Gut zwei Wochen Tschechien – unser Bedarf ist gedeckt

Wir haben die Tschechische Republik vom 27. Juni bis 13. Juli 2010 bereist. Der nachfolgende Reisebericht ist unterwegs entstanden und spiegelt zum Teil auch unsere Stimmung wider.

Wir wollten schon lange mal „den Osten“ bereisen. Dieses Jahr haben wir dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt. Nach Ungarn und Slowakien stand als letztes Land Tschechien auf dem Programm.

Obschon mehrere Jahrzehnte unter gemeinsamer Flagge und seit zwanzig Jahren aus der sozialistischen Umklammerung entlassen, sind Slowakien und Tschechien sehr verschieden. Slowakien ist sehr stark von Landwirtschaft geprägt, während Tschechien eine Industrienation ist. Selten haben wir so viele Hochkamine erblickt, so viele thermische und atomare Kraftwerke dampfen sehen. Trotzdem spielt auch die Landwirtschaft eine wichtige Rolle.

Auf unserer Reise von Süden her haben wir den noch stärker industrialisierten Osten des Landes ausgelassen. Wir haben reihenweise schöne Ortschaften besucht. Ein typisches Ortszentrum sieht etwa so aus: ein rechteckiger Marktplatz, meist mit Kopfsteinpflaster, im Zentrum die Pestsäule und etwas Blumenschmuck, darum herum gruppieren sich Kirche, Rathaus, Bürgerhäuser. In der Regel sind diese Gebäude gut erhalten und mit ihren bunten Fassaden ein sehenswerter Anblick, auch wenn auf den meisten unserer Fotos irgendwo ein Baugerüst sichtbar ist. Auf diesen Marktplätzen wird heutzutage kein Markt mehr abgehalten, aber es sind recht grosse Freiflächen (teils grösser als der Platz vor dem Bundeshaus), wie wir sie in unseren Städten nirgends antreffen.

Besonders hervorzuheben ist das im Süden gelegene Städtchen Cesky Krumlov, nach Prag wahrscheinlich die meistbesuchte Stadt Tschechiens. Der mittelalterliche Ortskern ist sehr gut erhalten. Hoch über dem Städtchen thront das Schloss mit dem markanten Turm, um alles rum fliesst die Moldau in mehreren Schlaufen. Tagsüber ergiessen sich ganze Wagenladungen von Touristen, die im Minutentakt angekarrt werden, und es wird sehr eng in den alten Gassen. Wir sind deshalb erst am Abend zu einer Besichtigung aufgebrochen. Der Ort ist wirklich sehr speziell mit seinen schönen Häuserfassaden, dem über die Jahrhunderte glatt polierten Kopfsteinpflaster und dem mächtigen Schloss. Selbstredend, dass jedes zweite Haus eine Kneipe ist.

Im Südwesten befindet sich der Nationalpark Böhmerwald, der mit dem angrenzenden Bayrischen Wald ein riesiges Naturreservat bildet. Es wird fleissig und grenzüberschreitend Velo gefahren und gewandert. Das hat nebst der hügeligen Landschaft (vielleicht am ehesten zu vergleichen mit der Region Einsiedeln/Sattel) einen ganz besonderen Grund, denn man kann hier für 4 Franken ein Busticket kaufen, das den ganzen Tag und im ganzen Böhmerwald gültig ist. Die Busse führen Velo-Anhänger für 20 Fahrräder mit. So kann man sich nach Belieben verausgaben oder auch nur die Hänge runterbrausen. Der Böhmerwald erreicht Höhen von gut 1’200 Meter, wegen seiner Lage ähneln die Wälder bereits in tieferen Lagen unseren Bergwäldern, d.h. kein Unterholz, dafür massenhaft Heidelbeeren, die Anfang Juli allmählich Farbe bekennen.

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Prag liegt mehr oder weniger im Zentrum des 96’000 km2 grossen Landes. Für unsere Stadtbesichtigung haben wir einen Campingplatz auf einer Insel in der Moldau angefahren. Von hier aus gelangt man mit Fähre und Tram in einer knappen halben Stunde in die Innenstadt. Kein Mensch würde denken, dass es Sonntag war, dermassen viele Leute hatte es in der Innenstadt. Wir haben uns durch die alten Gassen treiben lassen, haben den Pulverturm, fantastische Fassaden, die Astronomische Uhr, das ehrwürdige Gemeindehaus, den Altstädter Ring, die Tynem Kirche, den Wenzelplatz und die Karlsbrücke bewundert. Am zweiten Tag haben wir die faule Tour durchgegeben und eine Stadtrundfahrt mit einem kleinen Bus unternommen. Der Fahrer hat uns kreuz und quer durch die Altstadt gekurvt, ohne Rücksicht auf unsere Bandscheiben ist er über das wellige Kopfsteinpflaster gedonnert und hat uns zur Prager Burg hoch gefahren. Unterwegs haben wir über Kopfhörer dem Kommentar auf Deutsch gelauscht und Allerlei über Prag erfahren, das wir aber fast genauso schnell wieder vergessen haben; zu gross ist die Flut an Informationen. Oben bei der mächtigen Burg mit dem gigantischen St.-Veit-Dom sind wir Zeuge von der Wachtablösung der Ehrengarde und der Übergabe der Präsidenten-Standarte geworden. Was für ein Volksauflauf! Im Verlaufe des Nachmittags sind nicht nur unsere Füsse heiss gelaufen, sondern auch unser Bedarf nach altehrwürdigen Häusern und Gemäuern gesättigt gewesen. Prag ist wunderschön, aber wir können uns irgendwie nicht vorstellen, dass diese Stadt noch wesentlich mehr Touristen bewältigen kann.

