Öfters mal Panne (31)

… oder: Was rumpelt denn da?

Ich behaupte: Jede Panne kommt aus hellheiterem Himmel. Denn hätte sie sich angekündigt, hätte man ja rechtzeitig etwas gegen das drohende Unheil unternehmen können. Oder nicht?

Mein innig geliebter Mitreisender war schon immer ein Sensibelchen, wenn es um seinen fahrbaren Untersatz ging. Dass er jeglichen Ärger mit einem darniederliegenden Auto vermeiden wollte, liegt auf der Hand. Sobald er nämlich irgendetwas feststellte, das nicht war wie sonst, war es um sein Seelenheil geschehen. Das war umso schlimmer, als dass unser Camper nicht nur Auto, sondern auch Schlafzimmer, Küche, Bad und Esszimmer war.

Um nochmals zum Seelenheil des Mitreisenden zurückzukommen, darum war es auch geschehen, als wir über den Blue Ridge Parkway im Osten der USA tuckerten. Kurz nach unserem Mittagshalt stellte er beim fahren nämlich abnormale Geräusche und leichte Vibrationen fest. Meinen technisch unbelasteten Ohren wäre das Rumoren nicht aufgefallen, der Mitreisende dagegen legte sich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit unter den Camper. Die Obduktion ergab: Kreuzgelenke an der Kardan-Welle ausgeschlagen.

Ich wusste mit dieser Diagnose nichts anzufangen und stellte einmal mehr die Frage, die dem Mitreisenden im besten Fall ein verständnisloses Lächeln entlockte, im schlimmsten Fall einen längeren Vortrag: „Wie weit kommen wir noch damit?“ In Anbetracht der ihm bevorstehenden schlaflosen Nacht entschied sich der Mitreisende, sofort Massnahmen zu ergreifen. Wir fuhren in den nächstgelegenen grösseren Ort. Trotz Ladenschluss erkannte der freundliche Verkäufer bei NAPA unsere missliche Lage, verkaufte uns die passenden Ersatzteile und empfahl uns eine Werkstätte.

Diese lag gleich um die Ecke. Dort beschied man uns, es würde binnen einer halben Stunde ein Mechaniker seinen Dienst antreten, der sich hier ein Zubrot verdiene. Um Schlag 17.30 Uhr traf dieser ein und begann an unserem Dodge zu hantieren. Was dann geschah, brach dem Mitreisenden beinahe das Herz, musste er doch mit ansehen, wie die Kugellager, die bei uns mit einer Presse an den richtigen Ort gedrückt worden wären, durch ein paar gezielte und einige weniger gezielte Schläge mit dem Hammer traktiert wurden. Nichts desto trotz war eine knappe Stunde später alles wieder montiert und funktionsfähig.

Nun stelle man sich eine ähnliche Situation bei uns vor. Die Misere bestünde schon mal darin, dass man erst in ein paar Tagen einen Termin in der Werkstatt erhielte. Dann könnte man ganz, aber gaaanz sicher kein Ersatzteil mitbringen, das montiert würde. Und schliesslich würde die Rechnung etwas grösser ausfallen. Uns dagegen hatte die Reparatur der Kardan-Welle gerade mal 55 US$ gekostet. Samt Trinkgeld, dafür ohne Bürokratie. Und binnen weniger als einem halben Tag war unser Auto wieder flott.

Hatte ich beim Aufwachen noch nicht mal gewusst, dass unser Fahrzeug eine Kardan-Welle hatte, wusste ich beim Einschlafen nicht nur, wie so etwas aussah, sondern auch noch, wie die diversen Teile drum herum auf Englisch hiessen. So etwas nennt man wohl „technischer Fortschritt“!

Öfters mal Panne (30)

… oder: Vom Winde verweht

Wasser hat auf den Menschen schon seit jeher eine grosse Anziehungskraft ausgeübt. Mein innig geliebter Mitreisender und ich machen da keine Ausnahme. Als wir im alleräussersten Nordosten Kanadas in der Provinz Nova Scotia unterwegs waren, zog es uns drum richtiggehend magisch ans Meer. Die Gegend um Bay St. Lawrence ist rau. Der offene Atlantik geht mit Bewohnern und Natur nicht zimperlich um. An exponierter Lage über dem Meer fanden wir den wild-romantischen Campingplatz „Jumping Mouse„. Wir suchten uns eine nette Ecke aus – ausser uns waren keine Gäste anwesend – erkundeten die Gegend noch etwas zu Fuss und zogen uns dann, weil es etwas gar frisch war an jenem 18. September 1999, in den Camper zurück.

