Auf dem Schoggi-Grat

Was für ein spezielles Datum es war, sah ich erst, als ich uns im Gipfelbuch eintrug. 19.7.19. Der Tag würde mir für immer in Erinnerung bleiben.

Die Wanderung, sie war wunderschön, anstrengend und emotional. Erstmals, seit ich die Asche meines Mannes verstreut hatte,  war ich wieder zu dem Ort aufgestiegen. Zu meiner Freude war alles noch so da, wie wir die Stätte vor gut einem Jahr arrangiert hatten.

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Es lag noch mehr Schnee als letztes Jahr. Weiter als bis zum See war ich in den vergangenen Jahren nie gekommen, wir hatten immer eine andere Route gewählt. Gestern stiegen wir auf zum Gufelstock

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und folgten der neuerdings als “Schoggigrat” bezeichneten Route zum Schwarzstöckli.

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Ein Weg ganz nach meinem Geschmack. Mitunter etwas luftig, aber gut zu begehen und lückenlos markiert.

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Die Route liegt am Rande der Tektonik Arena Sardona. Notabene Unesco Welterbe.

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Das verschieden farbene Gestein erzählt eine eigene Geschichte.

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Am Schluss unserer rund 6-stündigen Runde wartete noch eine Überraschung auf uns. Nach der Alpegligen fanden wir uns in einem Felslabyrinth wieder, aus dem wir wohl ohne Wegmarkierungen nicht mehr herausgefunden hätten!

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Die Natur wird hier sich selber überlassen.

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Wer gerne ein paar Kraxelstellen überwindet, über die nötige Kondition verfügt, unberührte Natur und viel Aussicht schätzt, wird an dieser Route Freude haben.

2 Jahre danach

Mein lieber Mann

Heute sind es zwei Jahre her, seit du in meinen Armen von deinen Leiden erlöst wurdest. Es war der Tag, an dem mein neues Leben anfing. Das Leben ohne dich.

So vieles ist seither geschehen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Ich fiel weder in das tiefe Loch, das mir prophezeit wurde, noch vergrub ich mich daheim. Ich lernte neue Leute kennen, die ich heute meine Freunde nennen darf. Und ich traf den Mann, an dessen Seite ich mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann.

Du musst nun mein Herz mit ihm teilen. Aber für dich wird es immer Platz haben.

In Liebe und Dankbarkeit
Deine Bea

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Die letzte Wanderung

Auf der gestrigen Wanderung war mein Rucksack schwerer als sonst. Ich trug eine in jeder Hinsicht schwere Last zwei Stunden den Berg hoch.

Mein Mann hatte gewünscht, dass seine Asche bei einem Bergsee in den Glarner Alpen verstreut werde.

Diesen letzten Wunsch habe ich ihm gestern im Beisein von zwei langjährigen Freunden erfüllt.

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Todestag

Todestag”, was für ein grässliches Wort!

Erster Todestag” – nicht minder grässlich. Brutal. Eine Leidensgeschichte. Unabwendbar. Heute.

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Red heart Mein über alles geliebter Mann  Red heart

Heute vor einem Jahr hast du in meinen Armen deinen letzten schweren Atemzug gemacht, wurdest von deinen unsäglichen Leiden erlöst.

Vieles ist seither geschehen. Es sind Türen aufgegangen, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt. Dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denken würde. Du bleibst immer in meinem Herzen, wirst bis an mein Lebensende ein Teil von mir sein.

Deine Bea

Mein Schatzkästchen

Mein Mann war ein Mensch der Taten und Worte. Kein Theoretiker. Von unbarmherzigen Umständen in seiner Jugendzeit geprägt, stand er mit beiden Beinen im Leben. War sehr nüchtern. Zu meinem Leidwesen nur bedingt romantisch. Lesen und Schreiben war ausserhalb des beruflichen Alltags nicht so sein Ding. Nur in den Anfängen unserer Beziehung schrieb er mir. Dafür fast täglich.

Diese Briefe, Karten, Zitate, ironischen “Vermisstanzeigen”, sie alle habe ich aufgehoben. In einer Schachtel, die mein Mann mir mal als Geschenk von einer Geschäftsreise nach Paris mitbrachte.

Als wir nach einem halben Jahr zusammenzogen, kam der Postfluss abrupt zum Stoppen. Fortan bedurfte es besonderer Anlässe, damit ich in den Genuss einiger Zeilen kam.

