Öfters mal Panne (15)

… oder: Tag der offenen Türe

Ein Auto überholte uns. Diese Tatsache an sich ist ja nicht bemerkenswert, wenn man mit einem Wohnmobil unterwegs ist. Im Gegenteil, viele Autofahrer fühlen sich geradezu berufen, die lahme Ente vor ihnen zu überholen. Selbst dann, wenn die Ente sich ans Tempolimit hält. Der Automobilist, das uns soeben überholt hatte, hatte aber einen ganz plausiblen Grund und der hatte nichts mit Selbstverwirklichung am Steuer zu tun. Der Autofahrer machte uns wild gestikulierend drauf aufmerksam, dass bei uns am Fahrzeug etwas nicht stimmte. Wären wir in Spanien unterwegs gewesen, hätten wir das geflissentlich ignoriert. Zu oft hatte man schon gehört, dass so Zwischenfälle vorgetäuscht wurden, um arglose Touristen auszurauben.

Wir aber waren in Australien und so gedachten wir sehr wohl, anzuhalten um zu vernehmen, was denn nun los war. Unsere Tür sei offen, beschied uns der Aussie und schwupps war er wieder von dannen. Kann ja mal passieren, dachten wir uns zuerst noch, zogen die Türe wieder ins Schloss und fuhren weiter. In der Folge passierte uns das aber immer wieder und da unsere Aufbautüre nicht seitlich sondern hinten am Fahrzeug war, und wir ausserdem auf der Türschwelle anfänglich eine Reserve Gasflasche mitführten, musste sehr wohl etwas passieren, bevor etwas passierte.

Also gingen wir in einen Hardware Store (dort sind üblicherweise Nägel, Gartenschläuche, Werkzeuge und dergleichen im Sortiment und nicht etwa Notebooks und Ethernet-Kabel) und kauften einen zünftigen Riegel, den mein innig geliebter Mitreisender auf einem herrlich gelegenen Aussichtsplatz am Meer montierte. Für so eine Feldübung weitab jeglicher Zivilisation waren wir dank dem Generator (den wir nicht wegen solcher Busch-Reparaturen, sondern unserem Kühlschrank anschaffen mussten) bestens ausgerüstet. Alles, was man auf dem Bild sieht, hatten wir uns in Australien besorgt. Sämtliches Werkzeug, das grüne Benzinkanisterchen, das sich zwischen den beiden gelben Jerrycans mit dem Diesel versteckt, die Bohrmaschine, unser reisefreudiger Kaktus. Einzig das CH-Chläberli am Fenster stammte aus der Heimat. Es hatte einen nur unwesentlichen Beitrag zu unserem Zuviel an Fluggepäck beigetragen.

Dank dem Riegel, der mit etwas gutem Willen unten links an der Türe erkennbar ist, führten wir für den Rest der Reise, und das waren immerhin noch 11 Monate, keine „Tage der offenen Türe“ mehr durch.

In die Pfanne gehüpft

In Sachen Kulinarik bin ich ziemlich experimentierfreudig. Nicht immer zur restlosen Begeisterung meines mein innig geliebten Mitbewohners.

So konnte ich mich natürlich nicht zurückhalten, als wir in Australien in der Kühltheke Känguru-Fleisch sahen. Die Begeisterung war gross, selbst nach dem Essen und auf der anderen Seite des Tisches. Känguru-Fleisch gehörte fortan auf unseren Speisezettel. Erstaunlicherweise wird es in Australien nicht in allen Supermärkten verkauft, der Australier verschmäht offenbar sein Nationaltier auf dem Teller.

Ob als Filetstück grilliert oder als Geschnetzeltes an einer Rahmsauce, uns hat es immer geschmeckt. Sogar der Känguru-Pfeffer, den ich einmal zubereitet hatte (tagelang in australischem Rotwein gebeizt, dann mit viel Hingabe gekocht) mundete vorzüglich. Ich sehe den Campingplatz, wo wir das besagte Menu assen, noch vor mir, wie wenn es gestern gewesen wäre. Auf der Vorderseite des Womis der rauschende Pazifik, auf den anderen drei Seiten des Gefährts zierliche Tiere, die den spärlichen Rasen mit grösster Effizienz abfrassen und düngten. Ich empfand es im Moment grad etwas unpassend, dass in meinem Topf Känguru-Fleisch schmorte. Andererseits: Habt ihr noch nie ein Steak gegessen, während euer Blick  auf die  angrenzende Kuhweide schweifte?

