Die Sache mit dem gehaltvoll-blonden Wasser

Während ich in der Küche stand, um eine Portion Teig nach dem Rezept des Wilden Poulets in Knöpfli zu verwandeln, ging mir wieder einmal diese Geschichte durch den Kopf, die in solchen und ähnlichen Situationen häufig in meinem Hirn auftaucht. Sie stammt von einem damaligen Arbeitskollegen, dessen Frau aus dem ausgesprochen hinterwäldlerischen Stalden an der Glaubenbergpassstrasse kam.

Er erzählte mir, dass jedes Mal, wirklich und ohne Ausnahme jedes Mal, wenn er bei seinen Schwiegereltern auf Besuch war, neben dem Herd eine Pfanne voll Wasser stand. Nicht frisches Leitungswasser, sondern Wasser, in dem zuvor Teigwaren gekocht worden waren. Und Teigwarenwasser, als mein Arbeitskollege mir das sagte, verdrehte er ebenso kunstvoll wie leidend seine Augen, Teigwarenwasser wurde eben nicht weggeschüttet, sondern für eine Suppe verwendet. Schliesslich war es nicht nur Wasser, sondern darin schwamm auch noch etwas mit, das man sowohl bezahlt hatte, als auch noch brauchen konnte.

Davon hatte ich bis anhin noch nie gehört. Ich versuchte, mir vorzustellen, was in dem Wasser herumschwamm: Salz und etwas Stärke. Und während ich heute aus lauter Bequemlichkeit das Knöpflisieb nur grob abschabte, bevor ich es dem Abwaschtrog übergab, und das blonde Wasser ohnehin in den Abfluss goss, grübelte ich mal wieder darüber nach, wie sparsam die Leute früher doch waren.

Kinderarbeit

Im Migros-Magazin gibt es eine Rubrik „Rappenspalte“. Darin werden Promis oder solche, die sich dafür halten, zu Themen rund ums Geld befragt. Die erste Frage, die es zu beantworten gilt, lautet in der Regel: „Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?“ Es gibt dann so Sachen zu lesen wie „für den Zahnarzt Medikamente vom Bus abgeholt“ oder „den Hund des kranken Nachbarn Gassi geführt“.

Mich hat zwar bis anhin noch niemand zu diesem Thema interviewt, aber meine Antwort darauf wäre: mit Stricken. Ja genau, mit Nadeln und ein paar hundert Metern zartrosa oder hellblauer Wolle habe ich Babysöckchen gestrickt. Und das im Auftrag der damaligen Chefin meiner Mutter, die in Zürich ein Fachgeschäft für Babysachen führte. Ich platzte beinahe vor Stolz, als ich inmitten von Kinderwagen (die sahen damals noch ganz anders aus), Wickelkissen und Still-BHs meine bestrickenden Werke präsentierte. Ich war gerade mal 11 Jahre alt. Und im Stricken war ich ein richtiges As. Im Handarbeitsunterricht war ich immer vor allen anderen fertig und konnte/musste/durfte mich mit einer Zwischenarbeit beschäftigen, wenn  ich nicht gerade einer Mitschülerin half, die sonst mit ihrer Lismete nicht vom Fleck gekommen wäre.

Für so ein paar Babyfinkli erhielt ich vier Franken. Eine zünftige Sackgeldaufbesserung. Mit Stricken bin ich aber nie reich geworden. Im Gegenteil, ich habe häufig meine Werke verschenkt, weil ich fand, dass sie an mir selten so aussahen, wie ich sie mir im Lismiheftli vorgestellt hatte. Dann kam der heutige Mitbewohner ins Spiel. Er fand, dass er keine Frau wolle, die klappernd neben ihm auf dem Sofa sitzt und verbot mir faktisch das Stricken. Vor ein paar Jahren habe ich all meine Stricknadeln bei Ricardo verscherbelt. Und zwei Knäuel Babywolle. Eine rosa und eine – ätsch, nein, nicht hellblau! – hellgrün.

Wolle schaue ich mir seit längerem nur noch an Schafen an, denn mit Wollpullovern hatte ich es noch nie. Mich juckt es schon beim blossen Gedanken daran.

Unbefleckt

„Aber nei, Marlene, mit däne schöne Chleider tuesch du choche. Leg doch wenigstens e Schooss a!“ Meine Mutter und ich haben uns immer nur angeschaut und die Augen verdreht, wenn meine Grossmutter ihre eigene Tochter mit diesem so oft gehörten Satz zurecht wies. Als Folge davon haben sowohl meine Mutter als auch ich unter den Fittichen der älteren Generation eine regelrechte Schürzen-Allergie entwickelt. So etwas ist brandgefährlich, kann ich euch sagen. Denn man riskiert auf Schritt und Tritt, sich mit Tomatensauce bekleckern, unter einer Mehlwolke zu verschwinden oder von einer Rande attackiert zu werden. Schlimmer noch, es kann sogar sein, dass man sein T-Shirt notfallmässig in die Wäsche geben muss und dabei glattweg das Essen kalt wird in der Zwischenzeit.

Im Zeitalter von Miele & Co. kommt es auf ein zusätzliches Wäschestück mehr oder weniger nicht an. Man gibt ja ohnehin die Kleider viel, viel häufiger in die Wäsche als früher. Und meistens sind die Kleider noch nicht mal dreckig, sondern muffeln lediglich ein wenig.

Meine Grossmutter aber, geboren 1917 und auch 94 Jahre später immer noch im eigenen Haushalt lebend (und seit eh und je keine Köchin aus Leidenschaft), musste noch von Hand Wäsche waschen. Unter solchen Umständen wäre ich vielleicht auch geneigt gewesen, mir jeweils eine Schürze umzubinden, bevor ich mich in der Küche betätige. Ich würde wahrscheinlich die Unterwäsche auch länger als einen Tag lang tragen und hätte – allein schon, weil die Wäscherei so viel Zeit verschlingt – viel weniger Zeit, um Sport zu treiben, was wiederum weniger dreckige Wäsche verursachen würde. Kurzum: Ich würde mich nicht über jemanden lustig machen, der es eigentlich nur gut meint.

In meinem Haushalt hat es nie eine Schürze gegeben (auch nicht für Abwaschmittel Gütterli!!!) und wird es nie eine geben.

Und weil das so ist, endet dieser Blogbeitrag sec.
Ohne Bild.
Ja woher denn auch?