Unser täglich Brot

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich hier behaupte, dass die Franzosen die grössten Brotfresser Europas sind.

Ein Baguette (bei uns nicht ganz zutreffend „Pariserbrötli“ genannt) gehört in Frankreich zu jeder Mahlzeit. Ein Baguette, oder eine „Ficelle“, die etwas dünnere Version des Stangenbrots, wird tagtäglich frisch gekauft. Manchmal auch morgens und abends. Weil der Bäcker auch zweimal am Tag Brot bäckt. Das hat seinen guten Grund, denn ein französisches Baguette kann man am zweiten Tag nicht mehr essen, ohne einen Besuch beim Zahnarzt zu riskieren.

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Bäckereien gibt es deshalb in Frankreich an jeder Ecke. Sie kommen als todschicke Etablissements mit Sprüngli-verdächtigen Patisseries daher oder auch nur als Hinterhof-Einrichtung, die Brot und nichts als Brot herstellt. Es gehört zum französischen Lebensstil, mit einem Meter Brot unter dem Arm durchs Dorf zu gehen. Im Zuge der Zeit produzieren die französischen Bäcker mittlerweile auch Vollkorn-Baguettes. Diese sind am zweiten Tag einen Tick weniger steinhart. Gemeinsam mit dem normalen Baguette aus Weissmehl haben sie aber, dass man beim Brot schneiden immer einen Staubsauger zur Hand haben sollte. Denn ein ofenfrisches Baguette verteilt sich beim Schneiden in sämtliche Himmelsrichtungen.

Tja, und hier beginnt das Dilemma. Im Wohnmobil habe ich keinen Staubsauger. Soll ich das Baguette deshalb draussen schneiden? Soll ich nach dem Frühstück ein paar Spatzen, die ohnehin überall herumlungern, einladen, um die Brösmeli aufzupicken?

Ein Lösungsansatz wäre, nur noch Brot vom Vortag auf den Frühstückstisch zu stellen. Nebst dem nicht zu vernachlässigenden Vorteil, dass es nicht mehr brösmelet beim aufschneiden, würde der Brotverbrauch drastisch sinken. Aber ich mag nicht mit der vorprogrammierten Zahnarzt-Telefonnummer auf dem Handy beim Zmorge sitzen.

Immerhin muss ich mich nur einige Wochen im Jahr mit dieser Problematik herumschlagen. Doch was machen eigentlich die Franzosen mit ihrem alten Brot? Wer keine Frage auf diese Antwort hat, ist noch nie in der Grande Nation in den Ferien gewesen. Oder was denkt ihr, was all die Enten, die hier so häufig verspeist werden, gefuttert haben.

Vom Aff gebissen

Es riecht nicht mehr nach Meer, wir sind wieder weit im Landesinneren. Beim Bezahlen auf dem Campingplatz gestern  fragte man uns, ob wir Richtung Spanien fahren. Scheinbar ist das um diese Jahreszeit hier so üblich. Natürlich haben wir uns auch schon überlegt, die Womi-Saison zu verlängern und den Oktober in Spanien zu verbringen. Doch bis anhin haben wir immer gute Gründe gehabt, das nicht zu tun. Dieses Jahr im Übrigen auch.

Wir sind etwa vierzig Kilometer der Küstenstrasse entlang nordwärts gefahren und haben ab den riesigen, aber sehr gepflegten Ferienanlagen gestaunt. Es ist tatsächlich so, wie der Reiseführer geschrieben hat: Ferienbunker gibt es hier keine. Allerdings auch keine Orte mit Charme. Dafür gigantisch grosse Parkplätze, die um diese Jahreszeit von ihren Höhenbalken befreit wurden, so dass auch Womis reinfahren können. Wie muss es hier in der Saison zugehen!

Die Gegend ist topfeben. Das ändert sich sofort, als wir ins Landesinnere einschwenken. Auf mehreren Anhöhen stehen Windräder. Unten am Boden ist die Traubenernte im vollen Gang. Je nach den Ambitionen des jeweiligen Winzers von Hand oder mit einem ulkig aussehenden, hochbeinigen Traktor.

Beim Mittagshalt in einem Winzernest entdecken wir ein sensationell schönes Mosaik-Bild mit Sittichen und Kakadus. Nicht, dass diese Tiere hier vorkommen würden, aber der Künstler hat seine Arbeit gut gemacht.