Öfters mal Panne (11)

… oder was man seinem Wohnmobil alles antun kann

Im Landesinneren von Australien gibt es noch einsame, fast menschenleere Gebiete mit grossen Landstrichen unberührter Natur. Die wenigen Bewohner leben auf abgelegenen Farmen, oft viele hundert Kilometer voneinander entfernt. Strassen gibt es wenige, Versorgungsmöglichkeiten erst recht nicht.

Die direkte Verbindung von Mount Isa nach Alice Springs ist 840 km lang, 2/3 davon sind nicht asphaltiert. Wir waren uns lange nicht sicher, ob wir mit unserem Womi das Abenteuer Outback wagen sollten. Bei „guten Verhältnissen“, so stand in unserem Outback-Reiseführer, sei die Strecke auch mit einem normalen PW, also ohne Vierradantrieb zu befahren. Da unser Womi eher einem Traktor denn einem PW glich, sah mein innig geliebter Mitreisender (der vorwiegend am Steuer sass) keine Probleme. Nach diversen Erkundigungen und weiteren Vorbereitungen wie Wasser tanken, beide Reservekanister mit Diesel auffüllen und ein zweites Reserverad besorgen, waren wir startklar.

Bevor wir auf die „dirt Road“ des Plenty Highway fuhren, deckten wir den hinteren Türrahmen, alle aussenliegenden Schlösser, die Tankdeckel und Aussensteckdosen mit Klebband ab, damit kein Staub eindringen sollte. Schon bald machten wir erste Bekanntschaft mit Bulldust. Dieser braune puderzuckerfeine Sand bedeckte abschnittsweise die ganze Strasse und das Lenken wurde zum Ding der Unmöglichkeit. Die ärgsten Bulldust-Löcher waren bis 100 m lang und 50 cm tief. Zu erkennen waren sie erst, wenn man in sie reinfuhr und wir sandten jedes Mal Stossgebete zum Himmel, damit wir nicht stecken blieben. Der Mitreisende versuchte anfänglich, mit etwas Schwung durchzukommen, machte jedoch die Erfahrung, dass unser Auto mit einem gewaltigen Satz in ein Loch hinein donnerte und sich die Führerkabine in Nullkommanichts mit einer Staubwolke füllte. Es war offensichtlich, dass sich die grössten Löcher in der Strassenmitte befanden und der Mitreisende versuchte das nächste Mal, mit etwas weniger Schwung am Rand durchzufahren. Dadurch aber geriet unser Fahrzeug seitlich ins Rutschen. Der Mitreisende nahm etwas Gas weg und würgte dabei fast den Motor ab. Huch, das war knapp! Trotzdem blieb er beim Konzept, etwas seitlich der Strassenmitte mit mässiger Geschwindigkeit in einem relativ kleinen Gang das Ganze zu durchfahren und wühlten uns so von einer Bulldust-Passage zur Nächsten. Nach ca. 80 km anspruchsvollster Fahrt schien das Schlimmste vorbei zu sein

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In drei Tagen hatten wir die 600 km Dreckstrasse bewältigt. Als wir endlich wieder auf einem Asphaltband fahren konnten, lief unser Auto wie auf Seide gebettet!

Ein paar Tage später – wir waren gerade auf dem Rückweg vom Uluru nach Alice Springs, hielt uns ein Auto an und machte uns darauf aufmerksam, dass unser Fahrzeug eine Wasserspur hinter sich herzog. Ach du Sch…. der Boiler, das Glanzstück unserer ansonsten bescheidenen Bordtechnik, der durch das Kühlsystem des Autos beheizt wurde, war durch das Gehottere und Geschüttel der vorangegangenen Tage undicht geworden.

Nun sind zwar die Australier genial, wenn es darum geht, mit improvisierten Mitteln etwas zu flicken. Noch viel genialer aber ist der Mitreisende, denn als ausgebildeter Mechaniker macht ihm so schnell keiner was vor. An einem grimmig kalten Morgen bauten wir in einem gemeinsamen Akt den Boiler aus, entfernten die Isolierung und fabrizierten beim Abdrucken mit Leitungswasser einen kleinen Springbrunnen. Dass 2 cm Schweissnaht undicht waren, erkannte ab diesem Prozedere selbst ich. Damit das Auto fahrtauglich war, mussten wir zuerst die zwei Kühlerschläuche wieder verbinden, die wir vom Boiler getrennt hatten.

