Links–rechts–links

Nein, hier geht es nicht um einen politischen Wendehals. Auch nicht um jemanden, der links und rechts nicht unterscheiden kann. Hier und jetzt geht es um Rituale. Begrüssungs-Rituale.

Begrüssungs-Küsschen haben sich eingebürgert. Waren es früher deren zwei, sind es mittlerweile drei. Zumindest bei uns in der Schweiz. Genau genommen handelt es sich zwar nur um Wangenbehaucher. Die wahren Küsse hebt man sich für den Liebsten oder die Liebste auf.

Aber wer kommt in den “Genuss” der Wangenbehauchung? Wie gut muss ich jemanden kennen, bis er/sie sich für meinen Begrüssungs-Kuss qualifiziert hat? Und wenn es dereinst soweit ist, gilt das für immer und ewig? Begrüssungs-Küsschen unter allen Umständen? In sämtlichen Situationen?

Soll ich tatsächlich die liebe Nachbarin auch küssen, wenn ich sie zwischen Joghurts und Kaffeebohnen beim einkaufen antreffe? Oder wenn wir beide mit einem Kehrichtsack gen Container marschieren? Ist es dann angebracht? Oder kann ich ausnahmsweise davon absehen, ohne dass das Gegenüber eingeschnappt ist oder darüber nachdenkt, welche Laus mir über die Leber gekrochen ist?

Und was, wenn mich jemand wangenbehaucht, und ich das eigentlich unangebracht finde? Nur weil er der Partner der besten Freundin ist, heisst es noch lange nicht, dass ich schon nach dem ersten Treffen meine Wangen zur Verfügung stellen soll. Für mich soll ein Begrüssungs-Kuss immer noch ein Zeichen gewisser Vertrautheit sein. Wird er zu inflationär angewendet, läuft er Gefahr, in die Belanglosigkeit abzudriften. Und das fände ich schade.

Wie handhabt ihr das?

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