Nicht auf den Boden treten!

Ich weiss nicht mehr, was der Auslöser für diesen Beitrag war. Eines weiss ich aber mit Gewissheit: Wenn ich solche Geistesblitze nicht sofort aufschreibe, versanden sie wieder. Es sei denn, ich hinterlasse auf meinem Pult einen Fresszettel, der mir irgendwann mal wieder zwischen die Finger gerät. So wie jetzt.

Als hätte ich ihn erst gestern zum letzten Mal gesehen, erinnere ich mich an den Staubsauger meiner Grossmutter. Anfangs der Siebzigerjahre war das Nilfisk-Teil so gross, dass es einen halben Schrank füllte. Sein Einsatz musste wohl überlegt sein, galt es doch immer zuerst, ihn zusammenzusetzen. Als Kind fand ich diesen Staubsauger ein riesen Ungetüm. Nicht von ungefähr, wir hatten daheim ein etwas dezenteres Modell.

Meine Grossmutter aber hantierte mit ihrem Nilfisk souverän in der 3 1/2-Zimmer-Wohnung im Zürcher Heuried Quartier. Dort gab es keine Spannteppiche, wie sie in der damaligen Zeit in grässlichen Farben und Mustern Mode waren, sondern im Eingangs-Bereich einen Klinker-Boden und “echte” Teppich-Läufer. Dieser rotbraune Klinkerboden muss meiner Grossmutter heilig gewesen sein. Denn beim Betreten der Wohnung galt es stets, vom Treppenhaus in einem grossen Schritt direkt auf den Läufer zu treten. Wenn nicht, gab’s ein Donnerwetter. Einem Hüpfspiel gleich bewegte man sich in der Wohnung meiner Grossmutter von Teppich zu Teppich fort. Wehe, wenn man die Fränseli in Unordnung brachte! Ich glaube, meine Grossmutter war die Einzige, die je einen Fuss direkt auf diesen Klinkerboden gesetzt hatte. Und auch das nur, wenn sie ihn putzte.

Vor dem Haus gab’s eine Teppichstange. Und im Putzkasten – so viel Platz war neben dem Nilfisk-Monster dann doch noch – ein geflochtener Teppich-Klopfer. Heute stehen nur noch vor älteren Häusern solche Teppichstangen. Und einen Teppich-Klopfer habe ich glaub seit Jahren nicht mehr gesehen.  Ihr?

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So muss der Staubsauger meiner Grossmutter auch ausgesehen haben. An seine glänzende Oberfläche kann ich mich noch gut erinnern. Das Bild habe ich auf dieser Website gefunden.

Zurück in die Schulzeit katapultiert

Nachdem ich mir zuerst ungläubig die Augen gerieben hatte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ein Bild zu machen.

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Einen solchen Thek hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Mit so etwas ging doch ich noch zur Schule. Und, hey, das ist immerhin mehr als 40 Jahre her!

Gerade vier Jahrzehnte alt sieht dieses Teil nicht aus, das im übrigen ein Junge und nicht etwa ein Mädchen ziemlich selbstsicher am Rücken trug. Sind solche Schul-Theks etwa wieder in?

Ostern, ob ich will oder nicht

Im Laden wünscht man mir an der Kasse “schöne Ostern”. Im Fitness-Center werde ich mit den gleichen Worten verabschiedet. Die Migros prophezeit schon seit Wochen “Ostern wird jööö”. Magazine sind voll von oppulenten Osterrezepten mit schweinisch teuren Zutaten.

Was bedeutet Ostern? Als Kind – ganz klar – da bestand Ostern vorwiegend aus schoggigen Osterhasen. Als Jugendliche und junge Erwachsene war es in erster Linie ein langes Wochenende. Mit dem selber auferlegten Druck, diese vier Tage möglichst gut zu nutzen. Im meinem Fall hiess das, irgendwo hin zu fahren, wo es sich für ein normales Wochenende nicht lohnte, und irgendeine verrückte alpinistische Unternehmung durchzuziehen. Mit dem älter und vernünftiger Werden hat sich das längst erledigt.

