Fan von Fantasie

Ich weiss, ich bin manchmal mit etwas zu viel Fantasie gesegnet. Bei Wanderungen entdecke ich auf Schritt und Tritt Figuren. Meine Fantasie lässt mir dabei freien Lauf. Mal ist es der Osterhase, mal Elvis (wie hier), dann wieder ein Frosch oder sonst ein Getier.

Mit meinem Abruzzen-Bären habe ich offenbar den Bogen eurer Fantasie etwas überspannt. Zugegeben, als ich den Bären zum ersten Mal sah, dachte ich auch eher, ich hätte es mit einer Wildsau zu tun. Ich liess mich dann aber vom Rest der Gruppe überzeugen, es handle sich hier um einen Bären…

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den euch aufzubinden ganz gewiss nicht meine Absicht war. 

Versteinert

In den Abruzzen, wo ich jüngst eine Woche wandernd Ferien machte, soll es rund hundert Braunbären geben. Ursus arctos marsicanus, um genau zu sein.

Dass man Meister Petz zu Gesicht bekommt, dürfte wohl eher selten sein.

Aber ! hallo !  ich habe ihn gesehen. Leibhaftig. Etwas statisch vielleicht. Aber ohne Zweifel ein Bär.

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Ihr erkennt ihn auch auf dem Bild, oder?

Im Angesicht des Bären (2)

Fortsetzung

(wer nicht weiss, worum es geht, bitte hier Teil 1 lesen)

Der Bär, der eben aus dem Gebüsch gekommen war, zeigte sich von unserem Gestikulieren und Schreien unbeeindruckt. Gemächlichen Schrittes trottete er in unsere Richtung. Noch trennten ihn gut zwanzig Meter von uns.

„Es nützt nichts“, dürfte ich wohl von leichter Panik getrieben geschrieen haben, als ich merkte, dass sich das Raubtier nicht von seinem eingeschlagenen Weg abbringen liess. „Schrei weiter“, keuchte der Mitreisende atemlos. Er stiess ununterbrochen schrille Pfiffe durch seine Finger aus. Wenn es taube Bären gab, musste dieser hier der Gattung stocktaub angehören. Im Geiste spulten wir beide unser Repertoire an Massnahmen bei Begegnungen mit Bären runter. Wie theoretisch doch alles war! In meiner Fantasie war der Bär stets auf einer weitläufigen Fläche unterwegs gewesen. Das Viech hatte ich jeweils von weitem gesehen und einen grossen Bogen darum machen können.

Aber hier, in der brutalen Realität der kanadischen Wildnis, sassen wir in der Falle. Sollten wir vielleicht über diesen hohen Zaun klettern und uns statt von einem Bären fressen zu lassen, von Büffeln zu Tode getrampelt werden? Und verdammt noch mal, der Pfefferspray, der den Bären in die Flucht schlagen würde, lag im Auto.

Mittlerweile war der potentielle Killer bis auf zehn Meter an uns herangekommen. War es Einbildung, oder konnten wir bereits seinen Atem riechen? Wir hatten ein gut dosiertes Abenteuer in der kanadischen Wildnis durchaus gesucht – nun stand es leibhaftig vor uns. Wir wünschten uns weit weg, in die gut behütete Umgebung der vertrauten Heimat. Dorthin wo es (zumindest damals!!!!) keine Raubtiere gab und Wanderungen nicht zu lebensgefährlichen Exkursionen ausarteten.

In unserer Verzweiflung schrieen wir den Bären an: „Kehr um! Blödes Vieh, hau endlich ab!“ Wir fluchten und beschimpften das arme Tier aufs Gröbste. Dazu bewegten wir uns weiterhin mit sorgfältigen Schritten rückwärts. Wohl bedacht, nicht zu stolpern und dem Bären noch wehrloser ausgeliefert zu sein. Auf wen würde er sich zuerst stürzen?

Mit einem Mal blieb der Bär stehen, wiegte den Kopf hin und her und stiess ein unwirsches Brummen aus. Schweizer schienen heute nicht auf dem Speisezettel des einheimischen Riesen zu stehen. Fast schien es, als rümpfe er die Nase. Dann beäugte er uns ein letztes Mal und trottete dorthin, wo er gekommen war: ins Dickicht.

