Es darf geschüttelt werden

Es ist so eine alte Gewohnheit von mir, die ich irgendwie nicht mehr los bringe. Sie stammt noch aus der Zeit, als ich zusammen mit meinem Mann über Wochen, Monate oder gar Jahre im Wohnmobil unterwegs war. Nicht immer brannte die Sonne vom Himmel und es war mitunter reichlich feucht in unserem mobilen Zuhause.

Als Folge davon verklumpte alles, was in Pulverform war. Streubouillon, Instantkaffee, Gewürze, Zucker. Bis heute kann ich keinen Gewürzstreuer öffnen, ohne in vorher kurz geschüttelt zu haben. Ich mache das automatisch, ohne zu überlegen. Auch nach Jahren noch.

Wer weiss, vielleicht kommt mir diese Fähigkeit eines Tages wieder zu Gute.

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Wandern dem Wasser entlang

Madeira ist berühmt für seine Levadas. Ganze Heerscharen von Wanderer und Spaziergänger folgen den fast ebenen Wegen entlang der Wasserkanäle. Diese versorgen seit Jahrhunderten die trockeneren Gebiete mit dem köstlichen Nass aus dem Landesinneren.

Unsere Reiseleiterin, die schon über 60 (in Worten: sechzig!!!) Wanderwochen auf Madeira geleitet hat, kennt viele solcher Levadas. Doch auch sie kennt nur einen Bruchteil der 3’000 Kilometer Wasserführungen. Nichts desto trotz hat sie uns schon an zwei total unterschiedlichen Levadas entlang geführt. Die eine völlig abgeschieden im Landesinneren. Sehr rau, sehr viel Wasser. Und das nicht nur im Kanal, sondern aufgrund starker Niederschläge auch daneben. Gummistiefel wären das passende Schuhwerk gewesen.

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Wir waren alle ausgerüstet mit Wanderschuhen, Regenhosen, Regenjacke und vor allem einer Stirnlampe. Letzteres war zwingend notwendig, weil das längste Tunnel, das es zu begehen galt, einen Kilometer lang war. Wohl sah man von Anfang an das andere Ende, aber nur als nie näher kommen wollendes Mini-Pünktchen.

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Um es gleich vorneweg zu nehmen: Das Unterfangen geriet zur Ausdauer-Übung der Sonderklasse. Ursula, unsere Leiterin, entschuldigte sich nachher bei uns. Wenn sie gewusst hätte, dass neben der Levada im Tunnel derart viel Wasser liege, wäre sie nie und nimmer dorthin gegangen mit uns. So etwas habe sie in all den Jahre noch nie erlebt.

Teils auf dem unebenen Weg neben der Levada, teils auf dem Mäuerchen balancierend, sich mit den Händen an den feucht-schmutzigen Wänden abstützend oder breitbeinig. Jeder musste im Verlauf der Tunnel-Durchwanderung seine für ihn beste Methode entwickeln, wie er über die Runden kam. Ich entschied mich, auf dem Mäuerchen behutsam einen Fuss vor den anderen zu setzen und mit den Stöcken rechts der Levada das Gleichgewicht zu suchen. Dadurch musste ich allerdings aufpassen, dass ich meinen Kopf nicht anstiess. Zwischendurch watete ich einfach auch durch das etwa knöcheltiefe Wasser und testete meine Wanderschuhe. Meine Füsse blieben bis zum Schluss trocken. Über das Aussehen der Schuhe darf spekuliert werden.

Ingesamt  acht Tunnels lagen an unserer Strecke, das zweite war das längste und alle anderen, die folgten, entlockten uns nur noch ein müdes Lächeln.

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Die feuchte Landschaft mit ihren fast senkrechten “Hängegärten” war grandios und entschädigte uns für all die Mühen des Tages.

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Total anders dann die Levada, die wir am folgenden Tag bewanderten. Sie führt durch Kulturland, ist schmaler und der Weg daneben nicht wesentlich weniger dreckig. Anders als die erste Levada, die Wasser für ein Kraftwerk führt, dient diese Levada ausschliesslich der Bewässerung. Der Klassiker also.

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Die Fotografin war die Einzige, die ungehemmt durch sämtliche Pfützen schritt. Alle Anderen versuchten in diversen Balanceakten, schadlos über die Runden zu kommen. Ihre Schuhe wurden aber im Verlauf der Wanderung mindestens so dreckig wie die von Frau Flohnmobil.

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Irgendwo hier plätschert bestimmt auch eine Levada durch die Hänge.

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Bohnen, Chabis, Gurken, Kürbis, Zwiebeln, 3 x im Jahr Kartoffeln, Mais, Rüebli. Jeder Madeirenser scheint einen Blätz Garten irgendwo am Bord zu haben.

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Nicht jeder Garten ist gleich einfach zu erreichen.

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Das steile Gelände wurde seit Jahrhunderten terrassiert.

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Futter beschaffen für eine Geiss oder Kuh.

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Vorbei an einem Toblerone-Häuschen.

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So unterschiedlich kann Levada-Wandern sein. Die meisten Wandergruppen beschränken sich auf diese flachen Wegstücke. Wir aber haben “Bergwandern” gebucht. Und wie spektakulär das sein kann, werde ich später berichten.

Wer mehr über die Levadas in Madeira, ihre Entstehung und Nutzung lesen will, gucke HIER nach.