Habe ich schon erwähnt, dass es Sonntag war? Da auch in Australien an einem Sonntag in Werkstätten nicht gearbeitet wurde, versuchten wir mit einem „Zaubermittel“, das sich nach dem Auftragen in ebenbürtigen Stahl verwandeln sollte, das Leck abzudichten. Es blieb beim Versuch und so endete anderntags der dritte Anlauf bei einer auf Alu spezialisierten Werkstatt, wo man Verständnis für unser Problem hatte. Nach dem zweiten Gang zum Schweisser war der Boiler endlich wieder dicht, doch nun fehlte uns noch die Isolation. Diese konnten wir bei einem Fachgeschäft für Gebäudeisolierung gratis aus der Abfallmulde heraussuchen.

Den Boiler wieder zusammenbauen war das eine Ding, ihn im schwer zugänglichen Schrank wieder anzuschliessen, das Andere. Nach diversem Fluchen aus dem Schrank unter dem Spülbecken gehörte diese aufwändige Reparatur endlich der Geschichte an.

Was lernt der Mensch daraus? Ein Wohnmobil, und erscheint es noch so robust, ist für Naturstrassen absolut ungeeignet.

Von Crocs, die nicht davonlaufen

Im tropischen Norden Australiens gibt es zwei Arten von Krokodilen: männliche und weibliche Süsswasser- und Salzwasserkrokodile. Während die Süsswasserkrokodile (Freshies) nur zwei Meter lang werden und harmlos sind, wachsen die Salties auf bis zu sechs Meter heran. Der Name täuscht: Salzwasserkrokodile kommen auch im Süsswasser vor. Beispielsweise im Daly River, wo Bill mit uns und seiner 3,5 Meter langen Schüssel unterwegs war. Schon auf der Fahrt flussabwärts sahen wir die gewaltigen Lacoste-Imitationen, die sich in der Morgensonne auf den Sandbänken aufheizten. Wir hörten bald auf, sie zu zählen. Nach unserer erfolgreichen Barra-Anglerei fuhr Bill mit uns wieder stromaufwärts zu unserem bzw. seinem Womi zurück.

Bill, ursprünglich Lehrer, dann Masseur und schliesslich nur noch „Zigeuner“ hatte sich im Verlauf seines Lebens zum Bushman entwickelt. Der Sechzigjährige hauste mit seiner Partnerin Glenda monatelang am Daly River und fuhr nur weg, um Vorräte und Treibstoff zu besorgen. Das Wasser trank er aus dem Fluss, indem er einen Kanal ableitete und das Wasser durch den groben Sand filtern liess. Er war mit der Denkensweise der Aboriginies vertraut und der naturverbundenste Mensch, der uns in ganz Australien begegnet ist. In erster Linie kümmerten er und Glenda sich um ihre zehn selbstgemachten Fallen, die sie im Fluss an verschiedenen Stellen platziert hatten. Damit versuchten sie mit Erfolg und Katzenfutter, Cherabins zu fangen. Cherabins sind grosse Süsswasser-Crevetten, die hervorragend munden. Doch Bill fing die Crevetten nicht, um sie selber zu essen, sondern als Lebend-Köder für die Barras.

Er zeigte uns unterwegs Sachen, die wir ohne sein geschultes Auge nie gesehen hätten, beispielsweise das Nest eines Jabirus (Schwarzstorch) mit drei fast flüggen Jungvögeln. Oder die Seeadler und weitere Vögel. Und eben Salties. Er fuhr mit seiner Nussschale ganz nahe an die vermeintlich trägen Reptilien heran. Etwas zu nahe für mein Nervenkostüm, denn haben wir nicht alle schon einmal im Fernsehen gesehen, dass die Krokodile sich nicht nur in Windeseile ins Wasser gleiten lassen, sondern auch aus dem Wasser regelrechte Sprünge vollziehen können?