Im Laufe der Nacht begann ein fürchterlicher Wind zu toben, der mit jeder Minute stärker zu werden schien. Wir standen voll im Wind und fürchteten, dass unser Fahrzeug umgeweht würde wie eine leere Kartonschachtel. Aus dem Camper raus trauten wir uns schon gar nicht. Hätten die Türen einem Öffnungsmanöver auf der richtigen Autoseite vielleicht noch Stand gehalten, so da hätte es uns glatt weggepustet. Umparkieren, damit wir nicht gleich mit der Breitseite im Wind standen, kam deshalb nicht mehr in Frage, weil im Stockdunkeln jemand – ICH – hätte einweisen müssen. Wir waren dem tobenden Wind ausgeliefert und mussten ausharren. Geschlafen hatten wir in jener Nacht bestimmt nicht gerade viel.

Am anderen Morgen vernahmen wir, dass Ausläufer des Hurricans Floyd über uns hinweggefegt waren und uns diese unruhige Nacht beschert hatten. Wir kreiden es der Campingplatz-Inhaberin noch heute an, dass sie uns trotz entsprechender Nachfrage nicht auf den kommenden Sturm hingewiesen hat. Unter solchen Umständen hätten wir uns bestimmt nicht an einer derart exponierten Lage hingestellt. Aber das Geschäft war offenbar wichtiger als die Sicherheit der Gäste. An der Verständigung konnte es übrigens nicht gelegen haben, war die Dame doch zu 50% Schweizerin. Der wildromantische Übernachtungsplatz hätte für uns zum Desaster werden können.

Das Beispiel zeigt einmal mehr, dass es beim Reisen auch ein Quäntchen Glück braucht. Der Mitreisende und ich haben dieses Quäntchen übrigens häufig in Anspruch genommen, blieben wir doch auf all unseren Reisen von Zwischenfällen, die unser Leben ernsthaft bedroht hätten, verschont.

Dass es auf Campingplätzen in den letzten paar Tagen wegen den Stürmen etwas ungemütlich wurde, zeigt das Beispiel von Annette Weber eindrücklich. Zum Glück ist auch sie unversehrt geblieben.

Die Ruhe nach dem Sturm. Unser Camper auf dem Campingplatz „Jumping Mouse“ in Bay St. Lawrence.

Öfters mal Panne (29)

… oder: Sperrzone Côte d’Azur

An dieser Stelle möchte ich gerne die Leserinnen und Leser aus dem Wohnmobilforum Schweiz begrüssen.
Schön, dass ihr hierher gefunden habt, auch wenn ich euch den roten Teppich nicht mehr ausrollen darf.

Der Weg war lang, schmal und kurvenreich. Aber an seinem Ende lockte ein Wohnmobil-Stellplatz direkt am Meer. Also spulten wir unverdrossen die 35 Kilometer vom Col de Tende ans Mittelmeer hinunter ab. Über unzählige Kurven galt es, 1’200 Höhenmeter zu vernichten. Mein innig geliebter Mitreisender war am Steuer gefordert, sehr sogar, denn mehr als einmal kam uns auf der schmalen Strasse ein Lastwagen weit jenseits der Mittellinie entgegen.

Als wir endlich in Ventimiglia angekommen waren, zogen wir gleich noch die letzten 8 Kilometer durch bis auf die französische Seite, wo sich der Stellplatz direkt am Wasser befinden sollte. Ich war mir meiner Sache sehr sicher. Schliesslich hatte ich im Vorjahr hoch oben von der Autobahn aus in Menton unten Wohnmobile erblickt und die Stellplatz-Datenbank im Tomtom wartete ebenfalls mit einem entsprechenden Eintrag auf. Wir frohlockten, nur noch wenige Kilometer und wir würden nicht nur endlich eine Pause machen können, sondern unser Tagesziel erreicht haben.