Unser Tagesziel ist der Womi-Stellplatz von Lunas. Dort haben sich bereits einige Fahrzeuge eingereiht. Sensibilisiert durch kürzliche Erfahrungen stellen wir uns mit gut zwei Meter Abstand neben ein deutsches Wohnmobil. Zum Dorfzentrum sind es wenige hundert Meter. Dort zieht uns die Madonnen-Figur auf dem Hügel magisch an. Doch wie kommen wir dorthin? Im zweiten Anlauf finden wir den Weg und können Lunas bald aus der Vogelperspektive anschauen. Es liegt in einem Tal, zu beiden Seiten der mittlerweile wieder fast bewaldeten Flanken wurden vor vermutlich Jahrhunderten Terrassen angelegt. Anwohner haben sich den Spass gemacht, auf solchen Terrassen ein kleines Dorf einzurichten. Eine witzige Idee.

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Nach einer kalten Nacht – morgens 9 Grad – kommt die Sonne erst um 8.55 hinter dem Berg hervor. Mit unserer Velotour haben wir heute besonderes Glück, denn fast alle Strassen, insbesondere in den Abfahrten, haben einen einwandfreien Belag. Wir pedalen 64 Kilometer durch die grösstenteils bewaldete und kaum bewohnte Gegend. Es ist hügelig mit relativ sanften Steigungen. So kommen 1’200 Höhenmeter zusammen.

Beim Erkunden der unmittelbaren Umgebung des Stellplatzes werden wir von zwei nicht angeleinten Hunden angegriffen. Die Besitzer, die sich offensichtlich für längere Zeit mit ihrem Wohnmobil hier eingerichtet haben und etwas verwahrlost sind, spielen den Vorfall herab. Ich habe zwar nur einen Kratzer abgekriegt, aber wenn der Hund nicht durch die Hose sondern direkt in meine Wade gebissen hätte, wäre es bestimmt schlimmer herausgekommen. Das hätte mir gerade noch gefehlt.

Mein innig geliebter Mitreisender zeigt zuerst noch Mitgefühl, versucht aber schon bald, seinen eigenen Nutzen aus dem Vorfall zu ziehen. Oder findet ihr es etwa nett, dass er mir bei einer kleinen Unzulänglichkeit beim Abwaschen gesagt hat, er glaube eher, ich sei vom Affen denn vom Hund gebissen?

So eine Frechheit!

Es ist dieses allgegenwärtige Rauschen, das einem alle anderen Töne ausblenden lässt. Es lullt einem in den Schlaf, begleitet die süssen Träume, ist wieder da, wenn man den neuen Tag begrüsst.

Wir sind am Mittelmeer! Wenn ich vom Bildschirm aufblicke, sehe ich geradewegs auf das von Schaumkronen verzierte, tiefblaue Wasser. Leider geht ein zügiger Nordwestwind, der nicht nur sämtliche Ideen von wegen „das Wasser lädt zum Bade“, sondern auch sonstige Freuden, die man mit Sonne und Strand in Verbindung bringt, vernichtet. Wir sind heute im Windstopper spazieren gegangen, jawohl, das ist die brutale Wahrheit. Aber morgen soll der Wind abflauen.

Schon gestern, als wir uns auf dem Campingplatz nach dem besten aller guten Stellplätze umgeschaut haben, hat uns innert kürzester Zeit das berühmt-berüchtigte Outback-Feeling eingeholt. Will heissen: Der Sand hat zwischen den Zähnen geknirscht.

Dabei gab es früher am Tag noch einen viel triftigeren Grund, um mit den Zähnen zu knirschen. Wir waren beim Einkaufen bei Carrefour und auf der Menuliste stand mal wieder „Gschwellti mit Chäs“. Das ist ein Klassiker bei uns und mit Ausnahme von Glarner Schabziger kriegt man hier in Frankreich ja alles, was es dazu braucht. Bei der Käsevitrine – was sehen meine Sperberaugen – Schweizer Fähnli. Na was bieten die Franzosen denn für Fromage suisse an? Mich traf beinahe der Schlag! Käse mag es ja gewesen sein. Mehr als eine Sorte auch. Selbst die Löcher haben nicht gefehlt. Aber es war alles Holländer Käse. So eine Frechheit!!! Ich hätte den Käse am liebsten in Stücke zerrissen. Oder besser den Verantwortlichen, der diese Schlamperei angeordnet hat. Wenn die Amerikaner Schweden und die Schweiz nicht auseinander halten können, ist das ja noch eins. Aber von den Franzosen hätte ich etwas tiefgründigere Geografiekenntnisse erwartet. 

