Zwei durchzogene Wochen in Slowakien

Wir haben die Slowakische Republik  vom 14. bis 26. Juni 2010 bereist.

Weiss hier vielleicht jemand nicht, wo Slowakien liegt? Da habe ich grösstes Verständnis dafür, denn bis vor wenigen Monaten wusste ich auch nicht so genau, wo auf der Landkarte ich dieses Land suchen solte. Slowakien ist mit 49’000 km2 etwas grösser als die Schweiz und hat 6 Mio. Einwohner. Es grenzt im Süden an Ungarn und Österreich, im Westen an Deutschland, im Norden an Polen und was an der östlichen Grenze passiert, interessiert mich nicht und vermag ich ohne Karte nicht zu sagen.

Wir sind von Ungarn her im Osten des Landes eingereist. Kosice ist die zweitgrösste Stadt Slowakiens und sehr hübsch herausgeputzt, aber absolut nicht touristisch. Das gilt für den gesamten Osten und ändert sich erst, wenn man sich der Region der Hohen Tatra nähert. Dafür umso drastischer. Die Hohe Tatra, das so genannt „kleinste Hochgebirge der Welt“, platzt aus sämtlichen touristischen Nähten. Hotels, Skilifte und Bergbahnen, Touristenzüglein, überrissene Parkplatzgebühren und alles unter dem Deckmäntelchen eines Nationalparks. Bei aller Bescheidenheit, aber die Tatra mit ihrem höchsten Gipfel von 2’655 m kann nicht mal unserem Alpstein das Wasser reichen. Und mit Hochgebirge hat dieser Bergkamm auf gut 400 km2 in unseren Augen grad gar nichts zu tun.

Wir haben in der Tatra genau 1 ½ sonnige Tage erwischt und die Gunst der Stunde für eine Wanderung genutzt. Den grössten Teil der 5 Stunden sind wir trocken über die Runde gekommen. Unterwegs haben wir einige vollgefressene Gämsen gesehen, Murmeltiere gehört, uns an den vielen schönen Blumen erfreut und oben das Panorama wegen dem Nebel nicht einmal erahnen können.

Leider waren unsere Tage in Slowakien nicht gerade von einem stabilen Hochdruckgebiet beseelt. So sind wir notgedrungen an den ohnehin nicht sehr zahlreichen landschaftlichen Attraktionen vorbei gefahren. Je weiter westwärts man kommt, desto flacher wird das Gelände. Die Hügelzüge sind fast ausnahmslos bis zuoberst bewaldet. Trotzdem weisen immer wieder Schilder auf Skigebiete hin, die häufig unter 1’000 m Meereshöhe liegen.

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Bei unserer Fahrt durchs Land konnten wir mitverfolgen, dass die Strassen von Ost nach West mit jedem Kilometer besser werden. Dies bedeutet aber nicht, dass sie ganz im Westen einen Standard hätten, wie wir ihn uns gewöhnt sind! Deshalb haben wir in Slowakien auch keine Velotour gemacht. Wir mögen uns nicht auf dem Rennvelo durch die Gegend schütteln. Der Veloboom ist ohnehin bisher an Slowakien vorbei gegangen. Velo wird hier zwar viel gefahren, aber das Velo ist hier ein Transportgerät und nicht zum Sport treiben vorgesehen. In Slowakien hat noch längst nicht jeder ein Auto.

A propos Strassen: Kommt eine Steigung oder ein Gefälle, steht unweigerlich eine Tafel mit der Aufschrift „12 %“ am Wegesrande. Das scheint man hier als guten Durchschnitt zu erachten, selbst wenn es den Tatsachen nur in den wenigsten Fällen entspricht. Ebenso mit Vorsicht sind Distanzangaben zu geniessen. Vielleicht kommt die Abzweigung nach den angegebenen 200 Metern, kann aber auch sein, dass der Weg doppelt so lang ist.

Hätte man mir vor einigen Monaten gesagt, Bratislava sei ein Vorort von Moskau, ich hätte es wohl geglaubt. Mittlerweile haben wir die Hauptstadt Slowakiens besucht und wissen, dass sie 60 km östlich von Wien an der Donau liegt. Bratislava hat etwa gleich viele Einwohner wie Zürich, die Altstadt jedoch ist viel überschaubarer. Sie ist voll auf Touristen eingestellt. Ein Lokal am nächsten, keine Läden des täglichen Gebrauchs und auffallend wenige Boutiquen. Das Wahrzeichen ist die Pressburg, hoch über der Stadt. Von diesem in den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder aufgebauten Schloss aus sieht man, dass Bratislava von vielen hässlichen Wohnbauten umgeben ist. Während wir uns ein Lokal für das Nachtessen gesucht haben, sind die letzten Minuten im WM-Match Slowakien – Italien übertragen worden. Die ganze Stadt schien vor einem Fernseher zu sein, Grossleinwände jedoch hat man keine gesehen. Hier kann offensichtlich die FIFA keine hohle Hand fürs Public Viewing machen.

In Bratislava hält jedes Fluss-Kreuzfahrtschiff, das zwischen Wien und Budapest auf der Donau verkehrt. Nur dürfte die Stadt das Einzige sein, dass die meisten internationalen Touristen von Slowakien zu sehen bekommen. Nebst der touristisch überladenen Hohen Tatra gibt es in unseren Augen nämlich nicht viel, was einen Besuch in der Slowakei einzigartig machen würde, es sei denn, man legt Wert darauf, in heruntergekommenen Thermalbädern zu kuren oder jeden Tag ein Schloss anzuschauen.

Ausserhalb der Städte ist Landwirtschaft vorherrschend. Die Getreidefelder reichen oft bis an den Horizont. Die Bauernhöfe jedoch konnten offensichtlich mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Die grossen Güter mit ihren heruntergekommenen Bauten wirken wie Mahnmale aus der sozialistischen Zeit.

Industrie konnten wir nur spärlich ausfindig machen, vor allem im Osten scheinen viele Werke höchstens noch teilweise in Betrieb. Dennoch sind viele internationale Konzerne in Slowakien angesiedelt und versuchen, aus den niedrigen Arbeiterlöhnen Profit zu schlagen. Wir haben gelesen, dass Betriebe noch immer mit 3 Franken Stundenlohn kalkulieren. Wenn für uns also zwei Kaffee mit Kuchen mit gut 4 Franken zu Buche schlagen, ist das wohl für die Einheimischen nicht wirklich günstig.

Ein gewisses Unbehagen haben die Roma-Dörfer in uns ausgelöst, die wir auf unserer Fahrt gesehen haben. Vielleicht tun wir diesen Menschen Unrecht, aber auf uns haben sie einen eher verwahrlosten Eindruck gemacht.

Übrigens fragen wir uns, wo Johann Strauss hingeguckt hat, als er seinen Walzer „An der schönen blauen Donau“ komponiert hat. Wir haben den Fluss innerhalb von drei Wochen mehrmals und an verschiedenen Stellen gesehen. Blau? Das war bestenfalls Strauss selber.

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