Dornen auf dem Teller

Mexikaner, das erkannten wir relativ schnell, als wir Mexiko bereisten, essen so ziemlich alles was kreucht und fleucht. So erstaunt es nicht allzu sehr, dass sie nebst diversem Getier auch Kakteen verkochen. Natürlich eignet sich nicht jeder x-beliebige Kaktus zum Verzehr. „Nopales“ nennen die Mexis das anspruchslose Gewächs, das sie im Garten anpflanzen. Kauft man die grossen Kakteen-Ohren auf einem Markt oder im Supermarkt, wurden sie bereits von ihren Dornen befreit, so dass dem Genuss nichts Kratzendes im Wege mehr steht.

Meine kulinarische Experimentierfreudigkeit kannte keine Grenzen, als ich solche Nopales kaufen konnte. Ich schnitt das Grünzeug in Streifen, dämpfte es zusammen mit Zwiebeln und Knoblauch an und war ganz gespannt, wie es schmecken würde. Würde es herb sein, fruchtig, bitter oder erdig? Von lascher Konsistenz oder knackig?

Die Antwort erhielten wir bald: Gekochte Nopales bleiben knackig grün und sind im Geschmack ähnlich wie grüne Bohnen. Ein durchaus gelungenes kulinarisches Experiment, das ich nur zu gerne hierzulande wiederholen möchte. Leider hapert es an Bezugsquellen.

Wer mehr über Nopales erfahren möchte, kann sich hier schlau machen.

Das sind zwar keine Nopales sondern ein Opuntien-Souvenir aus Sardinien. Doch aussehen tun sie ziemlich ähnlich.

Schrecken in Uniform (6)

Um diesem schrecklichen Wetter, das sich vor der Haustüre abspielt, wenigstens gedanklich zu entfliehen, hier eine Geschichte, die sich an einem sonnigen, heissen Januartag in Mexico ereignet hat.

Wir hielten uns in Maruata auf, im Niemandsland an der mexikanischen Pazifikküste auf etwa 18° N. Unser Camper war unter Palmen parkiert. Unter Kokospalmen, wohlbemerkt, von wo theoretisch jederzeit eine Kokosnuss auf unser Autodach oder unser Oberstübli hätte runterdonnern können. Tat aber keine, soviel vorneweg. Es war ein improvisierter Campingplatz mit einem Zaun drumherum, damit die freilaufenden Kühe und Esel nicht quer durch den Platz latschten. Irgendwo hatte es Wasser, von Stromleitungen, die jedem 1.-Lehrjahr-Stromer-Stift die Haare zu Berge stehen lassen würden, baumelten Steckdosen. Wenn es dunkel war, sah man die Ampèrekäfer hin und her sausen. Irgendwann taten sie es nicht mehr. Stromausfall, Hauptsicherung durch, das gesamte Kaff ohne Strom.

Und was taten die Mexis? Die drehten sich erst mal in ihrer Hängematte rum und hofften, dass der Schaden bald behoben sein würde. Damals gab es in Maruata kein Telefon und erst recht kein Handynetz (vielleicht heute, 11 Jahre später, immer noch nicht), der nächste grössere Ort war über 50 Kilometer entfernt. Niemand wusste, ob schon jemand von der Elektrizitätsfirma benachrichtigt worden sei. Ein halber Tag verging. Immer noch kein Strom. Dass das Tiefkühlgut in der Affenhitze zu tauen begann, kümmerte die Mexis weniger, als die Tatsache, dass der Fernseher nicht mehr lief. Also nochmals eine Runde in der Hängematte.

Mein innig geliebter Mitreisender und ich konnten nicht mehr länger untätig rumsitzen. Nicht, dass wir auf Strom angewiesen gewesen wären. Unser Camper hatte ein Solarpanel auf dem Dach, das uns mehr als genügend Strom lieferte. Aber irgendjemand musste doch etwas tun! Es gab einen Stützpunkt der Marine im Kaff, doch mit den Leuten dort wollten die Dorfbewohner nichts zu tun haben. So machten wir zwei Gringos uns auf den Weg und brachten bei den Wachen unser Anliegen vor. Man liess uns stehen, bald darauf kam ein Offizier daher, der uns in das von einem hohen Zaun umgebene Areal hereinbat. Wir sollten doch um Gottes Willen nicht in der brütenden Sonne stehen bleiben, sage er zu uns, bevor er uns anhörte.

Wir erzählten von dem Stromausfall, dass niemand hierhin kommen wolle und dass sie auf dem Marinestützpunkt doch sicher ein Funkgerät hätten, mit dem sie der energetischen Misere Abhilfe schaffen konnten. Der Offizier hörte zu, nickte, hörte weiter zu und fragte schliesslich, wieso der Mitreisende dazu nichts zu sagen habe. Regelmässige Leser des Flohnmobils wissen, dass der Mitreisende …. doch lest einfach selber den zweitletzten Abschnitt hier.