Als Madame Tomtom ankündigte „Sie haben Ihren Zielort erreicht“, waren wir beim Yachthafen des belebten Menton. Wohl direkt am Meer aber vor einem Parkplatz mit einer Höhenbeschränkung. Ratlosigkeit. Meine Hoffnung, dass wir in der Nähe wenigstens einen Parkplatz finden würden, von dem aus wir einen Kaffeehalt schalten, etwas durchatmen und das weitere Vorgehen beraten könnten, zerschlugen sich sehr bald. Selbst Anhalten war unmöglich! Absolut kein freier Parkplatz in Sicht, weder für ein französisches Kleinstauto und schon gar nicht für unser sechs Meter langes Womi. Mir blieb keine Wahl, als den Mitreisenden wieder auf die Autobahn zu lotsen, was einfacher gedacht denn ausgeführt war. Bis wir die rettende Autobahn endlich erreicht hatten, mussten wir mindestens 20 Kilometer durch enge Strassenzüge, vorbei an Gestrüpp und überhängenden Felsen fahren. In der dichtbesiedelten Region an der italienisch/französischen Grenze plumpsen die Alpen buchstäblich direkt ins Meer und die Autobahn liegt auf gut 300 Metern.

Für meine Blauäugigkeit, dass es in einer solchen Region einen Wohnmobil-Stellplatz geben könnte, musste ich mir vom Mitreisenden zu Recht massive Vorwürfe gefallen lassen. Der längst überfällige Halt war erst nach weiteren 60 Kilometern Autobahn-Fahrt bei einer Raststätte möglich. Dort konsultierten wir einmal mehr unser Navi und stellten fest, dass es bei der nächsten Ausfahrt in La Napoule einen Campingplatz geben musste. Wie der aussah war zweitrangig, Hauptsache wir kamen von der Strasse weg. Als wir jedoch beim vermeintlichen Campingplatz ankamen, sahen wir vor uns wieder nur einem Parkplatz mit Höhenbeschränkung. Meine Sorge galt in dem Moment weniger einem geeigneten Übernachtungsplatz als dem Mitreisenden, dessen Nerven auch am durchglühen waren. Er musste einmal mehr einfach weiterfahren, weil wir im hektischen Südfrankreich nirgends anhalten konnten. Details der Stimmung im Womi und die dazugehörigen Gehässigkeiten erspare ich euch lieber.

Einen Kreisel später folgte das erlösende Schild. Es lotste uns auf den Campingplatz L’Argentière. Alles andere als eine gediegene Sache. Der zwar begrünte aber staubige Platz lag in der Nähe eines mückenverseuchten Bachs, in dem wir Ratten schwimmen sahen. Aber nach einer solchen Odyssee kann man wohl nicht mehr gross wählerisch sein.

Aus dieser Episode habe ich nicht nur gelernt, das damals brandneue Navi kritischer zu beurteilen, sondern auch, dass die Côte d’Azur, und zwar die gesamte Côte d’Azur, zum wohnmobilistischen Sperrgebiet gehört. Stellplätze gibt es kaum und wenn, sind sie wenig attraktiv. Die Topografie und die dichte Besiedelung tun ihr Übriges, um einem den Aufenthalt zu vermiesen. Seither haben wir um diesen Teil Südfrankreichs immer entweder einen grossen Bogen gemacht oder schnurstracks einen Campingplatz angefahren.

Frau am Steuer

Bilde ich mir das nur ein, oder ist es tatsächlich so, dass in Wohnmobilen und Wohnwagen-Gespannen vorwiegend die Männer am Steuer sitzen? Die Dame des mobilen Hauses thront vom Beifahrersitz.

Das war bei uns auch nicht anders. Zwar sass ich auch ab und zu am Steuer unseres Wohnmobils, aber so richtig wohl fühlte ich mich dabei nicht. Und das nicht nur, weil ich wusste, dass mein innig geliebter Mitreisender derweil auf dem Beifahrersitz kein entspanntes Dasein fristen und die Reize der Landschaft geniessen konnte. Mir fehlte es an Routine. Vielleicht hätte ich nicht immer nur auf „harmlosen“ Strecken fahren sollen. Aber wie kann man jemals lernen, rückwärts einzuparken, wenn man lieber ein paar Meter weiter zu Fuss geht und sich dafür einen „Anfänger- Parkplatz“ ergattert? Ich gebe kleinmütig zu: Ich fühlte und fühle mich auf dem Beifahrersitz besser aufgehoben. Trotz Navi hatte ich die Karte stets griffbereit aufgefaltet. Las vielleicht gemütlich nochmals einige Zeilen im Führer nach, während ich mich vom Mitreisenden unserem nächsten Ziel entgegenschaukeln liess. Trotzdem hatte ich mir über die Jahre so viel Fahrpraxis angeeignet, dass ich nötigenfalls das Steuer hätte übernehmen können. Aber eigentlich eben lieber nicht.

