Hotel ohne Alles

Ich hatte angekündigt, dass mir die dritte und letzte Übernachtung im Rahmen der viertägigen Wanderung im Wallis einen eigenen Blog-Beitrag Wert sei. Während ich dazu noch etwas ausholen muss, mögen zarte Gemüter ihrer geistigen Gesundheit wegen vielleicht eher nicht weiterlesen.

Ich hatte im Vorfeld mehrere Mails in dieses Hotel verschickt. Das Erste, um grundsätzlich abzuklären, ob am besagten Tag bis zu acht Personen beherbergt werden könnten. Das Zweite um zu melden, ich würde bis zu einem bestimmten Tag Bescheid geben, wie viele Personen wir tatsächlich seien. Auf mein drittes Mail, wir seien nur zu zweit, erhielt ich keine Antwort mehr. Ich machte mir aber keine grossen Sorgen, denn es war ja ausserhalb der Hochsaison.

Als sich unsere Gruppe für die letzten zwei Etappen um hundert Prozent vergrösserte, versicherte ich mich kurz im Internet, dass das Hotel noch über freie Zimmer verfügte. Als wir an unserem Etappenort ankamen, orteten wir das Hotel ziemlich schnell. Es war gegen 16.00 Uhr, eitel Sonnenschein über Vercorin. Etwas stutzig machte uns die halbwegs daniederliegende Tafel am Zugang zum Hotel.

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Tapfer schritten wir weiter. Von der Terrasse aus konnten wir beobachten, wie im Carnozet eine angeregte Lismi-Runde mit älteren Damen im Gang war. Immerhin ein Lebenszeichen! Am Empfang erschien kurz nach Betätigen der Glocke eine junge Dame. Ich erklärte ihr, wir seien nicht wie angemeldet zu zweit, sondern zu viert. Und wir wünschten wenn immer möglich Doppelzimmer mit zwei separaten Betten. Keiner von uns war erpicht darauf, vier Quadratmeter Bettdecke mit dem Bettnachbarn zu teilen.

Das alles schien sich problemlos bewerkstelligen zu lassen. Die Rezeptionistin  und Mädchen für alles, wie sich später herausstellen sollte, zeigte uns Zimmer. Das Erste war noch nicht gemacht, die nächsten Zwei entsprachen unseren Vorstellungen. Die Frage, ob wir auch hier essen würden, bejahten wir.

Wir deponierten unsere Rucksäcke im Zimmer und begaben uns zurück auf die aussichtsreiche Terrasse, um unseren Durst zu löschen. Derweil ging ich zurück an die Rezeption um zu fragen, ob man noch eine ID bräuchte, eine Unterschrift vielleicht. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Mademoiselle beeilte sich, mir zwei Anmeldezettel hin zu schieben. Dumm nur, dass da statt meinem Namen ein anderer stand. Ich machte auf diesen Umstand aufmerksam. Meine Reservation gab es ganz offensichtlich nicht! Nun, damit konnten wir leben, wir hatten ein Bett. Der dicke Hund folgte erst noch. Mademoiselle eröffnete mir – alles im mir verhassten Französisch, wohlgemerkt – dass wir das Frühstück in einem anderen Hotel einnehmen müssten. Ich war dermassen paff, dass ich das erst mal verdauen musste und gar nicht nach dem Grund fragte. Sie schrieb mir die Adresse auf, fand aber keinen Ortsplan auf dem sie mir hätte zeigen können, wo das sei. “Seulement cinq minutes en voitures”, versicherte sie mir. Dass wir zu Fuss unterwegs waren, musste ihr trotz unserer Wanderausrüstung entgangen sein. Es seien aber auch zu Fuss nur fünf Minuten.

Meine drei Wanderfreunde zeigten sich so erstaunt wie ich. Da das Frühstückshotel in genau der entgegengesetzten Richtung unserer morgigen Wanderung lag, entschieden wir uns, im Ort eine Bäckerei mit Café oder dergleichen zu rekognoszieren, wo wir uns morgen stärken konnten.

