Von kleinen Bäumen und grossen Löchern

Je weiter man in den Norden fährt, umso mehr ändert sich die Landschaft. Logisch, oder? Wir wissen, was uns erwartet hätte, wenn wir noch weiter nordwärts gefahren wären. In erster Linie werden die Bäume immer kleiner, die Sümpfe und Moorlandschaften dagegen grösser, landwirtschaftliche Flächen verschwinden, die Ortschaften liegen weiter auseinander. Wir haben es erlebt, als wir durch Kanada nach Alaska und wieder zurück fuhren und wir haben es erlebt, als wir vor einigen Jahren in Norwegen hoch bis in die Lofoten und durch Schweden zurück fuhren.

Doch es gibt noch mehr Gründe, weshalb wir das Steuer herumgeworfen haben. Irgendwie wurde es uns ab dem 60. Breitengrad zu eintönig. Zu menschenleer. Zu viel Natur. Wir konnten keine Radtouren mehr machen, weil es fast nur noch schnurgerade Strassen durch die Wälder gab und die Wälder selber waren so unzugänglich, dass Wandern einer Überlebensübung gleichgekommen wäre.

So pickt man sich die wenigen Highlights, die am Wege liegen, und besucht beispielsweise mitten im Sommer eine Langlaufloipe. In Torsby gibt es eine 1,3 km lange Loipe, die in einem Tunnel verläuft und den ganzen Sommer in Betrieb ist. Es herrschen konstant minus 3 Grad, die Loipe vollführt mehrere Kurven und eine Steigung von 25 Meter.

Da bekanntlich Friedhöfe eine gewisse Anziehungskraft auf uns ausüben, haben wir den Friedhof von Ekshärad besucht. Dort zieren anstelle der soliden Grabsteine luftig-leichte Lebensbäume aus Eisen die Gräber.

Erneut haben wir uns in die Region Dalarna verliebt. Die Häuser, ja ganze Dörfer, erinnern eins ums andere an ein Heimatmuseum. Zu Dalarna gehört auch Falun mit dem Unesco Weltkulturerbe der Kupfergrube. Wir haben staunend in das riesige Loch geblickt, das 1687 entstanden ist, als die ganze Kupfergrube in sich zusammenfiel. Ins Innere der Mine gehen haben wir gestrichen – wenn schon mal das Wetter sonnig und warm ist, mögen wir uns nicht in Helm und Pellerine einkleiden lassen und in die 5 Grad kalten Stollen steigen.

Und plötzlich hatten wir wieder Meer vor uns. Öregrund rühmt sich, der einzige Ort an der Ostküste zu sein, von dem aus man die Sonne ins Meer versinken sieht. Wir haben den malerischen Ort in erster Linie als sehr wohnmobilfreundlich erlebt. Ob das wohl damit zusammenhängt, dass Öregrund in keinem unserer drei Führer erwähnt ist?

Mittlerweile ist übrigens auch in Schweden der Sommer eingefahren. Endlich. Nun sind die Schweden nicht mehr zu bremsen und scheinen gar nie ins Bett zu gehen. Kunststück, es wird ja auch kaum dunkel hier.

Makaber, aber praktisch

Das mag wohl etwas makaber tönen, aber Friedhöfe sind für uns immer praktisch. Einerseits, wenn wir einen Parkplatz suchen, beispielsweise als Ausgangspunkt für eine Velotour. Andererseits aber – und vor allem – wenn der Wasservorrat langsam zur Neige geht. Da wir so gut wie nie auf Campingplätze übernachten, haben wir so die Möglichkeit, den Wassertank wieder zu füllen. Vor allem hier in Schweden, wo man keine öffentlichen Brünnen so wie bei uns kennt, ist das sehr praktisch.

Friedhöfe in Schweden sehen eher aus wie gepflegte Grünanlagen denn Bestattungsorte. Meist befinden sich an einem gut zugänglichen Ort einer oder mehrere Wasserhähne, dazu Giesskannen und Gartengeräte. Ich mach jede Wette: Bei uns würde dieses Werkzeug glattweg geklaut.

