Alles hat ein Ende

Alles hat ein Ende, auch meine Karriere als Journalistin. In den vergangenen 9 Jahren schrieb ich die Kolumne in der 5 x jährlich erscheinenden Zeitschrift “Wohnmobil & Caravan”. Anfangs gehörten mein Mann und ich selber noch zur Wohnmobil Gilde.  Dann verkauften wir unser Fahrzeug und in meine Kolumnen (übrigens mein Baby, denn erst auf meine Initiative gab es in der besagten Zeitschrift eine solche Rubrik) floss nur noch mein enormer Erfahrungsschatz. Immerhin hatten wir weit über 2’000 Übernachtungen in einem Camping-Fahrzeug verbracht. Dann sah ich die Zeit gekommen, einen Schlussstrich zu ziehen. Nicht nur, weil mir langsam die Ideen ausgingen, sondern auch weil mein Mann, der kritischste Leser meiner Werke, krank wurde. Dies ist meine letzte von total 44 Kolumnen, die im letzten Herbst erschienen ist:

Der Tag wird kommen, wo mir das Reisen im Wohnmobil zu umständlich erscheint. Wo es mir zu eng sein wird. Wo ich lieber im Lehnstuhl als auf dem Beifahrersitz meine müden Knochen ausruhe, die Annehmlichkeiten einer ausgewachsenen Küche mehr schätze, als den Zweiflammen-Herd mit ständig wechselnder Aussicht.

Dann werde ich alt und grau sein. Und mir wird ein ähnliches Schicksal bevorstehen, wie so vielen Mitmenschen vor mir: Ich werde über kurz oder lang in einem Altersheim landen. Aber ganz bestimmt nicht in einem x-beliebigen Altersheim! Ich werde in eine Seniorenresidenz der besonderen Art einziehen. Eine, in der ausschliesslich gestandene Wohnmobilfahrer ihre alten Tage verbringen. Vielleicht wird es, insofern es besteht eine genügend grosse Nachfrage, auch eine Untergruppe „Wohnwagen“ geben. Uns allen wird gemein sein, dass es uns nie an Gesprächsstoff fehlen wird. Wir werden über unsere Abenteuer vergangener Tage berichten, verblasste Fotos herumreichen und uns darüber ärgern, dass wir unsere Fotodateien auf dem Handy nicht regelmässig gesichert hatten. Gut möglich, dass wir unseren Erlebnissen ab und zu etwas andichten, dafür unrühmliche Details weglassen. Wieso sollten wir es im Kreise der ergrauten Häupter anders halten als im früheren Leben?

Für das Personal des Altersheims werden wir pflegeleichte Bewohner sein, sind sich viele von uns doch gewohnt, Energie zu sparen, mit wenig Platz auszukommen, nicht täglich zu duschen und zu zweit in einem Bett zu schlafen. Anstelle eines Veranstaltungsprogramms, bestehend aus Bastelnachmittagen, Seniorengymnastik und weiteren Angelegenheiten, die in herkömmlichen Altersheimen den Bewohnern die Langeweile aus dem Gesicht wehen sollen, wird man uns im Rollstuhl an die grossflächigen Fensterfronten schieben. Von dort aus werden wir zum Nulltarif die beste Unterhaltung geniessen können, die dieses Universum zu bieten hat: Wohnmobil-Fahrer am Werk. Vor unserem Heim wird – primär zu unserer Bespassung und erst in zweiter Linie zum Wohle der Reisenden – eine ganze Reihe an Stellplätzen angeordnet sein. Damit wir nicht zu kurz kommen, werden die Plätze mit der einen oder anderen Tücke bestückt sein. Mal ist der Untergrund matschig, funktioniert das W-LAN nur in bestimmten Ecken, haut es am Stromkasten scheinbar grundlos die Sicherung raus. Von unseren Logenplätzen aus werden wir Wetten abschliessen, welcher Stellplatz als erster besetzt sein wird. Wie viele Vierbeiner aus welchem Fahrzeug raus kommen und wie lange es dauert, bis die Satellitenschüssel hochgefahren wird.

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Wir werden uns königlich unterhalten und die schweizweit zufriedensten Senioren sein. Aus der ganzen Welt werden Journalisten anreisen und ausführlich über unser Wohnmobilisten-Altersheim berichten. Es wird viele Nachahmer geben. Und noch mehr zufriedene alte Leute.

Auch wenn ich noch weit davon entfernt bin, ins Wohnmobil-Altersheim einzutreten, so hat sich mein Leben in den letzten Monaten doch so verändert, dass auch ich das Wohnmobilen nur noch aus der Ferne betrachten kann. Wie die Bewohner meines fiktiven Altersheims werde ich aber weiterhin jedem Wohnmobil nachschauen, das meinen Weg kreuzt. Werde mir jede Dokumentation über Wohnmobil-Reisen und Campieren am Fernsehen anschauen, werde am Wegesrand immer wieder geeignete Rast- und Übernachtungsplätze entdecken. Ich kann einfach nicht anders, das Wohnmobil war zu lange mein Hobby, Reisen mein Lebenstraum.