Zurück zum Campingplatz. Dieser liegt südlich von Argelès-sur-Mer an der felsigen Küste der Côte Vermeille. Falls ihr nicht wisst, wo das ist, holen wir hier gleich die verpasste Geografiestunde nach: Dort, wo die Pyrenäen ins Mittelmeer fallen, oder je nach Betrachtungsweise auch dort, wo sie sich aus dem Meer erheben, beginnt die Côte Vermeille. Es sind nur noch wenige Kilometer bis an die spanische Grenze.

Der nächste Ort  ist nur zwanzig Gehminuten vom Campingplatz entfernt. Wie so viele Küstenstädte, ist auch Collioure absolut Wohnmobil untauglich, da eng und kaum mit Parkplätzen gesegnet. Aber Collioure ist sehr schön an einer natürlichen Bucht gelegen. Die Nähe zu Katalanien ist auf Schritt und Tritt hör- und sichtbar. In den engen Gassen hört man viel Spanisch, in den Restaurants werden Tapas angeboten und die Strassen sind häufig zweisprachig angeschrieben.

Wir sind etwas durch die zügigen Gassen gebummelt und haben uns dann in einem herrlich gelegenen Café an die Sonne gesetzt und dem Treiben zugeschaut. So lässt es sich leben. Wer wird denn da nach Hause zurück wollen, wo schon der Winter an der Haustür klopft?

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Markttag

Wenn ich in einem Ort bin, wo gerade Markt abgehalten wird, muss ich einfach hin. Auch wenn ich von den feil gebotenen Sachen nur Essbares kaufe, lasse ich mir die spezielle Stimmung nur ungern entgehen.

Es ist erstaunlich, wie sich kleine, vermeintlich abgelegene Ort am Markttag in pulsierende „Wirtschaftsmetropolen“ verwandeln. Aus aller Herren Länder scheinen die Verkäufer angekarrt zu kommen.

Das Angebot reicht von gartenfrischem Obst und Gemüse zu Fleisch, Geflügel, Käse, Fisch, Wurstwaren, Honig, Wein, Brot und Gebäck. Und an einer oder mehreren Ecken wird bestimmt etwas gekocht, damit die Sache mit dem Mittagessen auch gleich geritzt wäre.

Nur Essen und Trinken? Weit gefehlt! Reizwäsche, Schürzen, Matratzen Schuhe, Lederwaren, Kitsch, Jeans, Hüte. Es gibt nichts, was es auf einem grossen französischen Markt nicht gäbe und an Ständen oder auch mitten auf der Strasse angeboten würde.

Schaut selbst rein. Das Angebot reicht von verlockend bis …. na ja, Kleider sind bekanntlich Geschmackssache.

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Ein Taxi mitten im Walde

Da erwacht man endlich mal an einem Ort, an dem man nicht von einem Dutzend Wohnmobile umzingelt ist – und dann das. Ein Aargauer steht auf dem Parkplatz! Aber von dem lassen wir uns die Laune nicht vermiesen – Landsleute sollte man schliesslich zu schätzen wissen, und in den Pyrenäen haben wir nicht viele angetroffen.

Habe ich euch schon von unserer Wanderung erzählt? Viel Rühmenswertes gibt es darüber zwar nicht zu berichten, aber ein sehr spezielles Erlebnis hatten wir dennoch, das ich euch nicht vorenthalten will. Eigentlich wollten wir die zweistündige Wanderung „Belvédère du Diable“ mit Aussicht auf die markanten Felsen abtippeln. Dummerweise hatte ich die Beschilderung falsch interpretiert und so sind wir gelaufen und gelaufen und gelaufen, bis wir beinahe auf 1’000 Metern Höhe angekommen waren. Der innig geliebte Mitwanderer hatte schon längere Zeit gemurrt, und das nicht ganz zu Unrecht, denn der Weg führte einer langweiligen Forststrasse entlang, nur ganz wenige Male gaben die Bäume die Sicht frei auf Quillan und die grösstenteils bewaldete Umgebung.

