Kein Buffet mehr

Früher pflegte ich zu sagen, wenn es von verschiedener Seite hiess: “Was, ihr fahrt schon wieder in die Ferien?!?”, dass wir gar nie Ferien hätten, nur unseren Alltag an einem anderen Ort verbringen würden. Das hatte, grosszügig betrachtet, damals etwas an sich, taten mein Mann und ich doch, wenn wir mit dem Wohnmobil  unterwegs waren, weitgehend das, was wir daheim auch gemacht hätten. Wir gingen wandern, suchten uns mit den Rennvelo geeignete Strecken aus, assen gut, fanden unser Glück in einer Konditorei, schauten abends die Tagesschau und assen so gut wie immer selber gebackenes Brot zum Frühstück.

Aber eben, das war früher. Mittlerweile hat sich mit dem Tod meines Mannes nicht nur mein Alltag geändert, sondern auch das, was man gemeinhin als “Ferien” bezeichnet. Eben erst aus Madaira zurückgekehrt, habe ich erstmals die Vorzüge einer geführten Wanderwoche kennengelernt. Nicht nur, dass einem ständig alle Wege geebnet wurden, einem das Mitdenken (theoretisch!) abgenommen wurde und man sich blindlings auf die sehr kompetente Leiterin verlassen konnte. Nein, da wurde nebst dem Komfort im 5-Sterne-Hotel noch viel mehr geboten. Beispielsweise immer wieder kürzere Besichtigungen entlang der Route. Einmal machten wir einen kurzen Abstecher in eine Zuckerrohr-Mühle.

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Dort wurde zwar, dumm gelaufen, gerade kein Zuckerrohr verarbeitet, doch konnten wir wie angekündigt den besten Zuckerrohr-Melasse-Kuchen der Insel degustieren und selbstverständlich auch kaufen.

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Oder dann dieser spezielle Aperitiv, zu dem wir hingekarrt wurden. Nikita hiess er. Wir wurden aufgefordert zu raten, was drin ist. Auf Ananas (wenn auch nicht in Form von Glacé) kamen wir schnell, dass aber auch noch Bier und Weisswein drin war, erriet niemand.

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Ganz zu schweigen natürlich vom Service, den unser Chauffeur bot. Unsere Wanderungen endeten nie dort, wo sie angefangen hatten. Immer stand Alexandre (stets wie auf dem Bild mit weissem Hemd und Kravatte) bereit, um uns abzuholen. Und am nächsten Morgen war der Boden im Bus wieder vom Dreck unserer Wanderschuhe befreit.

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Auch das touristische Highlight Funchals, eine Fahrt im Korbschlitten, wurde uns geboten.

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An einem Abend brachte Ursula, unsere nimmermüde Leiterin, eine Auswahl an exotischen Früchten mit, die sie im Markt gekauft hatte. So konnten wir allerlei meist Unbekanntes testen.

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Buchstäblich im Vorbeigehen erfuhren wir einiges über Land und Leute. Wenn unsere Leiterin auf unsere Fragen ausnahmsweise mal keine Antwort wusste, hatte sie spätestens beim Nachtessen die richtige Antwort recherchiert und parat.

Dass das alles seinen Preis hat, liegt auf der Hand. Aber mir war es das Wert. Und ich werde wieder mit Imbach auf Wanderschaft gehen.

Nun bin ich wieder in den eigenen vier Wänden. Das Frühstücksbuffet heute morgen war wesentlich übersichtlicher als im Hotel, wo man von einer Köstlichkeit zur anderen bereits die erste Wanderetappe zurücklegen musste. Bei mir gab es nur Kaffee, Orangensaft, Brot, Butter, Konfitüre, Honig und ein Stück dieses gut gelagerten Käses. Allerdings ohne Verpackung.

