Commissario Ricardo

In der Wohnung, die zu räumen wir das „Privileg“ hatten bzw. immer noch haben, befand sich nebst zahlreichen, mit Wäsche und Kleider vollgestopften Kleidern viel Krimskrams. Als „Nippsachen“ werden solche Staubfänger auch bezeichnet. Und ich kann herzlich wenig damit anfangen. Selbst wenn es sich um eine Meissen-Figur handelt, die edel, teuer und rar ist.

So lag es also nahe, die Figur im Ricardo zu verhökern (Anmerkung für Nicht-Schweizer: Ricardo ist das helvetische Abbild von Ebay.). Die Gebote trudelten ein, die Bietenden überboten sich, bis über dem Vögelchen schliesslich der Hammer runterging. Virtuell gesehen natürlich nur, denn das Porzellanding sollte ja den neuen Besitzer en bloc erreichen.

Es wurde ein Übergabetermin vereinbart, denn die Höchstbietende, nennen wir sie Grete Maier, bestand darauf, die Figur abzuholen und hakte gleich nach, ob wir noch mehr Meissen Porzellan zu verkaufen hätten, das sie sich gleich anschauen könnte. Da ich am vorgeschlagenen Tag nicht daheim war und Frau Maier von jenseits dem Rhein stammt, einigten wir uns auf einen Übergabeort in der Nähe der Wohnung, die mein innig geliebter Mitbewohner und ich schon seit Tagen räumen. Vereinbart war ein Parkplatz, der einfach anzufahren war. Eine Übergabe auf einem Parkplatz – in mir stiegen Erinnerungen an Mafia-Filme hoch. An diffuse Geschäfte mit finsteren Gestalten. Aktenkoffer, die gereicht werden und einem Kommissar, der schulterzuckend im Angesicht der Leiche meint: „Da ist wohl etwas nicht so gelaufen, wie es hätte sollen.“ Zu meiner Beruhigung hätten wir uns bei hellheiterem Tag getroffen und den Mitbewohner hätte ich als Rückendeckung auch noch in meiner Nähe gewusst. Doch es kam alles anders.

Denn ich war am vereinbarten Tag kurzfristig verhindert und versuchte deshalb, Frau Maier telefonisch zu erreichen. Unter der angegebenen Handy-Nummer meldete sich eine Blechstimme: „Diese Nummer ist noch nicht vergeben.“ Unter der Festnetz-Nummer nahm ein Grösi ab, das mir mit knappen Worten erklärte, es hätte nichts mit Frau Maier und einer Meissen Figur zu tun.

In mir keimte der Verdacht, dass es gar keine Grete Maier gab und dass da irgendjemand anonym bleiben wollte. Mir blieb keine andere Wahl, als die ominöse Maierin nochmals per Mail anzuschreiben, und zu hoffen, sie würde meine Nachricht rechtzeitig lesen. Das tat er/sie/es offenbar, denn er/sie/es antwortete, Herr Maier könne es einrichten, zu uns heim zu kommen, wie ursprünglich geplant.

Als der vermeintliche Maier an unserer Türe klingelte, ich ihm öffnete und „Herr Maier?“ sagte, war es da nicht, als ob er einen kurzen Moment zögerte und auf seinen Zettel blickte, wie er denn nun heute hiesse?

Wie immer der Abholer geheissen haben mag, er bezahlte prompt den geschuldeten Betrag und ging mit dem Vieh von dannen. Mir kann es letztlich egal sein, wer den Vogel erworben hat und was damit geschieht. Hauptsache, ich muss ihn nicht abstauben.

5 Gedanken zu “Commissario Ricardo

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