Mit Musse müssen

Als unser Auto kürzlich für den Jahres-Service in der Garage war, erhielten wir einen Ersatzwagen in Form eines Subaru Outback. Mein innig geliebter Mitbewohner zeigte sich ganz begeistert über all die neumodischen Möglichkeiten des für uns viel zu grossen Autos. Alpott piepste es ab irgendwas. Sensor hinten, Sensor vorne, Sensor überall – die komplette Überwachung. Wie von Zauberhand verlangsamte das Auto plötzlich, wenn auf der Autobahn ein Fahrzeug vor uns zu nahe war, beschleunigte wieder auf die vorherige Geschwindigkeit, wenn die Bahn frei war.

Die Zeiten, wo ich mich mit Vergnügen in ein Auto setze, um zu fahren, sind längst passé. Der viele Verkehr macht das Autofahren für mich nicht zur Musse sondern nur noch zum Müssen. Doch selbst wenn ich noch eine begeisterte Automobilistin wäre, käme diese Familienkutsche nicht in Frage. Vom Beifahrersitz aus konnte ich nämlich nicht ohne Verrenkungen ablesen, mit welchem Tempo der Mitbewohner durch die Gegend bretterte. Ergo konnte ich auch nie intervenieren, wenn des Mitbewohners Fuss zu schwer wurde. Ein Auto, bei dem ich von nebenan nicht auf den Tacho sehe – was für eine Fehlkonstruktion!

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Streckenrekord

Heute für einmal eine Anekdote aus dem reichhaltigen Repertoire meines innig geliebten Mitbewohners, die er immer wieder gerne erzählt.

Noch heute ist er stolz auf seinen persönlichen Rekord für die Bewältigung der Strecke von seinem damaligen Wohnort westlich von Zürich nach Silvaplana an die Corvatschbahn. Mit seinem Porsche feilte er seinerzeit die gut 200 km in knapp zwei Stunden. Dem topografisch unwissenden Leser mag das als nicht allzu schnell erscheinen. Es gilt jedoch zu erwähnen, dass es die Alpen zu überqueren gilt.

Wenn er seine Geschichte jeweils zum Besten gibt, hört man es in den Hirnwindungen seines Gegenübers richtiggehend rumoren. In der Regel ist die Strecke bekannt, zumindest ansatzweise, und man weiss, dass nebst dem Julierpass mit seinen zahlreichen Kehren auch sonst noch diverse Kurven am Weg liegen. Der oder die Zuhörer sind meist ziemlich beeindruckt von der Fahrleistung des Mitbewohners, rechnen sich wohl insgeheim aus, an wie vielen Geschwindigkeitsbussen er vorbeigeschrammt sein muss.

Erst dann lässt der Mitbewohner die Katze aus dem Sack: Damals hörte die Autobahn am linken Zürichseeufer entlang bei Lachen auf. Wie also war es möglich, 200 Kilometer in weniger als zwei Stunden zu absolvieren?

Dann erklärt der Mitbewohner jeweils mit seinem verschmitzten Lachen, für das ich ihn so innig liebe: „Damals gab es auf unseren Strassen noch keine Geschwindigkeitsbeschränkungen. Ich bin teilweise mit 120 durch die Dörfer gefahren.“

Gefahren? Dem würde ich eher tief fliegen sagen. Ein zeitgemässes Navi gibt übrigens für die Strecke nahezu drei Stunden an.

Das Schloss Crap da Sass stand schon, als es im Engadin noch keine Autos gab. Und erst recht keine tieffliegenden Porsches.