Drei Stunden später: Die Flimmerkisten gingen wieder an und für die Mexis war die Welt wieder schwer in Ordnung. Wir hatten unsere gute Tat vollbracht und das angetaute Fleisch verfiel wieder in den Tiefkühlschlaf.

Maruata war der Boden für ein weiteres, so ganz und gar untechnisches Abenteuer. Lest hier.

Schrecken in Uniform (4)

Ich habe es an dieser Stelle schon einmal erwähnt: Fährüberfahrten schätze ich nicht besonders. Sie sind einfach ein notwendiges Übel um von A nach B zu kommen und egal, ob die Überfahrt zwei oder zwanzig Stunden dauert, das Manövrieren auf die Fähre ist immer ein gewisser Nervenkrieg.

Das war damals, als wir vom Mexikanischen Festland auf die Baja California übersetzten, nicht anders. Zitat aus unserem Tagebuch:

Das Verladeprozedere zieht sich in die Länge. Gründe dafür sind, dass rückwärts eingefahren werden muss und für die LKWs im Fähreninnern seitlich kaum Spielraum besteht. Die Fähre legt pünktlich um 22.00 Uhr ab. Die Nacht verbringen wir im Salón mit über hundert weiteren Passagieren. In den unbequemen Sitzen der Reihenbestuhlung lässt sich kaum schlafen. Viele legen sich auf mitgebrachten Decken – überall dort wo etwas Platz vorhanden ist – flach auf den Boden. In der Cafeteria kaufen wir uns einen Becher Nescafé; etwas Vernünftiges zum Essen gibt es nicht. Nach 10 Stunden Fahrt kommen wir pünktlich im Hafen von La Paz an. Bis wir rausfahren können, dauert es fast zwei Stunden, da die LKWs Probleme haben, wegen des fehlenden seitlichen Abstands rauszufahren. Einige müssen mehrmals vor- und rückwärts fahren, bis sie Zentimeter um Zentimeter den nötigen Abstand gewinnen.

Im Gegensatz zu dem, was uns nachher erwartete, war das Rein- und Rausfahren ein Sonntagsspaziergang. Denn im Ankunftshafen wurden – wie so oft in Mexiko – diverse Kontrollen vorgenommen, obschon wir innerhalb des Landes gereist waren. Den Reisepass und die Fahrzeugpapiere untersuchen lassen war noch das Wenigste. Aber dann kam eben dieser „Mini-Agrar-Minister“, der rücksichtslos in unseren Camper eindrang. Er riss beinahe die Kühlschranktüre ab, beschlagnahmte zwei darin liegende Mangos und einige Orangen und wollte ohne uns anzuhören das Fahrzeug wieder verlassen. Wir hätten die Früchte in einem Supermarkt gekauft, sie hätten doch einen Kleber drauf, und überhaupt, was er nun damit mache, fragte ich ihn. Er werde sie verbrennen, lautete die wenig glaubhafte Antwort.

Da brannte mir die Sicherung durch. Ich versetzte dem pomadigen Kerl, als er den Camper verliess, einen Tritt in den Hintern. Man kann sich vorstellen, dass der Beamte darauf nicht ausgesprochen erfreut reagierte. Wäre ich ein Mann, hätte er sich bestimmt mit mir angelegt. Es hagelte Vorwürfe von meinem innig geliebten Mitreisenden. „Was hast du dir bloss dabei gedacht? Jetzt kannst du selber schauen, wie du da wieder raus kommst.“ Logo, schliesslich war ich nicht nur der Ursprung allen Übels, sondern diejenige, die Spanisch sprach.

Ich blickte in die Runde. Dort standen ein knappes halbes Dutzend Uniformierte, die sich alle Mühe gaben, ein Lachen zu verbeissen. Ein Offizier mischte sich in die Diskussion ein und begann zu schlichten. Nach längerem Hin und Her durften wir das Hafengelände verlassen. Der Mitreisende hatte mich schon hinter schwedischen Gardinen gesehen, er hilflos, da ohne Sprachkenntnisse, nach mir suchend.

Und die Moral von der Geschicht? Tritt den Minister in seinen Hintern nicht!

Baja California, die 1’600 km lange Halbinsel südlich von Kalifornien. Heimat unzähliger Kakteen, die oftmals praktisch bis ans Meer wachsen.

Schrecken in Uniform (1)

Männer in Uniform sind nicht zwangsläufig böse Jungs. Manchmal sind sie einem wohlgesinnt, manchmal lassen sie aber auch ihre Launen an einem aus und bedienen sich auf übelster Weise ihrer Macht. Auf unseren Reisen haben wir immer wieder Kontakt mit Uniformierten gehabt. Solche Reiseepisoden haben mich auf die Idee gebracht, hier eine kleine Serie zu lancieren. Den Anfang macht ein kleiner, korrupter Polizeibeamter im Norden Mexikos.