Gerade als wir beschlossen, es sei an der Zeit umzukehren, näherte sich uns ein Auto. Nicht etwa ein Jeep mit einem Mann in Feldgrün, sondern ein ganz gewöhnlicher Renault Kangoo. Seine drei Passagiere stellten sich als Amerikaner heraus, die genau wie wir auch nicht so genau wussten, wo auf diesem Planeten sie waren. Man stelle sich vor: Zwei verirrte Schweizer auf einem französischen Forstweg, leicht genervt, dass sie den gleichen ollen Weg wieder runtermarschieren müssen. Drei ebenso verirrte Amerikaner aus Virginia, die ihr Autöli auf einer miserablen Waldstrasse den Berg rauf quälen, ohne jegliche Ahnung, wohin sie unterwegs sind. Und man trifft sich. Die Amerikaner boten uns an, mit ihnen runter zu fahren, was wir dankbar annahmen. Der unerwartete Wald-Taxi-Dienst wird uns jedenfalls noch lange Gesprächsstoff liefern.

Im Anschluss an diese missratene Wanderung haben wir einen Feigenbaum geplündert. Wobei „plündern“ eigentlich das falsche Wort ist. Denn sämtliche Feigenbäume hier in den östlichen Pyrenäen brechen beinahe zusammen unter der Last ihrer reifen Früchte. Und die scheint niemand zu wollen. So gut sie auch schmecken, wir können davon auch nur ein paar wenige Früchte essen, sonst…

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Als „Kompensation“ für die abverreckte Wanderung haben wir gestern eine Velotour gemacht, die auch kilometerweise durch den Wald geführt hat und dadurch manchmal etwas nervtötend war. Trotzdem hat sie sich gelohnt. Wo findet man denn bei uns einen Fluss, dem man 40 Kilometer lang folgen kann? Durch Schluchten, verlassene Dörfer, an Stauseen entlang und schliesslich auf eine Hochebene fast bis zu dessen Quelle. Und weil es eben gar nicht so leid war, sind wir heute den Weg noch mit dem Auto gefahren. Natürlich nicht wieder den gleichen Weg zurück – also so bescheuert sind wir nun auch wieder nicht. Die Strasse geht schliesslich weiter und führt in ein breites Hochtal, zu vergleichen mit dem Oberengadin oder dem Goms. Oben hat es scheussliche Retorten-Skiorte. Und am Col de Quillane (1’714) einen Segelflugplatz. Falls das irgendjemanden interessiert.

Es gibt Leute, die fahren nach Font Romeu, weil es einen ausgezeichneten Ruf als Sommer- und Wintersportort geniesst. Und dann gibt es noch solche, denen gefällt wohl die Landschaft hier oben, aber die können sich mit dem Baustil nicht so anfreunden. Doch sie sichten auf der Durchfahrt einen Waschsalon und nutzen die Gunst der Stunde. Als Belohnung können sie heute Abend in einem frisch bezogenen Bett schlafen.

Die Weiterfahrt, ostwärts Richtung Mittelmeer, war gigantisch. Über eine imposante, gut ausgebaute Strasse, die unseren Passstrassen jederzeit das Wasser reichen kann, haben wir 1’000 Höhenmeter vernichtet. Das Tal der Têt ist zwischendurch sehr schmal und der ganze Verkehr muss sich durch enge Dörfer zwängen. Was für eine Zumutung für die wenigen verbliebenen Bewohner!

Nun sind wir nur noch etwa fünfzig Kilometer vom Meer entfernt. Es weht ein raues Lüftchen. Was wohl aus unserem Vorhaben wird, einige Tage auf einem Campingplatz am Mittelmeer zu verweilen? Ich befürchte, wir haben zu kurze Badehosen dabei.

Der passende Abstand

Man nehme ein unbemanntes Wohnmobil beliebiger Marke, Alter, Grösse und Provenienz. Man stelle es auf einen grossen leeren Parkplatz in einem Ort, wo die Stadtväter einen offiziellen Wohnmobil-Stellplatz direkt an der lärmigen Durchgangsstrasse ausgeschildert haben. Und dann warte man.