Bärliland im Riding Mountain Nationalpark

Was waren wir erleichtert! Stumm gingen wir weiter. Immer und immer wieder blickten wir über unsere Schulter zurück um uns zu vergewissern, dass es sich der Bär nicht doch anders überlegt hatte. Uns war nicht mehr nach munterer Konversation zu Mute, denn uns war klar: Wollten wir nicht einen vierstündigen Marsch um den See auf uns nehmen, mussten wir auf dem gleichen Weg zurück zum Campingplatz gehen.

Mit einem mehr als mulmigen Gefühl kehrten wir schliesslich um. Wir konnten nur hoffen, dass sich der Bär tatsächlich verzogen hatte. Noch nie waren uns zwei Kilometer Wegstrecke so lang vorgekommen. Zurück beim Wohnmobil suchte der Mitreisende als erstes den Pfefferspray heraus. Wir hatten ihn erst vor kurzem gekauft. Extra und ausschliesslich zur Abwehr von Bären. Er schwor sich, keinen Schritt mehr ohne diese Spraydose zu machen.

Am Lagerfeuer unterhielten wir uns den ganzen Abend lang über unser Abenteuer. Zweifellos, wir würden zu Hause einiges zu erzählen haben. Dass dereinst einmal ein Bär in die Schweiz einwandern würde, konnte damals niemand erahnen.

Im Angesicht des Bären (1)

Bären sind weich, knuddelig, niedlich und harmlos. Zumindest wenn sie aus Plüsch sind. Seit dem Abschuss von M13, der als Risikobär eingestuft wurde, ist die Diskussion über freilebende Bären in unserem Land wieder neu entfacht. Ich habe meine Meinung zu diesem Thema schon Kund getan. Heute veröffentliche ich eine Geschichte, von einer unserer zahlreichen Bärenbegegnungen, die sich auf unserer Reise in Nordamerika ereignet hatte.

Wir hatten unsere Reise von langer Hand geplant. Wir hatten Reiseführer und Karten studiert und versucht, uns mit dem Land vertraut zu machen. Seitenweise hatten wir über endlose Wälder in Kanada gelesen, über Gefahren, die uns drohen konnten. Wir wussten daher, welches Verhalten erforderlich wäre, sollte uns ein Bär auf freier Wildbahn begegnen. In der Theorie existierten hierfür klare Regeln: Gerate nie zwischen eine Bärin und ihr Junges! Vermeide es, einen Bären zu erschrecken, indem du ihn durch lautes Rufen auf dich aufmerksam machst! Renn nicht davon; der Bär ist schneller als du! Spar dir die Mühe, auf Bäume zu klettern! Der Bär kann das besser als du. In der Theorie tönte das einleuchtend, doch die Praxis sah anders aus. Ausserdem hatte kein einziger Reiseführer beschrieben, was zu tun sei, wenn man in eine Sackgasse geriet…

Mein innig geliebter Mitreisender und ich befanden uns im Riding Mountain National Park in der kanadischen Provinz Manitoba. Wir waren ganz froh um das Blech unseres Campers, für einmal nicht wegen den Bären, von denen wir auf unserer Reise schon mehrere gesehen hatten, sondern wegen der Büffelherde, durch die wir gerade fuhren. Die Strasse führte nämlich mitten durch das weitläufige Gehege, in dem die beeindruckenden Tiere gehalten wurden. Das ganze Areal war von einem drei Meter hohen Zaun umgeben. Wir fuhren weiter zum malerischen See und wie an fast allen hübschen Orten gab es auch dort einen einfachen Campingplatz. Die Suche nach dem schönsten Stellplatz gestaltete sich für einmal nicht schwierig, denn praktisch alle Plätze lagen direkt am Wasser. Infrastruktur gab es ausser einem Plumpsklo keine, doch nur so konnte sich das echt kanadische Wilderness-Feeling einstellen. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass wir Kanada bald von einer Seite kennen lernen würden, die weitaus wilder war, als uns lieb sein konnte.