Seit Jahren schon ist Ostern nur noch der Termin, den es schadlos zu überstehen gilt. Ja nicht ins Getümmel stürzen! Weder am Karsamstag “noch schnell” einkaufen gehen, noch einen Fünfgänger an Ostern einplanen. Und schon gar nicht eine Reise in den Süden mit dem Auto! Alle Leute, mit denen ich in letzter Zeit ins Gespräch gekommen bin, haben mir versichert, sie würden an Ostern daheim bleiben.  Wer sind denn all die Wahnsinnigen, die seit Gründonnerstag am Gotthard angestanden sind?

Ich will gar keine Ostern. Ich harre aus, bis die vier Tage des einst christlichen Festes vorbei sind. Bis wieder der normale Alltag regiert und nicht dieser Konsum-Wahnsinn.

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Nichts desto trotz geht auch an mir Ostern nicht spurlos vorbei. Von verschiedener Seite wurde ich mit Osterhasen beschenkt. Jeder hat seine eigene Geschichte, wie er den Weg zu mir gefunden hat. Jeder wurde mit Sorgfalt ausgewählt. Und ich bin dankbar, dass ich so viele liebe Leute in meinem Umfeld habe, die mir damit eine Freude bereitet haben.

Der ominöse (Geburts)Tag

Der 8. Januar war für mich seit jeher ein spezieller Tag. Es war der Geburtstag meiner Grossmutter, auch wenn wir ihn nicht immer mit ihr feierten, weil sie häufig unterwegs war, so dachten wir doch zumindest an sie. In den letzten Jahren jedoch, da legte meine Mutter immer grössten Wert darauf, für ihre Mutter am Geburtstag etwas Besonderes zu inszenieren. Das rief jeweils auch nach meiner Anwesenheit.

Meine Grossmutter war ein besonderer Mensch. Als Kind habe ich sie verehrt, weil sie mit mir Sachen unternahm, für die meine Mutter keine Zeit hatte. Diese Meinung änderte sich, als ich älter wurde. Meine Grossmutter war sehr willensstark, egoistisch und von sich selbst überzogen. Wie sonst liesse es sich erklären, dass sie in den Fünfzigerjahren ihren Mann zum Teufel jagte und es vorzog, ihre beiden minderjährigen Kinder, zumindest für ein paar Jahre, alleine gross zu ziehen.

In einer Hinsicht war meine Grossmutter mir Vorbild. Sie hatte sich im relativ hohen Alter von über fünfzig Jahren erst dem Alpinismus verschrieben. Zuvor gänzlich unsportlich, begann sie eine alpinistische Laufbahn, die sie bis auf zwei alle Viertausender der Schweiz bestiegen liess. So gab es einige Jahre, in denen wir gemeinsam die Berge erklommen. Bei meinen ersten Klettertouren war sie dabei, wenn auch nicht am gleichen Seil wie ich. Mit über fünfzig machte sie den Führerschein und das Skifahren eignete sie sich zur gleichen Zeit auch noch mehr schlecht als recht an.

Eitel war sie, wahnsinnig eitel. Wenn sei vom Coiffeur kam, schlief sie ein paar Tage lang mehr oder weniger sitzend, damit ihre Frisur etwas länger hielt. Immer hatte sie einen kleinen Taschenspiegel dabei und stürzte sie beim Skifahren, ging ihr Griff in den Hosensack zum Spiegeli noch bevor sie sich wieder aufgerappelt hatte. Bis ins hohe Alter trug sie Stögeli-Schuhe. Hosen begann sie übrigens – ausser beim Sport – erst mit über sechzig zu tragen. Das ziemte sich ihrer Meinung nach nicht.

Meine Grossmutter stand gern im Mittelpunkt, suchte ihn regelrecht auf Biegen und Brechen. Das hat ihr, auch in unserer Familie, nicht immer nur Sympathien eingebracht. Als sie am 23. Dezember 2014 verstarb, konnte sie sich ein letztes Mal vollumfänglich der Aufmerksamkeit ihrer Famiile über die Festtage sicher sein.

Das Bild zeigt meine Grossmutter an ihrem neunzigsten Geburtstag. Heute wäre sie hundert Jahre alt geworden.

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Vermeintlich entsorgt

Als ich gerade mal 17 Jahre jung war, kam die grosse Welle des biologisch Gärtnerns auf. Mag sein, dass sie schon früher in Erscheinung trat, ich jedenfalls bemerkte sie erst in besagtem Teenager-Alter.

