Obdachlos

Ein lautes Rumpeln und das grosse Schiebetor fiel ins Schloss. Der Sommer war vorbei, auch der Herbst, und damit die Wohnmobil-Saison. Zumindest für uns, denn Reisen mit dem Wohnmobil waren für uns seit jeher eine Angelegenheit der warmen Jahreszeit. Unser Credo: Wenn wir den Nachmittagskaffee nicht mehr ohne Handschuhe und Mütze draussen geniessen können, ist es höchste Zeit den Heimweg anzutreten.

Danach folgte der ebenso ungefreute wie unvermeidliche Abschluss der Saison. Es galt nämlich, das Wohnmobil für den bevorstehenden Winterschlaf vorzubereiten. Dazu gehörte zuallererst eine gründliche Reinigung. Und wenn ich „gründlich“ sage, so meine ich nicht nur gründlich, sondern „pingeligst genau sauber“. Die Sandkörnchen vom malerischen Strand mussten ebenso aus der hintersten Ecke hervor gesaugt werden wie die letzten Brosamen der französischen Baguettes unter dem Tisch. In der Heckgarage knirschte der Staubsauger, während er sich an eingetrockneten Grashalmen, Erde und Steinchen verschluckte. So eine Reinigungsprozedur verhalf ungewollt zu einem Saisonrückblick. Bevor nicht jeder einzelne Quadratzentimeter gewaschen, poliert oder abgestaubt war, galt die Arbeit nicht als vollendet.

Damit wir von der üblen Plackerei im Frühling noch etwas sehen würden, deckten wir unser Wohnmobil mit alten Leintüchern ab. Zwar konnten wir das auf Hochglanz polierte Schmuckstück in einer geschlossenen Halle abstellen, aber im Verlaufe der Monate würde sich trotzdem wieder Dreck ablagern. Zum Winter-Wellness-Programm unseres Fahrzeugs gehörte ausserdem, dass wir die Batterien ständig am Ladegerät liessen, Matratzen und Polster in einem trockenen Raum lagerten und das Fahrzeug so weit anhoben, dass Federn und Reifen teilentlastet waren.

Lange bevor wir unser Fahrzeug erstanden hatten, war uns klar gewesen, dass es einfacher sein würde, das Traummobil zu finden, als hierzulande einen geeigneten Abstellplatz aufzustöbern. Wir hatten Glück und fanden in unmittelbarer Nachbarschaft eine geeignete Bleibe. Auf dem stillgelegten Bauernhof konnten wir nicht nur unser Fahrzeug einstellen, es waschen und bei Bedarf kleinere Unterhaltsarbeiten vornehmen; wir hatten vor allem auch jederzeit Zugang.

Natürlich waren wir damit in einer sehr privilegierten Lage. Viele Wohnmobile und Caravans müssen die Wintermonate unter freiem Himmel verbringen, sind also quasi obdachlos. Dass mancher Besitzer dies seinem Fahrzeug nicht freiwillig antut, beweisen zahlreiche Inserate in Zeitungen, lokalen „Chäsblettli“ und Foren. Die Suche nach Einstellmöglichkeiten für Freizeitfahrzeuge ist gewissermassen ein Dauerbrenner. Eine Bäuerin hatte mir einmal erzählt, sie erhalte praktisch wöchentlich Anfragen, ob sie Platz hätten für einen Wohnwagen. Scherzhaft fügte sie an, mit dem Vermieten von Einstellplätzen liesse sich wohl bald mehr Geld verdienen, als mit der Landwirtschaft.

Welch trauriger Anblick: All die vielen Wohnmobile und Caravans, die bei Wind und Wetter, Sommer und Winter im Freien stehen müssen; unter einer mehr oder weniger dicken Schicht Schnee, umgeben von moderndem Laub, am Rande eines Ackers oder eingepfercht zwischen Brombeergestrüpp und dem Bahndamm. Kurz: mitten im Dreck. Ist das eines solch teuren Fahrzeugs würdig? Dem Gefährt, das für so viele gefreute Momente verantwortlich zeichnet. Diesen Herbst ist mir wie noch nie zuvor aufgefallen, wie viele Wohnmobile und Caravans bei Landwirtschaftsbetrieben, leer stehenden Fabrikarealen und auf privaten Parkplätzen im Freien abgestellt sind.

Unser Fahrzeug schlummerte stets wohlbehütet in seinem Quartier. So verhätschelt, wie es war, hätte es sich sonst mit Sicherheit einen Schnupfen geholt.

2 Gedanken zu “Obdachlos

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