Wir waren vor wenigen Tagen von den USA nach Mexiko eingereist. An mehreren Amtsstellen mussten wir unsere Pässe zeigen, eine temporäre Einfuhrbewilligung für unseren in den USA eingelösten Camper einholen und natürlich für alles und jedes das Portemonnaie zücken.

Weit waren wir noch nicht gekommen, einige hundert Kilometer vielleicht, unsere Papiere waren alle in Ordnung, sämtliche Gebühren beglichen. Wir fuhren durch ein Städtchen an der Westküste, als mein innig geliebter Mitreisender ein parkiertes Polizeifahrzeug passierte. Kaum dran vorbei, konnte er im Rückspiegel beobachten, wie der Wagen losfuhr, Blaulicht und Horn an, und uns zum Anhalten aufforderte. Der Dorfpolizist – in Mexiko sind das die „Braunen“, im Gegensatz zu den „Blauen“ der Landespolizei, die den Touristen wesentlich günstiger gesinnt sind, also eben dieser Braune erklärte uns, wir hätten uns strafbar gemacht, weil man unser Nummernschild hinten nicht lesen könne.

Dies war reichlich an den Haaren herbeigezogen, waren wir doch mit eben diesem Fahrzeug schon monatelang durch die USA gefahren, ohne dass sich einer der zahlreichen Policemen daran gestört hätte. Wir müssten eine Busse von 100 US-Dollar bezahlen, beschied uns der Gesetzeshüter. Wohlbemerkt, Dollar, nicht Mexikanische Pesos. Er würde nun unseren Fahrausweis beschlagnahmen und wir könnten ihn auf dem Polizeiposten gegen Bezahlung der Busse wieder einlösen.

Der Mitreisende schüttelte energisch den Kopf, äusserte ein paar Sätze, die dem Braunen weitere Gründe für Bussen geliefert hätten und forderte mich auf, einen Geldschein locker zu machen. Er nahm die Zehndollarnote und steckte sie der zwielichtigen Gestalt ins Brusttäschchen am verschwitzten Hemd. Ohne zu zögern händigte uns der Gesetzeshüter den Ausweis wieder aus und wir konnten von dannen ziehen.

Den Begriff „Korruption“ kannten mein Mitreisender und ich bis anhin nur vom Hörensagen. Doch seit jenem Ereignis können wir zu diesem Thema auch unseren Senf geben.

Das etwas gross geratene Streicheltier

Unter einem Streicheltier stellt man sich landläufig etwas Niedliches, Kuscheliges vor. Ein Lamm vielleicht, eine junger Hund oder eine anschmiegsame Katze. Ein Fisch ?!?ein Fisch?!? gehört garantiert nicht in die Kategorie „Schmusetiger“.

Das hatte ich auch lange gedacht. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich im Parque Natural de la Ballena gris eines Besseren belehrt wurde. Der Park befindet sich auf der 1’600 km langen mexikanischen Halbinsel Baja California, der geografischen Fortsetzung Kaliforniens.

In der Laguna Ojo de Liebre bei Guerrero Negro bringen Grauwale im Winterhalbjahr ihre Jungen zur Welt. Die Einheimischen verdienen sich dort ihr Brot mit Bootsfahrten, sie führen Touristen (und nicht etwa Lebensmüde!) nahe, sehr nahe an die Kolosse hinan. Es ist dort nicht so, dass regelrechte Treibjagden auf die Wale veranstaltet werden, wie wir das andernorts erlebt hatten. Nein, die Grauwale werden vom Geräusch des Bootsmotors angezogen und kommen ganz nahe ans Boot heran. Ein Sechsmeterkind streckte schon nach kürzester Zeit seine Schnauze aus dem Wasser. Es kam uns mehrmals so nahe, dass ich es mit der ausgestreckten Hand berühren konnte. Ein einmaliges Erlebnis! Die Haut fühlt sich ganz fein und glatt an.

Unser Boot war nur eine etwas zu gross geratene, motorisierte Nussschale. Die Riesenmutter hielt sich dabei immer in gebührendem Abstand, manchmal schwamm sie unter uns hindurch. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie einem allfälligen Ärger mit einem Zucken ihrer Schwanzflosse Luft verschafft hätte.

