Portugal – der Rückblick

Mein innig geliebter Mitreisender und ich stellen einen gewissen Unmut fest. Wir mögen nicht mehr enge, verwinkelte Gässchen durchlaufen auf dem Weg nach der Kirche XY. Wir haben keinen Bock mehr auf verlassene Dörfer, prunkvolle Klöster und hoch über der Stadt thronende Burgen. Haben genug Windräder gesehen und sind mit dem Anblick der kargen Landschaft gesättigt. Kurzum: Wir haben’s gesehen. Wie praktisch, dass wir bereits im Norden Portugals angekommen sind. Braganca ist unsere letzte Station und von hier aus unternehmen wir auch seit über einer Woche wieder einmal eine Velotour. Der Mitreisende und ich sind uns sofort einig: Das haben wir vermisst. Uns bewegen können, das ist mehr unsere Welt, denn irgendwelchen Sehenswürdigkeiten nachzutrotten.

Zeit also, um Bilanz zu ziehen. Die vorhergegangenen Zeilen sollen nicht den Anschein erwecken, Portugal sei die weite Reise nicht wert. Portugal ist die Reise wert! Jeden einzelnen Kilometer. Es hat schöne Strände (auch wenn wir nicht mal den grossen Zeh nass gemacht haben), grandiose Landschaften, eine bemerkenswerte Hauptstadt, freundliche Leute (mit denen wir uns leider nur vereinzelt unterhalten konnten). Und Portugal ist für unsere Verhältnisse sehr günstig. Ein Kaffee schlägt mit 0.55 bis 1.2 Euro zu Buche, ein Bier 1.20. Essen kann man für unter 10 Euro (auch wenn die portugiesische Küche einer gewissen Raffinesse entbehrt), die Teller sind so gefüllt, dass man zu zweit an einem Menu genug hätte. Beim Einkaufen in den Läden und Märkten glaubten wir immer, die Kassiererin hätte einen Teil auf dem Rollband einfach durchgewunken.

Kein einziges Mal wurden wir behelligt. Niemals wollte uns jemand vom auserwählten Übernachtungsplatz wegschicken. Selbst dann nicht, wenn im Ort ein Campingplatz war. Frei übernachten ist überhaupt kein Problem, wir waren in einem Monat nur 5 x auf einem Campingplatz, davon 3 x in Lissabon. Im Gegensatz beispielsweise zu Tschechien, wo wir noch am entlegensten Waldrand für den Parkplatz zur Kasse gebeten wurden, sind in Portugal höchstens in den Ortszentren Parkuhren anzutreffen.

Der Zustand der Strassen hat sich stark verbessert, seit die EU baggerweise Geld geschaufelt hat. Als wir 1995 mit dem VW-Bus hier waren, mussten wir häufig von Schlagloch zu Schlagloch hüpfen. Heute trifft man nur noch vereinzelt Strassen mit dem Prädikat „aus dem letzten Jahrtausend“ an. Auch die Eselsfuhrwerke, die vor 16 Jahren im Norden noch gang und gäbe waren, sind praktisch verschwunden.

Wir haben uns ab und zu gefragt, wie sich die Portugiesen ihren Lebensstandard mit einem Durchschnitts-Einkommen von 1’500 Euros leisten können. Materiell sitzen sie irgendwie auf dem hohen Ross, ein gewisser Hang zum Grössenwahn ist hüben wie drüben feststellbar. Jeder scheint ein Auto zu besitzen, der Sprit ist teurer als bei uns, ein Smartphone gehört zum guten Ton und in Lumpen laufen sie auch nicht herum. In vielen Ortschaften wurden prunkvolle Freizeit- und Gartenanlagen erstellt, Kinderspielplätze in der Grösse, wie sie unsere Kids nicht mal vom Hörensagen kennen. Und viele hat die EU mitfinanziert. Nun ist im Lande der damaligen Weltentdecker Sparen angesagt. Wer schnallt schon gerne den Gürtel enger, wenn er in den vergangenen Jahren aus dem Vollen schöpfen konnte?

4 Gedanken zu “Portugal – der Rückblick

    • Hallo Gertje, willkommen im Flohnmobil.
      Sorry, dass ich deinen Kommentar erst jetzt freischalte, mein mobiles Internet hat unterwegs schlapp gemacht.
      Stimmt, in Nostalgie schwelgen ist in diesemZusammenhang für unsereins schön, für die Betroffenen wohl eher Knochenarbeit.

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