Es leuchtete mir sofort ein, dass sich – analog den Menschen – gewisse Pflanzen nebeneinander besser vertragen, andere schlechter. Es war für mich auch durchaus nachvollziehbar, dass man aus Brennnesseln eine Brühe herstellen konnte, die den Pflanzen allerlei Gutes antat. Und erst recht leuchtete es mir ein, dass es galt, den Boden nicht nackt zu halten, da es so etwas in der Natur auch nicht gibt. Kahl gejätete Böden gehörten – wäre es nach mir gegangen – der Vergangenheit an.

Das sahen meine Eltern etwas anders. Meine Bemühungen um einen naturnahen Schrebergarten wurden ständig untergraben. Weder für Mischkultur noch einen Quadratmeter Blumenwiese waren sie zu haben. Noch nicht mal in meinem eigenen Gemüsebeet durfte ich mein Unwesen treiben. Was ich dort zu praktizieren trachtete, war in ihren Augen einfach nur ein unmotiviertes Durcheinander. Was sollten denn die Nachbarn denken!

In der selben Epoche war ich auch emsig mit Stricken beschäftigt. Das schafft zwar keinen unmittelbaren Zusammenhang zum Garten, doch wenn ihr, liebe Leserinnen und Leser, weiterlest, werdet ihr bald des Tatbestandes fündig werden. Versprochen!

Mit viel Routine und noch mehr Wolle war ich stets damit beschäftigt, irgend etwas Brauchbares zu stricken. Einmal hätte es ein Baby-Finkli werden sollen (Finken in der Schweiz pfeifen übrigens nicht, sondern sind unsere Bezeichnung für Hausschuhe). Das Werk war schon etliche Reihen weit gediehen, als ich merkte, dass da irgend etwas nicht stimmen konnte. Ich betrachtete das grüne Etwas von allen Seiten und beschloss, mich davon zu trennen. Das Zeitalter, in dem man Pullover aufdröselte, die Wolle wusch, sie neu aufrollte und dann etwas Neues daraus strickte, waren vorbei. Und schliesslich handelte es sich lediglich um ein paar Meter grüne Babywolle. Also entsorgte ich das wollene Missgeschick artgerecht.

Noch im selben Herbst schichtete mein Vater im Garten den Komposthaufen um und stiess auf ein undefinierbares Knäuel. Seither weiss ich, dass das Naturprodukt Wolle mehr als nur ein paar Wochen braucht, um komplett zu verrotten.

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Schwanensee

Es war einer dieser heissen Sommertage. Nicht im letzten, vermutlich noch heisseren Sommer, sondern vor gut und gerne 25, 30 Jahren. Wir, und damit meine ich meine Freundin Barbara, ihren Freund Kurt und ich, machten das, was an so einem Tag viele andere auch taten: Wir gingen ins, ans und aufs Wasser. Gummiböötle war angesagt. In einer aufwändig inszenierten Anreise liessen wir ein Auto in Eglisau stehen und das andere unterhalb von Rheinau. Auf diesem Abschnitt des Rheins hat es keine nennenswerten technischen Schwierigkeiten, kaum Behausungen, fast so etwas wie Natur pur, um diesen Begriff mal wieder zu strapazieren.

Am Anfang ging alles flott vonstatten. Wir dümpelten auf dem Rhein dahin, brauchten die Ruder kaum, schon gar nicht zum voran zu kommen. Einem gemütlichen Picknick auf einer Kiesbank folgte eine Abkühlung im Wasser und weiter ging die Schifffahrt. Wir Leichtmatrosen waren allesamt eher ungeübt im Umgang mit Booten aller Art. Aber wir konnten leidlich gut schwimmen und ausserdem – was sollte im Rhein schon passieren?

Nach Ellikon, wo die Thur in den Rhein fliesst, ging es bereits etwas weniger flott voran, aber der Fluss hatte immerhin noch eine gewisse Strömung. Beim Tösseck änderte sich das schlagartig. Beim Zusammenfluss mit der Töss wird das Flussbett so breit, dass man vermeintlich steht. Zu faul um zu rudern, dümpelten wir Drei weiter auf dem trägen Rhein daher. Eglisau schien nah und doch so fern.

