Es geschah an dem Tag…

… als unsere Wandergruppe im Val Müstair unterwegs war. Ein junger Mann, dem man im Tourist Info empfohlen hatte, die geplante, als schwierig gekennzeichnete Wanderung nicht alleine zu unternehmen, schloss sich uns an.

Niemand von uns sah in diesem Neuzugang ein Problem. So kam es, dass der junge Mann, der den Altersdurchschnitt der achtköpfigen Gruppe um mehrere Jahre nach unten drückte, mitten unter uns dahin schritt. Und bei der ersten Pause verkündete er: „Ihr seid aber recht schnell unterwegs – für euer Alter.“

Nun ist es also soweit. Seit heute habe ich die Gewissheit, für mein Alter noch ganz gut im Schuss zu sein. So etwas bin ich gerne geneigt zu glauben. Schliesslich hat es jemand gesagt, der noch nicht mal halb so alt ist wie ich.

Eine prächtige Wanderung übers Val Mora zum Piz Praveder, runter zum Lai da Rims und zurück zu Pra da Vau.

Sieben Prozent

Man erhält ja so Manches zugeschickt über Mail oder WhatsApp, das man weiterleiten soll an „seine Freundinnen”, “intelligente Frauen”, “humorvolle Mitmenschen”. Meist nehme ich es zur Kenntnis, beteilige ich mich aber nicht an der digitalen Kettenbrief-Aktion.

Heute mache ich mal wieder eine Ausnahme. Eine liebe Freundin schickte mir folgenden Text:

Geschrieben von Regina Brett, 90 Jahre alt:

Um mein Altern zu feiern, habe ich die folgenden 33 Lektionen geschrieben. Denn dieses Leben hat mich gelehrt.

  1. Das Leben ist nicht fair, aber immer noch gut.
  2. Wenn du Zweifel hast, mach einfach den nächsten kleinen Schritt.
  3. Das Leben ist zu kurz, um jemanden zu hassen.
  4. Deine Arbeit wird sich nicht um dich kümmern, wenn du krank bist.
    Nur wer dich liebt, kümmert sich um dich.
  5. Man muss nicht jedes Mal gewinnen. Stimme auch mal zu, nicht einverstanden zu sein.
  6. Schreie mit jemandem. Das heilt besser, als alleine zu weinen.
  7. Was Schokolade angeht, ist es sinnlos, zu widerstehen.
  8. Mach Frieden mit deiner Vergangenheit, damit sie deine Gegenwart nicht stört.
  9. Es ist gut, wenn deine Kinder sehen, dass du weinst.
  10. Vergleiche dein Leben nicht mit dem der anderen. Du hast keine Ahnung, wie es bei denen wirklich aussieht.
  11. Alles kann sich im Handumdrehen ändern.
  12. Atme tief durch. Es beruhigt den Geist.
  13. Befreie dich von allem, was nicht nützlich, schön oder fröhlich ist.
  14. Alles, was dich nicht umbringt, wird dich stärker machen.
  15. Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Aber das zweite Mal liegt es bei dir und keinem anderen.
  16. Zünde die Kerzen an, benutze die schönen Laken, trage schicke Dessous. Spare das nicht für einen besonderen Anlass. Heute ist etwas Besonderes.
  17. Bereite dich mehr als nötig vor, dann folge dem Fluss.
  18. Sei jetzt exzentrisch. Warte nicht auf das Alter, um lila zu tragen.
  19. Das wichtigste Geschlechtsorgan ist das Gehirn.
  20. Niemand sonst ist verantwortlich für dein Glück, nur du .
  21. Was andere Leute von dir denken, geht dich nichts an.
  22. Die Zeit heilt fast alles.
  23. Egal wie gut oder schlecht eine Situation ist, sie wird sich ändern.
  24. Nimm dich nicht zu ernst. Niemand macht das.
  25. Glaube an Wunder.
  26. Gott liebt dich, weil er Gott ist, nicht wegen irgendwas, was du getan oder nicht getan hast.
  27. Prüfe das Leben nicht. Schaue geradeaus und geniesse es jetzt in vollen Zügen.
  28. Am Ende zählt nur, was du geliebt hast.
  29. Wenn wir alle unsere Probleme auf einen Haufen legen und die der anderen sehen, würden wir unsere eigene Probleme zurückholen.
  30. Neid ist Zeitverschwendung. Du hast schon alles, was du brauchst.
  31. Das Beste kommt noch.
  32. Egal wie du dich fühlst, steh auf, zieh dich gut an und zeige dich.
  33. Das Leben ist nicht mit einer Schleife gebunden, aber es ist immer noch ein Geschenk.