Autofahren ist das A und O am Hobby „Wohnmobil“. Je mehr Routine man sich angeeignet hat, desto besser. Denn selbst mit dem versiertesten Fahrer am Steuer: Mit dem Wohnmobil ist man so etwas wie ein von weitem sichtbares Verkehrshindernis, egal ob der Verkehr von vorne oder hinten auf einem zurollt. Auch wenn man die signalisierte Höchstgeschwindigkeit nicht unterschreitet, fühlt sich doch so mancher Automobilist berufen, ein solches Gefährt zu überholen. Nervig, wenn man im Rückspiegel beobachten muss, wie die Verfolger für ihr Überholmanöver regelrecht die Pneus aufwärmen.

Mir kann keiner weismachen, dass er sich auf Anhieb am Steuer eines Wohnmobils wohl gefühlt hat. Dass er sich nicht zuerst mit den Dimensionen und dem so ganz anderen Fahrverhalten des Fahrzeugs vertraut machen musste. Wer im Alltag nur mit der Familienkutsche fährt, ist schlicht und einfach nicht gewohnt, mit einem derart behäbigen Fahrzeug durch die Gegend zu kurven. Und trotzdem darf Jeder, der die Fahrprüfung bestanden hat, noch gleichentags ans Steuer eines Wohnmobils. Fahrten auf Hauptstrassen und Autobahnen mögen noch vermeintlich einfach sein. Kritisch wird es erst, wenn Wendemanöver eingeleitet werden müssen, wenn die Gassen im südfranzösischen Dörfchen schon ohne die parkierten Autos schmal genug sind, oder wenn es ans Rückwärtsfahren geht. Und solche Situationen ereignen sich immer wieder, vor allem, wenn man auf unbekannten Pfaden unterwegs ist.

Es muss nicht eine steile, enge Bergstrasse sein, schon auf dem Campingplatz kann man sein Können unter Beweis stellen. Ich vermochte mich jeweils einer gewissen Schadensfreude nicht erwehren, wenn ich genüsslich vom Lehnstuhl aus ein kompliziertes Fahrmanöver mitverfolgen konnte. Beispielsweise, bis der Wohnwagen endlich am gewünschten Ort stand. Von gewissem Unterhaltungswert war auch so manche Übung mit den Auffahrkeilen. Wer möchte schon mit den Füssen nach oben schlafen, nur weil die Kupplung gerochen hat oder man nicht weiss, welche der vier Räder unterlegt werden müssen?

Ganz besonders amüsant sind Rückwärtsfahrmanöver, wenn die Beifahrerin – mitunter auch der Beifahrer – vom Bock steigen muss, um Unterstützung zu bieten. Sehr beliebt sind ausufernde Gesten in alle Richtungen, gerade so, als ob ein Orchester dirigiert würde. Selbst das korrekteste Handzeichen ist indes nutzlos, wenn die Person sich hinter dem Wohnmobil versteckt. Mehr als einmal wurden wir Zeugen, wie als Notstopp nur noch ein heftiges Klopfen ans Auto blieb – bevor der Baum krummgedrückt wurde.

Ein Auto zu lenken, muss man lernen. Mit dem Wohnmobil sicher unterwegs sein, braucht nebst Fahrpraxis eine gehörige Portion Vernunft, manchmal einen siebten Sinn. Dagegen gehört es eher in die Schublade „Geschmackssacke“, dem Fahrer verständliche Handzeichen zu machen. Entsprechende Kurse kann man meines Wissens bis heute nicht besuchen.

Öfters mal Panne (28)

… oder: Aufgeladen

War es Glück? War es dem Geschick meines innig geliebten Mitreisenden zu verdanken? Oder war es einfach nur Zufall? Auf all unseren Reisen, die uns mitunter durch sehr abgelegene Gegenden führten, kamen wir nur ein einziges Mal in den Genuss, unser Fahrzeug abschleppen zu müssen.