Allmählich schlich sich eine gewisse Sättigung an Sonne und Wasser ein. Aus lauter Langeweile begannen wir, unser voriges Brot an die Schwäne und Enten zu verfüttern (so viel zum Thema des letzten Blogs…). Das bescherte uns etwas Abwechslung. Und bei den Wasservögeln löste es das aus, was wir Alle kennen:  eine wahre Fressorgie. Als unser Brot zur Neige ging, wollten die Viecher weiter gefüttert werden. Die langen Hälse der Schwäne schienen immer länger zu werden, als sie über den wulstigen Rand des Gummibootes spähten. Mit weit geöffnetem Schnabel fauchten sie uns an. Uns war nicht mehr wohl bei der Sache. Schnell packte Barbara, die für das Picknick verantwortlich gezeichnet hatte, noch ein paar Kekse aus. Wir warfen sie so weit weg, wie wir vermochten. Damit gelang es uns, die fressgierigen Schwäne vorübergehend vom Leibe zu halten. Doch zumindest einer von ihnen hatte Lunte gerochen und kehrte unverzüglich zu uns zurück um eine weitere Ration einzufordern.

Der Schwanenhals schien noch länger zu werden, während er, einem U-Boot-Teleskop gleich, hin und her schwenkte und sich das Gummiboot vom Freund zum Feind wandelte. Denn im Inneren des Gummibootes hatte sich die Verteidigung formiert. Die Ruder dienten nicht mehr als Ruder, sondern hatten eine neue Rolle als Schwanen-Abwehr erhalten. So gelang es uns, das aufgebrachte Tier auf Distanz zu halten, bis es schliesslich abzog.

Mit grenzenloser Erleichterung waren wir nun sehr motiviert, unser Ziel in Eglisau so schnell wie möglich zu erreichen. Vor Schwänen haben wir seither grossen Respekt. Und sollte mich je jemand fragen, woher der Begriff “mir schwant etwas” kommt, wird er diese Geschichte zu hören bekommen.

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Nur es Schlückli

Wenn meine Freundin Gabi aus Nürnberg von einem “Schoppen” spricht, meint sie einen Viertelliter Wein. Bei uns in der Schweiz jedoch ist der Schoppen das Fläschchen fürs Baby. Dass es dennoch gewisse Gemeinsamkeiten gibt, wird hier in wenigen Zeilen zu lesen sein.

Vor einer gefühlten Ewigkeit – Klein Bea hatte gerade erst das aufrecht Gehen erlernt – war deren Mutter auf der Suche nach einem Babysitter für einige Stunden. Diesen fand sie denn auch bald in der Gestalt ihrer italienischen Nachbarn. Beruhigt ging sie von dannen und glaubte, ihren Sprössling in guten Händen zu wissen. Bei den Italienern gab es Pasta zum Essen und dem Vernehmen nach unternahm Klein Bea alles, um ihren Gastgebern Freude zu bereiten. Sie ass wacker und flächendeckend die Teigwaren an Tomatensugo. Und wie es sich für so ein authentisches Mahl gehört, erhielt der Hosenscheisser ab und zu ein Schlückchen Chianti. Den Italienern bereitete es sichtlich Spass, ihren kleinen Gast derart zu verwöhnen.

Der Schoppen mag nur mit stark verdünntem Rebensaft gefüllt gewesen sein. Die Dosis war jedoch hoch genug, um Klein Bea ins Torkeln zu bringen. Als ihre Mami sie wieder abholte, sei ihr Sprössling – so die Legende – im Zickzack-Schritt auf sie zugegangen.

Man sagt, Klein Bea habe danach ganz artig und tief vierundzwanzig Stunden am Stück geschlafen.

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Meine Mutter erzählt die Geschichte bis heute immer wieder gerne. Dass ich mich nicht daran erinnere, dürfte verschiedene Gründe haben.

Hotel des Grauens

Anlässlich der Messe “Swissbau” hatte ich zusammen mit mehreren Arbeitskollegen das ziemlich zweifelhaft Vergnügen, in einem Hotel in der Basler Innenstadt zu übernachten. Darüber hatte ich – meines Zeichens Chefredaktorin der Personalzeitung – einen Artikel verfasst, den ich für euch ausgegraben habe:

Nicht, dass nun ich besonders prädestiniert wäre, mich über Hotels auszulassen oder gar regelmässig auswärts übernachten würde, doch nach diesem Besuch in besagtem Hotel juckte es mich in den Fingern, meine satirische Ader begann zu pulsieren.

