Tischlein deck dick

Hier wieder mal eine Anekdote aus der guten alten Zeit, die nie mehr wieder kommen wird. Wir schreiben das Jahr 1999. Mein Mann und ich haben soeben in Los Angeles einen Camper gekauft und sind dran, diesen einzurichten. Die Einkaufsliste ist beträchtlich, immerhin beabsichtigen wir, zumindest für die kommenden sechs Monate im Camper herumzureisen. Wie sich im Nachhinein herausstellen sollte, werden aus den angedachten sechs Monaten mehr als zwei Jahre.

Als wir dieses grässliche Los Angeles endlich hinter uns lassen können und unsere Siebensachen eingermassen beisammen haben, finden wir schnell heraus, dass es nie schwierig ist, einen geeigneten Picknickplatz zu finden. Übers ganze Land verteilt gibt es gut eingerichtete solcher Rest Areas. Zum Standard gehört zumindest ein mehr oder weniger grosser Parkplatz, Picknicktische mit Bänken, häufig Feuerstellen, ganz sicher ein überdimensional grosser Abfalleimer. Da wir – im Gegensatz zu den meisten Amerikanern – Tischmanieren haben und weder im Stehen noch aus Papiertüten essen, ist es uns ein Anliegen, auf die häufig nicht sehr sauber wirkenden Tische ein Tischtuch zu drapieren. Schliesslich weckt ein nett gedeckter Tisch die Vorfreude auf das Essen. Und zeugt ausserdem von Stil.

Wir machen uns auf die Suche nach einer Tischdecke. Pflegeleicht soll sie sein. Abwaschbar selbstverständlich. Und gefallen sollte sie uns auch noch. Letzteres stellt sich als relativ einfach heraus. Die Sache mit der Abwaschbarkeit auch noch einigermassen. Aber wieso müssen all diese Tischtücher einen Flaum auf der Rückseite haben? Wir ärgern uns über diese Unart, verfängt sich dieses flaumige Zeugs doch häufig an den derben Planken der Tische. In jedem erdenklichen Laden halten wir Ausschau nach einem Tischtuch, wie sie es bei uns an jeder Ecke entweder fixfertig oder ab der Rolle gibt. Vergebens! Alle amerikanischen Plastik-Tischtücher scheinen rückseitig beflaumt zu sein.

Wir erweitern unseren Horizont. Was könnte noch als Tischdecke dienen? In unserer Not hätten wir selbst zu einem Duschvorhang gegriffen! Die Rettung naht in Form meines Patenkindes, das zusammen mit ihrem Bruder für vier Wochen mitreist. Unsere Bestellung in die Heimat: Eine Tischdecke aus solidem Kunststoff. Oder besser gleich zwei, eine in Reserve.

Ein knappes halbes Jahr später werden wir selber für drei Monate heim fliegen um die Skisaison nicht zu verpassen. Jedem, der es ausgehalten hat, diesen Beitrag bis hierhin zu lesen, wird klar sein, dass wir auf Flug zurück nach Florida, wo unser Fahrzeug eingestellt war, einige Quadratmeter Plastik-Tischtuch ab der Rolle im Gepäck hatten.

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Wie man sieht, kann die Tischdecke mitunter auch mal entartet werden. Hier an einem Fluss in Alaska. Ich nehme an, mein Mann war dort mit Angeln beschäftigt, während ich hier mutmasslich Spanisch büffle für den bevorstehenden Winter in Mexiko.

Andere Länder – andere Sitten (6)

Dieser Beitrag ist die nahtlose Fortsetzung des letzten Posts. Der Grund, weshalb mein innig geliebter Mitbewohner und ich in Mexico eine Wal-Mart-Filiale aufsuchten, war nicht einzig, weil wir im Supermarkt einkaufen wollten. Wir gedachten auch, dort zu nächtigen. So hatten wir das schon dutzende Male in den USA und Kanada gemacht. Wieso sollte sich der Parkplatz nicht auch in Mexico zur Übernachtung im Camper eignen?

Als wir – aus bekannten Gründen unserem Gespür folgend – dorthin fuhren, war es noch hell. Da es aber Anfang Dezember war, wurde es früh dunkel. Bald war alles in hellem Flutlicht erleuchtet. Ein ruhiges Eck zu finden war nicht möglich auf dem riesengrossen Parkplatz. So entschieden wir uns für einen Platz direkt unter dem Scheinwerfer. Wenn schon, denn schon!

Als wir in der Nacht einmal wach wurden – nicht etwa wegen Nachtruhestörung oder dergleichen – waren wir das allereinzige Fahrzeug auf dem riesigen Platz. Und noch immer war alles hell erleuchtet. Wir müssen gut geschlafen haben, so genau weiss ich das nicht mehr. Jedenfalls wurden wir nicht behelligt.