„No worries“, dieser omnipräsente Spruch der Aussies traf hier in besonderem Masse zu. „No worries“, beruhigte uns Bill, „look at their legs.“ Wenn Krokodile ihre Hinterbeine nach hinten gerichtet haben, sind sie ungefährlich. So ungefährlich, wie ein Tier mit einer derartigen Fressmaschine im Maul halt sein kann. Solange ein Krokodil seine Hinterbeine nicht nach vorne nimmt, kann es auch nicht durchstarten. Mit diesem Wissen gesegnet manövrierte uns Bill bis auf zehn Meter an die Viecher heran. Was für eine Wahnsinns-Erfahrung!

Nach dieser Privat-Safari fuhren wir zurück ins Camp und machten uns daran, unsere Barras zu filetieren. Selbstredend, dass es an jenem Abend Fisch zum Essen gab. Wir blieben insgesamt sechs Tage am Daly River.Vermutlich fährt Bill noch immer Jahr für Jahr dorthin. Sofern er nicht von einem Krokodil gefressen worden ist.

Von Barras, die munden

Ein Barramundi ist für den Australischen Sportfischer, was für seinen Kollegen in Alaska ein Lachs ist. Nämlich eine grossartige Sache. Und ein sehr schmackhafter Fisch dazu. Wenn nicht der Schmackhafteste überhaupt.

Beim Wort „Barra“ kriegt jeder Australische Fisherman Augenwasser. Erst, wer einen Barra gefangen hat, steigt in den Australischen Fischer Olymp auf. Im Australischen Winter fährt jeder, der es sich leisten kann, nordwärts in die Fischgründe des Northwest Territory.

Barramundis sind in mehrerer Hinsicht spezielle Fische. Sie können im Süss- und Salzwasser leben und kommen alle als Männchen auf die Welt. Erst, wenn sie etwa 50 cm gross sind (was bei einer maximalen Länge von 200 cm immer noch verhältnismässig klein ist), wandelt ein Teil der Fische das Geschlecht. Das ist mit ein Grund, weshalb Barras in Australien ein Mindestfangmass von 55 cm haben. Mit der Flut steigen die begehrten Fische kilometerweise einen Fluss hoch, wo sie von den Anglern sehnlichst erwartet werden. Da es nur wenige wirklich gute Barra Angelstellen vom Ufer aus gibt, braucht man zum erfolgreich Barra angeln ein Boot. Aber über ein Boot scheint ohnehin jeder Aussie zu verfügen.

Alle ausser uns. Aber wir waren und sind ja keine Aussies, auch wenn wir das Land 15 Monate lang bereist hatten. Als wir südlich von Darwin an den Daly River fuhren, hatten wir damit geliebäugelt, eine geeignete Angelstelle am Fluss zu finden. Ein Einheimischer, der sich als Bill vorstellte, machte uns wenig Hoffnung auf Erfolg. Hingegen war der ehemalige Lehrer sehr angetan davon, in uns zwei Gesprächspartner aus der Ferne gefunden zu haben. Dies beruhte im Übrigen absolut auf Gegenseitigkeit.

Wir blieben mehrere Tage am Daly River stehen in der Nähe von Bill, der sich mit seiner Partnerin in einem Camper gleich für mehrere Monate eingerichtet hatte. Ihr wichtigstes Ziel: Barras fangen. Bill verfügte über ein Boot und es muss ziemlich offensichtlich gewesen sein, dass wir gerne mal mitgefahren wären. So bot er uns an, wenn wir ihm die Benzinkosten übernehmen würden, mit uns flussabwärts zu einer guten Angelstelle zu fahren.

Das taten wir dann auch. Eine Bootsfahrt von ungefähr einer Stunde führte uns vorbei an den ausgewaschenen Ufern des Flusses. In der Regenzeit muss der Daly River unvorstellbare Wassermassen mitbringen, zu schliessen aus den „aufgehängten“ Ästen, die bis zu zehn Meter hoch über dem aktuellen Wasserpegel in den Bäumen baumelten. An der Einmündung eines kleinen Seitenflusses band Bill das Boot an und was danach geschah, tönt wie die durchgeknallte Fantasie eines erfolglosen Fischers. Ein Barramundi sprang nämlich direkt über den Bug des Bootes hinweg. Ein paar Zentimeter weniger und wir hätten ihn nur noch festzuhalten brauchen. Naja, ob das bei dem Kaliber möglich gewesen wäre….