Als erstes erscheint ein Wohnmobil mit Schweizer Kennzeichen. Nennen wir die Besitzer Herr und Frau Flohnmobil. Dem Ehepaar will es auf dem offiziellen Stellplatz nicht so recht gefallen. Denn dort erscheint es ihnen zu lärmig. Sie machen sich also zu Fuss auf, um einen besseren Übernachtungsplatz zu finden. Lange müssen sie nicht suchen, denn quer über dem ausgedienten Bahngleis, Luftlinie hundertfünfzig Meter vom offiziellen Stellplatz, steht ein Wohnmobil in einer ruhigen Quartierstrasse. Herr und Frau Flohnmobil sind sich schnell einig: Da wollen sie hin.

Zurück zur Kreuzung, dann links, über das Bahngeleise, diesem entlang und schon sind sie da. Sie stellen bald fest, dass das gesichtete Wohnmobil vermutlich hier abgestellt ist, denn es hat ein lokales Kennzeichen. Das stört Flohnmobils aber nicht im Geringsten, sie stellen sich nebenan, parken rückwärts ein, mit dem Heck zu den rostigen Schienen.

Es dauert keine halbe Stunde, da kreuzen zwei weitere Wohnmobile auf. Ganz offensichtlich gehören sie zusammen. Flohnmobils mussten damit rechnen, dass sie nicht lange alleine bleiben würden. Beide Wohnmobile parkieren flugs vorwärts. Es bleibt genügend Platz zwischen dem zweiten Wohnmobil und dem Flohnmobil. Doch nicht lange. Denn das eine Wohnmobil scheint plötzlich wild entschlossen, sich um 180 Grad drehen zu müssen. Es folgt ein Manöver mit Seltenheitswert. Zuerst winkt und gestikuliert die Beifahrerin, bald eilt auch noch die Beifahrerin des zweiten Fahrzeugs zu Hilfe. Das französische Wohnmobil kommt dem Flohnmobil gefährlich nahe. Es geschieht das, was in solchen Situationen häufig passiert, aber bekanntlich absolut nichts nützt: Die Beifahrerin klopft wie wild auf das Hinterteil des Wohnmobils. Hätte der Fahrer nicht ohnehin gebremst, hätte das Tätscheln an der Womi-Rückwand null Wirkung gezeigt.

Um es vorweg zu nehmen: Dem Flohnmobil ist nichts passiert. Aber der französische Chauffeur ist noch länger am kurbeln, bis er am gewünschten Ort steht. Nun folgt die Stunde von Herrn Flohnmobil. Er will sich etwas Abstand verschaffen zu den Franzosen, stellt sein Fahrzeug kurzerhand einen Meter weiter nach links. Zufrieden mit seinem Werk zieht er den Schlüssel ab. Nun parkiere keiner mehr links von ihm und vor allem werde er so wegen dem hohen Randstein keine Mühe haben, raus zu fahren.

Kaum fertig gedacht, kommt ein weiteres Wohnmobil und stellt sich ohne zu zögern links vom Flohnmobil auf die gekieste Fläche. Die Rechnung von Herrn Flohnmobil ist nur zum Teil aufgegangen, sieht er doch nun von seinem Esszimmer-Fenster direkt ins Esszimmer des Nachbarn. Dieses ist nur eine Armlänge entfernt. Herr Flohnmobil erteilt dem Franzosen den Rat, doch noch einen Meter weiter vor zu fahren. So muss Herr Flohnmobil zwar den Veloträger mit zwei rostigen Fahrrädern anschauen, aber das scheint ihm das kleinere Übel.

Flohnmobils haben fest damit gerechnet, im fortschreitenden Abend auch auf der rechten Seite noch Nachbarn zu erhalten. Doch der Platz bleibt frei, dafür tummeln sich auf dem offiziellen Stellplatz mindestens zehn Fahrzeuge. Trotzdem haben sie sich griffige Massnahmen überlegt, wie sie sich fortan vor den aufdringlichen Annäherungen der Franzosen schützen können. Sie werden künftig exakt 2,6 Meter Abstand zum Nachbarn einhalten. Das dürfte selbst einem Franzosen zu eng werden, um noch dazwischen zu parkieren. Und damit das Mass nicht über- oder unterschritten wird, werden Flohnmobils eine Messlatte in genau der richtigen Länge besorgen. Sicher ist sicher. Und Ordnung muss sein.

