Unser Wonnemonat

In Grunde genommen, so versuchte er seine kümmerliche Erscheinung zu trösten, ging es ihm „den Umständen entsprechend“ gut. Wenn er an seine Kollegen dachte…. Er war am Trockenen und sie bemühte sich nach allen Regeln der Kunst, ihn mit genügend Wärme und Licht einzudecken. Trotzdem…

Er sei für Höheres bestimmt, hatte sie ihm gesagt. Wenn er allerdings die männliche Stimme im Hintergrund hörte, die fast täglich anklagend verkündete „Ich habe dir ja gesagt, du hättest noch eine Woche zuwarten sollen“, befielen ihn hinsichtlich der von ihm erwarteten Stattlichkeit Zweifel.

Um sich etwas von seinen trüben Gedanken abzulenken, blickte er durch die blitzblank geputzten Scheiben nach draussen. Was er sah, war wenig ermutigend. Da standen Blumentöpfe, randvoll mit Wasser, die wenigen Blüten resignierend gesenkt. Eine Schnecke hatte sich soeben ins Trockene gerettet. Die Gartenstühle waren ineinander gestapelt, nutzlos, zum Warten auf besseres Wetter verdammt.

Noch fiel es ihm schwer zu glauben, dass er im Verlauf des Sommers zum Vorzeigeobjekt des Kräutergartens avancieren sollte. Wenn ihn nicht alles täuschte, war der Wonnemonat dieses Jahr eher ein Wannemonat.

Reif für den Kompost

Das ist alles, was noch von meinem Basilikum übriggeblieben ist:

Ich habe ihn vor unseren Skiferien kompostiert. Einfach so in hohem Bogen in den Grünkübel geschmissen. Hätte es Alternativen zu diesem abrupten Ende gegeben? Durchaus.

Ich hätte ihn noch ein paar Tage länger in der guten Stube hätscheln können. Er hätte mich jeden Tag etwas bleicher angeblinzelt. Schon seit mehreren Wochen war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Nie mehr so satt grün, wie als er noch täglich eine üppige Ration Sonnenschein zu sich nehmen konnte.

Ich hätte ihn zu Pesto verarbeiten können. Dazu habe ich irgendwie den richtigen Moment verpasst. Welches Sonnenkind würde im novemberlichen Nebelgrau intensiven Geschmack entwickeln?

Und zu guter Letzt hätte ich ihn noch meiner Nachbarin vermachen können. Sie, die mich immer so um mein üppig grünes Gewächs beneidet hatte („Das muss am Standort liegen; ich stelle meinen Stock jetzt dann auch mal zu deinem hin“). Selbst in seiner desolaten Erscheinungsweise wäre es immer noch eine gewaltige Steigerung gegenüber dem gewesen, was sie den Sommer über unter dem Begriff „Basilikum“ zu Tode gepflegt hatte.

Aber man kann nicht immer nett sein.

Zu Tode gepflegt

Der Rettungsversuch ist kläglich gescheitert. Dabei hätte ich es wissen müssen – es war noch jedes Jahr so. Weder gutes Zureden konnte das Unheil abwenden noch aufopfernde Pflege oder der nächtliche Aufenthalt in der warmen Stube. Auch die tägliche Dosis Sonnenschein der vergangenen Tage ist wirkungslos verpufft.

Von der einst so prächtigen Pflanze mit ihren saftiggrünen Blättern ist nur noch ein kümmerliches Gewächs mit blassen Blättern übrig geblieben. Das Prunkstück meines Kräutergartens mag nicht mehr. Der Basilikum hat all seine Energie verpufft.

Dabei wurde er den ganzen Sommer über so gehätschelt. Und zwar nicht in erster Linie von mir, sondern von meiner lieben Nachbarin, die während unserer Abwesenheit zum Rechten schaut. Ihr habe ich es nämlich zu verdanken, dass ich meinen Tomaten-Mozzarella-Salat immer mit frischem Basilikum bereichern konnte.

Doch nun ist nicht nur die Zeit des Basilikums abgelaufen, es gibt schliesslich auch keine Tomaten mehr zu kaufen, die nach Tomaten schmecken. Diese rötlichen Wasserbeutel aus dem Treibhaus, die jetzt und während der kommenden Monate in den Läden angeboten werden, haben mit Pomodori – vollreifen, aromatischen Tomaten, in denen die ganze Kraft des Sommers steckt – nicht im Entferntesten zu tun.

Wenn der Basilikum auf dem Kompost landet, ist der Sommer endgültig vorbei.

Arrivederci caro Basilico!