Schrecken in Uniform (8)

Der Einreisebeamte an der US-kanadischen Grenze blätterte lustlos durch unsere Reisepässe. Nein, lautete das Ergebnis seiner Recherche, er könne uns nicht in die USA einreisen lassen. Der Uniformierte gab als Grund an, dass wir schon zu lange nicht mehr in unserem Heimatland gewesen seien. In Tat und Wahrheit waren wir bereits 1 1/2 Jahre unterwegs in den USA  und Kanada. Mit einem Unterbruch – wir waren mal für drei Monate zu Hause beim Skifahren.

Wir liessen uns nicht anmerken, dass ein abschlägiger Entscheid unsere Reisepläne total über den Haufen geworfen hätte, waren wir doch auf dem Wege nach Mexiko. Stattdessen spulten wir unser Repertoire an sorgfältig einstudierten Argumenten ab. Den Beamten schien aber weder zu interessieren, dass wir unseren in den USA gekauften Camper auch wieder dort verkaufen mussten, noch, dass wir keineswegs beabsichtigten unterzutauchen, und dass wir in Switzerland eine Wohnung hätten, die wir in absehbarer Zeit wieder bewohnen wollten. Auch unsere Frage, was denn so falsch dran sei, unser Geld in seinem Land auszugeben, brachte den pflichtbewussten Mann nicht von seinem eingeschlagenen Weg ab.

Er verlangte unseren Autoschlüssel, forderte uns auf, zu warten und verschwand in Richtung Camper. Was immer er dort gesucht haben musste – Drogen, Waffen oder eine versteckte Schwiegermutter – er wurde nicht fündig. Stattdessen kam er mit einer Aktenmappe zurück, in der wir die für uns wichtigen Papiere aufbewahrten. Zu seinem Leidwesen war praktisch alles auf Deutsch. Dann wollte er mein Portemonnaie haben und zerpflückte den gesamten Inhalt vor meinen Augen. Auch dort fand sich nichts Verdächtiges.

Einfach vor dem Schalter stehen bleiben, nur etwas sagen, wenn wir gefragt werden und immer schön nett sein, lautete unserer Devise. Derweil verzog der Beamte sich zum x-ten Mal in ein Glaskabäuschen vor einen Bildschirm. Da wir unseres Wissens bis heute in keiner Verbrecherkartei zu finden sind, brachte auch das kein Resultat. Nach einem letzten Gespräch mit seinem Vorgesetzten blieb dem Beamten nichts anderes übrig, als uns nach über einer Stunde Wartezeit am Schalter die Einreise zu genehmigen. Er schraubte an einem Stempel rum und knallte den begehrten Eintrag in unsere Pässe. Dieser besagte, dass wir bis 31. Februar des folgenden Jahres bleiben durften.

Man sagt, Amerika sei das Land der unbeschränkten Möglichkeiten. Wir hielten den schriftlichen Beweis dafür in den Händen.

Dieser Geschichte gilt es eines anzufügen: Sie ereignete sich vor 9/11. Wie strikte die Einreisebestimmungen in einem ähnlichen Fall heutzutage gehandhabt würden, darüber kann man nur spekulieren.

Schrecken in Uniform (4)

Ich habe es an dieser Stelle schon einmal erwähnt: Fährüberfahrten schätze ich nicht besonders. Sie sind einfach ein notwendiges Übel um von A nach B zu kommen und egal, ob die Überfahrt zwei oder zwanzig Stunden dauert, das Manövrieren auf die Fähre ist immer ein gewisser Nervenkrieg.

Das war damals, als wir vom Mexikanischen Festland auf die Baja California übersetzten, nicht anders. Zitat aus unserem Tagebuch:

Das Verladeprozedere zieht sich in die Länge. Gründe dafür sind, dass rückwärts eingefahren werden muss und für die LKWs im Fähreninnern seitlich kaum Spielraum besteht. Die Fähre legt pünktlich um 22.00 Uhr ab. Die Nacht verbringen wir im Salón mit über hundert weiteren Passagieren. In den unbequemen Sitzen der Reihenbestuhlung lässt sich kaum schlafen. Viele legen sich auf mitgebrachten Decken – überall dort wo etwas Platz vorhanden ist – flach auf den Boden. In der Cafeteria kaufen wir uns einen Becher Nescafé; etwas Vernünftiges zum Essen gibt es nicht. Nach 10 Stunden Fahrt kommen wir pünktlich im Hafen von La Paz an. Bis wir rausfahren können, dauert es fast zwei Stunden, da die LKWs Probleme haben, wegen des fehlenden seitlichen Abstands rauszufahren. Einige müssen mehrmals vor- und rückwärts fahren, bis sie Zentimeter um Zentimeter den nötigen Abstand gewinnen.

Im Gegensatz zu dem, was uns nachher erwartete, war das Rein- und Rausfahren ein Sonntagsspaziergang. Denn im Ankunftshafen wurden – wie so oft in Mexiko – diverse Kontrollen vorgenommen, obschon wir innerhalb des Landes gereist waren. Den Reisepass und die Fahrzeugpapiere untersuchen lassen war noch das Wenigste. Aber dann kam eben dieser „Mini-Agrar-Minister“, der rücksichtslos in unseren Camper eindrang. Er riss beinahe die Kühlschranktüre ab, beschlagnahmte zwei darin liegende Mangos und einige Orangen und wollte ohne uns anzuhören das Fahrzeug wieder verlassen. Wir hätten die Früchte in einem Supermarkt gekauft, sie hätten doch einen Kleber drauf, und überhaupt, was er nun damit mache, fragte ich ihn. Er werde sie verbrennen, lautete die wenig glaubhafte Antwort.

Da brannte mir die Sicherung durch. Ich versetzte dem pomadigen Kerl, als er den Camper verliess, einen Tritt in den Hintern. Man kann sich vorstellen, dass der Beamte darauf nicht ausgesprochen erfreut reagierte. Wäre ich ein Mann, hätte er sich bestimmt mit mir angelegt. Es hagelte Vorwürfe von meinem innig geliebten Mitreisenden. „Was hast du dir bloss dabei gedacht? Jetzt kannst du selber schauen, wie du da wieder raus kommst.“ Logo, schliesslich war ich nicht nur der Ursprung allen Übels, sondern diejenige, die Spanisch sprach.

Ich blickte in die Runde. Dort standen ein knappes halbes Dutzend Uniformierte, die sich alle Mühe gaben, ein Lachen zu verbeissen. Ein Offizier mischte sich in die Diskussion ein und begann zu schlichten. Nach längerem Hin und Her durften wir das Hafengelände verlassen. Der Mitreisende hatte mich schon hinter schwedischen Gardinen gesehen, er hilflos, da ohne Sprachkenntnisse, nach mir suchend.

Und die Moral von der Geschicht? Tritt den Minister in seinen Hintern nicht!

Baja California, die 1’600 km lange Halbinsel südlich von Kalifornien. Heimat unzähliger Kakteen, die oftmals praktisch bis ans Meer wachsen.