem eintägigen „Kuraufenthalt“ in Heviz (nein, wir fühlen uns seither nicht gesünder, allerdings auch nicht kränker) hat es vier Tage praktisch am Stück geregnet. Der ganze Segen von Petrus war begleitet von starken Böen, die Sturmwarnungen rund um den See haben geblinkt wie wild.

Die Gegend rund um Europas grössten See kann man als hügelig bezeichnen. Im Hinterland wird Wein angebaut, Getreide und Mais. Die Orte, die rund um den See aufgereiht sind, ähneln einander. Mal sind sie mehr, mal etwas weniger mondän, sicher haben sie immer eine Badeanstalt, zahlreiche Hotels, Campingplätze. Typisch ungarisch – das gilt nicht nur für die Region Balaton – sind die Verkaufsbuden, die mit absoluter Zuverlässigkeit dort anzutreffen sind, wo sich Touristen hin verirren. Sie bieten Souvenirs an, Getränke und Esswaren, Schwimmhilfen und Badelatschen. Und mit Garantie auch Glacé. Die Ungaren sind ein Volk von Eis-Fressern. Selbst bei Regenwetter und kühlen Temperaturen läuft jeder zweite Ungar mit einem Cornet durch die Gegend.

Nach vier Tagen und einer Runde fast um den ganzen See haben wir ihn südwärts verlassen. Endlich ist auch das Wetter besser geworden. Seither hat sich das persönliche Befinden nahezu übergangslos von „zerzauste Frisur und nasse Regenjacke“ in „ohne Sonnencreme geht gar nichts mehr“ gewandelt.

Die Ungarn scheinen ein fröhliches Volk zu sein. Bei Festen und privaten Feiern wird jedenfalls ausgiebig und laut gelacht. Auf uns wirken sie allerdings nicht gerade freundlich. Unsere Grüsse werden nie oder nur höchst widerwillig erwidert. Blöd anglotzen liegt aber alleweil drin.

In einem „Gebirge“ an der südlichen Grenze haben wir unsere erste Velotour auf ungarischen Strassen gemacht. Die Strasse ist überraschend gut, ein Zustand, der längst nicht auf alle Verkehrsweg zutrifft. Manchmal hüpft man von Schlagloch zu Schlagloch und natürlich gibt es sie auch: die feinen, seidenen Beläge – sofern die EU genügend Kohle locker gemacht hat.

Südlich der Stadt Pecs wird viel Wein angebaut. Ein Weinbaudorf folgt dem anderen, nennenswerte Erhebungen für Weinberge, wie wir sie uns vorstellen, fehlen hier. Doch was kann man schon erwarten, wenn man sich auf 90 m über Meer befindet?

Ein beklemmendes Gefühl ist aufgekommen, als wir dem Ufer der dreckig-braunen Donau entlang gegangen sind. Europas zweitlängster Fluss hat Hochwasser geführt und in den Dörfern ist man daran gewesen, Sandsäcke zu füllen. Noch hat ein guter halber Meter bis zum Damm gefehlt, aber gemäss Aussage eines Arbeiters musste man davon ausgehen, dass die Donau noch 1,5 Meter steigen wird. Glücklich darüber, dass wir unser Domizil leicht ins Trockene fahren können, sind wir weitergefahren.

Östlich der Donau ist das Land topfeben. Rechts und links der Strasse wechseln sich Mais, Getreide, Reben, Mohn, Gemüse, Gras, und gar Nichts ab. Ist das nun schon die Pustza? Wir finden es ausgesprochen langweilig, für die einzige Abwechslung sorgen die Löcher in der schnurgeraden Strasse.

Störche haben wir seit Tagen keine mehr gesehen. So ein Storchenland, wie immer erzählt wird, scheint Ungarn denn auch wieder nicht zu sein. Wenn ich bei uns an den Greifensee fahre, kann ich mit etwas Glück auf engem Raum ebenso viele Langbeiner zählen wie in manchen Gegenden Ungarns.

Bei einem Thermalbad mit zugehörigem Campingplatz mitten im ungarischen Nirgendwo haben wir zwei Tage Halt gemacht. Dort haben wir Landsleute getroffen, die jedes Jahr vier Monate dort sind. Hilfe! Mit diesem Bad – eine Mischung aus Heilbad und Plauschbad – kann keine Badeanstalt in der Schweiz mithalten. Ein paar Becken mit den heilenden, braunen Fluten (so krank kann ich gar nicht sein, dass ich da rein liege!) unter Dach und im Freien werden ergänzt von einem Becken mit Sprudeldüsen aller Art, einem Wellenbad, einem Becken mit mehreren Rutschbahnen und sogar einigen Seichbädli. Das Gelände ist riesengross. Typisch ungarisch wird diese Badeanstalt bereichert von zahlreichen Imbissbuden, die sich innerhalb des Geländes befinden.

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Nach dem Aufenthalt auf dem Campingplatz (es war wieder mal Wäsche waschen angesagt) haben wir uns eine vier Tage gültige Autobahnvignette gekauft (so etwas funktioniert in Ungarn rein elektronisch und hinterlässt keinen Leim auf der Scheibe!) und sind die 150 km nach Budapest gedüst. Dort haben wir uns auf einem Campingplatz einquartiert und sind zwei Mal mit der Metro in die Stadt gefahren. Budapest hat viel zu bieten. Museen und Kirchen ohne Ende, alte Häuser in unterschiedlichstem Zustand, Denkmäler, Konzerte und ziemlich gepfefferte Preise im Vergleich zum restlichen Ungarn. Eigentlich alles nicht so unsere Welt. Jedenfalls haben wir nach zwei Tagen die Stadt gesehen. Mag sie noch so schön an der immer noch Hochwasser führenden Donau liegen: Es geht weiter Richtung Slowakei.

Wir haben eine Portion Erdbeeren verdrückt, die wir in Budapest auf dem Markt gekauft haben. Sensationell süss und sicher alles andere als unreif! Aber es tut einem das Herz weh, wenn man sieht, wie der Verkäufer diese mit einer Art Schaufel regelrecht schöpft.

Diesen Bericht habe ich geschrieben bei knapp 30 Grad. Um mich herum war es bereits stockfinster. Hättet ihr gewusst, dass in Budapest die Sonne fast eine Stunde früher untergeht als zu Hause?

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