  

Wir haben auch keine Skrupel, auf einem schön gelegenen Friedhofs-Parkplatz zu übernachten. Realistisch gesehen muss man ja sagen, dass die, die dort liegen, einen nicht stören. Und wir stören sie gewiss auch nicht. Trotzdem würden auch wir nicht bedingungslos Friedhöfe als Übernachtungsplätze propagieren. Etwas Taktgefühl muss man da schon walten lassen. Und es gibt ein Land, wo wir selbst in der grössten Not nie unser Nachtlager bei einem Friedhof aufschlagen würden: In Italien. Denn in der warmen Zeit hängt dort immer so ein strenger Geruch nach Verwesung in der Luft.

Ach du riesiges Wasser!

Da hat Mutter Erde in Schweden nach der letzten Eiszeit etwas Gigantisches erschaffen: Den drittgrössten See Europas, den Vänernsee. Er ist 5’650 km2 gross und damit (nur so als bescheidener Vergleich mit bekannten Tümpeln) mehr als zehn Mal so gross wie der Bodensee. An seiner tiefsten Stelle ist er 106 m und er hat ein Volumen von 153 km3. Wenn wir als Vergleich nochmals das Schwäbische Meer bemühen: Dieses ist maximal 254 m tief und hat ein Volumen von 48  km³.

Soweit zu den Fakten. Der Vänern ist über den Göta- und den Gotland-Kanal mit der grossen weiten Welt bzw. der Ost- und Nordsee verbunden und beschiffbar. Heutzutage dürften es überwiegend Freizeitkapitäne sein, die die Wasserstrassen aus Mitte des 19. Jahrhunderts befahren. Wir haben zwei deutsche Ehepaare aus der Gegend von Lübeck getroffen, die mit ihrem Segelschiff auf dem Vänern unterwegs waren. Selbst als absolute Landratte muss ich gestehen, dass so etwas sicher seinen Reiz hat. Zuerst den Schäreninseln vor der Küste Südschwedens entlang segeln, dann den Götakanal bei Göteborg hinauf und durch mehrere Schleusen in den Vänern. Bis man dort alle 22’000 Inseln und Inselchen umschifft hat, dürfte der Sommer rum sein.

Wir konnten bei Trollhättan beobachten, wie die Schleusen den Weg für ein Ausflugsschiff, ein Segelboot und zwei Kajaks frei machten. Ein Spektakel, das wir nicht alle Tage zu Gesicht bekommen.

Wo ist der Schalter fürs Sommerprogramm?

Was haben wir denn so alles erlebt in der vergangenen Woche?

Wir haben uns auf Radtouren verregnen lassen.
Auf einer Wanderung wurden wir zünftig gespült, auf der nächsten haben wir geschwitzt.
Wir hatten fast jeden Tag die Heizung an.
Mein innig geliebter Mitreisender hat einen schönen Saibling gefangen.
Ich habe die ersten Eierschwämme gefunden.
Wir haben weitere Erfahrungen in Sachen „schwedischer Kaffee“ gemacht. Leider vorwiegend negative.
Vom Schlafzimmerfenster aus haben wir fast jeden Morgen einen neuen See gesehen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man vom 59. Breitengrad aus den heimischen Wetterbericht schaut und auf des Moderatoren Stirn die Schweissperlen glänzen, während man selber fast jeden Tag mit der Regenjacke herumläuft. Die kurzen Hosen sind ohnehin schon seit geraumer Zeit zuhinterst im Wäscheschrank angekommen. Ich glaube, Petrus hat da irgendein Problem. Wenn ich meine Diagnose äussern darf: Ich gehe davon aus, dass der Kerl farbenblind ist. Kann Blau von Grau nicht unterscheiden.

Värmland, wo wir uns momentan aufhalten, ist bereits relativ dünn besiedelt. Selbst für schwedische Verhältnisse. Hier leben gerade mal 17 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Ortschaften liegen weit auseinander. Diese ländliche Idylle hat es uns angetan. Wenn jetzt das Wetter endlich aufs Sommerprogramm umschaltet, sind wir restlos zufrieden.

Ringelreihen für den Sommer

Midsommar ist für die Schweden das Fest der Feste und kommt in der Wichtigkeit unmittelbar nach Weihnachten. Midsommar wird an einem Freitag gefeiert und läutet auch die Ferienzeit ein, obschon die Kinder schon seit einer Woche nicht mehr zur Schule gehen. Seit vergangenem Freitag stehen nun auf den Dorfplätzen wieder diese typischen „Maibäume“ aus Birkenlaub und Blumen.