Am Morgen spielte sich Seltsames ab vor, hinter und neben unserem Camper. Es wurde geputzt. Mit ganzem Einsatz. Aber nicht etwa mit einem Fahrzeug mit mehreren hundert PS, sondern von Hand. Da war eine ganze Garnison Mexis am Werk. Mit Reisbesen, wie wir sie benutzen, um einen kleinen Vorplatz zu wischen, waren Heerscharen von Leuten damit beschäftigt, in straff organisierten Reihen den mehrere Fussballfelder grossen Platz zu kehren. Ein Tagewerk, das seinesgleichen sucht! In Mexiko arbeiten Menschen noch deutlich billiger als Maschinen. Und eine mehr oder weniger sinnvolle Beschäftigung haben sie so obendrein.

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Nicht ganz so gut strukturiert wie in Mexico, aber auch in Slovakien werden grosse Plätze noch von Hand gekehrt.

Andere Länder – andere Sitten (2)

Wäscheleine der anderen Art

Man muss noch nicht mal das Land bereist haben, um zu erahnen, dass die Uhren im Mexiko anders ticken als bei uns. Wenn sie denn überhaupt ticken. Denn zu Zeit hat der Mexikaner ein anderes Verhältnis als das Volk der Uhrmacher im Herzen Europas.

Während ich hier schreibe und mir vorsichtig die Worte zurechtlege, dass ich die Pointe nicht am Anfang schon preisgebe, kommen mir ständig neue Erlebnisse in Mexiko in den Sinn, die gut in diese Serie passen würden. Immerhin haben wir Mexiko 5 Monate lang mit dem Camper bereist. Die meisten Mexikaner sind mausarm und leben in für unsere Begriffe schäbigen Bretterbuden. Sie sind Meister im improvisieren und flicken. Unsere Wegwerf-Gesellschaft könnte sich eine dicke Scheibe davon abschneiden.

Kakteen gehören in den meisten Regionen des subtropischen Landes zum Landschaftsbild wie bei uns Obstbäume. Kleine, grosse und ganz grosse Kakteen. Mit viel oder sehr viel Dornen. Zäune braucht es in Mexiko keine, solange eine breite Hecke an Kakteen ein Anwesen umgibt. Gewisse Kakteen kann man essen. Ihre Ohren werden auf Märkten angeboten. Das musste ich natürlich auch mal probieren!

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Kakteen haben aber noch eine weitere Funktion. Und um die zu verstehen, muss man wissen, dass es grosse Ohrenkakteen (Opuntien) gibt, die nicht ganz so viele Dornen haben wie auf dem Bild, das übrigens aus der Provence stammt.

Die Mexikanerinnen – und hier darf wohl getrost das Klischee des unter dem Sombrero zuschauenden, untätigen Mexikaners herbeigezogen werden – benützen ihre Kakteen-Hecken nämlich auch als Wäscheleinen. Nicht als Leine im herkömmlichen Sinn, sondern sie legen die Wäsche einfach auf die Kakteen. Wäscheklammern erübrigen sich. Wie schade nur, dass ich seinerzeit nie ein Bild von solchen textilen Ansammlungen auf der Botanik gemacht habe!

Wer etwas über kulinarische Freuden in Bezug auf Kakteen wissen will, kann gerne diesen alten Blogbeitrag anklicken.

Öfters mal Panne (31)

… oder: Was rumpelt denn da?

Ich behaupte: Jede Panne kommt aus hellheiterem Himmel. Denn hätte sie sich angekündigt, hätte man ja rechtzeitig etwas gegen das drohende Unheil unternehmen können. Oder nicht?

Mein innig geliebter Mitreisender war schon immer ein Sensibelchen, wenn es um seinen fahrbaren Untersatz ging. Dass er jeglichen Ärger mit einem darniederliegenden Auto vermeiden wollte, liegt auf der Hand. Sobald er nämlich irgendetwas feststellte, das nicht war wie sonst, war es um sein Seelenheil geschehen. Das war umso schlimmer, als dass unser Camper nicht nur Auto, sondern auch Schlafzimmer, Küche, Bad und Esszimmer war.

Um nochmals zum Seelenheil des Mitreisenden zurückzukommen, darum war es auch geschehen, als wir über den Blue Ridge Parkway im Osten der USA tuckerten. Kurz nach unserem Mittagshalt stellte er beim fahren nämlich abnormale Geräusche und leichte Vibrationen fest. Meinen technisch unbelasteten Ohren wäre das Rumoren nicht aufgefallen, der Mitreisende dagegen legte sich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit unter den Camper. Die Obduktion ergab: Kreuzgelenke an der Kardan-Welle ausgeschlagen.

Ich wusste mit dieser Diagnose nichts anzufangen und stellte einmal mehr die Frage, die dem Mitreisenden im besten Fall ein verständnisloses Lächeln entlockte, im schlimmsten Fall einen längeren Vortrag: „Wie weit kommen wir noch damit?“ In Anbetracht der ihm bevorstehenden schlaflosen Nacht entschied sich der Mitreisende, sofort Massnahmen zu ergreifen. Wir fuhren in den nächstgelegenen grösseren Ort. Trotz Ladenschluss erkannte der freundliche Verkäufer bei NAPA unsere missliche Lage, verkaufte uns die passenden Ersatzteile und empfahl uns eine Werkstätte.