Mitten ins Chaos

St. Girons ist eine anschauliche Kleinstadt und bietet viele Möglichkeiten für Radtouren. Zu dumm nur, dass die Stadtväter keinen lauschigeren Wohnmobil-Stellplatz zur Verfügung stellen. Trotzdem haben wir von hier aus zwei Radtouren unternommen. Die eine eher ins Flachland hinaus und den Flussläufen Garonne und Salat folgend. Die gestrige hinauf auf den Col du Portet d’Aspet (1’069 m).

Dieser Pass hat eine traurige Berühmtheit erlangt, als im Juli 1995 der Tour-de-France-Fahrer Fabio Casartelli in der Abfahrt tödlich verunglückte. Wir sind diesen Pass vor ein paar Jahren schon einmal gefahren und haben am Monument, das zum Gedenken an Casartelli erstellt wurde, gehalten.

Gestern haben wir auf der Passhöhe unsere Fahrräder um 180° gewendet und sind wieder den gleichen Weg runter gefahren. Mit viel Schwung sind wir durch die Dörfer gedüst. Auch die Pyrenäen sind nicht von der Abwanderung verschont. Ganze Häuserzeilen entlang der Strasse scheinen verwaist. Viele Häuser werden zum Verkauf angeboten. Wenn man überhaupt Leute sieht, dann häufig Alte.

Es war wohl nicht die beste Idee, gestern nach der Radtour noch weiter zu fahren. Aber eben, wenn man schon am Morgen wüsste, was man dann am Abend weiss. Wir wollten die 45 Kilometer bis nach Foix fahren. Dort hatten wir im GPS einen Stellplatz gefunden. Aus Erfahrung wissen wir, dass die späten Nachmittagsstunden nicht gerade ideal sind, um in eine französische Stadt zu fahren. Deshalb hatten wir gehofft, unterwegs schon einen Übernachtungsplatz zu finden. Diese Hoffnungen schwanden aber mit jedem Kilometer und schon fanden wir uns mitten im Chaos von Foix wieder.

Das Tüpfchen aufs i setzte unser Navi, führte es uns doch von einem Kreisel aus in eine Sackgasse. Wenden war angesagt. Zum Glück gab es einen einzigen freien Parkplatz in der engen Strasse, sonst hätte mein innig geliebter Chauffeur uns nicht aus der Misere raus bekommen. Später sagte er mir, er hätte sich schon überlegt, in welche Richtung er rückwärts in den Kreisel einfahren müsste. Bloss das nicht!

Wir gaben uns noch nicht geschlagen und fuhren ein weiteres Mal durch die „Prachtsallee“ der sehr geschäftigen Kleinstadt. Ein grosser Parkplatz, der gemäss Navi der Womi-Stellplatz hätte sein sollen, erwies sich bereits als proppenvoll. Trotzdem hingen einige Wohnmobile schräg am Trottoir-Rand. Nein danke, da blieb nur eines: die Flucht ergreifen.

Da ich keinen Plan B greifbar hatte, fuhren wir die erstbeste Ausfallstrasse und mussten einige Kilometer fahren, bis wir anhalten und uns neu orientieren konnten. Der Tag nahm ein halbwegs gutes Ende, als wir in einem unbedeutenden Nest einige Kilometer ausserhalb von Foix einen verwaisten Parkplatz bei einer Tanzschule fanden. Auch wenn ich von Tanzen rein gar nichts halte, den Parkplatz nahm ich mit Handkuss. Und auch die wilden Pflaumen, die hinter dem Gebäude reif am Baum hingen, und die offensichtlich niemand wollte, verschmähten wir nicht. Ganz im Gegenteil, wir sammelten ein Sieb voll ein und kochten Kompott.

Nach zwei sonnigen Tagen mit Temperaturen Nahe 30 Grad war es heute den ganzen Tag bedeckt. Aus der hochnebelartigen Bewölkung fielen vereinzelte Tropfen. Wir hätten heute Abend auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz (der notabene im Michelin-Führer empfohlen wird) beinahe ein ähnliches Fiasko wie gestern erlebt. Doch diesmal waren wir wesentlich früher dran. Was uns in Quillan passiert ist, spare ich mir aber für morgen auf.