Das Kataströphchen ereilte uns im Nordwesten der USA, im Staate Washington. Grundsätzlich waren wir dort bei der Schwester des Mitreisenden untergebracht. Eine willkommene Abwechslung, mal wieder einen „festen Wohnsitz“ zu haben nachdem wir bereits mehrere Monate unterwegs gewesen waren. Weshalb wir mit dem eigenen Fahrzeug ausrückten, wo doch in der Garage ein 68er Cougar stand (was für eine Rennmaschine, des Mitreisenden Entzücken kannte keine Grenzen!), weiss ich nicht mehr. Tatsache ist aber, dass wir wenige hundert Meter von der Haustüre entfernt stehen blieben. Einfach stehen blieben. Der Motor war töter als tot; das Zündsystem erhielt keinen Strom mehr. Wir gingen zu Fuss zur Garage an der Ecke, aber der dortige Mechaniker konnte unser Auto auch nicht mehr in Gang bringen. Obschon es kaum zweihundert topfebene Meter von unserem erschlafften Fahrzeug bis zur Reparaturwerkstatt waren, durfte der Camper nicht abgeschleppt werden. Die Amerikanische Gesetzgebung sieht in so einem Fall vor, dass das Auto aufgeladen werden muss.

Die Schadensaufnahme ergab schliesslich, dass unsere Steuerungs-Elektronik in die Jahre gekommen war und ersetzt werden musste. So oxidiert, wie das Ding war, grenzte es an ein Wunder, dass wir überhaupt jemals den Motor anlassen konnten.

Mit neuer Elektronik aufgewertet begleitete uns unser Dodge Campervan noch monatelang durch ganz Nordamerika bis hoch nach Alaska und im folgenden Winter runter nach Mexico. Nicht auszudenken, wenn die Elektronik bei den Mexis ausgestiegen wäre. Die sind zwar Weltmeister im Flicken und Improvisieren, aber vor derartiger Technik hätten wohl auch sie kapitulieren müssen.

Öfters mal Panne (27)

… oder: Ungebetene Gäste

Wenn die Natur auf Besuch kommt, kann man nicht immer die Flucht ergreifen, selbst wenn man das in einem ersten Anflug von Panik am liebsten tun würde. Auf einem Campingplatz in Sardinien hatten wir uns – seinerzeit mit dem VW-Bus unterwegs – eingerichtet und wollten einige geruhsame Tage verbringen.

Natürlich hatten wir sie entdeckt, die paar klitzekleinen Ameischen und klar hatten wir von unseren Nachbarn erfahren, dass einige der Krabbler auf ihrer Kühlbox über Nacht  jämmerlich festgefroren waren. Aber uns konnte doch nichts passieren, schliesslich hatte ein Arbeiter des Platzes um alle vier Räder des Campers ein helles Pulver gestreut, das die Tierlein fernhalten sollte. Wir wurden auch nicht misstrauisch, als wir sahen, dass ein nicht unwesentlicher Teil des Sortiments im Campingplatz eigenen Laden aus Schädlingsbekämpfungsmitteln bestand.

Die Überraschung folgte erst am nächsten Morgen, als sich herausstellte, dass ein ganzes Ameisenvolk ein gemeinsames Ziel verfolgte: unser Konfitürenglas. Mein innig geliebter Mitreisender hatte mir den Anblick erspart und das Glas entsorgt, während ich noch Morgentoilette machte. Als ich frisch geduscht unter der VW-Türe stand, war er bereits mit der Einzelabreibung beschäftigt.

Hereinspaziert waren die ungebetenen Gäste ganz einfach über unser Stromkabel. Da halfen nur radikale Massnahmen in Form von viel Chemie. Noch Tage später klaubten wir mit spitzen Fingern Leichen aus den Fugen und Ritzen unseres VW-Busses. Seither sind wir überaus sensibilisiert, wenn wir Ameisen orten. Und eine Dose Baygon ist zum ständigen Reisebegleiter geworden.

Unsere fahrende Ameisenburg am Tatort in Sardinien.

Noch mehr Lust auf ungebetene Gäste? Dann wendet euch bitte vertrauensvoll diesem Flohnmobil-Post zu.

Untermieter

Es war ein Morgen wie so viele zuvor. Auf unserem Frühstückstisch standen Brot, Butter, Konfitüre, Käse, Kaffee. Was an der grundsätzlich gemütlichen Szenerie denkbar ungemütlich war, war diese riesige Spinne, die sich hinter dem Kopf meines innig geliebten Mitreisenden den Vorhang hinunter hangelte. Ich übertreibe nicht: Handteller gross war das Vieh! Und vom Baum, unter dem wir die Nacht verbracht hatten, waren noch weitere Artgenossen im Begriff, unser Wohnmobil zu entern. Da wir uns in Australien befanden, wo fast jede zweite Kreatur giftig ist, waren wir noch vor dem ersten Schluck Kaffee hellwach. Wir hatten keine Musse, das Tierbüchlein hervor zu holen und nachzuschlagen, ob das Spinnentier vielleicht doch nicht so giftig war, wie es uns erschien.