 
 

 

Vom Glück, trockene Füsse zu haben

Die Bilder, die uns derzeit aus Australien erreichen, stimmen mich nachdenklich. Ganze Landstriche sind unter Wasser, Städte von der Umwelt abgeschnitten. Es ist noch kein Jahr her, da stand ein anderes Land unter Wasser: Pakistan. Ich weiss nicht, ob flächenmässig mehr betroffen war, sicher aber hat es dort mehr Menschen ihr Hab und Gut genommen. Aber es war eben „nur“ Pakistan. Dieses Land existiert für mich lediglich auf der Landkarte; ich habe absolut keinen Bezug dazu. Australien aber und auch die betroffene Region habe ich über Monate bereist. Wenn sich eine Naturkatastrophe an einem Ort ereignet, den man kennt, wo man selber war, ist das einfach anders.

Familie Flohnmobil ist viel gereist. An so genannt „einfachen“ Orten. In den USA, Kanada, Australien. Als der Mut und die Routine etwas grösser wurden, auch Mexiko und Guatemala. Nie wurden wir behelligt. Nie in einen Unfall verwickelt. Nie von einer Naturkatastrophe betroffen. Dazu gehört nebst der nötigen Vor- und Umsicht auch eine gehörige Portion Glück.

Der Mount St. Helens hatte sich von seinen Deckel schon verabschiedet, als wir in seiner Nähe vorbeifuhren. Beim schwachen Erdbeben in Seattle kam lediglich der Kronleuchter ins Schwanken und New Orleans haben wir noch vor dem Hurricane Katrina erlebt. Im Waldbrandgebiet von Victoria begann es bereits wieder zu grünen und an den Hochwasser-Anzeigen in Queensland gingen wir mit ungläubigem Kopfschütteln vorbei.

„Road subject to flooding“. Wie viele Male fuhren wir in Australien an einer solchen Warntafel vorbei. In den allermeisten Fällen standen diese Tafeln in ausgetrockneten Landschaften. Auch mit viel Fantasie fiel es uns schwer, uns vorzustellen, dass hier mehr als ein Tropfen Wasser aufs Mal vorbeikommen könnte. Nun hat die Natur zugeschlagen. Hat innert weniger Tage so viel Wasser vom Himmel geschickt, wie in den vergangenen paar Jahren zusammen.
 
Arme Aussies. So gerne ich den Roten Kontinent wieder einmal bereisen möchte; im Moment bin ich ganz froh, meine Füsse zu Hause am Trockenen zu haben.

Die Lebensretter

Mir steht der Sinn nach einem Herz erwärmenden Geschichtchen. Angesichts der Kälte schweifen meine Gedanken ab zu einem Strand an der Pazifikküste Mexikos. Maruata heisst das Nest, in dem wir bei unserer Reise durch Zentralamerika eine Woche unter Kokospalmen verweilten. Spart euch die Mühe, es im Atlas nachschlagen zu wollen; nur soviel: Es liegt nördlich von Acapulco.

Der Strand von Maruata wird jeweils von Januar bis März von den bedrohten Schwarzen Meeresschildkröten aufgesucht. Die Muttertiere schleppen sich in der Nacht an Land und beginnen, mit den hinteren Flossen eine ca. 50 cm tiefe Grube zu buddeln. Im Mondesschein wurden wir Zeuge, wie eines dieser gut ein Meter grossen Meerestiere in die frisch gegrabene Grube seine Eier ablegte. Rund einhundert Ping-Pong-Bälle kullerten in die Mulde, bevor die Schildkröte ihre Grabarbeit wieder aufnahm, und das Loch zuschüttete.

Die Schildkrötin war noch nicht mal zurück im Wasser, da kamen schon Leute von der nahen Zuchtstation, um die Eier wieder auszugraben. Dies hatte nicht nur den Zweck, möglichst viele der Eier unter der Wärmelampe auszubrüten, sondern sie vor den Einheimischen zu schützen, die sonst die Schildkröten-Eier in die Pfanne hauen. Angeblich soll man einem Gugelhupf oder einem Rührei nicht anmerken, ob ein Huhn oder eine Schildkröte beteiligt war.

Derart in Gedanken versunken waren wir in Begriff, zu unserem Camper zurück zu gehen, da wären wir beinahe auf ein frisch geschlüpftes Schildkrötlein getreten. Wir begleiteten es eine Weile lang auf seinem beschwerlichen Weg ins Meer. Doch da erschien plötzlich eine Krabbe auf der Bildfläche und zog das arglose Tierchen in einen Gang in den Sand hinein. Das durfte nicht sein! Wir gruben von Hand, bis wir den Winzling aus den Klauen der gefrässigen Krabbe befreit hatten, trugen es behutsam bis ans Wasser und liessen es vom Stapel.

Ob nun genau unser Schildkrötchen das Eine aus einem ganzen Gelege ist, das nach Jahren wieder an Land kommen wird, um Eier zu legen, wissen wir natürlich nicht. Aber wir denken heute noch gerne daran zurück, wie wir einer bedrohten Tierart ein kleines Bisschen auf die Sprünge helfen durften.