Vorgewarnt
Keineswegs mehr ganz unvoreingenommen begaben wir uns nach der Messe in Richtung Hotel. Von unseren Kollegen hatten wir bereits erfahren, was uns dort erwartete. Meine schlimmsten Befürchtungen sollten sich allerdings nicht bewahrheiten – sie wurden bei weitem übertroffen!

Bereits beim Betreten des Hotels befiel uns das klamme Gefühl, dass unsere Kollegen nicht übertrieben hatten. Nach der Übergabe des Zimmerschlüssels – der uns in der Form einer Lochkarte bereits den ersten nostalgischen Touch vermittelte – begaben wir uns zu unseren Gemächern.

Sesam – öffne dich!
Im Gang vor den Zimmertüren angekommen, fühlte man sich auch ohne viel Fantasie in eine Strafanstalt versetzt. Orangerote, nach aussen öffnende und mindestens 10 cm dicke Türen in einem Gang, der jeden Schritt erhallen liess, straften das Auge des entsetzten Betrachters. Nur noch die Lochkarte, die darauf wartete, in den Schlitz neben der Türe geschoben zu werden und dieselbe mit einem laut hörbaren “Ratsch” zu entriegeln, trennte mich von meinem Schlafgemach.

Was für ein Anblick! Ich war mir unschlüssig, ob ich vor Entsetzen umkippen sollte, oder ob mich in Kürze ein Lachanfall dahinraffen würde ob dem Bild, das sich mir bot. Die Einrichtung hätte eher ins Freilichtmuseum Ballenberg gepasst, als in ein 3-Sterne-Hotel. Die 135 Franken, die uns diese Übernachtung kosten sollte, erschienen mir schon zu hoch, bevor ich wahrnahm, dass ich mich in einem Raum befand, der mit ziemlicher Sicherheit in den vergangenen 20 Jahren nur noch punktuelle Reinigung erfahren hatte – wenn überhaupt.

Lieber im Kuhstall übernachten
Ich darf wohl sagen, dass ich schon öfters in billigen Hotels abgestiegen bin, auch bin ich gewohnt, in Massenlagern zu übernachten. Soweit also kann ich mich als relativ “abgebrüht” in Sachen bescheidenen, ja primitiven Übernachtungsmöglichkeiten bezeichnen. Doch dieses Zimmer war weder bescheiden noch primitiv und schon gar nicht billig! Es war schlichtweg eine Katastrophe.

Für die schummrige Beleuchtung, die ich im Zimmer antraf, gab’s für mich nur eine Erklärung: Bei 40 Watt Lichtstärke sieht man schätzungsweise auch nur 40 % des herumliegenden Drecks.

Nach einem anstrengenden Tag an der Messe hätte ich mich eigentlich auf eine Dusche gefreut. Doch nachdem meine Bürokollegin tags zuvor beinahe auf der Seife des Vorgängers ausgerutscht war, wollte sich diese Freude nur zögernd einstellen! Beim Anblick des Bads hätte sich wohl jeder Sanitär-Installateur einen fetten Sanierungsauftrag ausrechnen können. Alles, aber auch wirklich alles musste aus den allerersten Anfängen dieser Absteige stammen. Ich verzichtete darauf, mir die Haare zu waschen, denn nach meinen Schätzungen wäre ich über Stunden hinweg damit beschäftigt gewesen, mir mit dem spärlich fliessenden Wasserstrahl das Shampoo wieder aus den Haaren zu spülen. Die Frottierwäsche gab ihre Identität nur dadurch Preis, dass sie sich im Bad befand. Ansonsten wäre der Vergleich mit Schmirgelpapier wohl zutreffender gewesen.

En tüüfe und gsunde Schlaf?
Sie werden Verständnis dafür aufbringen, dass wir für das Nachtessen eine andere Lokalität aufsuchten und im Anschluss daran noch keinen Drang verspürten, ins Bett zu gelangen. Das Bett war ohnehin nur auf Distanz als solches erkennbar. Bei Nähertreten entpuppte es sich eher als Gondel, sowohl was die Form als auch die Stabilität betraf.