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Rund, runder, Kreisel

Ach waren das noch Zeiten, als man vor einem Rotlicht warten durfte. Man konnte sich sogar überlegen, ob es sich vielleicht lohnen würde, den Motor abzustellen. Wenn man lange genug nachdachte, wurde es sicher wieder mal grün.

Hier in Frankreich gibt es zwar auch noch gelegentlich Ampeln, doch grün wird das Licht nur noch selten. Dafür blinkt es orange. Und dann kann man fahren. Sofern man rechtzeitig merkt, dass es nie grün wird. Vielleicht hat man aber Glück, und die netten Automobilisten hinter einem machen mit freudigem Hupkonzert darauf aufmerksam, dass man sich allmählich in Bewegung setzen sollte.

Aber wie bereits erwähnt, Ampeln sind in Frankreich vom Aussterben bedroht. Nur eine kleine Population von Baustellen-Verkehrsreglern scheint sich halten zu können. Sie trotzen der Übermacht der allgegenwärtigen Kreisel.

„Beim nächsten Kreisverkehr fahren Sie geradeaus, dritte Ausfahrt.“ Unsere Tante GPS kann diesen Satz längst auswendig. Muss sie auch, denn Frankreich ist das Land der Kreisel, hier zu Lande „rond point“ genannt. Kreisel haben den Vorteil, dass man unbeschränkt lange rundum fahren kann, bis man entweder kurz vor dem kotzen steht oder endlich weiss, welche Ausfahrt die Richtige ist. Kreisel haben aber auch den Nachteil, dass man in ihnen besonders viel Gummi liegen lässt. Ist man mal an einem Ziel vorbeigefahren und kann nicht wenden (was mit einem Wohnmobil ja des Öfteren vorkommen soll) fährt man einfach bis zum nächsten Kreisel und begibt sich zurück auf den richtigen Kurs.

Im Gegensatz zu beispielsweise England, wo uns in einem Kreisel ein Autobus überholt und vorne reingeschnitten hatte, fahren die Franzosen recht diszipliniert, wenngleich flott in den Kreisel hinein und wieder hinaus. Trotzdem sind mir insbesondere die doppelspurigen Kreisel nicht ganz geheuer.

Diesen Herbst haben wir bestimmt schon mehrere Hundert Kreisel befahren. Mit ganz wenig „Ehrenrunden“. Und wenn, dann hatte garantiert wieder mal Tante GPS unrecht.

Da haben wir den Salat

Wir haben uns wieder ein Stück ostwärts fortbewegt. Mittlerweile sind wir in St. Girons angelangt. Das Städtchen liegt nicht im, sondern am Salat. So heisst nämlich der Fluss, der den Ort durchfliesst. Wir stehen mal wieder Stossstange an Stossstange mit einem guten Dutzend Womis. Wenigstens ist der Stellplatz diesmal so angelegt, dass zumindest die Fahrzeuge, die früh dran sind, hinter- und nicht nebeneinander parkieren können.

Bei uns hat es heute ein Glas Jurançon zum Fisch gegeben. Das ist ein Weisswein, der am Fusse der Pyrenäen, in der Gegend von Pau, wächst. Wir haben das Tröpfchen vor Jahren entdeckt und immer, wenn wir in den Pyrenäen sind, halten wir Ausschau nach dem starken Weisswein. Stark in mancherlei Hinsicht, denn er hat 13 % Alkohol, wird aus der bei uns gänzlich unbekannten Manseng-Traube hergestellt und schmeckt uns einfach hervorragend. Sollten diese Zeilen also etwas – nennen wir es mal vorsichtig „seltsam“ – daher kommen: Jurançon. Sec übrigens, denn die meisten Jurançon-Weine sind süss und genauso wenig zu verachten, wie die trockene Version.

Doch zurück zur harten Realität. Die hat uns heute Morgen eingeholt. Besser gesagt unsere Pumpe. Die treibt uns zum Wahnsinn, weil sie ständig anläuft. Wir vermuten, dass mit dem Druckschalter etwas nicht in Ordnung ist. Aber wo so schnell Ersatz her bekommen? Deshalb bin ich nun genau dort, wo mich mein innig geliebter Mitfahrer immer haben wollte: Die Pumpe wird zwecks Schonung unserer Nerven nach jedem Gebrauch abgeschaltet. Ich weiss nicht, was mir mehr auf den Geist geht, Pumpe immer wieder einschalten, oder das ständige Brummen.