Diese lag gleich um die Ecke. Dort beschied man uns, es würde binnen einer halben Stunde ein Mechaniker seinen Dienst antreten, der sich hier ein Zubrot verdiene. Um Schlag 17.30 Uhr traf dieser ein und begann an unserem Dodge zu hantieren. Was dann geschah, brach dem Mitreisenden beinahe das Herz, musste er doch mit ansehen, wie die Kugellager, die bei uns mit einer Presse an den richtigen Ort gedrückt worden wären, durch ein paar gezielte und einige weniger gezielte Schläge mit dem Hammer traktiert wurden. Nichts desto trotz war eine knappe Stunde später alles wieder montiert und funktionsfähig.

Nun stelle man sich eine ähnliche Situation bei uns vor. Die Misere bestünde schon mal darin, dass man erst in ein paar Tagen einen Termin in der Werkstatt erhielte. Dann könnte man ganz, aber gaaanz sicher kein Ersatzteil mitbringen, das montiert würde. Und schliesslich würde die Rechnung etwas grösser ausfallen. Uns dagegen hatte die Reparatur der Kardan-Welle gerade mal 55 US$ gekostet. Samt Trinkgeld, dafür ohne Bürokratie. Und binnen weniger als einem halben Tag war unser Auto wieder flott.

Hatte ich beim Aufwachen noch nicht mal gewusst, dass unser Fahrzeug eine Kardan-Welle hatte, wusste ich beim Einschlafen nicht nur, wie so etwas aussah, sondern auch noch, wie die diversen Teile drum herum auf Englisch hiessen. So etwas nennt man wohl „technischer Fortschritt“!

Mit den Hühnern nach Chichicastenango

Chichi-wieviel? Ich wusste auch nicht, dass es diesen Ort gibt und bedurfte einiger Anläufe, bis ich das Wort in einem Zug und fehlerfrei aussprechen konnte.

Unseren Camper hatten wir an einem sicheren Ort auf einem Privatgrundstück am Atitlan-See abgestellt und fuhren mit dem Bus nach Chichi. Die abenteuerliche Busfahrt führte über steile, kurvige Strassen und durch enge Dörfer. Sie entsprach in allen Belangen dem Klischee. Waghalsige Manöver, Passagiere auf dem Trittbrett, notdürftig angebrachtes Gepäck auf dem Dach, das der Beifahrer jeweils schon vor dem nächsten Halt loszubinden begann. Und natürlich mehrere „Gott-sei-mit-uns“-Kleber und Wimpel. Die brauchte es tatsächlich, wenn der Fahrer über dem Steuerrad so richtig in die Kurven lag, während der Beifahrer kräftig an der Hupe zog.

Chichicastenango liegt im Hochland Guatemalas und zweimal wöchentlich findet dort der angeblich grösste Markt Zentralamerikas statt (so berichtet jedenfalls Wikipedia). Mit Sicherheit ist der Markt einer der grössten und der bekannteste Guatemalas. Im bedrohlich engen Gewimmel werden an hunderten von Ständen nebst Früchten und Gemüsen bunte Tücher, Lederwaren, farbenfrohe Kleider, Schmuck und Handwerk angeboten. Die fliegenden Strassenverkäuferinnen (tatsächlich scheint diese Aufgabe in Guatemala dem weiblchen Geschlecht vorbehalten zu sein) sind beim Anpreisen ihrer Ware sehr hartnäckig. So verfolgte uns die ca. 12-jährige Maria eine geschlagene Stunde lang, um ihre grobgeschnitzten Holztiere für 10 Quetzales (keine Ahnung mehr, wie viel das umgerechnet war, vermutlich kaum mehr als ein US$) schlussendlich doch noch an den Mann zu bringen. In Guatemala wie in Mexico zahlt man auf den Märkten keine Festpreise, sondern die ausgefeilschte Summe. Selbstredend, dass wir als Gringos immer viel zu viel hinblätterten.

Mitten im Marktgelände steht eine Kirche, die die Mayas zur Zelebrierung ihres mit dem Katholizismus vermischten Glaubens besuchen. Zu brennenden Kerzen schütten sie Blumenblätter, die sie mit Säften begiessen. Am Eingang werden die bösen Geister durch das Schwingen eines rauchenden Kessels ferngehalten.

In den Gassenküchen wird mit einfachsten Mitteln gekocht. Nicht alles, was in den Töpfen schmort, entspricht unserer Vorstellung von Essen.

Weil der Markt auch Touristen anzieht – und diese schnell und unschwer als solche auszumachen sind – versuchen die Einheimischen mit Liedern und anderen Darbietungen ihr bescheidenes Einkommen aufzubessern. Diese Familie leierte mit einfachen Instrumenten ihr Endloslied herunter. Wir konnten sie lange vom Balkon eines Restaurants aus beobachten.

Im Nachhinein betrachtet, war der Besuch des Marktes ein Highlight unserer Mittelamerika-Reise, die uns fünf Monate lang mit dem Camper durch Mexiko und Guatemala führte. Da die Kriminalitätsrate in Guatemala sehr hoch ist und das EDA zu grosser Vorsicht mahnt, würde ich wohl heutzutage nicht mehr auf eigene Faust das Land bereisen.