Lateinisch für Fischer

Er hätte zwar nur einen, dafür einen ziemlich grossen Fisch gefangen, erzählte mir der innig geliebte Mitbewohner bei seiner Rückkehr vom See. Ja, ja, schon gut, dachte ich mir. Wird wohl nicht so krass sein, am Schluss muss man wieder froh sein, wenn es für eine Mahlzeit reicht.

Was sich da unvermittelt in meiner Küche breit machte, hätte mich beinahe umgehauen. Ich legte das Ding zuerst auf die Waage, dann holte ich einen Klappmeter. Ich hab nun wirklich keinen Grund, mit dem Fisch des Mitbewohners anzugeben. Aber das Tier wog 1’800 Gramm und war 54 cm lang. Für eine Felche ist das ein ganz beachtliches Mass.

Nach dem Filetieren – normalerweise bin ich mir bei der Grösse gewohnt, einen Lachs unter dem Messer zu haben – waren allerdings nur noch zwei Filets von je gut 300 Gramm übrig. Das liegt nicht an meinem bescheidenen Talent zum Fische filetieren, sondern ist normal.

Im Übrigen bin ich froh, dass der Mitbewohner nicht mehr mit der Aldi-Rute angelt. Mit diesem Spielzeug hätte er den Mordsbrummer kaum ins Boot gebracht.

Garantiert ohne Garantie

Mein innig geliebter Mitbewohner hat gestern auf dem See seine Angelrute ruiniert. Genauer gesagt hat dies ein Fisch getan, denn der Brocken war angeblich (Fischerlatein???) so kräftig, dass die Rute dem Zug nicht standgehalten hat. Klacks und sie war direkt am Griff entzwei. Der Fisch war noch dran aber zum Glück nicht mehr lange, sonst hätte der Mitbewohner gröbere Kosten gehabt.

Er verlor nicht viele lobende Worte über das Felchenrütchen. Zum allgemeinen Verständnis muss ich hier sofort anfügen, dass das Rütchen aus einem Aldi-Bestand stammt. „Aha, kein Wunder!“ wird es nun dem einen oder anderen Leser entfahren. Okay, das Rütchen hat mitsamt der Rolle und der Schnur nur 50 Franken gekostet, im Fachgeschäft bezahlt man für die nackte Rute schon das Dreifache. Es war halt einfach ein Versuch, denn bis anhin hat der Mitbewohner auch mit teureren Ruten geangelt. Und dies wird er wohl fortan wieder machen, denn als wir heute, ausgerüstet mit Kassenzettel und dem Corpus Delicti, bei Aldi an der Kasse standen, ahnte ich nichts Gutes.

Die Kassiererin beschied dem Mitbewohner, er müsse die Rute dem Hersteller einschicken. Die Aldi-Garantie laufe nur in den ersten zwei Monaten, und die waren in unserem Fall bereits um. Für den Rest der Garantiefrist stehe der Hersteller gerade. Der Mitbewohner schäumte, die ganze Aldi-Filiale spitzte die Ohren.

Einmal mehr hat sich gezeigt, dass sich die Verkaufsstellen (und da gehört nicht nur Aldi dazu!) herauswinden, wenn es um Garantieansprüche geht. In unserem Fall hätten wir also das Rütchen einsenden müssen. Da es über einen Meter lang ist, hätten wir es bei der Post als Sperrgut aufgeben müssen – für 32 Stutz. Der Mitbewohner hat darauf verzichtet. Kundendienst sieht anders aus.

Was stinkt denn hier so?

Diese Geschichte hat zwar gestern ihren Höhepunkt erreicht, begonnen hat sie aber bereits im letzten Jahr. Oder vielleicht noch viel früher. Je nachdem, ob man einrechnet, dass mein innig geliebter Mitbewohner sich erst in seinem fortgeschrittenen Alter dazu berufen fühlte, mit dem Angeln anzufangen.

In unserer Nähe gibt es einen See. Kein allzu grossen See zwar, aber eine ganz netten, weitgehend von einem Schilfgürtel umgeben und deshalb Naturschutzgebiet. Dort angelt der Mitbewohner ab und zu. Keine alten Gummistiefel oder Blechdosen sondern Felchen. Ein Fisch von durchschnittlicher Qualität, im Idealfall etwa 40 cm gross, mitunter auch grösser.

