Staub mit Erinnerungs-Potential

Immer, wenn ich ihnen begegne, und das ist immer, wenn ich abstaube, also eigentlich eher selten, erinnern sie mich an eine meiner längsten, schönsten, aber auch anstrengendsten Bergwanderungen.

Diese Wanderung hätte gar nicht so lang werden sollen. Wir waren auf dem Heimweg von einer Reise aus Kroatien und Slowenien und machten mit dem Wohnmobil einen Abstecher ins Südtirol. Bei Einheimischen, die vor einer bewirteten Alphütte bei Ponticello sassen, erkundigten wir uns nach einer etwa fünfstündigen Wanderung. Diese gaben uns frohgemut den Tipp, doch den 2’810 m hohen Seekofel zu besteigen.

Zu früher Morgenstunde stiegen wir los, denn es versprach, ein heisser Tag zu werden. Wir kamen vorbei an Almen, auf denen nicht nur Kühe, sondern auch Pferde weideten. Was für eine Idylle! Und als ob es nicht schon kitschig genug gewesen wäre, wuchsen auf der ganzen Wiese Edelweisse. Soviel übrigens zum Thema “Edelweiss in steiler Bergeswand”. Dieser Mythos gehört ins Zeitalter der Louis-Trenker-Filme.

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Nicht erst auf dem Gipfel merkten wir, dass wir den Zeithorizont überschreiten würden. Dank den gut markierten Wegen und dem makellosen Wetter war das aber kein Problem.

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Im Rifugio Biella gönnten wir uns Speis und Trank. Neben uns sassen Deutsche, die mit dem Feldstecher durchs Panorama linsten. “Wenn mich nicht alles täuscht, stehen dort drüben die Drei Zinnen”, hörten wir vom Nebentisch. “Die sieht man nicht von hier aus”, knurrte ich mehr zu mir selber zwischen zwei Happen. Der Mitbewohner jedoch, der konnte diese Abänderung der Bergwelt nicht so im Raum stehen lassen und sagte laut und unüberhörbar: “Meine Frau hat gesagt, das seien nicht die Drei Zinnen. Und sie muss es wissen, schliesslich war sie auf allen drei oben.” Schwang da ein bisschen Stolz in seiner Stimme mit? Na jedenfalls musste ich nachher Auskunft geben, was mir eher peinlich war. Es war und ist nicht meine Art, mit derartigen Leistungen anzugeben.

Erst als wir weitergingen, konnten wir im Dunst das berühmteste Dreigestirn der Dolomiten ausmachen.

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Unsere Wanderung indes war noch nicht zu Ende. Längst hatten wir herausgefunden, dass mit den fünf Stunden Wanderzeit lediglich der Hinweg auf den Gipfel gemeint war. Wir kamen auch im Abstieg an Wiesen vorbei, die vor Edelweissen nur so strotzten. Drum erlaubte ich mir, vier der geschützten Pflanzen zu pflücken. Ich weiss, dass man das nicht soll, aber die Kühe latschten ja auch geradewegs über diese raren Blümchen.

Nach acht ereignisreisen, aber auch reichlich ermüdenden Stunden waren wir wieder zurück beim Ausgangspunkt, wo unser Wohnmobil artig auf uns wartete.

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Die vier Edelweisse, die ich nach alter Väter Sitte zwischen zwei Buchdeckeln getrocknet hatte, sind in der Zwischenzeit reichlich verblasst. Trotzdem haben sie nach acht Jahren noch ihren festen Platz in unserer Wohnung. Und auch wenn der Mitbewohner meint, ich solle die Staubfänger endlich liquidieren, von diesem Souvenir mag ich mich nicht trennen.

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11 Gedanken zu “Staub mit Erinnerungs-Potential

  1. Da stimme ich dir voll zu (sagt das „Bhalti“-Gen). Tolle Bilder, super Wanderung. Auf dem „Dreigestein“ warst du? Meine Hochachtung, das hätte ich in meinen besten Wanderjahren nicht geschafft, klettern stand nie auf meinem Lebensplan.
    Herzliche Grüsse
    Anita

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  2. Eine tapfere Wanderin bist du! Wenn ich am Ende der geplanten Wanderzeit erfahren müsste, dass versehentlich nur der Hinweg gemeint war – ich glaub ich hätt mich hingelegt und vom Hubschrauber abholen lassen. 😉

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  3. Hallo,
    bei einer Suche nach tollen freien Übernachtungsplätzen bin ich auf das Foto oben gestoßen. Habt Ihr vielleicht einen Anhaltspunkt, wie wir diesen finden können? … der sieht einfach traumhaft aus 😉
    Viele Grüße,
    Peter

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    • Hallo Peter, willkommen im Flohnmobil!
      Da hast du aber Schwein, dass ich mir alle Übernachtungsplätze immer aufgeschrieben habe. Wären wir allerdings später dort gewesen, hätte ich sogar noch die Koordinaten gehabt, aber 2007 waren wir noch ohne Navi unterwegs.
      In meinem Routenbuch steht: 16. + 17.7.07 Ponticello, Pragser Tal (Südtirol). Wir haben dort ein Mal auf dem Parkplatz neben dem Gasthaus (mit dem Einverständnis des Wirts) übernachtet, das andere Mal wenige Meter hinter der Schranke der Mautstrasse.
      Da gäbe es natürlich noch den einen oder anderen traumhaften Übernachtungsplatz, den wir auf unseren Reisen in ganz Europa gefunden haben. Die Frage ist einerseits, wo du hin willst und andererseits, ob es sich in all den Jahren nicht verändert hat.
      Grüessli
      Bea

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      • Hallo Bea,
        vielen Dank für die schnelle und umfangreiche Antwort 😉 Trotzdem habe ich es leider über das Internet nicht geschafft, die von dir erwähnt Mautstraße zu finden. Ponticello liegt ja in einem Tal östlich des Tals mit dem Pragser See, richtig? … Mir hatte das Bild nur so gefallen, da ich dachte, das könnte der Ausgangspunkte für ein paar kleine Wanderungen an mehreren Tagen sein 😉
        Viele Grüße,
        Peter

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        • Die Mautstrasse beginnt bei Ponticello und führt nach Prato Piazza. Aber wir hatten wirklich nur wenige Meter jenseits der Schranke übernachtet.
          Zuerst wollten wir ja zum Prager Wildsee fahren. Doch dort herrschte ein derartiger Betrieb, dass wir das Geschehen fluchtartig verliessen.
          Grüessli
          Bea

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