Nach einem nicht so ganz “tüüfe” und “gsunde” Schlaf, wie ich ihn eigentlich nötig gehabt hätte, weckte mich das Geplantsche aus dem Ententeich im 5 x 5 Meter grossen Hof. Als mein Zimmernachbar sich entschloss, eine Dusche zu nehmen, rauschte das Wasser so gnadenlos durchs ganze Hotel, dass mir niemand übelnehmen wird, dass ich mich kurz vergewissern musste, ob ich nicht auch gleich nass werden würde.

“Reichhaltiges” Frühstücksbuffet
Über die Qualität des Essens kann ich Ihnen an dieser Stelle keine Informationen aus erster Hand geben. Denn nach allem, was ich gehört hatte über saure Milch zu den Corn Flakes und Haaren zwischen einzelnen Käsescheiben, hatte ich mich entschlossen, auf ähnliche Erfahrungen zu verzichten und an unserem Messe-Stand eine Tasse Kaffee zu trinken.

Ich will nun aber das Hotel nicht noch weiter in den Dreck ziehen, denn da steckt es meiner Meinung nach ohnehin ziemlich tief drin, doch habe ich mich schon gefragt, ob wir die letzten Gäste vor der Gesamtsanierung seien. In diesem Zusammenhang hatte sich sogar ein Mitarbeiter des Engineerings spontan bereit erklärt, ein Entsorgungs-Konzept für das gesamte Hotel zu erstellen.

Ich hoffe nun für Sie, dass Sie sich nie in dieses Hotel verirren werden. Ich kann Sie insoweit beruhigen, dass wir auf einen Beschwerdebrief an die Basler Hotelreservation hin den Bescheid erhalten haben, dass das Hotel Ende März geschlossen werde. Mich wundert’s überhaupt nicht…!

Übrigens: Den ersten Entwurf zu diesem Artikel habe ich in einer schlaflosen Nacht in besagtem Hotel verfasst; es befand sich noch genau ein Blatt Papier in der Schreibmappe.

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Warum ich diesen alten Kaffee gerade jetzt aufwärme? Weil die Swissbau in Basel noch bis morgen dauert. Weil aufgewärmte Gerichte nicht unbedingt schlechter schmecken müssen als frisch gekochte. Weil ich euch einen Einblick in mein Wirken vor über 20 Jahren geben wollte. Weil ich meinen damaligen Schreibstil ansatzweise wiedererkenne. Und weil dies mein erstes öffentliches Werk war, für dessen Inhalt ich zu hundert Prozent selber verantwortlich war. Gewisse Missstände auf humoristische Art zu zerpflücken muss mir schon damals grossen Spass bereitet haben.

Güselchübel

Mit diesem Titel werden meine Leserinnen und Leser ausserhalb der Schweiz mal wieder nicht viel anzufangen wissen. Doch da sie mehr als 50 Prozent meiner Leserschaft ausmachen, will ich hier etwas Übersetzungshilfe leisten. Der Güsel ist nichts anderes als Abfall. Und ein Chübel ist ein Kübel. Ergibt also einen Abfalleimer.

Die Rede soll hier aber nicht von irgend einem Güselchübel sein, sondern von DEM Güselchübel schlechthin. Dem Ochsner-Chübel. Ich habe letzthin einen in Brigels fotografiert, der dort am Wegesrand den Güsel der Wanderer aufnimmt.

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Sein Anblick versetzte mich in meine Jugendzeit zurück, wo in jedem Schweizer Haushalt unter dem Spülbecken (das damals wie heute noch häufig als Schüttstein bezeichnet wurde) so ein Ochsner-Chübel stand. Ochsner darum, weil die Firma, die ihn produzierte – na wie wohl? – Ochsner hiess. Damals legte man den Chübel noch mit Zeitungspapier aus und stellte ihn am Tag der Güselabfuhr an den Strassenrand zum Leeren. Kehricht-Säcke wurden erst später erfunden. Zuerst aus starkem Papier, dann aus immer dünner werdendem Plastik.

Diese ganzen Erinnerungen holten mich wieder ein, als ich letzthin in einem Prospekt von Möbel-Pfister blätterte. Da entdeckte ich unter dem Titel “Schweizer Evergreens, die unseren Alltag bereichern” den “Alltagsklassiker Patent Ochsner”. Und der sieht mittlerweile so aus:

Daneben stand geschrieben.

Der zu Beginn des letzten Jahrhunderts entwickelte, metallene “Güselkübel” mit dem unverkennbaren Deckel demonstriert heute das Genie alltäglicher Dinge. Das Design der Re-Edition bringt den Klassiker mit neuen Funktionen und Materialien selbst im Wohnzimmer zum Strahlen.