Innert einer Stunde angelten wir zu dritt fünf Barras. Einer kraftstrotzender als der Andere und nur mit viel Anstrengung und Beharrlichkeit ins Boot zu befördern.

Was uns auf dem Rückweg passiert ist, werde ich mir für ein anderes Mal aufheben. Und falls wissen wollt, was Wikipedia über Barras zusammengetragen hat, einfach hier klicken.

Wenn ihr einmal die Möglichkeit hat, Barramundi zu kaufen oder essen, lasst euch nicht vom hohen Preis entmutigen. Er ist es absolut wert!

Ich will hier ja kein Fischerlatein verbreiten, aber diesen Barramundi habe ich tatsächlich selber gefangen.

Widerspenstiger Genuss

Ich stehe in der Küche und mache mich an einer Ananas zu schaffen. Aha! Mal wieder nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Die wird nur durch eine gehörige Zugabe von Zucker den nötigen Süssegrad erreichen. Meine Gedanken schweifen ab. Weit weg nach Australien an jenen Strassenrand, wo wir ein schier endloses Ananasfeld entdeckt hatten und ganz gwundrig einen genaueren Blick hinwarfen.

Ananaspflanzen werden über einen Meter hoch. Ihre langen, spitzen Blätter, das führte uns die Pflanze ohne langes Zögern vor, schützen sie wirksam vor Frassfeinden. So wie wir welche waren. Verstohlen blickten wir uns um. Keiner zu sehen weit und breit. Wir pflückten uns eine der zahlreich vorhandenen Früchte und fuhren die Stichstrasse weiter an den Strand.


Zwei Tage später fuhren wir auf dem Rückweg wieder am besagten Ananas-Feld vorbei. Diesmal waren dort Pflücker am Werk. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Wir hielten am Strassenrand und blickten neugierig zu dem seltsamen Gespann hinüber, das aus einem Traktor mit Anhänger und einem langen, seitlich ausgefahrenen Förderband bestand. Auf dieses Band legten sechs Arbeiter, die mit dicken Neoprenschützen vor ihren Beinen ausgerüstet waren, die frisch abgeschnittenen Früchte. Oben auf dem Wagen wurden die Früchte nach Grösse sortiert und direkt in Transportschachteln verpackt. Der Chef, Mr. Page, war ein sehr aufgeschlossener Mensch, der uns erklärte, er sei in Ananas geboren, in Ananas aufgewachsen und in Ananas werde er wohl auch sterben. Täglich würden auf seinem Besitz zwischen 10 bis 40 Tonnen Ananas geerntet. Die Felder, so erfuhren wir weiter, werden einmal pro Monat abgeerntet. Was dann reif ist, wird gepflückt, der Rest vergammelt, weil es sich nicht lohnt, häufiger abzuernten.

Nachdem wir ausgiebig fotografiert und gefilmt hatten, schälte uns Mr. Page zum Abschied eine Ananas, die er mit wenigen Schlägen seiner Machete mundgerecht zuschnitt. So konnten wir die Ananas am zurechtgestutzten Kraut halten und mit sabbernden Mundwinkeln die Köstlichkeit essen. Selten hat eine Ananas besser gemundet! Was für ein Unterschied zu den halbreifen Früchten, die es hier zu kaufen gibt. Die Aussies exportieren übrigens keine Ananas, die essen sie alle selber. Mit den Preisenvon der Elfenbeinküste, Costa Rica etc. können sie nicht konkurrenzieren.

Die fünfte erste Nacht

Es geschah durchaus nicht freiwillig, dass wir ein paar Tage Ferien in Neuseeland machten. Ferien vom Reisen – diesen Schwachsinn hatten wir den Australiern zu verdanken. Wer nicht mitbekommen hat, weshalb wir das Land verlassen mussten, darf gerne hier nachlesen.

Wer geht schon im Mai nach Neuseeland? Kein Wunder, dass man auf den Tarifen für Mietfahrzeuge beinahe noch Herausgeld bekam. Da die Miete für einen Campingbus nicht teurer war als für einen Kleinwagen, buchten wir bei Britz kurzerhand einen Mercedes Sprint Campingbus.

