Oben angekommen?

Heute sollte er oben sein. Nach all den Strapazen und Entbehrungen sollte er oben ankommen.

Heute, am 5. Tag seit Aufbruch, und in etwa jetzt, wo dieser Beitrag online geht, sollte er den Gipfel erreicht haben. So sah es der Plan vor. Dass sich das Wetter, die Gesundheit und weitere unberechenbare Faktoren nicht an solche Vorgaben halten, liegt auf der Hand. Und mit der Brechstange erreicht man dort oben gar nichts. Es sind nur spärlich Informationen durchgerieselt, der Handy-Empfang basiert auf dem Zufalls-Prinzip. Ich vergizzle beinahe und hätte ihm so sehr gewünscht, dass er sich im Adrenalinschub des Gipfelerlebnisses suhlen kann.

Was immer sich dort oben heute abspielt, für mich zählt nur eines: Dass der liebe Bergler gesund runter kommt. Und ich endlich wieder etwas von ihm höre.

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Völkerwanderung im Bregenzerwald

Er wird als “Hausberg des Bregenzerwalds” bezeichnet und logiert unter dem Namen “Kanisfluh”. Dank der Gondelbahn von Mellau ist der 2’044 m hohe Berg in zwei Stunden zu erreichen. Diese relative Nähe verleitet so manchen Wanderer, diesen Aussichtsberg zu erklimmen.

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Tatsächlich ist die Aussicht von dort oben spektakulär, auch wenn das Gipfelerlebnis durch das viele Volk arg getrübt wird (merke: Touristen sind immer die Anderen). In unserem Falle waren nicht nur Zwei- sondern auch Vierbeiner oben. Und diese können mitunter ziemlich aufdringlich sein, wenn sie Futter in einem Rucksack ausmachen.

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Wir zogen es deshalb vor, unser Picknick in ziegenloser Umgebung abzuhalten und stiegen wieder in den Sattel ab.

Zuvor jedoch genossen wir den Rundblick.

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Blick auf das letzte Stück des Aufstiegs.

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Ohne Zweifel, die Österreicher haben auch ganz nette Berge.

Im Abstieg nach Au, zurück in unser Hotel, konnten wir die Kanisfluh von der anderen Seite bewundern. Was für Schichtungen und steile Flanken!

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Die Wanderung ist ab der Bergstation Rossstelle gut beschildert. Der Weg auf den Gipfel erfordert insbesondere im Bereich der felsigen Passagen, die von Abertausenden von Schuhen poliert wurden, Trittsicherheit, die wir gewiss nicht jedem der anwesenden Wanderern attestieren konnten. Vom passenden Schuhwerk ganz zu schweigen.

Mehr Infos zur Kanisfluh gibt es unter anderem HIER nachzulesen.

Pizzo Claro? Claro!

Der Pizzo Claro thront hoch über dem Tal, dort, wo die Moesa und der Ticino sich vereinigen. In einem kleinen Anflug von Grössenwahn wird der 2’727 m hohe Berg auch “Matterhorn von Bellinzona” genannt.

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Wie auch immer, er ist ein Aussichtsberg erster Sahne. Allerdings wird er einem nicht geschenkt. Wir haben ihn von der Capanna Brogoldone aus (das ist die Hütte, die mir auf immer und ewig wegen ihren überrissenen Preisen fürs Essen in Erinnerung bleiben wird) angegangen.

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Ab der Hütte sind es vermeintlich “nur” 820 Höhenmeter, jedoch hat es mehrere kleine Zwischen-Abstiege, so dass einiges über 1’000 Höhenmetern zusammenkommt.

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Der Weg ist nicht immer einfach zu finden, die Markierungen dürftig bis unleserlich.

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Im Bereich der Alp di Mem grast ein halber Zoo. Rinder, Schafe, Ziegen und weiter oben selbst Lamas. Man beachte die beiden Munis auf dem Bild, die wir in respektvoll grossem Bogen umgangen haben.

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Vertrauen ins Schuhwerk und die eigene Gangart ist von Vorteil. Stöcke übrigens auch.

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Auf dem Gipfel werden wir nach rund 3 1/2 Stunden Aufstieg mit einer prächtigen Rundsicht belohnt.

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Am Horizont reiht sich ein Viertausender an den nächsten.

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Nach kurzer Beratschlagung nehmen wir den Abstieg über die Nordwest-Flanke Richtung Lago Canee.

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Obschon die Flanke sehr abwesend und steil wirkt, ist der Weg mit der nötigen Vorsicht gut zu begehen. Er ist durchgehend markiert, führt hier doch alljährlich im Oktober ein Berglauf von Claro auf den Gipfel, bei dem schlappe 2’500 Höhenmeter zu bewältigen sind. Der Schnellste schafft die 9,2 Kilometer lange Strecke in 1 Stunde 35 Minuten!!!

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Wir queren die steilen Hänge der Südwestflanke des Visagno. Markierungen findet man hier keine mehr, der Weg ist gegeben.