Einmal mehr befanden wir uns im Epizentrum des Konflikts, dem man als Wohnmobilreisender immer wieder ausgesetzt ist: Wir halten uns zwar gerne mitten in der Natur auf, aber die Tierwelt soll bitte vor der Türe bleiben. Das galt im Besonderen für jenes Pferd auf einer Weide in den Pyrenäen, das im Begriff war, ins Wohnmobil einzutreten um sich nach etwas Fressbaren umzusehen.

Nicht alle Tiere sind so augenfällig. Manchmal stellt man erst fest, nachdem man sich schon häuslich eingerichtet hat, dass man mitten in einer Mäusearena steht. In einem solchen Fall ist meine Toleranzgrenze gegenüber der Natur relativ tief. Hättet ihr nicht auch etwas dagegen, wenn so ein Nager seinen Weg ins Fahrzeuginnere fände und zur Vorspeise genüsslich an einem Käbelchen knabbern würde?

Trotzdem gibt es kaum einen geeigneteren Ort, um ungestört Tiere zu beobachten, als von einem Wohnmobil aus. Was sind wir schon hinter den Scheiben geklebt und haben scheuen Vögelchen zugeschaut! Oder auch vorwitzigen Schwalben. Diese hatten im Niemandsland an der Australischen Westküste ihre Chance gepackt. In einem öden Landstrich, wo weit und breit kein Gebäude stand, begannen sie, unter unserem Alkoven ihr Nest zu zementieren. Noch nie konnten wir die Baukünstler so hautnah bei ihrer Tätigkeit mitverfolgen. Sie guckten sehr konsterniert aus ihrem Gefieder, als wir nach zwei Tagen mitsamt ihrer Baustelle von dannen zogen.

Selbst mit Liftangriffen lernt man wohl oder übel umzugehen. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen passiert es immer wieder, dass  einen ein Moskito um den Schlaf bringt. Oder eine lästige Fliege in den frühen Morgenstunden exakt die eigene Nasenspitze als Landeplatz aussucht. Jeder, der schon mal mit einem Wohnmobil unterwegs war, wird mir beipflichten, dass es nur ganz wenige Gelegenheiten gibt, bei denen man sein Gefährt so gründlich kennenlernen kann, wie wenn man Wände und Decken nach einem solchen Nachtruhestörer absucht.

So gesehen statteten uns die besagten Spinnen in Australien einen reinen Freundschaftsbesuch ab. Denn, wie uns kurz darauf ein Einheimischer beruhigte, ein „Huntsman“ ist zwar furchterregend gross, aber völlig harmlos.

Bildquelle: tsuinvasives.org

Öfters mal Panne (26)

… oder: Schmal, schmäler, Bremsspur

Wir waren vorgewarnt. In unserem Wohnmobil-Führer stand geschrieben, dass die Küstenstrassen Norwegens für Wohngondeln wie unsere teilweise ziemlich eng seien, was aber die Norweger nicht von einem flotten Fahrstil abhielte. Die Autoren klassierten die Küstenstrassen wie folgt:

– Ist auf der Strasse ein Mittelstreifen aufgepinselt: keine Gefahr.
– Verfügt die Strasse über keinen Mittelstreifen: es könnte eng werden.
– Hat es vor einer Kurve Bremsspuren: au weia!

Mit solchen Warnungen ausstaffiert, tuckerten wir mehrere Wochen durch Norwegen. Mal auf einer Küstenstrasse bis unvermittelt nur noch Wasser vor uns lag und eine von vielen Fährüberfahrten anstand. Mal über Land. Mal breit, mal schmal, mal mit, mal ohne Mittelstreifen. Mein innig geliebter Mitreisender, der vornehmlich das Steuer in der Hand hielt (jedenfalls in Bezug aufs Autofahren!!!), war Herr der Lage. Mag sein, dass es uns zu Gute kam, dass die Hauptreisezeit noch nicht angebrochen war.

Das Unglück geschah dort, wo man es nicht unbedingt vermuten würde. Auf einer zwar nicht sonderlich breiten, aber schnurgeraden und übersichtlichen Strasse kam uns in ziemlich rasantem Tempo ein VW-Bus entgegen. Und ganz eindeutig mehr auf unserer denn auf seiner Strassenseite. Der Mitreisende, ohnehin nicht schnell unterwegs, wich nach rechts aus, soweit der Strassengraben dies zuliess. Doch es nützte nichts: Die beiden Fahrzeuge touchierten mit einem hässlichen Geräusch.