Alternativ zu Neuseeland hätten wir übrigens 6 Tage nach Fidji fliegen können. Oder nach Malaysia. Wir kamen aber zum Schluss, dass das nicht nur unverhältnismässig teuer war, sondern dass uns diese Destinationen nichts bieten konnten, das wir im tropischen Norden Australiens nicht auch vor der Wohnmobiltür antreffen konnten.

Nach der Übernahme des Campers in Auckland verstauten wir unsere Habseligkeiten und fuhren los. Wir hatten ein 1A ausgerüstetes Wohnmobil auf einem Campingplatz in Nordosten Australiens hinterlassen, um mit dieser dürftigen Karre durch die Nordinsel Neuseelands zu kurven. Zugegeben, das Fahren mit dem Kastenwagen machte mehr Spass als mit unserem behäbigen Traktor.

Nun erfuhren wir also am eigenen Leib, wie es ist, wenn man mit einem Mietfahrzeug unterwegs ist, das nur mit dem Allernötigsten ausgestattet ist. Dessen Bordheizung nur mit 230 V läuft. Wo die Besteckschublade bei jeder Bodenunebenheit klappert, die Tassen im Schrank scheppern (sofern sie noch alle drin sind….) und nicht mal ein Schraubenzieher zur Grundausstattung gehört, dafür eine Mikrowelle. Ein Fahrzeug, das bewusst so eingerichtet ist, dass man damit jeden Abend einen Campingplatz anfahren muss. Wir, die alten Hasen mit damals schon über tausend Camper-Übernachtungen, mussten ziemlich unten durch.

An dieser Stelle ringe ich nun nach einer passenden Pointe. Sie will mir nicht einfallen. Die fünfte erste Nacht muss auf ihre Art eher unspektakulär gewesen sein. Doch eines weiss ich mit Sicherheit: All die Leute, die sich mit einem gemieteten Campingfahrzeug durch die Landschaft bewegen, erfahren nie, wie es wirklich ist, das Camperleben.

Schrecken in Uniform (10)

Wenn man im Ausland unterwegs ist, muss man sich den dort herrschenden Sitten, Gebräuchen und vor allem Gesetzen beugen. Oder zumindest tut man das mit Vorteil, sonst könnte es sich früher oder später zum eigenen Nachteil wenden.

Als wir unser Visum für Australien beantragten, füllten wir gewissenhaft den Fragebogen aus, legten alle verlangten Unterlagen bei und brachten den Umschlag zur Post. Ein gewisses mulmiges Gefühl kam dabei schon auf, einfach den Reisepass in die australische Botschaft nach Berlin, in unserem Falle also ins Ausland, zu schicken. Doch schon wenige Tage später hatten wir unsere Reisepässe wieder – und staunten nicht schlecht. Die Aussies hatten uns gleich ein Visum für ein ganzes Jahr in den Pass geklebt, was Seltenheitswert hatte. Der Durchschnittstourist musste sich damals nämlich mit einem sechs Monate gültigen Visum zufriedengeben.

Innert Jahresfrist durften wir mehrfach einreisen und jedes Mal bis zu zwölf Monate bleiben. Derart bestückt reisten wir sorglos ins Land der Kängurus. Der Haken an der Sache war bloss: Noch bevor wir einen Fuss auf den Roten Kontinent gesetzt hatten, war uns klar, dass wir länger als ein Jahr bleiben wollten. Und so trabten wir rechtzeitig in Cairns im Immigration Office an, um unsere Aufenthaltsbewilligung verlängern zu lassen. Dort ritt der zwar freundliche aber bestimmte Beamte auf den Paragrafen rum und suchte krampfhaft nach Argumenten, weshalb unser Visum gemäss gültigem Gesetz nicht verlängerbar war. Wir mussten die Kröte schlucken und zur Kenntnis nehmen, dass weder das Visum, noch die damit verbundene Aufenthaltsbewilligung innerhalb von Australien verlängerbar war. Der Beamte empfahl uns, aus- und wieder einzureisen um innerhalb unseres noch gültigen Visums die Aufenthaltsbewilligung um weitere 12 Monate zu erneuern.

No worries, mate! Das war ja ganz einfach. Nur kurz über die Grenze und husch wieder zurück. Na wenn’s weiter nichts ist! Dummerweise besteht die australische Landesgrenze ausschliesslich aus Meereswasser und folglich war das Prozedere mehr als nur ein kurzer Spaziergang. So kam es, dass wir unsere Reise in Australien unterbrachen, um mal kurz ein paar Tage Ferien in Neuseeland zu machen.