Der Park erstreckte sich über mehrere hundert Quadratkilometer. Nur ein kleiner Teil war mit Wegen erschlossen, die wenigen mit Autos befahrbaren Strassen liessen sich an einer Hand abzählen. Was also lag näher, als auf einem nachmittäglichen Spaziergang die Umgebung zu erkunden? Wir wollten dem Pfad, der in einer vierstündigen Wanderung um den See führte, nur ein kurzes Stück folgen und hatten deshalb keinen Rucksack dabei. Sämtliche Utensilien zum Schutze gegen Wind, Wetter und Natur waren im Camper zurück geblieben.

Der Weg bog vom See in Richtung des Geheges ab und schien längere Zeit parallel dem Zaun entlang zu führen. Das Seeufer verlor sich langsam aus dem Blickfeld und machte dem kanadischen Dickicht Platz. Büffel waren von hier aus keine zu sehen, doch ihre Spuren entlang der drei Meter hohen Umzäunung waren offenkundig. „Hoffentlich hat der Zaun kein Loch“, witzelte ich. „Keine Sorge, Büffel sind Pflanzenfresser, die würden uns nichts tun.“ Der Mitreisende gab sich wie immer pragmatisch.

Wir gingen dem Weg entlang, erblickten hier ein Blümchen, hörten dort einen Vogel trällern. Auf diesem Breitengrad unterscheidet sich der kanadische Wald nicht wesentlich von dem daheim. Brombeergestrüpp am Boden, Farne, Sträucher, Tannen, Laubbäume, Dickichte und Lichtungen wechselten sich ab. Ganz anders jedoch die Fauna. Nebst den nicht eben beliebten Stinktieren gab es Respekt einflössende Wapiti-Hirsche und Elche. Am Himmel kreisten majestätische Seeadler, die vielen Wasserläufe stellten das Refugium von Biberfamilien und dem kanadischsten aller Vögel, dem Loon, dar. All diese Tiere galten als harmlos, im Gegensatz zu Bären, die überall und jederzeit auftauchen konnten.

Plötzlich dieses verräterische Knacken im Dickicht. Da war doch nicht etwa…? Wir bückten uns und spähten ins Unterholz. Was uns da entgegen kam war ohne Zweifel ein ausgewachsener Schwarzbär. Der pelzige Kerl trampelte nieder, was ihm im Wege stand und bewegte sich auf den Pfad zu. Dort musste er sich entscheiden: rechts oder links? Geradeaus war ihm der Weg versperrt, da stand der drei Meter hohe Zaun. Zurück wollte er ebenso wenig. Unschlüssig blieb das Tier mitten auf dem Weg stehen, hielt die Nase in die Luft, schnupperte, fletschte die Zähne.

Uns gefror das Blut in den Adern. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis wir wieder zu einer Handlung fähig waren. Es war der Mitreisende, der die Initiative ergriff. „Wir müssen uns gross machen, wie es in den Führern geschrieben steht. Und schreien müssen wir, laut schreien.“ Wir winkten und schrieen aus Leibeskräften. Unser Herz rutschte allmählich dem Hosenboden entgegen. Gleichzeitig bewegten wir uns mit langsamen, bedachten Bewegungen vom Bären weg, auch wenn uns der Sinn eher nach davonrennen stand.

Der Bär zeigte sich von unserem Gestikulieren und Schreien unbeeindruckt. Gemächlichen Schrittes trottete er in unsere Richtung. Noch trennten ihn gut zwanzig Meter von uns.

Fortsetzung folgt.

Der Eidgenossen neustes Schmusetier

Lieber M13

Da bist du nun also! Seit einer Woche hältst du dich nachweislich im Unterengadin auf. Keine gute Standortwahl, würde ich meinen. Denn trotz EU-weitem Personenfreizügigkeitsabkommen (das deinesgleichen meines Wissens nicht explizit ausschliesst), wird bereits Jagd auf dich gemacht. Einerseits von sensationslüsternen Fotografen und andererseits von offizieller Stelle. Wenige Tage nach deinem Auftauchen wurdest du schon mit einem Senderhalsband bestückt. Nun kann man lückenlos verfolgen, wo du dich gerade herumtreibst. Kann herausfinden, ob du zum „Problembären“ mutiert bist.