Alles hat ein Ende

Alles hat ein Ende, auch meine Karriere als Journalistin. In den vergangenen 9 Jahren schrieb ich die Kolumne in der 5 x jährlich erscheinenden Zeitschrift “Wohnmobil & Caravan”. Anfangs gehörten mein Mann und ich selber noch zur Wohnmobil Gilde.  Dann verkauften wir unser Fahrzeug und in meine Kolumnen (übrigens mein Baby, denn erst auf meine Initiative gab es in der besagten Zeitschrift eine solche Rubrik) floss nur noch mein enormer Erfahrungsschatz. Immerhin hatten wir weit über 2’000 Übernachtungen in einem Camping-Fahrzeug verbracht. Dann sah ich die Zeit gekommen, einen Schlussstrich zu ziehen. Nicht nur, weil mir langsam die Ideen ausgingen, sondern auch weil mein Mann, der kritischste Leser meiner Werke, krank wurde. Dies ist meine letzte von total 44 Kolumnen, die im letzten Herbst erschienen ist:

Der Tag wird kommen, wo mir das Reisen im Wohnmobil zu umständlich erscheint. Wo es mir zu eng sein wird. Wo ich lieber im Lehnstuhl als auf dem Beifahrersitz meine müden Knochen ausruhe, die Annehmlichkeiten einer ausgewachsenen Küche mehr schätze, als den Zweiflammen-Herd mit ständig wechselnder Aussicht.

Dann werde ich alt und grau sein. Und mir wird ein ähnliches Schicksal bevorstehen, wie so vielen Mitmenschen vor mir: Ich werde über kurz oder lang in einem Altersheim landen. Aber ganz bestimmt nicht in einem x-beliebigen Altersheim! Ich werde in eine Seniorenresidenz der besonderen Art einziehen. Eine, in der ausschliesslich gestandene Wohnmobilfahrer ihre alten Tage verbringen. Vielleicht wird es, insofern es besteht eine genügend grosse Nachfrage, auch eine Untergruppe „Wohnwagen“ geben. Uns allen wird gemein sein, dass es uns nie an Gesprächsstoff fehlen wird. Wir werden über unsere Abenteuer vergangener Tage berichten, verblasste Fotos herumreichen und uns darüber ärgern, dass wir unsere Fotodateien auf dem Handy nicht regelmässig gesichert hatten. Gut möglich, dass wir unseren Erlebnissen ab und zu etwas andichten, dafür unrühmliche Details weglassen. Wieso sollten wir es im Kreise der ergrauten Häupter anders halten als im früheren Leben?

Für das Personal des Altersheims werden wir pflegeleichte Bewohner sein, sind sich viele von uns doch gewohnt, Energie zu sparen, mit wenig Platz auszukommen, nicht täglich zu duschen und zu zweit in einem Bett zu schlafen. Anstelle eines Veranstaltungsprogramms, bestehend aus Bastelnachmittagen, Seniorengymnastik und weiteren Angelegenheiten, die in herkömmlichen Altersheimen den Bewohnern die Langeweile aus dem Gesicht wehen sollen, wird man uns im Rollstuhl an die grossflächigen Fensterfronten schieben. Von dort aus werden wir zum Nulltarif die beste Unterhaltung geniessen können, die dieses Universum zu bieten hat: Wohnmobil-Fahrer am Werk. Vor unserem Heim wird – primär zu unserer Bespassung und erst in zweiter Linie zum Wohle der Reisenden – eine ganze Reihe an Stellplätzen angeordnet sein. Damit wir nicht zu kurz kommen, werden die Plätze mit der einen oder anderen Tücke bestückt sein. Mal ist der Untergrund matschig, funktioniert das W-LAN nur in bestimmten Ecken, haut es am Stromkasten scheinbar grundlos die Sicherung raus. Von unseren Logenplätzen aus werden wir Wetten abschliessen, welcher Stellplatz als erster besetzt sein wird. Wie viele Vierbeiner aus welchem Fahrzeug raus kommen und wie lange es dauert, bis die Satellitenschüssel hochgefahren wird.