Es wird geschätzt, dass 93% dies nicht weiterleiten werden. Deshalb der Titel.

Falls es dir gefallen hat, sende es an die, die für dich etwas Besonderes sind.
Warte nicht bis 90!

Man mag von diesen 33 Sprüchen halten, was man will. Es ist wie mit einem Horoskop – irgend etwas trifft immer zu.

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Der ominöse (Geburts)Tag

Der 8. Januar war für mich seit jeher ein spezieller Tag. Es war der Geburtstag meiner Grossmutter, auch wenn wir ihn nicht immer mit ihr feierten, weil sie häufig unterwegs war, so dachten wir doch zumindest an sie. In den letzten Jahren jedoch, da legte meine Mutter immer grössten Wert darauf, für ihre Mutter am Geburtstag etwas Besonderes zu inszenieren. Das rief jeweils auch nach meiner Anwesenheit.

Meine Grossmutter war ein besonderer Mensch. Als Kind habe ich sie verehrt, weil sie mit mir Sachen unternahm, für die meine Mutter keine Zeit hatte. Diese Meinung änderte sich, als ich älter wurde. Meine Grossmutter war sehr willensstark, egoistisch und von sich selbst überzogen. Wie sonst liesse es sich erklären, dass sie in den Fünfzigerjahren ihren Mann zum Teufel jagte und es vorzog, ihre beiden minderjährigen Kinder, zumindest für ein paar Jahre, alleine gross zu ziehen.

In einer Hinsicht war meine Grossmutter mir Vorbild. Sie hatte sich im relativ hohen Alter von über fünfzig Jahren erst dem Alpinismus verschrieben. Zuvor gänzlich unsportlich, begann sie eine alpinistische Laufbahn, die sie bis auf zwei alle Viertausender der Schweiz bestiegen liess. So gab es einige Jahre, in denen wir gemeinsam die Berge erklommen. Bei meinen ersten Klettertouren war sie dabei, wenn auch nicht am gleichen Seil wie ich. Mit über fünfzig machte sie den Führerschein und das Skifahren eignete sie sich zur gleichen Zeit auch noch mehr schlecht als recht an.

Eitel war sie, wahnsinnig eitel. Wenn sei vom Coiffeur kam, schlief sie ein paar Tage lang mehr oder weniger sitzend, damit ihre Frisur etwas länger hielt. Immer hatte sie einen kleinen Taschenspiegel dabei und stürzte sie beim Skifahren, ging ihr Griff in den Hosensack zum Spiegeli noch bevor sie sich wieder aufgerappelt hatte. Bis ins hohe Alter trug sie Stögeli-Schuhe. Hosen begann sie übrigens – ausser beim Sport – erst mit über sechzig zu tragen. Das ziemte sich ihrer Meinung nach nicht.

Meine Grossmutter stand gern im Mittelpunkt, suchte ihn regelrecht auf Biegen und Brechen. Das hat ihr, auch in unserer Familie, nicht immer nur Sympathien eingebracht. Als sie am 23. Dezember 2014 verstarb, konnte sie sich ein letztes Mal vollumfänglich der Aufmerksamkeit ihrer Famiile über die Festtage sicher sein.

Das Bild zeigt meine Grossmutter an ihrem neunzigsten Geburtstag. Heute wäre sie hundert Jahre alt geworden.

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Dialog vor der Parkhaus-Kasse

„Gib mir mal das Billett?“
„Aber das hast doch du, ich habe es dir bei der Einfahrt gegeben.“
„Ah ja, stimmt.“

Kramt das Ticket umständlich hervor.

„Wo muss ich es denn …. ah ja, da ist der Schlitz. Kommt es drauf an, wie man es reinhält?“
„Ich weiss nicht, stecks einfach mal rein.“

Mittlerweile steht das nicht mehr ganz jugendliche Paar nicht mehr ganz alleine vor der Parkhaus-Kasse.

„Wieviel macht es?“
„Einen Franken.“

Kramt nun, noch umständlicher als zuvor, im Portemonnaie herum.
Das Display beginnt zu zählen.
Zwanzig. Dreissig. Fünfzig. Sechzig.