Denn dein Verständnis von einem Selbstbedienungsladen ist bei der unterengadiner Bevölkerung auf wenig Gegenliebe gestossen. Die Ziege, die du gerissen hast und die paar geplünderten Bienenstöcke wurden in allen Medien gezeigt. Gemäss dem „Konzept Bär Schweiz“ (he ja, so etwas gibt es!) werden nun Vergrämungsmassnahmen eingeleitet. Du sollst deine natürliche Scheu vor uns Menschen wiedererhalten und wir sollen dir im Gegenzug kein Teddybären-Image andichten.

Drum nennt man dich auch nur M13 und gibt dir keinen richtigen Namen. Ihr Bären werdet jetzt einfach fortlaufend nummeriert. M für männlich, 13 weil du der 13. Bär bist. Oder so. Ich finde, M13 tönt wie ein Protagonist aus Star Wars. Und ein kleiner Filmstar bist du in den vergangenen Tagen zweifellos geworden.

Wenn ich dich wäre, lieber M13, würde ich auf Ruhm und Ehre eines Promis verzichten und schleunigst das Weite suchen. So sehr es von Seite der Naturschützer immer wieder behauptet wird, in unserem Land hat es keinen Platz mehr für Bären. Zu sehr nehmen wir Menschen den Raum in Anspruch. Ich habe gesehen, wie deine Artgenossen in Nordamerika leben. Konnte sie beobachten, wie sie sich mit Lachsen vollfrassen. Sah sie am Strassenrand, wo sie regelrecht grasten wie die Kühe. Kein Elektrozaun hielt sie in Schranken, kein Aufhebens in den Medien wenn ein Petz die Strasse überquerte.

Auch wenn du bärenstark bist, muss ich dir leider sagen, dass die Menschen Mittel und Wege gefunden haben, dich zu besiegen. Beherzige meinen Rat und zieh rechtzeitig Leine. Denn sonst werden wir dich früher oder später wie deinen Artgenossen Bruno ausgestopft in einem Museum „bewundern“ können.

Nein, das ist nicht M13 mit seinem kleinen Bruder sondern eine Schwarzbärin mit ihrem Jungen, aufgenommen in Hyder/Alaska, beim Lachs Fressen.

Vier Öhrchen und ein Busch

Wenn man sich auf eine Reise nach Nordamerika vorbereitet, kommt man nicht drum herum, sich mit Bärenbegegnungen auseinander zu setzen. Der Ratschläge sind viele: zusammenstehen, laut rufen, nicht wegrennen, aufpassen, dass man nicht zwischen eine Bärin und ihre Jungen gerät.

Vor meinem geistigen Auge habe ich mir immer eine grosse, weite Landschaft vorgestellt, in der ich den Bären und er mich von weither sehen kann. Wir können uns aus dem Weg gehen, weil da nichts ist, was im Weg sein könnte. Wir würden uns nicht stören, sondern einander nur neugierige Blicke zuwerfen und am Schluss heilfroh sein, dass keiner dem anderen etwas angetan hat.

Soweit zur Theorie. In der Praxis haben wir das mehrfach anders erlebt. Zum Beispiel auf einer Wanderung am Exit Glacier in Alaska. Dort, wo mich meine Wanderschuhe im Stich gelassen haben und meine Zehen braun wurden.

Schon beim Ausgangspunkt der Wanderung wies eine Tafel auf „Bearmum with two cubs“ hin, also eine Bärenmutter mit zwei Jungen. Auf dem alpinen Weg, der steil entlang des Gletschers bergan führte, kam uns dann auch bald das Bärenmami mit ihren zwei Jungen entgegen. Etwa dreissig Meter von uns entfernt verliess das Trio zu unserer Erleichterung den Weg und lief durch das offene Gelände oberhalb unseres Standorts. Wir folgten dem Weg einige Meter und konnten beobachten, wie die Bärin ihre Jungen in einem Busch versteckte und schnurstracks auf den Fleck zuging, an dem wir bis vor kurzem gestanden hatten. Was wäre wohl geschehen, wenn wir vor Schreck zu Salzsäulen erstarrt wären? So aber konnten die Bärin und wir einander aus halbwegs sicherer Distanz beobachten.

Und die Jungmannschaft? Die verhielt sich in dem Gestrüpp alles andere als mucksmäuschenstill. Den Anblick des wie Espenlaub zitternden Buschs, aus dem vier Öhrchen oben raus ragten, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.