Aufstiegsmöglichkeiten

Sie, bzw. ES, hatte einen akuten Drang nach oben. Man darf sich mit gutem Grund fragen weshalb. Weshalb ES sich das antat.

ES hatte schon einen langen Weg zurückgelegt, bis ich ES entdeckte, als ich am Morgen die Fensterläden öffnete. Dort oben schien es für ES besonders reizvoll zu sein. ES hatte keine Mühe gescheut, um in den Genuss der besonderen Aussicht zu kommen. Vielleicht war auch die Luft dort oben besser. Oder das Grün zarter. Oder der Regen nässer.

Wer weiss schon, was sich in einem Schneckenhirn so alles abspielt.

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Wohnen in der Tropfsteinhöhle

Bist du noch ganz dicht? Die Frage ist in aller Regel ironisch gemeint. Bezieht sie sich jedoch auf ein Wohnmobil, so ist sie durchaus berechtigt. Denn wer würde nicht gerne im Trockenen sitzen, wenn der Himmel seine Schleusen geöffnet hat.

Ein kuschelig trockenes Wohnmobil ist leider keinesfalls selbstverständlich. Nicht umsonst werben die Wohnmobil-Hersteller mit einer Dichtigkeitsgarantie, die Jahre über die Werksgarantie hinausgeht. Dass man nach Ablauf der normalen Garantiefrist die Kosten für die Dichtigkeitskontrolle selber berappen muss, erfährt man häufig erst dann. Nichts desto trotz ist es unzweifelhaft im Interesse jedes Reisemobilbesitzers, dass er diese Kontrollen regelmässig über seinen Freizeitbegleiter ergehen lässt.

Man stelle sich nur vor, welchem Gehotter so ein Gefährt über die Jahre ausgesetzt ist. Selbst bei „anständigem“ Fahrverhalten führen das Befahren von Naturstrassen, unvorhergesehene Bodenwellen, abruptes Abbremsen, Schlaglöcher und dergleichen unweigerlich dazu, dass nicht nur der Aufbau sondern auch die Ausstattung aus den Fugen gerät. Selbst wenn das nur im Millimeter-Bereich ist, kann es früher oder später dazu führen, dass bei einer Verbindung Risse entstehen, durch die Wasser eindringt. Sachte und oft über lange Zeit unbemerkt dringt dann Feuchtigkeit ein, die häufig erst weit entfernt von der undichten Stelle wieder sichtbar wird. Wenn überhaupt. Es ist nämlich durchaus realistisch, dass es in einer Seitenwand oder zwischen Hohlräumen still und leise vor sich hin modert.

Am Problem der erwähnten Unsichtbarkeit litten wir bestimmt nicht, als das Wasser direkt durch die Führungsschiene der Schiebefenster eintrat. Es war ein derart heftiger Tropenregen, der da vom Australischen Himmel herunterprasselte, dass es uns vorkam, als hätten wir unter einem Wasserfall parkiert. Machtlos mussten wir zuschauen, wie der Regen durch Lüftungsschlitze eintrat, den Wänden entlang herunterrann und dabei Teppiche und Polster einweichte. Als ganz so kostbar, wie Wasser sonst bezeichnet wird, kam es uns in jenem Moment gewiss nicht vor. Zum Glück hatten wir unser Bett im Alkoven; wenigstens dort oben blieb es trocken. Am nächsten Morgen – es war das erste und einzige Mal, dass mein innig geliebter Mitreisender und ich mit einem Plastiksack unter dem Allerwertesten gefrühstückt haben – fuhren wir schnurstracks in eine Wäscherei, wo wir die vor Nässe triefenden Polster in einem riesigen Tumbler wieder trockneten. Den Rest besorgten die Sonne und die Dachklimaanlage, die stundenlang vor sich hin brummte, bis im Inneren unserer Tropfsteinhöhle wieder trockene Verhältnisse herrschten. *

Natürlich sind die Fenster an europäischen Wohnmobilen anders konstruiert und wir hatten hierzulande noch nie ein vergleichbares Malheur, denn bei uns tropfte es nicht durch die Fenster rein, sondern durch den Dampfabzug. Das kleine, runde Abdeckgitter am Fahrzeugäusseren war von so vollkommener Konstruktion, dass wir auf dem Herd eine Pfanne unterstellen mussten, bis das Gewitter vorüber war. Als wir den Werkstattchef der Vertretung auf diese ungewöhnliche Art der Trinkwassergewinnung ansprachen, lautete seine ernüchternde Antwort lediglich: „Da sind Sie nicht die Ersten.“

Müssen sich Wohnmobil- und Caravan-Besitzer also darauf einstellen, dass es früher oder später mal in ihr Fahrzeug regnet? Ich wage hier keine Prognose, hängt es doch stark von der Verarbeitung, dem Unterhalt, der individuellen Benutzung des Fahrzeugs, und nicht zuletzt auch dessen Unterbringung bei Nichtgebrauch ab. Trotzdem kann ich euch verraten: Eine Tube Silikon war immer dabei, wenn wir uns weiter als 10 Kilometer von unserem Haus entfernten. Man weiss ja nie. Denn unter einem aufgespannten Schirm im Wohnmobil zu frühstücken, das wäre nun wirklich das Letzte, das ich mir vorstellen könnte.

* Wer die ausführliche Version dieser nassen Angelegenheit kennen lernen will, dem sei die Lektüre von Folge 25 meiner Serie „Öfters mal Panne“ empfohlen.