Öfters mal Panne (37)

… oder: (r)ausgeschlossen

Um uns im folgenden Zwischenfall eine gewisse Würde zu erhalten, muss folgendes erwähnt werden: Unser Womi war keine drei Monate alt und wir befanden uns auf einer zweimonatigen Reise. Zuvor hatten wir erst eine Woche darin verbracht. Das Fahrzeug verfügte über eine Zentralverriegelung mit funkgesteuertem Drücker. Es gab zwei verschiedene Schlüssel: den Zündungsschlüssel, mit dem sich auch die Fahrertüre öffnen liess und einen Schlüssel für sämtliche Türen des Aufbaus. Schon in den ersten Tagen der Reise begann das Schloss der Aufbautüre zu spuken. Es liess sich, wenn überhaupt, nur noch mit dem funkgesteuerten Drücker öffnen, der Schlüssel selbst drehte im Schliesszylinder leere Runden.

Es geschah im Sommer 2009. In dem Jahr, wo in den Abruzzen die Erde gebebt hatte. Wir hatten uns lange überlegt, ob wir unsere Pläne trotz dem verheerenden Erdbeben umsetzen, oder ob wir uns besser ein anderes Reiseziel aussuchen sollten. Wir entschieden uns für die Abruzzen, sahen erschütternde Bilder von mit Gurten zusammengehaltenen Kirchtürmen, Zeltlagern, gesperrten Strassen und viel grandiose Natur. Die Abruzzen sind auf jeden Fall eine Reise wert, das waren mein innig geliebter Mitreisender und ich uns schnell einig, auch wenn es im Landesinneren für Wohnmobile praktisch keine Infrastruktur gibt.

In diesem gebirgigen, hauchdünn besiedelten Landesinneren hatten wir auf dem Parkplatz am Ortseingang von Pietracamela übernachtet. Nach dem Erdbeben gehörten Bilder wie dieses zur Tagesordnung.

Ein weiterer wunderschöner Tag, wir öffneten beim Frühstück die Türe, liessen die reine, frische Luft hereinströmen. Als wir nach Abwasch, Zähne putzen etc. reisefertig waren, liess der Mitreisende, entgegen sonstiger Gepflogenheiten, den Motor an, damit er etwas warm laufen konnte. Der Mitreisende war stets um das Wohl des 2,3-Liter-Diesel-Motors besorgt und so wollte er weder die kurze, steile Rampe aus dem Parkplatz noch die steile Fahrt talwärts mit kaltem Motor fahren.

Ein letztes kurzes Beinevertreten, bevor es losgehen sollte. Da knallte ein Windstoss die Aufbautüre zu, die mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss fiel. Na und? werdet ihr nun vielleicht sagen, macht halt die Türe wieder auf.

Das etwas Ungeschickte an der Situation war bloss, dass dieser Windstoss uns soeben rausgeschlossen hatte, während am Womi der Motor lief. Wir hatten nämlich noch keine der beiden Fahrerhaustüren geöffnet, was eine Entriegelung beider Türen zur Folge gehabt hätte. Wir standen da wie die Deppen. Jetzt ist es vielleicht an der Zeit, nochmals den roten Text zu lesen, damit ihr uns nicht für Webstübler haltet.

Der Schlüssel, der uns hätte retten können, steckte im Zündschloss. Der andere (Reserve-)Schlüssel, der die Aufbautüre wieder aufgekriegt hätte, war mit einem Magnet an einem sicheren Ort an der Karosserie angebracht. Indes, der nützte nichts, da sich die Türe nicht mehr mit dem Schlüssel öffnen liess.

Es müssen wohl dem Mitreisenden wie mir diverse Szenarien durch den Kopf geschossen sein, von Scheibe einschlagen über einen Autoknacker organisieren, der in dieser abgelegenen Gegend legal agieren durfte, bevor der Mitbewohner die Initiative ergriff. An der Türfalle der Aufbautüre ziehen, das wussten wir aus mehrwöchiger Erfahrung, endete meist im luftleeren Raum. So auch dieses Mal. Nach viel gutem Zureden, Handauflegen und des Mitbewohners feinfühliger Fingerchen hatte der defekte Mechanismus irgendwann Nachsicht mit uns und gab nach.

Ich musste unweigerlich an Alibaba und die vierzig Räuber denken.

Da war die Welt noch in Ordnung. Das Womi in entspannter Lage auf dem Ausgleichskeil, die Türe sperrangelweit offen. Der Motor aber vermutlich bereits am laufen, denn beide Sitze sind in Fahrtrichtung gedreht.

Öfters mal Panne (15)

… oder: Tag der offenen Türe

Ein Auto überholte uns. Diese Tatsache an sich ist ja nicht bemerkenswert, wenn man mit einem Wohnmobil unterwegs ist. Im Gegenteil, viele Autofahrer fühlen sich geradezu berufen, die lahme Ente vor ihnen zu überholen. Selbst dann, wenn die Ente sich ans Tempolimit hält. Der Automobilist, das uns soeben überholt hatte, hatte aber einen ganz plausiblen Grund und der hatte nichts mit Selbstverwirklichung am Steuer zu tun. Der Autofahrer machte uns wild gestikulierend drauf aufmerksam, dass bei uns am Fahrzeug etwas nicht stimmte. Wären wir in Spanien unterwegs gewesen, hätten wir das geflissentlich ignoriert. Zu oft hatte man schon gehört, dass so Zwischenfälle vorgetäuscht wurden, um arglose Touristen auszurauben.

Wir aber waren in Australien und so gedachten wir sehr wohl, anzuhalten um zu vernehmen, was denn nun los war. Unsere Tür sei offen, beschied uns der Aussie und schwupps war er wieder von dannen. Kann ja mal passieren, dachten wir uns zuerst noch, zogen die Türe wieder ins Schloss und fuhren weiter. In der Folge passierte uns das aber immer wieder und da unsere Aufbautüre nicht seitlich sondern hinten am Fahrzeug war, und wir ausserdem auf der Türschwelle anfänglich eine Reserve Gasflasche mitführten, musste sehr wohl etwas passieren, bevor etwas passierte.

Also gingen wir in einen Hardware Store (dort sind üblicherweise Nägel, Gartenschläuche, Werkzeuge und dergleichen im Sortiment und nicht etwa Notebooks und Ethernet-Kabel) und kauften einen zünftigen Riegel, den mein innig geliebter Mitreisender auf einem herrlich gelegenen Aussichtsplatz am Meer montierte. Für so eine Feldübung weitab jeglicher Zivilisation waren wir dank dem Generator (den wir nicht wegen solcher Busch-Reparaturen, sondern unserem Kühlschrank anschaffen mussten) bestens ausgerüstet. Alles, was man auf dem Bild sieht, hatten wir uns in Australien besorgt. Sämtliches Werkzeug, das grüne Benzinkanisterchen, das sich zwischen den beiden gelben Jerrycans mit dem Diesel versteckt, die Bohrmaschine, unser reisefreudiger Kaktus. Einzig das CH-Chläberli am Fenster stammte aus der Heimat. Es hatte einen nur unwesentlichen Beitrag zu unserem Zuviel an Fluggepäck beigetragen.

Dank dem Riegel, der mit etwas gutem Willen unten links an der Türe erkennbar ist, führten wir für den Rest der Reise, und das waren immerhin noch 11 Monate, keine „Tage der offenen Türe“ mehr durch.