Der Mitreisende hielt an, der Fahrer des VW-Buses ebenfalls. Auf den ersten Blick schien unser Fahrzeug glimpflich davongekommen zu sein. Der Aussenspiegel war durch die Wucht der Streifkollision nach vorne geklappt, aber das Spiegelglas immerhin noch ganz. Etwas leider sah der Spiegel am VW-Bus aus. Von seltsam bizarrer Form fehlte im eindeutig das Glas. Der Fahrer wollte uns für den Schaden verantwortlich machen, nach dem Motto: „Ihr braucht schliesslich mehr Platz auf der Strasse.“ Als wir erwähnten, dass es uns nicht entgangen sei, dass er während der Fahrt am Telefonieren gewesen war, schlich sich der Norweger mitsamt seinem Hängespiegel kleinlaut davon.

Wir fuhren noch ein paar hundert Meter bis zu einem Ausstellplatz. Dort packte der Mitreisende sein umfangreiches Werkzeug aus und richtete den Spiegel mit einer gesunden Mischung aus Sachkenntnis und Kraft wieder an den ursprünglichen Ort.

Wir waren heilfroh, dass weiter nichts passiert war. Mit einem zerschmetterten Spiegel im Hohen Norden eine FIAT-Garage suchen zu müssen und dort ein paar Tage auf einen Ersatzspiegel zu warten, wäre so ziemlich das letzte Vergnügen gewesen, das wir uns gegönnt hätten.

Öfters mal Panne (25)

… oder: Parkplatz unter dem Wasserfall

Es ist eine Binsenwahrheit und jeder Wohnmobilist wird mir zustimmen: Es geht nichts über ein dichtes Fahrzeug. Leider, so liest man in Foren und Fachliteratur immer wieder, ist dies keineswegs selbstverständlich. Weder bei neuen und erst recht nicht bei etwas in die Jahre gekommenen Gefährten. Das mussten auch mein innig geliebter Mitreisender und ich mehrfach erfahren. Unter anderem in Australien.

Im subtropischen Norden von New South Wales begann es zu regnen. Das muss es dort ab und zu, sonst wäre es nicht so prächtig grün. Wir hatten uns nach dem Nachtessen gemütlich in der Nähe einer Bootsrampe eingerichtet. Der Regen legte einen Zacken zu. Die Tropfen pflatschten bereits reichlich laut aufs Womi-Dach runter. Und dann regnete es noch mehr und pflatschte noch lauter. Und plötzlich regnete und pflatschte es so fest, dass wir dachten, wir hätten irrtümlich unter einem Wasserfall parkiert.

Diese Möglichkeit konnten wir nicht mehr ganz ausschliessen, denn durch die Fensterscheiben sahen wir so gut wie nichts, obschon es draussen noch nicht völlig dunkel war. Doch was wir sahen, war alles andere als ermutigend. Es regnete ins Wohnmobil! An unseren Schiebefenstern vorbei schlichen sich zuerst einzelne Tropfen ins Fahrzeuginnere. Aus den Tropfen wurden Rinnsale und diese schliesslich zu eigentlichen Bächen. Wir mussten hilflos zusehen, wie unser Womi geflutet wurde.

Da erinnerten wir uns, dass wir in der Nähe einen Parkplatz unter einer Brücke gesehen hatten, der in unserem Führer sogar als möglicher Übernachtungsplatz erwähnt gewesen war. Hatten wir ihn anfänglich noch verschmäht, erschien er uns nun als Rettung in der Not. Wir starteten unser Fahrzeug bevor es ganz zur Badewanne verkam und fuhren die wenigen Meter bis zur Brücke. Dort standen wir einigermassen geschützt vor den sintflutartigen Regenfällen. Glücklicherweise schliefen wir im Alkoven und dort blieb es nahezu trocken, weil die Fenster viel kleiner waren.