Könnt ihr euch vorstellen, so einen noblen, strahlenden Güselkübel (zum bescheidenen Preis von Fr. 249.- übrigens) in eurem Wohnzimmer zu haben? Als ich ganz bestimmt nicht!

Wie die Kleider fliegen lernten

Meine Mutter legt wert darauf, dass ich “endlich mal” die folgende Episode verblogge. Und weil ich schon früh gelernt habe, dass man der Mutter nicht widerspricht, füge ich mich.

Es war nicht immer so, dass ich ein ordentlicher Mensch bin. Genau genommen brauche ich bis heute irgendwo in der Wohnung eine “Puff-Ecke”. Oder mehrere. Nicht immer und nicht sofort einsehbar, aber vorhanden.

Früher muss das, will  man den Ausführungen meiner Mutter Glauben schenken, schlimmer gewesen sein. Dazu muss man wissen, dass meine Mutter zu der Gattung Mensch, Untergattung Hausfrau, gehört,  die bis heute morgens nie aus dem Haus geht, ohne den Haushalt gemacht zu haben. “Man weiss ja nie…” Sie geht auch nicht ins Bett, solange noch etwas Geschirr im Spültrog liegt. Ganz zu schweigen von allfälligen Ferien – da habe ich mich früher immer gewundert, was es denn bringt, wenn zu Hause alles pico-bello aufgeräumt ist, während man selber drei Flugstunden entfernt ist. Sieht ja keiner.

Unter den erwähnten Gesichtspunkten kann vermutlich auch ein Aussenstehender nachvollziehen, wie sehr es meine Mutter genervt hat, wenn mein Zimmer nicht aufgeräumt war. Der Schandfleck der ganzen Wohnung! Als Teenager fand ich damals, das sei meine Sache. Es war mir auch egal, wenn der Staubsauger und ähnliche Putzutensilien von meinem Zimmer fern blieben. Ganz schlimm wurde es erst, als meine Mutter in einem Anflug von Hoffnungslosigkeit jeweils mein Zimmer aufräumte. Dann fand ich nämlich nichts mehr.

Es war das übliche Mutter-Tochter-Duell, das zwischen uns stattfand. Ich hielt es nicht für nötig aufzuräumen, trotz regelmässiger, vermutlich nahezu täglich wiederkehrender Ermahnungen.

Eines Abends kam ich von der Schule nach Hause und in meinem Zimmer war … Ordnung. Dort, wo noch am Morgen ein Haufen Kleider gelegen hatte, war plötzlich wieder ein Sessel zum Vorschein gekommen. Triumphierend blickte ich um mich! Meine Mutter, die in meinen Augen ohnehin mehr Zeit dazu hatte als ich, hatte mein Zimmer aufgeräumt. Die Kleider offensichtlich entweder gewaschen oder ordentlich im Schrank verstaut.

“Wow Mami, hast du mein Zimmer aufgeräumt?” Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, denn die Veränderung, die im Raum vorgegangen war, war ziemlich offensichtlich. “Nein, habe ich nicht”, entgegnete meine Mutter, “aber schau mal zum Balkon raus.” Ich tat wie mir geheissen und traute meinen Augen nicht. Da lagen sie, all meine Kleider. Meine Mutter hatte das ganze Puff kurzerhand aufgegriffen und übers Balkongeländer geschwungen. Socken, Pullis, Jeans, Schuhe, alles lag verstreut im Hof! Wir wohnten im 4. Stock eines Mehrfamilienhauses und es muss ein Bild für die Ewigkeit gewesen sein, als damals meine Klamotten zu Boden schwebten.

Noch heute lacht meine Mutter schelmisch, wenn wieder mal die Rede von dieser Begebenheit ist. Sie findet, sie sei damals noch human mit mir umgegangen, und hätte die Kleider erst unmittelbar vor meiner Heimkehr über Bord geworfen. Für mich dagegen spielte es keine Rolle, wie lange die textilen Peinlichkeiten schon im Hof lagen. Kleinlaut stieg ich die vier Etagen runter, sammelte alles ein und bemühte mich fortan, in meinem Zimmer so viel Ordnung zu halten, dass mir eine Wiederholung der Episode erspart blieb.

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