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Wir werden uns königlich unterhalten und die schweizweit zufriedensten Senioren sein. Aus der ganzen Welt werden Journalisten anreisen und ausführlich über unser Wohnmobilisten-Altersheim berichten. Es wird viele Nachahmer geben. Und noch mehr zufriedene alte Leute.

Auch wenn ich noch weit davon entfernt bin, ins Wohnmobil-Altersheim einzutreten, so hat sich mein Leben in den letzten Monaten doch so verändert, dass auch ich das Wohnmobilen nur noch aus der Ferne betrachten kann. Wie die Bewohner meines fiktiven Altersheims werde ich aber weiterhin jedem Wohnmobil nachschauen, das meinen Weg kreuzt. Werde mir jede Dokumentation über Wohnmobil-Reisen und Campieren am Fernsehen anschauen, werde am Wegesrand immer wieder geeignete Rast- und Übernachtungsplätze entdecken. Ich kann einfach nicht anders, das Wohnmobil war zu lange mein Hobby, Reisen mein Lebenstraum.

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Dies sind die letzten Zeilen, die es von mir an dieser Stelle zu lesen gibt. Ich durfte mir die Themen für diese Kolumne selber aussuchen, genoss eine gewisse Narrenfreiheit. Der Sinn bestand nie darin, Sie auf dem neusten technischen Stand zu halten oder Ihnen einen gewissen Typ Fahrzeug schmackhaft zu machen. Mein Ziel war es, Sie zu unterhalten, Ihnen hin und wieder eine unserer zahlreichen Anekdoten zu erzählen, Sie dadurch vielleicht vor einem Fehler zu bewahren, den wir selber begangen hatten. Ich hoffe, dass mir das in den vergangenen neun Jahren gelungen ist. Alles Gute!

PS: Selbstverständlich ist dies nur meine letzte Kolumne, jedoch nicht die letzten Zeilen, die es im Flohnmobil zu lesen gibt.

Housesitting- ein Resümee

Es ist bald drei Wochen her, seit wir unseren Ladenhüter-Dienst in Schweden abgeschlossen haben. Somit ist genügend Zeit vergangen, um das Ganze mit etwas Abstand zu betrachten, aber noch nicht so viel Zeit, dass Details in Vergessenheit geraten wären. Das Wichtigste vorab: Wir würden es wieder machen. Es hat enorm Spass gemacht. Aber wieso?

War es die die traumhafte Lage direkt an einem See?

Weil es so toll war, für einmal in einem so grossen Haus zu wohnen (auch wenn wir selber nie ein derart grosses Haus mit der damit verbundenen Arbeit unser eigen nennen möchten)?

Waren es die gründlichen Vorabklärungen, Mails, Skype, bevor wir zusagten?

War es die Abwechslung vom Alltag?

War es der grosse Garten mit seinem frischen Obst und Gemüse, dessen Angebot unseren Speisezettel massgeblich beeinflusste?

War es, weil Schweden einfach ein tolles Land ist?

Oder gar, weil das Wetter so perfekt passte und wir angenehme Sommertemperaturen hatten, während die daheim bei weit über 30 Grad schmachteten?

Es war wohl von allem ein Bisschen. Dank einem gerüttelt Mass Neugierde, Aufgeschlossenheit und Improvisationstalent, aber auch Toleranz und Achtung unseren nicht anwesenden Gastgebern gegenüber verbrachten wir drei unvergessliche Wochen in Schweden. Dem überschwänglichen Dankesbrief nach zu schliessen, würde unsere Gastfamilie uns ohne zu zögern wieder ihr Haus anvertrauen.

Wenn alle Umstände passen, namentlich die Lage des Hauses, die zu hütenden Tiere und Aufgaben, der Zeitpunkt und nicht zuletzt die Chemie mit den Hausbesitzern, werden mein zwischenzeitlich zum innig geliebten Mithüter mutierter Mitbewohner und ich uns wieder einmal aufs Abenteuer Housesitting einlassen.