Das gelang uns nicht ganz auf Anhieb, da mittlerweile das Informationsbüro geschlossen war. Wir mussten einen derart hilflosen Eindruck hinterlassen haben, dass man uns freundlicherweise doch noch aufmachte. So wurden wir nach einigen Umwegen im Hotel Victoria vorstellig, wo man unserem Anliegen grösstes Verständnis entgegenbrachte.  Wir bummelten anschliessend noch etwas durch den Ort, dem ich nur zögerlich gewisse Sympathien entgegenzubringen vermochte, genehmigten uns einen Apéro und gingen zurück ins Hotel, um zu duschen.

Dumm nur, dass meine Haare bereits klatschnass waren, bis ich feststellte, dass der Fön im Bad nicht funktionierte. Einmal mehr fand ich mich an der Rezeption ein. Nach anfänglichem Schulterzucken und der Erklärung, sie arbeite sonst gar nicht hier (aha!!!) fragte mich Mademoiselle, ob es mir etwas ausmachen würde, in einem anderen Zimmer meine Haare zu trocknen. Auch diese Hürde war überwunden.

Frisch gespült und fein duftend fanden wir uns alle Vier gegen 19.00 Uhr im Speisesaal ein. Kurioserweise war dort die Hälfte der Tische fürs Frühstück gedeckt. Wir suchten uns im ungeheizten, nicht sehr einladend wirkenden Raum einen Tisch aus, an dem uns die Fenster einigermassen dicht schienen. Mademoiselle erschien mit der Speisekarte. Diese war so dürftig, dass wir uns – und diesmal ohne es ironisch zu meinen – unserer Gesundheit zu Liebe entschieden, die Küche lieber nicht auszuprobieren. Nebst uns war nur noch ein einziges Paar im Raum, das Raclette bestellen wollte. Leider seien die Kartoffeln ausgegangen, eröffnete ihnen Mademoiselle nicht ohne Bedauern. Die Zwei taten uns richtig Leid, so alleine dinieren zu müssen, denn sie wirkten nicht so mobil und fit, dass sie noch auf die Idee hätten kommen können, das Restaurant zu wechseln.

Wir Vier jedoch marschierten schnurstracks ins Hotel Victoria, wo man uns bereits kannte, einen netten Tisch zuwies und wir Nudeln an Lachssauce bzw. Tomatenfondue bestellten, assen und für sehr gut befanden. Immer wieder drehte sich unser Gespräch um das andere Hotel. Ob wir wohl die letzten Gäste vor dem Abbruch waren? Oder zumindest vor dem Saisonende? Weder noch, das Hotel ist auch heute noch im Internet, beispielsweise auf booking.com.

Nach einem guten Znacht, einer ruhigen Nacht und einem letzten Blick zurück ins Zimmer, ob wir auch nichts vergessen hätten, deponierten wir unsere Schlüssel an der verwaisten Rezeption. Symptomatisch für die ganze Einrichtung hing der eine Schlüssel nur an einem dürren Schnürchen. Wir staunten nicht schlecht, als vor der Hoteltüre ein Papiersack mit frischem Brot stand.

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Kurz vor 8.00 Uhr kehrten wir diesem seltsamen Etablissement den Rücken zu und futterten uns am kleinen aber feinen Frühstücksbuffet im Hotel Victoria die nötigen Kalorien für den bevorstehenden Wandertag an. Sollte ich mich jemals wieder nach Vercorin verirren, würde ich dieses Hotel ohne jegliche Umwege ansteuern.

4 Gedanken zu “Hotel ohne Alles

  1. (Erst mal musste ich das Wort „Carnozet“ guugeln – wieder etwas gelernt!) Flexibel sind sie ja in diesem Haus, auch wenn diese Art von Flexibilität nicht gerade gefragt ist. Ganz spontan kam mir dein Hotel des Grauens in Basel in den Sinn, von dem du mal berichtet hast. Aber dafür sieht das Haus auf dem Foto dann doch zu schön aus. Dass sich darin ein Hotel befinden könnte, hätte ich sowieso nicht gedacht, sieht eher wie ein gemütliches Mehrfamilienhaus aus.

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