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So etwas habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Ein wenig mulmig ist mir schon beim Queren dieser steilen Flanken. Andererseits hat es sicher nicht geschadet, auch wieder mal die Komfortzone zu verlassen.

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Bei unserer Rückkehr in die Hütte sind wir schon über 5 1/2 Stunden unterwegs. Nun steht noch das Dessert an: weitere 600 Höhenmeter Abstieg zur Bergstation der Seilbahn Monti di Sauru. Wir sind alle Drei heilfroh, als wir müde aber wohlbehalten das gelbe 4er-Gondeli besteigen können.

Wo sind die Gipfel?

Früher bestieg man einen Gipfel, atmete kurz durch, beglückwünschte sich gegenseitig zum erfolgreich bestiegenen Berg, setzte sich hin, packte das Futter aus, blickte in die Ferne und versuchte, das aufgereihte Panorama zu sortieren. Man erblasste vor Neid, wenn irgend so ein Dahergelaufener alle Gipfel kannte (man hatte es ihm allerdings irgendwie angesehen, dass er schon auf jedem Hoger gewesen sein musste).

Heute besteigt man einen Gipfel, atmet kurz durch, beglückwünscht sich gegenseitig zum erfolgreich bestiegenen Berg, setzt sich hin, packt das Futter aus und blickt statt in die Ferne aufs Handy. Das aufgereihte Panorama zu sortieren versucht man schon gar nicht erst, weil das elektronische Allerweltsteil auch das besser kann.

„Peak Finder“ heisst die App, die einem das Panorama auseinanderbeint. Zack, App öffnen und wenige Sekunden später weiss man mit Sicherheit, dass das dort drüben nicht das Matterhorn sein kann.

Bei meinen Handy funktioniert das auch. Irgendwann. Gar nichts mit ZACK. Meistens habe ich nicht die Geduld, so lange zu warten, bis das Panorama auf meinem Bildschirm sortiert ist.

Aber wenn es dann mal endlich sortiert ist, ist dieser Peak Finder durchaus eine gute Sache.

Auf einem der vielen roten Hörner

Es gibt Rothörner, die kann man bequem mit der Bahn erreichen. Das Brienzer Rothorn (2’350 m) beispielsweise. Ebenso das Parpaner Rothorn (2’899 m). Dann gibt es das Zinal Rothorn (4’221 m), das ich vor wenigen Tagen in natura, wenn auch nur aus der Ferne, sah. Und dann gibt es Rothörner, von denen weiss ich nichts. Gestern habe ich so einen roten Hoger bestiegen, von dem ich bis vor kurzem noch nicht mal wusste, dass es ihn gibt.

In Sigriswil ist erst Zwischenstation. Noch wartet eine weitere kurze Postauto-Fahrt, bevor wir den Gipfelsturm aufs Sigriswiler Rothorn (2’051 m) in Angriff nehmen können.

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Der grösste Teil des Anstiegs liegt der Weg im Schatten. Wir sehen den ganzen Sigriswiler Grat, doch wo führt der Weg durch? Welches ist der Gipfel?

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Blick über den unteren Thunersee. Mit Niesen und Stockhorn sehen wir grad zwei Gipfel, auf denen wir innerhalb der letzten 12 Monate waren. Und weiter hinten waren wir dieses Jahr auch mehrmals.

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Das gesamte Mittelland liegt unter einer Nebeldecke.

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Wir kämpfen uns im steilen Gelände bergan.

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Die Landesverteidigung war schon vor uns zur Stelle.

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Wow, solche Wege mag ich!

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Endlich an der Sonne!

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Föhnwalze über dem Berner Oberland. Sie ist uns den ganzen Tag erhalten geblieben.

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Der weitere Wegverlauf ist ganz nach meinem Geschmack.

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Was für ein umwerfend schönes Panorama!

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Die letzten Meter vor dem Gipfel.

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Dies ist der ultimative Beweis, dass man den Gipfel von Sigriswil aus nicht sehen kann, denn wir sehen den Ort vom Gipfel aus auch nicht.

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Der Gipfel-Gueni.

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Frau Flohnmobil übt mal wieder mit PeakFinder.

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Und das ist dabei rausgekommen:

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Uns stehen 1’300 Höhenmeter Abstieg in unterschiedlich anspruchsvollem Gelände bevor.

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Ich hab sie erwischt: Die einzige Wolke am Himmel!!!

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Auf den letzten Metern runter nach Sigriswil.

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Eine prächtige Herbstwanderung! Vielen Dank, Barbara, für die tolle Idee und die Durchführung dieser Wanderung.

Etwas getrübt wird der Genuss auf dem Heimweg. Der Bus von Sigriswil nach Thun bleibt im Stau stecken (was wohl dem Normalfall entspricht), und wir verpassen den anvisierten Zug um mehr als 20 Minuten. Zusätzlich hat der Zug in Zürich einige Minuten Verspätung, sodass ich erneut fast eine halbe Stunde auf meine S-Bahn warten muss.

Mehr Fotos und Informationen zur Wanderung gibt es unter diesem Link.

Karte