Ich habe schon sämtliche Kochbücher und Internet-Seiten nach Rezepten durchforstet, damit ich die Fische nicht ständig nur in die Bratpfanne werfen muss, sondern auch mal was Fantasievolleres daraus zubereiten kann. Aber eine Felche bleibt halt eine Felche, ob man sie im Dampf, als Ganzes im Backofen oder als Filet in der Bratpfanne gart. So entstand die Idee, Fischfilets zu räuchern. Bei Ricardo erstanden wir für billiges Geld einen Tisch-Räucherofen und bei uns im Wald sammelten wir bei gefällten Buchen Sägespäne. Das geschah im letzten Herbst, als die Fangsaison bereits zu Ende war.

Gestern konnte endlich der ultimative Test erfolgen. Öfeli aufgebaut, Sägespäne eingefüllt, Spritkocher angezündet, Fischfilets auf den Rost, Deckel drauf, Thermometer an. Es begann zu heizen, es begann zu qualmen und es begann zu stinken. Da die Spritbrenner schwer zu regulieren sind, mussten wir alle paar Minuten kontrollieren, dass das Ganze nicht zu heiss wird.

Nach einer guten Stunde nahmen wir die 6 Filets heraus. Zwischen den Fischen und dem Mitbewohner und mir gab es nur noch einen Unterschied: Die Fische hatten eine dunkle Farbe angenommen. Ansonsten stanken wir Acht alle gleich. Nämlich nach Fisch und nach Rauch. Bloss: bei den Fischen war der Rauchgeschmack erwünscht.

Dennoch, selbst wenn noch einige Optimierungen anstehen, kann man das Ergebnis als ganz passabel bezeichnen. Dass es von den Filets kein Bild gibt ist darauf zurückzuführen, dass die einen im Gefrierschrank sind, die anderen bereits gefuttert. Deshalb an dieser Stelle ein Ersatzbild von einem Dorsch – oder was davon übrig ist – wie er in traditioneller Weise auf den Lofoten an der Luft getrocknet wird.

Mein ganz persönliches Flohspiel

Heute Morgen ist mein innig geliebter Mitbewohner wieder einmal zum innig geliebten Fischer mutiert. Dazu braucht es gar nicht viel:

– stinkige, warme Kleider
– eine Angelrute
– diesen besonderen Blick
– viel Geduld und noch mehr Ausrüstung

Im nahe gelegenen See rudert er ein paar Meter den Fischen entgegen und einige Stunden später kommt er mit mehr oder weniger voller Kühltasche und mehr oder weniger grosser Schnute nach Hause. Heute war die Tasche voll, die Mundwinkel dem entsprechend oben.

Messer schleifen und ran an die Arbeit!

Für den männlichen Teil unserer Kleinstfamilie ist mit dem Übertreten der heimischen Türschwelle die Arbeit fertig. Fische putzen ist meine – nein, nicht Passion – meine Aufgabe. Zehn Felchen waren es heute, denen es das Fell über die Ohren zu ziehen galt. Das ist in gut einer Stunde erledigt, inklusive Fischfilets einpacken und Küche putzen. Etwas länger dauert es jeweils, bis der Fischgestank wieder aus der Küche raus ist.

Und noch länger, bis keine Fischschuppen mehr herumliegen. Es ist nämlich ganz erstaunlich, wie die sich via Schuhe und Kleidung mehr oder weniger schnell bis in den hintersten Winkel der Wohnung verteilen. Ich habe schon immer versucht, dem etwas Positives abzugewinnen. Aber irgendwie fühle ich mich dem Flohspiel langsam entwachsen.

Ein teurer Tag

Eigentlich hat der Tag ganz harmlos angefangen. Wir fuhren in einen Fischereiladen, damit der innig geliebte Fischergöttergatte sich endlich ein paar taugliche Handschuhe für sein Hobby kaufen kann und nicht mehr immer die Fingerchen abfriert. So was gibt es für 33 Franken. Ein recht akzeptabler Preis, wenn man bedenkt, dass die zehn Finger fortan von Neopren umgeben sein werden und sich ausserdem 2 x 3 Neoprenstumel nach hinten klappen lassen und daselbst mit Klett fixiert sind, damit sie die Aktivitäten des Fischers nicht im unpassendsten Augenblick behelligen. Und ausserdem sind wir in der Schweiz, wo ohnehin alles etwas teurer ist.

Nächster Anlaufpunkt war ein Erlebnis-Bauernhof in unserer Nähe. Lag so praktisch am Heimweg. Wieso sollten wir dort nicht einen kurzen Halt machen und uns im kalten Wind etwas durchlüften lassen?

