Die Überlebenswoche

Die Strasse, der wir seit einigen Kilometern folgten, war kurvenreich, schmal und unübersichtlich. Mein innig geliebter Mitreisender war wieder mal gefordert und ich heilfroh, nicht am Steuer zu sitzen.

Und was war nun das? Ein Baum quer über die Strasse. Opfer des nächtlichen Unwetters oder in Schönheit gestorben? Eigentlich war das piepegal, der Baum versperrte uns einfach nur den Weiterweg. Bereits war ein Mann mit Blinklicht und Handy am Ohr vor Ort und erklärte uns, es werde nur eine gute Viertelstunde dauern, bis der Weg wieder frei sei. Der Mitreisende legte den Rückwärtsgang ein und klebte sich an den Strassenrand, damit die Retter in der Not passieren konnten – so sie denn eintrafen.

Da hockten wir also auf dem Bock. Vor uns ein Baum, der die Weiterfahrt verunmöglichte; hinter uns zwanzig kurvenreiche Kilometer, die wir nicht unbedingt zurückfahren wollten. Wir stellten uns darauf ein, dass sich die versprochene Viertelstunde vermehren würde. Aus einer Viertelstunde würde eine halbe Stunde, daraus ein, zwei, drei Stunden. Und wenn nun hinter uns auch noch ein Baum auf die Strasse gestürzt war? Wenn sich der ganze Wald gegen uns verschworen hatte; wir hier vorderhand nicht mehr wegkommen würden?

Ich begann bereits auszurechnen, wie lange wir es hier aushalten würden. Hundert Liter Wasser an Bord würden ein paar Tage reichen, wir mussten ja nicht jeden Tag duschen und hier draussen in der toskanischen Wildnis würde sich niemand dran stören, wenn wir es geschmacklich mit jedem Ziegenbock aufnehmen konnten. Reis, Teigwaren, Milch, Butter, Mehl – wie gut, dass meine Eichhörnchen-Gene auch im Wohnmobil durchdrücken. Kalorienmässig würden wir mit Sicherheit zwei Wochen über die Runden bringen. Vielleicht müssten wir Brombeeren pflücken oder im Wald ein paar Wurzeln ausgraben, damit die Frischkost nicht zu kurz kommt. Aber verhungern würden wir vorderhand nicht.

Aber was war mit den paar Italienern, die ebenfalls blockiert waren? Die Spaghettifresser würden meinen bescheidenen Vorrat an Teigwaren binnen Tagesfrist weggeputzt haben – und sich vermutlich beklagen, dass ich ihnen nur einen Schnellkaffee aus der Migros brauen kann. Mich beifielen plötzlich Zweifel. Vielleicht würde das Ganze mit der Überlebenswoche doch nicht so einfach werden. Vielleicht müssten wir Betroffenen alle mit anpacken und in einem Akt der Solidarität mit vereinten Kräften diesen elenden Baum aus dem Weg schaffen. Die beiden Schweizer mit dem Taschenmesser, die Italiener von blosser Hand, dafür mit einem Mundwerk wie eine Kettensäge. Das internationale Werk würde vollendet und jeder nähme zum Andenken ein Holzrugeli mit nach Hause. Mamma mia!

Das Brummen einer Motorsäge machte aus meinen Tagträumen Kleinholz. Und auf die Minute genau zur prognostizierten Zeit konnten der Mitreisende und ich die Weiterfahrt antreten.

6 Gedanken zu “Die Überlebenswoche

  1. Da sieht man mal wieder, wie praktisch doch die Reise in einem Wohnmobil ist.
    Dass die Vorräte irgendwann mal zur Neige gehen, ist ja klar. Mit einem Schweizer Taschenmesser wäre der Baum aber sicher zu beseitigen gewesen, bevor die letzten Kräfte mit den letzten Vorräten schwinden.
    Oder War das etwa gar nicht der Baum der auf dem Bild noch zu sehen ist?

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    • Es war präzis der Baum auf dem Bild. Und tatsächlich, wir hätten so viele Taschen- und andere Messer dabei gehabt, dass wir auch ein paar Spaghettifresser zur Mithilfe hätten beschäftigen können.

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