Wir waren an einer solchen Zeremonie, wo um den Baum Trachtengruppen tanzten. Anschliessend führten mit Blumenkränzen geschmückte Kinder zusammen mit ihren Eltern eine Art Ringelreihen zu einem live gesungenen und von einem Heimwehkompressor begleiteten Lied auf. Die Lieder scheinen altbekannt zu sein und werden vermutlich Jahr für Jahr gesungen. Als Höhepunkt – sicher aus der Sicht der Kinder – gab es am Schluss ein Glacé. Nach gut einer halben Stunde war der Spuk vorbei und das Ganze löst sich auf. Den Rest von Midsommar feiert der Schwede zu Hause.

Danach folgte hier, wo doch sonst so viele Geschäfte „öppet alla dager“ sind, eine kollektive Flaute. Wir haben uns erklären lassen, dass man sich in den beiden Tagen nach Midsommar in erster Linie erholen muss. Vom Fressgelage und vom Saufen? Läden sind geschlossen, Museen ohnehin und selbst die meisten Restaurants haben eine „stängd“ Tafel an der Türe hängen.

Jedenfalls wird es in Schweden jetzt so richtig losgehen. Viele touristische Angebote wie beispielsweise Kursschiffe gibt es erst ab dem 25. Juni bis Ende August. Ein wahrhaft kurzer Sommer, hier im Norden.

Schwedisch für Anfänger

Wenn man den Schweden zuhört, versteht man nur Bahnhof. Etwas anders verhält es sich mit der geschriebenen Sprache. Da sieht doch einiges ähnlich aus. Oder zumindest meint man es. Wenn nämlich an einem Lokal „100 Ölsorter“ angeschrieben steht, kocht der Chef nicht mit 100 verschiedenen Ölen, sondern Öl ist auf Schwedisch nicht mehr und nicht weniger als Bier. Ein Haus ist Hus, eine Frau Fru, wieso also sollte eine Hausfrau nicht Husfru heissen? Es tut nicht! In diesem Zusammenhang hoffe ich, dass sich die Hemmafru am Rhein wieder von ihrem Lachanfall erholt hat, als ich mit wenig Erfolg versuchte, sie stilgerecht anzuschreiben.

Sollte man nicht wissen, was mit dem Strassenschild „Farthinder“ gemeint war, merkt man es spätestens, wenn nach der Bodenschwelle hinten im Womi die Besteckschublade frisch eingeräumt ist. Und dass das eigene Fahrzeug nicht nur ein Bil, sondern gar ein Husbil ist, sollte man wissen, wenn man am Campingplatz eincheckt. „Öppet alla dager“ schliesst sich einem schnell auf, wenn man vor dem Laden steht und die Aufschrift „Smakling måltid“ auf dem Brotsack kann man auch ohne Wörterbuch deuten. Wenn man bei Ost der Nase nachgeht, kommt man nicht zu den Chinesen, sondern an die Käsetheke.

Doch eigentlich braucht man in Schweden gar nicht Schwedisch zu sprechen, denn vor allem die jüngeren Leute sprechen alle hervorragend Englisch. Dennoch stand ich vor gewissen Problemen, als ich meine Wäsche waschen wollte. Dass ich auf Anhieb das richtige Waschprogramm erwischt habe, kommt gewiss einem kleinen Schwedisch-Sprachdiplom gleich.

Jedem Schweden seinen See

Schweden hat nicht nur eine enorm lange Küstenlinie, Schweden hat auch unzählige Seen und Tümpel. Einige der angeblich 95’000 Seen haben wir bereits gesehen, an einigen haben wir in traumhaft schöner Umgebung übernachtet, an mehreren sind wir mit dem Velo vorbeigeradelt, einen haben wir zu Fuss umwandert und ganz, ganz, ganz, ganz viele haben wir vom Womi aus erspäht.