Die Kolonne wird länger. Die Hoffnung, dass der Automat nicht auch noch Fünfrappen-Stücke akzeptiert, wird richtiggehend greifbar.

Siebzig, Achtzig. Neunzig.
Die Spannung steigt.

„Ah, jetzt ist mir doch noch ein Zehner runter gefallen.“

Bückt sich im Zeitlupentempo. Ein Stöhnen geht durch die Menge, helfen tut niemand.

„Sodeli.“

Das Portemonnaie wird wieder in die Handtasche zurück gesteckt.

„Und wo kommt jetzt das Billett raus?“
„Ich glaube aus dem Schlitz, wo du es reingesteckt hast.

Das Billett wird abgezogen. Das Paar dreht sich um.

„Was machen denn all die Leute da?“
„Keine Ahnung. Haben denn die nichts Besseres zu tun?“

Was ich noch sagen wollte: Die Geschichte ist nicht gänzlich frei erfunden, sie ist mir in nicht ganz so extremer Form vor ein paar Tagen im Parkhaus „begegnet“. Hätte das Parkticket bezahlende Paar aus Mutter und Kind bestanden und hätte das Kind das Geld einwerfen dürfen, hätte sich niemand aufgeregt. Alle hätten wohlwollend genickt: „Braves Kind, gut kannst du das schon.“

Päckli-Segen

Was schenkt man seinem Stiefvater zum 75. Geburtstag?

  • Eine zünftige Portion Vitamine, damit er den Ansturm der Gratulanten unbeschadet übersteht?
  • Einen Ferrari, mit dem er in absehbarer Zeit standesgemäss vor dem Altersheim vorfahren kann?
  • Eine Extra-Portion Gebissreiniger, damit die Beisserchen schön blank bleiben?
  • Ein Paket XXL-Pampers für alle Fälle?
  • Einen Gutschein für eine Fahrlektion mit dem Rollator?
  • Ein Blister Batterien fürs Hörgerät?
  • Schmieröl fürs künstliche Hüftgelenk?

Ich wusste lange nicht, was ich meinem Stiefvater ans Geburtstagsfest mitbringen sollte. Wie immer habe ich mich darauf verlassen, dass mir noch jedes Mal rechtzeitig eine schlaue Idee gekommen ist. So auch dieses Mal.

Ich habe eine passende Schachtel genommen, die eigentlichen Geschenke (etwas fürs Gemüt, etwas für den Appetit und etwas für die gute Laune) rein gepackt und alles mit Sugus, Kinder-Schokobons, Sport-Mint, Ricola, Caramel-Zältli und weiteren Bonbons aufgefüllt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Stiefvater noch wochenlang mit dem Auspacken meines Geschenks beschäftigt sein wird.

 

Zufrieden?

Ich fühle mich mies. Betrachte diesen alten Mann am Tisch gegenüber und in mir regt sich nichts als Abscheu. Ekel über die Salatsauce, die sich soeben über sein Kinn, seine Serviette und seinen Schoss ausbreitet. Kein Mitleid darüber, dass er in seinen Fähigkeiten so eingeschränkt ist, dass er kaum mehr die Gabel an den eigenen Mund führen kann. Dass seine Beine den Dienst versagen und er nun im Rollstuhl sitzt. Dass er kaum mehr Anteil an seiner Umwelt nimmt. Dass er auf Fragen nur noch mit JA oder NEIN antwortet. Dass er seine ganzen kognitiven Fähigkeiten verloren hat.

Bin ich ein schlechter Mensch? Teilnahms- und herzlos?

Was hat dieser alte Mann noch von seinem Leben? Er muss warten, bis ihn eine Pflegerin aufnimmt. Muss klingeln, wenn er auf die Toilette muss. Sagt immer „ist mir egal“, wenn er gefragt wird, welches Essen er zu Mittag wünscht. Schaut in den Fernseher, ohne wirklich wahrzunehmen, was dort läuft. Wird an den Esstisch geschoben, zum Arzt und an die Beschäftigungstherapie.

Ich bin so froh, als sich nach diesem verwandtschaftlich verordneten Mittagessen wieder die Türen des Altersheim hinter mir schliessen. 

Ach was geht es mir gut! Ich bin ein glücklicher Mensch. Und zufrieden. Vielleicht nicht mit meiner Einstellung gegenüber meinen Mitmenschen, aber mit meinem Leben.