Selbst nach dem Einkaufen im Aldi war immer noch alles im grünen Bereich. Bis, ja bis wir zu Hause die Post aufgemacht haben. Da verging uns das Lachen mächtig.

Umschlag Nummer eins: Steueramt. Die freudige Botschaft: Nachsteuer. Das hab ich nun davon, dass ich mich für den Tages-Anzeiger ins Zeug gelegt habe und 2008 so viele Artikel geschrieben habe!

Umschlag Nummer zwei: Post von der Fiat-Garage, die uns vor kurzem den 20’000er Service ausgeführt hat. Mit diesem vierstelligen Betrag hatten wir realistischerweise rechnen müssen. Was uns aber nicht runter wollte, war die Tatsache, dass unser Fiat 130 Multijet 9 (in Worten: N-E-U-N) Liter Motorenöl schlucken soll. Wir fahren ja keinen Lastwagen. Der erste Anruf in die Garage brachte noch keine Klärung. Und mein innig geliebter Mechaniker war plötzlich in heller Aufruhr. Wenn die nun tatsächlich neun Liter Öl reingekippt haben!?! Die geistige Unruhe legte sich erst, als er den Ölmessstab in die Höhe hielt. Und vom Garagisten erhielten wir wenig später den Anruf, er hätte sich geirrt. Wir könnten die drei Liter Öl an der Rechnung in Abzug bringen.

Wenn nun auch noch das Steueramt anruft, sie hätten sich verrechnet, ist mein Tag definitiv gerettet.

Frisch vom Haken

Einen lebenden Fisch in die Hand nehmen – ICH? Nie und nimmer! Ein Fisch, das war für mich lange Zeit Nahrung, nichts anderes als ein Lebensmittel. Als Tier habe ich ihn höchstens hinter der Aquariumscheibe wahrgenommen.

Diese Ansicht hat sich erst allmählich geändert, als mein innig geliebter Sportsfreund auf Reisen anfing zu fischen. Damals war es noch das sprichwörtliche „Würmli baden“ und er musste sich den Nachschub an Regenwürmern oder Maden immer selber aus der Dose klauben. Nie und nimmer hätte ich eine solche Kreatur berührt. Erst mit der Zeit konnte ich mich überwinden und griff mit spitzen Fingern in die Wurmbüchse.

In den zuerst noch seltenen Fällen, wo der Sportsfreund einen Fisch fing, wollte ich erst mit dem Geschöpf zu tun haben, wenn es so aussah, als hätte er es im Supermarkt gekauft. Im Klartext: geschuppt und ausgenommen. Dass mich das Tier aus toten Augen anglotzt, hat mich komischerweise nie gestört.

Im Verlauf der Reise haben sich nicht nur Erfahrung und Geschick meines vom Sportsfreund zum Fischer mutierten Gefährten, sondern auch meine Gesinnung gegenüber seinem Fang weiterentwickelt. Trotzdem weigerte ich mich, den Fisch in die Hand zu nehmen, solange er noch am Leben war. Dieses zappelnde, glibberige Vieh war mir nicht geheuer. Es kostete mich einiges an Überwindung, den Fischen schliesslich den Bauch aufzuschlitzen und die Innereien herauszuholen.

Tierfreunde wollen bitte den folgenden Abschnitt überspringen.

Der nächste Schritt war, den Fisch selber zu töten. Auch das ist mir irgendwann gelungen. Mit einem Stein oder einem Stück Holz das herumlag. Dort wo wir damals unterwegs waren, interessierte es niemanden, wie der Fisch sein Leben liess.

Tierfreunde dürfen sich jetzt wieder dazugesellen.

Der Weg vom Fischstäbli, diesem panierten, mit Mayonnaise verkleisterten Bauklötzchen im Teller, bis zum selber gefangenen pazifischen Wildlachs war kurvenreich und von diversen kulinarischen Highlights und Abstürzen begleitet.

Heute kommen bei uns fast nur noch Süsswasserfische auf den Tisch, die mein Fischer aus dem nahe gelegenen See zieht. Das Säubern der Fische ist für mich längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Ein grosser Traum von mir wäre, wieder mal einen frisch gefangenen Pazifiklachs am offenen Feuer zu kochen. Das hätte ausserdem den grossen Vorteil, dass nicht meine ganze Küche nach Fisch stinkt.

Zwar nicht am Pazifik, dafür an einer schönen Bucht in Nord-Norwegen