Weil wir nach dem Ärger eine Aufmunterung brauchten und diese von Seiten des Wetters noch nicht zu erwarten war, haben wir uns nach dem Stadtbummel durch St. Girons eine Crepe genehmigt. Sehr aufwändig serviert, kann man da nur sagen. Doch geschmeckt hat es. Seht selber nach!

Bei unserem Spaziergang ins Nachbardorf sahen wir einen, nein gleich zwei der angeblich zwanzig Bären, die in den Pyrenäen leben sollen. Bei genauerem Hinsehen konnten wir ausserdem Hirsche ausmachen, Gämsen (oder waren es nur Ziegen?) und Rehe. Und bei noch genauerem Hinsehen entpuppten sie sich alle als pflanzlich. Dafür als absolut ungefährlich, da buchstäblich angewurzelt.

Ja und da gab es heute auch noch Hasenalarm. Doch keine Bange, war nicht halb so schlimm wie der Ameisen-Alarm vor einigen Tagen. Von unserem Stellplatz aus beim alten Bahnhof sehen wir auf das von Unkraut überwachsene ehemalige Bahntrassee. Dort tummelten sich vor dem Einnachten die Kaninchen im Multipack. Mein Mitfahrer meinte, die gäben sicher eine Pfanne voll. Ich solle doch schon mal die Pfeffermühle scharf machen. Das wäre ja wohl der einfachere Teil des Kochens, solange der Mitfahrer das Viech bis ins Wohnmobil bringt.

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Morgenrot – Abend tot

Vielleicht hatte ich gestern den Mund doch etwas zu voll genommen, von wegen schönes Wetter und so. Dabei hatte ich soooo brav den Teller ausgegessen (wer hätte das nicht, bei einem so feinen Stück Lammgigot vom Grill). Doch als wir heute Morgen noch unter der kuschelig warmen Bettdecke lagen, hörten wir das, was man im Wohnmobil schneller als irgendwo in einem Gebäude wahrnimmt: Regentropfen.

Die Wetterregel „Morgenrot – Abend tot“ hat voll zugeschlagen, denn als ich zu noch früherer Stunde aus dem Fenster geschaut hatte, zeigte sich der Himmel in prächtigster Stimmung. Was also sollte aus der geplanten Velotour werden? Abwarten und vielleicht später gehen? Risikofreudig drauf los pedalen? Wir entschieden uns für die defensive Taktik. Regen und Rennvelo finden wir seit jeher keine so gelungene Kombination.

Es hatte den ganzen Vormittag über immer wieder vereinzelte Tropfen gegeben, eigentlich kaum der Rede wert. Aber ich hatte im Radio aufgeschnappt, dass es am Nachmittag regnen sollte. Also keine Velotour. Den ganzen Tag beim Wohnmobil herumhängen wollten wir trotzdem nicht. Dummerweise hatten wir uns gestern gleich den Campingplatz für zwei Tage erkauft. Weiterfahren kam also nicht in Frage.

Für solche Fälle führen wir eine vollständige Wander-Ausrüstung mit. Wir haben die „halbernsten“ Schuhe geschnürt und das Dorf und die Umgebung erkundet. Immer wieder der zweifelnde Blick himmelwärts. Wäre es vielleicht doch den ganzen Tag trocken geblieben? Die Antwort kam am frühen Nachmittag. Es hat endlich zu regnen angefangen. Gott sei Dank! Es hätte uns nämlich mehr geärgert, wenn es trocken geblieben wäre und wir einen Tag verplempert hätten, als nun, wo es regnet.

Und so gibt es vom heutigen Tag leider keine Bilder mit strahlend schönem Wetter. Ein kleines farbiges Highlight hatte ich an diesem trüben Tag dennoch. Ich fand unterwegs ein winziges, blaues Federchen. Ist zwar ein schlechter Tausch gegen so viel blauen Himmel, wie wir ihn in den vergangenen Tagen hatten, aber man soll sich zwischendurch ja auch mal in Bescheidenheit üben.

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