Wirklich hart untendurch mussten wir ein paar Tage lang in Sachen Wetter. Ein Aufenthalt im Freien war häufig nur mit hochgeschlagenem Kragen der Windstopper-Jacke möglich. Ein giftiger Wind pfiff uns um die Ohren und zerzauste meine Frisur! Davon nicht betroffen war mein innig geliebter Mitreisender. Nicht, weil er sich weniger im Freien aufhalten würde, des Mitreisenden Haarpracht ist einfach viel sturmresistenter. Nun haben wir ein paar Sommer-Tage verbracht – leider ist deren Ende auch bereits wieder absehbar. Aber wir sind ja schon etwas abgehärtet…

An allen Ecken und Strassenausbuchtungen und teilweise sogar in den Vorräumen von Supermärkten werden momentan Erdbeeren angeboten. Wir machen eine regelrechte Erdbeer-Kur. Wir sind erstaunt, dass so weit im Norden so süsse Erdbeeren wachsen. Kein Vergleich zu der geschmacklosen Import-Ware aus Italien und Spanien, die im April bei uns verscherbelt wurde!

Ach ja, in Göteborg waren wir auch noch. Doch Schwedens zweitgrösste Stadt konnte uns keine Begeisterungssprünge abringen. Purer Durchschnitt. Keine beeindruckenden Gebäude, keine besonders schöne Lage an der Mündung des Götaälv. Immerhin Schwedens grösster Hafen. In Erinnerung wird uns wohl kaum mehr als das blau-weisse „Züri-Tram“ bleiben, das in Göteborg auf Normalspur durch die Strassen düst.

Die Vegetation ist 12 Breitengrade nördlich der Heimat natürlich noch im Verzug. In Schweden blüht noch der Raps (igitt, stinkt doch so widerlich!), Rhododenren bilden Farbtupfer in den Gärten und in den Wäldern Maieriesli (Maiglöckchen). Wie letztere auf Schwedisch heissen, weiss ich nicht, vermutlich so etwas wie „Juniriesli“.

Die Sache mit der schwarzen Brühe

Einen Kaffee bestellen kann man in jeder Sprache relativ schnell. Kaffee, Café, Coffee, Kava, irgendwie tönt es immer ähnlich (es sei denn, man verirrt sich nach Österreich, dort hat man es plötzlich mit Verlängerten oder Kleinen Braunen zu tun!). Ob das Gebräu dann aber den eigenen Vorstellungen entspricht, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

So ist die erste Tasse Kaffee in einem neuen Land immer wieder für Überraschungen gut. Nicht nur, was die Qualität, sondern auch die Quantität und den Preis betrifft. Als mein innig geliebter Mitreisender und ich in einer Konditorei zu einem feinen Goodie einen Kaffee bestellen wollten, wurden wir nach dem Bezahlen an der Theke an eine Seitenwand des Buffets verwiesen. Unser Blick schwenkte nach links und sofort waren wir uns einig: So was tun wir uns nicht an! „We prefer that kind of coffee.“ Meine Hand zeigte auf die Espresso-Maschine hinter der Verkäuferin. Fast entschuldigend meinte das bezaubernde blonde Wesen, das koste aber Aufpreis. War uns egal. Wir haben uns angewöhnt, Kaffee zu trinken, kein Abwaschwasser.

Sorry, liebe Schweden, was ihr als Kaffee bezeichnet, entspricht nicht unserer Wellenlänge. Wir werden in eurem Lande fortan einen double Espresso bestellen. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen, entspricht das am ehesten dem Kaffee, wie wir ihn uns vorstellen. Allerdings ist er einen Tick zu stark. Vielleicht können uns Schweden-Kenner, wie beispielsweise Hausfrau Hanna, einen Tipp geben.

Zähneknirschend nehmen wir es in Kauf, dass wir für den gleichen Preis, wie die Schweden à discrétion Kaffee trinken, halt nur eine einzige Tasse erhalten. Qualität vor Quantität.

Pilzsaison in Schweden

Während bei uns die gebrandmarkten Heizpilze schlotternde Raucher vor dem sicheren Erfrierungstod bewahren, gehören sie in Schweden offenbar zum Standard.

Hier in der Innenstadt von Malmö jedenfalls sind die Freiluft-Restaurants flächendeckend mit Heizpilzen ausgestattet. Und zwar fix installiert. Nur so lässt sich offenbar der schwedische Sommer ertragen. Zusammen mit einer Wolldecke, die bei besseren Lokalen auch gleich auf der Stuhllehne liegt.