Der Amtsschimmel wieherte sich halb tot, als er unserem Flugzeug hinterher sah. Aber als wir wieder in Australien einreisten, führte er sich tadellos auf.

Die vierte erste Nacht

Als wir mit Sack und Pack in Australien ankamen, hatten wir lediglich eine Unterkunft in den Compass Country Cabins von Conny und Mark. Und ein klappriges Mietauto. Von einem eigenen Campingfahrzeug waren wir meilenweit entfernt. Am Tag nach unserer Ankunft begannen wir damit, unsere Ausrüstung für die bevorstehende Reise zusammenzukaufen und nach einem geeigneten Fahrzeug Ausschau zu halten. Dieses entdeckten wir bald und nach knapp 14 Tagen, in denen wir uns um die Finanzierung, Anmeldung und Versicherung des Wohnmobils bemühten, stand das Fahrzeug endlich neben unserem temporären Zuhause.

Nun galt es, das 4,5 Tonnen schwere Gefährt, das nach unserer Vorstellung reichlich unpraktisch ausgebaut war, etwas zu optimieren. Beispielsweise diese gelben Dinger, die hinten am Fahrzeug befestigt sind. Das sind zwei 20-Liter Kanister für Diesel, das dazu passende Gestell hatte uns ein örtlicher Schlosser aus einem Teil des nicht benötigten Sofa-Gestells hergestellt. Als kleinere Reparaturen, die wir selber erledigten, drängten sich auf:

– das Überdruckventil am Boiler musste gewechselt werden, weil es undicht war
– der Wasserhahn am Spülbecken wurde ersetzt
– ein Scheinwerfer hatte Kontakt-Probleme
– am Zigarettenanzünder war ein Kabel los

um nur die Aufwendigsten aufzulisten. Nach vielen kleinen Eingriffen waren wir der Meinung, wir seien nun reisefertig. Australia, we’re coming!

Die erste Nacht im Wohnmobil verbrachten wir nochmals in Mount Compass. Es hatte den ganzen Tag über geregnet und wir konnten ein erstes Mal ausgiebig im neuen Fahrzeug wohnen. Das behagliche Wohngefühl kam jedoch zu einem abrupten Ende. Während ich nämlich kurz vor dem Schlafengehen ganz gemütlich auf unserer transportablen Toilette sass (sorry, ich hätte euch dieses Detail gerne erspart, aber es ist für die Geschichte nicht unwesentlich), merkte ich plötzlich, wie es mitten im Camper vom Dach runter tropfte. Wir trauten unseren Augen nicht. Da hockten wir in unserem reisebereiten Fahrzeug und es regnete rein! Wir konnten im Moment gar nichts machen, um uns herum breitete sich die finstere Australische Nacht aus. Macht- und ratlos unterstellten wir fürs Erste einen Eimer und hofften, dass er gross genug sein würde, um die Nacht zu überstehen. Natürlich war unter diesen Voraussetzungen an eine geregelte Nachtruhe nicht mehr zu denken und wir wurden mehrmals wach und konnten so den Kübel immer wieder leeren.

Die Schadensbesichtigung am kommenden Tag ergab: Das gesamte Dach war mit einem speziellen Anstrich neu beschichtet worden. Leider hatte es der Pinsler nicht für nötig gehalten, dazu das Solarpanel abzuschrauben und die sich darunter befindlichen Risse auch zuzukleistern. Ganz abgesehen von den Bohrlöchern, denen eine Wurst Silikon gewiss gut getan hätte. Einmal mehr pilgerten wir zum Hardware Store von Mount Compass – wo wir innert kürzester Frist Stammkunden geworden waren – und erstanden zwei Kilo Polyester und einen Quadratmeter Fiberglasmatte. Damit flickten wir das löchrige Dach. DORT würde es garantiert nie mehr reinregnen!

In der folgenden Nacht hatten wir Gelegenheit, die Tauglichkeit unseres Werks zu prüfen. Selbst aus der etwas ungewöhnlichen Porta-Potti-Perspektive tropfte definitiv nichts mehr ins Fahrzeuginnere.