Von Jenseits

Die Szene: Esstisch.
Die Protagonisten: Zwei Elternteile, drei ihrer Kinder im Alter von 16 – 22 Jahren, Herr und Frau Flohnmobil.

Es wird berichtet, gegessen, erzählt, gelacht. Die Jugend beteiligt sich teilweise, wird es ihr zu langweilig, nimmt jeder der Drei ziemlich schnell ihr/sein Smartphone hervor, das ohnehin stets in Reichweite liegt. Worte könnten es nicht deutlicher ausdrücken, dass die Konversation zu gruftilastig geworden ist.

Auch die beiden Eltern schaffen es nicht, einen ganzen Abend lang ohne einen Blick in ihr Smartphone auszukommen. In der Wohnküche ist mindestens eines der beiden Notebooks ständig eingeschaltet, ständig online. Ich kann mir nur annähernd vorstellen, welch digitaler Vollwaschgang im Obergeschoss des Hauses abläuft, war doch die Rede davon, dass dort Swisscom-TV installiert sei, während im Wohnzimmer eine Satellitenschüssel für mehrere hundert Fernsehprogramme sorgt.

Die ständige Erreichbarkeit, das Rund-um-die-Uhr-online-Programm, die Angst, etwas zu verpassen, zu spät zu vernehmen, eine Sekunde lang nicht wissen, was mit sich anzufangen. Nie still, nie unverdrahtet. Krampfhaft immer auf dem neusten Stand der Technik. Ein Zeichen unserer Zeit, ich weiss. „Das ist einfach so“, würden mir die fünf Protagonisten vom Esstisch in profunder Selbstverständlichkeit sagen.

Ich konnte mich diesem Sog bis jetzt entziehen. Ich schätze mich glücklich und zufrieden, wenn ich einmal (pro Tag, nicht pro Stunde!) meine Mails checken, in meinen Blog schauen kann, danach wird der Computer wieder runtergefahren. Ich habe noch einen Festnetz-Anschluss und keine Ambitionen, diesen zu kündigen. Und ich werde wohl die Letzte, die Allerletzte auf dieser Welt sein, die noch mit einem ganz, ganz lapidaren Handy telefoniert. Einmal mehr muss ich erkennen, dass ich auf dem direkten Weg bin, ein Digitaler Neandertaler zu werden.

12 Gedanken zu “Von Jenseits

  1. und ich bin schon ein digitaler neandertaler,den ich habe nicht mal ein handy ( wir haben schon so ein ding aber ich benutze es nicht ) und das ist gut so!!!
    einmal am tag mal e-mails abrufen reicht mir auch schon. aber so ganz ohne technik gehts auch bei uns nicht.
    wie wohl der klingelton von der alten klingel tönen würde?
    von der smartphone freien zone schöne grüsse an die digitale welt
    peter

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  2. Ich verpasse mir ganz klar computerfreie Tage. Ich arbeite ja 80% – und das von zuhause aus. An meinem freien Tag schalte ich den Laptop eigentlich nie ein. Ich kenne mich: Sobald die Kiste läuft, sitze ich ständig davor. Und kriege dann all das, was ich gerne machen wollte an diesem Tag, nicht auf die Reihe, weil ich soviel Zeit vor dem PC verplempert habe.
    So ein Smartphone habe ich ja neuerdings auch. Aber ich hab ja nicht mal ein Abo… Und ich bin auch mit einer Festnetznummer im Telefonbuch vertreten. Also in dem Buch aus Papier, gell. Aber da wissen viele Leute ja wahrscheinlich nicht mal mehr, wie man da drin eine Nummer raussucht 😉

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  3. Alles haben wir hier auch nicht. Manche digitalen Wunderwerke erschienen jedoch selbst mir verlockend.
    Gestern führte ich erst wieder ein Gespräch mit der Mutter eines Klassenkameraden des Sohnes über diese Thematik: Es ist ganz schwer, eine Balance zu finden, einzuhalten und auch zu VERMITTELN.
    Nachdenken und von weitem betrachten hilft manchmal.
    Manchmal bin ich froh, wenn ich den Sohn über Klassenkameraden reden höre, die ja „so süchtig“ sind, andere Male denk ich, „wir“ stecken genauso tief im digitalen Sumpf.
    Menno, Bea, was machst du hier so ein Faß auf!!!!

    liebe Grüße!

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    • Natürlich, wir lassen uns alle irgendwie in den digitalen Sumpf reinziehen, die Frage ist bloss: Wie weit lassen wir das selber zu. Unter Jugendlichen ist der Druck, alles mitzumachen, sicher grösser.

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  4. Da sage ich nur ‚oh‘,
    liebe Frau Flohnmobil,
    das tönt ja nicht nach einer gemütlichen Einladung – ich bin ja bereits vom Lesen gestresst…
    Hatte da überhaupt jemand Zeit zu kochen? Oder gab es *grübel* etwas aus der Büchse 😦

    Ebenfalls aus der digitalen Steinzeit
    grüsst Hausfrau Hanna

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    • Entwarnung, liebe Hausfrau Hanna, die Eltern stammen wie ich noch aus dem vordigitalen Zeitalter. Diesem Umstand hatten wir es zu verdanken, dass es – aller Technik zum Trotz – etwas Leckeres zu essen gab.
      Herzliche analoge Grüsse
      Bea

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  5. Tröstet es Sie, wenn ich Ihnen sage, dass ich auch eine Neandertalerin bin?
    Ich habe Festnetzanschluss und ein total veraltertes Handy, was ich nun mal für eine SMS verwende. Telefoniert wird davon nur in äußersten Notfällen.
    Ich habe noch ein altes Röhrenfernseh und mein Laptop ist auch schon wieder 5 Jahre alt.
    Okay, ich gebe zu ich sitze täglich und manches Mal viele Stunden am PC, aber nur, weil ich meine Fotos bearbeite, um daraus Kalender und Karten zu gestalten.

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