Die Karte zu meinem 31. Geburtstag hatte mein Mann selber gestaltet. Er verwendete damals Rubbelbuchstaben (weiss jemand hier überhaupt noch, was das ist?) und schrieb mir in geschwungenen Lettern diesen Satz, der mich noch immer tief berührt und trotz der ganzen Nüchternheit, die mein Mann für Aussenstehende mitunter ausstrahlte, seine tiefe Liebe zu mir zum Ausdruck brachte.

Du bist meine Lebensquelle.
Ich trinke von Dir und bin ewig durstig.

Heute wäre unser 20. Hochzeitstag.

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Ein Beet voller Rosen für meinen Mann

Noch immer fällt es mir schwer, die Frage zu beantworten. Umso mehr, wenn sie wirklich ernst gemeint ist und nicht nur einer dahingeworfenen Floskel abgedroschener Gewohnheit entspricht.

Noch immer fällt es mir schwer, heiter und frei von – weitgehend hausgemachten – Schuldgefühlen “ja” zu sagen. Ja zu der Frage, wie es mir geht.

Noch immer denke ich, man erwarte von mir ein leidvolles Gesicht. Man erwarte von mir – weniger als ein Jahr nach dem Tod des Menschen, der mir in den letzten 24 Jahren immer zur Seite stand – dass es mir einfach noch nicht gut gehen KÖNNE.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es geht mir gut. Und das habe ich zu einem grossen Teil dem Menschen zu verdanken, der in meinem Herzen weiterlebt. Durch unseren grossen Altersunterschied lag es nahe, dass ich – selbst wenn der Krebs nicht so erbarmungslos zugeschlagen hätte – eines Tages allein sein würde. Über all die Jahre hat mein Mann mich durch seinen starken Charakter, seinen Humor und seine Einstellung subtil auf die Zeit nach seinem Tod vorbereitet.

DSC08171Und so klingt es fast etwas pathetisch. Aber die Veränderungen, die in mir während der kostbaren Jahre an der Seite meines Mannes vor sich gegangen sind, helfen mir nun, den Alltag alleine zu bewältigten.

Dafür bin ich unendlich dankbar.

 

Vakuum in der Agenda

Als mein Mann starb, hatte ich Angst, geradezu Panik, vor einer leeren Agenda. Ich schaute auf meinen Kalender, und da war … nichts. Leer, keine Termine mehr. In den letzten vier Monaten hatte es praktisch alle Tage einen Termin gegeben, der mit der Krankheit meines Mannes in Verbindung stand. Für mich und meine Bedürfnisse blieb keine Zeit mehr.

Aber auch als mein Mann noch gesund war, war unsere Agenda nicht wirklich ausgefüllt. Wir machten nicht gerne Verabredungen auf lange Sicht. Das gab uns zwar die Flexibilität, bei schönem Wetter sofort durchstarten zu können. Allerdings fanden wir dann so kurzfristig nur selten Begleitung für unsere Wanderungen und sonstigen Aktivitäten. So waren wir häufig nur zu zweit unterwegs. Auf der Skipiste, dem Wanderweg, der Veloroute. Das Gspänli war ja immer da. Der Partner verfügbar mit gleichen Interessen. Lange und langwierige Absprachen erübrigten sich.

Nach dem 4. Juli 2017 – ich hatte es auf mich zukommen sehen – musste ich mich völlig neu orientieren. Nicht nur für meine Freizeitaktivitäten, aber für die auch. Ich habe weder Familie noch Geschwister. Es taten sich Türen auf, mit denen ich nie gerechnet hätte. Sicher, es hängt auch mit meiner Art, wie ich auf die Leute zuging, zusammen. Daheim warten, bis jemand anklopft, und mich für eine Wanderung oder nur schon für einen Kaffee auffordert, das war nicht meine Art. Für gewisse Leute mag ich etwas forsch ans Werk gegangen sein. Für mich jedoch hat es so gepasst.

Acht Monate später habe ich die Gewissheit: Selbst wenn am Sonntagabend noch kein Eintrag in der Agenda für die kommende Woche steht, ich werde nicht die ganze Woche alleine verbringen. Es sei denn, ich will das. Was für ein gutes Gefühl! Und sollte es Leute in meinem Umfeld geben, die denken, die lustige Witwe dürfte ruhig noch etwas mehr Zurückhaltung üben, dann ist mir das sowas von Wurst!

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Quizfrage: Welche dieser gackernden Hennen bin ich?

Gewinnbringende Anlage

Wenn dein Partner

nach zig Ehejahren

wesentlich mehr auf die Waage bringt

als am Hochzeitstag,

dann nennt man das eine

gewinnbringende Anlage. *

* frei nach Frau Flohnmobil

So gesehen hatte mein Mann kein glückliches Händchen.

Ich bin heute leichter als am 3. Juni 1998.

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