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Dies sind die letzten Zeilen, die es von mir an dieser Stelle zu lesen gibt. Ich durfte mir die Themen für diese Kolumne selber aussuchen, genoss eine gewisse Narrenfreiheit. Der Sinn bestand nie darin, Sie auf dem neusten technischen Stand zu halten oder Ihnen einen gewissen Typ Fahrzeug schmackhaft zu machen. Mein Ziel war es, Sie zu unterhalten, Ihnen hin und wieder eine unserer zahlreichen Anekdoten zu erzählen, Sie dadurch vielleicht vor einem Fehler zu bewahren, den wir selber begangen hatten. Ich hoffe, dass mir das in den vergangenen neun Jahren gelungen ist. Alles Gute!

PS: Selbstverständlich ist dies nur meine letzte Kolumne, jedoch nicht die letzten Zeilen, die es im Flohnmobil zu lesen gibt.

Kein wir mehr

Ich gehe auf den Wegen, die wir so oft begangen haben.

Ich versuche, den Sträuchern, die wir gepflanzt haben, ein würdiges Aussehen zu verleihen.

Ich blicke auf den See, auf dem du so viele glückliche Stunden verbracht hast.

Ich fahre das Auto, das wir gemeinsam ausgesucht hatten.

Ich futtere die Schokolade, die du so gern mochtest.

Ich lache mit Menschen, die wir unsere Freunde nannten.

Ich sitze auf dem Sessel, der immer dir vorbehalten war.

Ich liege in dem Bett, in dem wir so viel und so guten Sex hatten.

Ich esse mit dem Besteck, das du so oft benutzt hast.

Ich überlege mir, was du jeweils sagen würdest.

Ich blättere durchs Fotoalbum und werde an all die unbeschwerten Momente mit dir erinnert. 

Das Schlimmste an meiner neuen Situation ist,
dass mir mit DIR auch das WIR genommen wurde.

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Einen letzten Dienst erwiesen

Als mein Mann und ich unseren gemeinsamen Haushalt gründeten, kam er mit diesem 2,1 Meter langen Ungetüm daher. Nie sah ich das Ding irgendwo anders als im Keller stehen. Zuerst am alten Ort, dann in der jetzigen Wohnung. Benutzt wurde es nie, doch es schien so etwas wie Heiligen-Status zu haben.

Mein Mann hatte mit diesen Skis  Jahre bevor wir uns kennenlernten einmal eine Abfahrt gewonnen. Lange behauptete er, dieser Ski wäre auch in der Neuzeit noch schnell, er würde noch heute jeden der damaligen Weggefährten und Mitstreiter abtrocknen. Immer wieder sprach er davon, er würde mit diesem Ski nochmals einen Tag lang Skifahren gehen.

Dass es nicht mehr dazu kam, hat nicht nur damit zu tun, dass mein Mann vor einem Monat verstorben ist. Das Brett war schon lange nicht mehr zeitgemäss und wer jemals auf einem Carving-Ski gestanden ist, wird es sich nicht antun, solche “Pommes-Frites” zu fahren.

Als ich meinen Mann wenige Tage vor seinem Tod fragte, was ich denn mit dem alten Attenhofer machen solle, erwiderte er ohne lange nachzudenken: “Dä chasch vo mir us irgendnoime an e Wand nagle.” Auf Deutsch: Den kannst du meinetwegen irgendwo an eine Wand nageln.

Um dies zu tun, fehlt mir die seelische Verbundenheit zu dem alten Sportgerät. So schön ist es nun auch wieder nicht, auch nicht, nachdem ich es vom Staub der letzten zwei Jahrzehnte befreit habe.

Aber es hat während der Trauerfeier in der Kirche hervorragende Dienste als Fotoständer verrichtet.

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Ich habe die Abfahrtslatten nach der Trauerfeier nochmals zurück in den Keller gestellt. Doch heute habe ich die Reissleine gezogen, eine Abfallmarke mobilisiert und den Ski mit einem letzten Gruss der Müllabfuhr mitgegeben.

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Ach wie grässlich!

Seit Tagen lässt sich die Sonne bei uns bestenfalls noch als Umriss am Himmel erkennen. Dass es irgendwo gaaanz weit oben gaaanz anders aussieht, lässt sich beispielsweise hier nachlesen.

Uns Normalsterblichen bleiben derzeit bestenfalls die Erinnerungen an bessere Tage. Und auf so eine leicht tröstliche Erinnerung bin ich gestossen, als ich heute mein Fotoarchiv durchforstete auf der Suche nach Bildern für den neuen Fotokalender.

Wann habt ihr das letzte Mal die Sonne gesehen?