Telefon-Terror

„Ich habe gesehen, dass du angerufen hast“, schrieb ich kürzlich einer Freundin in einem Mail. Hätte ich zu meiner Schulzeit einen ähnlichen Wortlaut in einen Aufsatz verpackt, meinem Deutschlehrer wären die letzten noch verbliebenen Haare zu Berge gestanden. „Man kann doch nicht sehen, dass ein Telefon geklingelt hat“, wäre seine Begründung gewesen. Und natürlich hätte er Recht gehabt. Lehrer haben ja immer Recht.

Die damaligen Telefonapparate waren von behäbiger Natur, im schlimmsten Fall an die Wand geschraubt, wenn es besser kam immerhin bei einer Sitzgelegenheit positioniert. Aber sie hatten einen entscheidenden Vorteil gegenüber den heutigen Telefönchen, die nur einen Bruchteil so gross und schwer sind wie die seinerzeit gemieteten PTT-Telefone. War in der guten alten Zeit niemand zu Hause, schellten sie unbemerkt vor sich hin. Niemand kam heim und konnte/musste/fühlte sich verpflichtet zu prüfen, ob und wer in der Zwischenzeit angerufen hatte.

Irgendwie nervt mich das nämlich. Wenn jemand anruft, wenn ich nicht zu Hause bin oder das Handy nicht abnehmen konnte, weiss er genau, dass ich weiss, dass er angerufen hat. Und weil er das weiss, sehe ich mich in den meisten Fällen veranlasst, zurückzurufen. Mit diversen Ausnahmen allerdings. Insbesondere wenn es sich um Nummern handelt, die mir nicht geläufig sind. Die neuen Telefönchen haben nämlich nebst dem genannten Nachteil auch den entscheidenden Vorteil, dass ich bereits weiss, bevor ich den Anruf entgegen nehme, wer dran ist. Die Entscheidung, ein Gespräch anzunehmen, ist die kleine Freiheit, die mir ab dem ganzen Telefon- und Handy-Terror noch geblieben ist.