Am anderen Morgen fuhren wir schnurstracks in eine Wäscherei. Solche Laundries gibt es in Australien in jedem Kaff und sie verfügen stets über Wäschetrockner der Grösse XXL. Wir verfrachteten unsere völlig durchnässten Sitzpolster in die Trockner und liessen sie Runden drehen. Da unser Fahrzeugaufbau vollständig aus Polyester gefertigt war, mussten wir wenigstens nicht befürchten, dass sich irgendwelche Zwischenwände aus Holz mit Wasser vollgesogen hatten. Nachdem die Polster getrocknet waren, mussten wir verhindern, dass es auf dem Teppich vor lauter Feuchtigkeit zu spriessen begann. Der Teppich übrigens war eine ganz geniale Sache, wie ich sie hierzulande noch nie gesehen habe. Das Material war angenehm zum drauf laufen, von der Dicke her etwa wie Nadelfilz, es liess sich mit Schüüfeli und Wüscherli (Schaufel und Besen) einfach reinigen und in ganz argen Fällen mit einer Bürste schrubben.

Wir fuhren auf den erstbesten Campingplatz und suchten uns einen trockenen Stellplatz. Gar keine einfache Sache nach der vorangegangenen Sintflut. Dort setzten wir alle verfügbaren Mittel ein: Unsere Klimaanlage lief auf Volldampf und der Heizlüfter ebenso. Der Mitreisende organisierte sich eine Leiter und hantierte währenddessen mit einer Tube Silikon. Damit dichtete er die Fensterrahmen der Einfachverglasung unserer Schiebefenster ab. Nicht das erste Mal übrigens, dass wir an diesem Fahrzeug mit Dichtmittel Hand anlegen mussten, wie hier nachzulesen ist.

32 Kilowatt später war unsere Tropfsteinhöhle wieder trockengelegt. Ob es uns gelungen war, genügend abzudichten, wussten wir nicht. In den kommenden Monaten gerieten wir zwar ab und zu in einen Regenguss, aber diese „Wasserfall-Szenerie“ wiederholte sich glücklicherweise nicht mehr.

Der fotogene Millaa Millaa Fall im Nordosten Australiens. Angeblich Sujet zahlreicher Foto-Shootings.

Öfters mal Panne (24)

… oder: Hoppla, Tope!

Die Mexikaner sind ein temperamentvolles Volk. Temperamentvoll ist auch ihre Fahrweise. Und zwar derart, dass sie hemmungslos mit einem Hunderter durchs Dorfzentrum blochen würden. Wären da nicht die Topes.

Topes? Topes sind verkehrsentschleunigende Schwellen, eine Spezialität des mexikanischen Strassenverkehrs. Denn so, und nur so, ist den Rasern in diesem Land beizukommen. Topes können als betonierte oder gepflasterte Schwellen unvermittelt vor einem auftauchen. Vor, in und nach einer Ortschaft und beliebig viele hintereinander. Wenn es eine Warntafel hat, so steht sie häufig genug präzis beim Hindernis, so dass nur ein abruptes Bremsen einen allzu argen Rumpler über die Schwelle verhindert.


Bildquelle: www.mexicotravelplan.co.uk

Mehr als einmal hatte es uns an einem Tope die Besteckschublade frisch einsortiert! Mitunter steht an einem Tope auch mal ein Stück Armierungseisen vor. Das sieht man selbstverständlich nicht. Kann sich aber kurze Zeit später anhand des zerfetzten Pneus ausrechnen, dass da etwas in der Art gewesen sein muss.

In fünf Monaten Mexiko hatten wir insgesamt vier Platten zu beklagen. In fast zwei Jahren USA und Kanada dagegen erwischte es uns nie. Die Plattfüsse dürften, mit der folgenden Ausnahme, auf Topes zurückzuführen gewesen sein.

Eine Reifenpanne mit mehrfachen Folgeschäden hatten wir auf der Fahrt durch die Baja California. Bei einem aufgummierten Pneu, den wir in Mexiko kaufen mussten, hatte es den Gummi von der Karkasse geschält. Die Pneufetzen hatten den Auspuff und den Benzintank-Einfüllstutzen ramponiert und einen Teil des Kotflügels verbogen. Es war einmal mehr dem mechanischen Geschick meines innig geliebten Mitreisenden zu verdanken, dass wir nach dem Radwechsel, dem Kräfte raubenden Zurechtbiegen des Kotflügels und Anpassen des Einfüllstutzens ohne Probleme weiterfahren konnten.

Ganz ohne Probleme war es dann doch nicht, denn in der nächsten Stadt mussten wir uns auf die Suche nach einem gebrauchten Reifen machen. Was es für Auswirkungen auf den Preis hat, wenn zwei Gringos einen Pneu suchen, brauche ich euch wohl nicht näher zu erläutern.