Szenenwechsel. 120 km nordostwärts liegen die Aderspacher Felsen. Selbst für uns, die wir ab dem Anblick von Felsen nicht gleich vor Ehrfurcht erstarren, sind diese Sandsteintürme den Abstecher wert gewesen. Durch, über und an den Felstürmen  vorbei führen Wege, Stege und Treppen. Es macht Spass, zwischen den Sandstein-Formationen hindurch zu laufen. Wie touristisch das Ganze ist, haben wir erst gemerkt, als uns auf dem Rückweg scharenweise Leute entgegen gekommen sind. Habe ich schon erwähnt, dass wir Eintritt bezahlt haben? Wir haben noch andere Gebiete des Elbsandstein-Gebiets bewandert, aber Aderspach bleibt uns in bester Erinnerung.

Das Landschaftsbild in Tschechien ist nie topfeben. Das ist auch gut so, denn uns gefällt es prinzipiell besser, wenn das Auge am Horizont etwas findet, an dem es hängen bleiben kann. Der höchste Punkt ist die 1602 m hohe Schneekoppe, die aber touristisch dermassen belagert ist, dass wir das Gebiet fluchtartig wieder verlassen haben.

Die guten Strassen sind etwa so gut wie bei uns Strassen kurz vor der Sanierung. In den Ortszentren trifft man vielerorts gewelltes Kopfsteinpflaster an. Ob immer alle Automobilisten mit den angesagten 0,0 ‰ unterwegs sind, wagen wir angesichts des Bierkonsums zu bezweifeln. Bier ist Tschechiens Nationalgetränk und im Nordwesten haben wir grosse Hopfen-Plantagen angetroffen. Angeblich ist Tschechien viertgrösster Hopfenproduzent nach USA, Deutschland und China. Sehr gewöhnungsbedürftig im Strassenverkehr sind die zahllosen unbewachten Bahnübergänge. Teilweise sind sie nur mit einem Andreaskreuz, ohne Blinklicht, gesichert. Selbst die sonst so flott fahrenden Tschechen bremsen davor praktisch bis zum Stillstand ab.

Die wenigen Campingplätze, die wir angefahren haben, sind in einem recht bedenklichen Zustand und lediglich auf Zelte, allenfalls Wohnwagen ausgerichtet. Im besten Fall darf man erwarten, dass die Wiese im laufenden Jahr auch schon einmal Bekanntschaft mit einem Rasenmäher geschlossen hat, Schatten ist bereits Luxus, die sanitären Anlagen sind auf dem absoluten Minimum gehalten, aber funktionieren zumindest und sind relativ sauber. Dafür ist die Unsitte, dass Parkplätze mit Höhenbegrenzungen für Wohnmobile verbarrikadiert sind, nicht verbreitet. Wohnmobile? In Tschechien wie auch Slowakien und Ungarn ist man mit so einem Gefährt ein absoluter Exote.

„Den Osten“ hatten wir bis anhin nur vom Hörensagen gekannt und wir wollten uns endlich mal selber ein Bild machen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall hat sich sicher Vieles verändert, trotzdem ist das finanzielle und wirtschaftliche Gefälle auf jedem Meter Richtung Osten sicht- und greifbar. Überall pumpt die EU Geld zur Erneuerung von Strassen, Gebäuden und diverser Infrastruktur, doch aus eigenen Mitteln scheinen diese Länder deren Unterhalt nicht bestreiten zu können.

Tschechien hat uns den Abschied leicht gemacht. Nicht nur, dass die landschaftlichen Reize uns nicht mehr viel Neues zu bieten hatten und die schönen Ortszentren allmählich immer gleich schön aussahen. Es war auch die Hitze, die unseren Unternehmungsgeist gedrosselt hat. Am angenehmsten war es beim Auto fahren. Und so sind wir nach gut zwei Wochen mit voll aufgedrehter Klimaanlage heimwärts gedüst. In insgesamt sieben Wochen sind wir 5’500 Kilometer gefahren.

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