Am Gummistiefel-Sonntag

Eigentlich wollte ich heute einen blogfreien Tag schalten. Ehrlich. Aber dann hat mich gewissermassen die Aktualität eingeholt, und das auf einem sonst ganz normalen Sonntags-Spaziergang. Nun kann ich nicht anders. Ich muss euch die Bilder präsentieren, von dem See, den ich so noch nie gesehen habe.

Vorgewarnt waren wir eigentlich, hatten wir doch im Internet gelesen, dass der Pegelstand nach dem 48-stündigen Dauerregen bereits über der Hochwasser-Marke angekommen war. Ich entschied mich drum für Gummistiefel, während mein innig geliebter Mitbewohner meinte, mit den schwarzen Geschwüren laufe er nicht so gut und deshalb die Wanderschuhe einpackte.

Vom Parkplatz aus waren wir in wenigen Metern auf einem Weglein, das, trocken wie es war, auf direktem Weg zum See führte. Nach weniger als fünfzig Meter fanden wir uns mitten im Entenparadies, alles unter Wasser. Ich watete noch einige Meter durchs immer tiefer werdende Wasser, sah aber bald, dass das ein aussichtsloses Unterfangen war. Erst recht für den Mitbewohner in seinen Wanderschuhen. Also Umkehr, den See auf einem anderen Weg angehen. Auch dort war der Weg unter Wasser.

Wir liessen uns nicht entmutigen – schliesslich ist man ja ortskundig – und bahnten uns den Weg zum Seequai. Dort schwappte das Wasser über.

Eigentlich waren wir ja unterwegs, weil wir einen Blick ins Bootshaus werfen wollten. Dort residiert das Ruderboot, das der Mitbewohner jeweils zum Fischen benützt. Indes war nicht daran zu denken, auf dem Landweg zum Bootshaus zu gelangen, auch nicht mit einem grossen Umweg.

Der Fussweg verläuft zwischen dem ersten und zweiten Grünstreifen. Normalerweise. Aber definitiv nicht heute. Und meine Gummistiefel waren klar zu wenig hoch, als dass ich mich dort hätte bewegen können. Und ein Velo hatte ich nicht dabei.

So entschied ich mich zur Umkehr, bevor ich einen Fisch platt getreten hätte.

Im Epizentrum des Dramas

Es waren dramatische Szenen, die sich da ereigneten. Und sie spielten sich direkt vor unseren Augen ab.

Es geschah vor einer knappen Woche am Doubs auf der Höhe des französischen Saint-Hippolyte. Am Vorabend hatte uns ein Franzose auf das Nest mitten im Fluss aufmerksam gemacht. Ein „poule d’eau“, was direkt übersetzt „Wasserhuhn“ und korrekterweise „Teichhuhn“ heisst, hatte dort sein etwas feuchtes Nest errichtet. Es war eine friedliche Szene, die wir durch den Feldstecher des französischen Stellplatz-Nachbars beobachten konnten. Nichts deutete darauf hin, welche dramatische Wendung das Schicksal nehmen würde.

Über Nacht regnete es. Das war in diesem Juli nicht das erste Mal und bestimmt hatte es schon stärker geregnet als in der besagten Nacht. Am anderen Morgen versuchte ich, von blossem Auge das Nest im Fluss auszumachen. Es gelang mir nicht. Ich lugte durch den Feldstecher und konnte das, was mal das Nest gewesen sein musste, gerade noch an der Wasseroberfläche ausmachen. Der Wasserpegel war seit gestern stark angestiegen. Am gegenüberliegenden Ufer sah ich eine Bewegung im Geäst. Es war das eine Elterntier, das mit dem Schnabel Zweige von den ins Wasser ragenden Ästen abriss und sie zum Nest brachte. Dort nahm das andere Wasserhuhn das Baumaterial in Empfang und versuchte so, das Gelege anzuheben. Es war eine dramatische Rettungsaktion, die da im Gange war. Und vermutlich war ihr kein Erfolg beschieden, denn im Verlaufe des Tages fielen weitere Niederschläge.

Mir taten die beiden Wasserhühner richtig Leid. Wenn von Naturkatastrophen die Rede ist, dann denkt man in erster Linie an überflutete Keller, an die  Schadenssumme, die der Hagel an Fahrzeugen und Kulturen verursacht hat und die menschlichen Opfer. Dass Naturkatastrophen auch für die Natur eine Katastrophe sind, wird dabei allzu schnell ausgeblendet.

Vom Glück, trockene Füsse zu haben

Die Bilder, die uns derzeit aus Australien erreichen, stimmen mich nachdenklich. Ganze Landstriche sind unter Wasser, Städte von der Umwelt abgeschnitten. Es ist noch kein Jahr her, da stand ein anderes Land unter Wasser: Pakistan. Ich weiss nicht, ob flächenmässig mehr betroffen war, sicher aber hat es dort mehr Menschen ihr Hab und Gut genommen. Aber es war eben „nur“ Pakistan. Dieses Land existiert für mich lediglich auf der Landkarte; ich habe absolut keinen Bezug dazu. Australien aber und auch die betroffene Region habe ich über Monate bereist. Wenn sich eine Naturkatastrophe an einem Ort ereignet, den man kennt, wo man selber war, ist das einfach anders.

Familie Flohnmobil ist viel gereist. An so genannt „einfachen“ Orten. In den USA, Kanada, Australien. Als der Mut und die Routine etwas grösser wurden, auch Mexiko und Guatemala. Nie wurden wir behelligt. Nie in einen Unfall verwickelt. Nie von einer Naturkatastrophe betroffen. Dazu gehört nebst der nötigen Vor- und Umsicht auch eine gehörige Portion Glück.

Der Mount St. Helens hatte sich von seinen Deckel schon verabschiedet, als wir in seiner Nähe vorbeifuhren. Beim schwachen Erdbeben in Seattle kam lediglich der Kronleuchter ins Schwanken und New Orleans haben wir noch vor dem Hurricane Katrina erlebt. Im Waldbrandgebiet von Victoria begann es bereits wieder zu grünen und an den Hochwasser-Anzeigen in Queensland gingen wir mit ungläubigem Kopfschütteln vorbei.

„Road subject to flooding“. Wie viele Male fuhren wir in Australien an einer solchen Warntafel vorbei. In den allermeisten Fällen standen diese Tafeln in ausgetrockneten Landschaften. Auch mit viel Fantasie fiel es uns schwer, uns vorzustellen, dass hier mehr als ein Tropfen Wasser aufs Mal vorbeikommen könnte. Nun hat die Natur zugeschlagen. Hat innert weniger Tage so viel Wasser vom Himmel geschickt, wie in den vergangenen paar Jahren zusammen.
 
Arme Aussies. So gerne ich den Roten Kontinent wieder einmal bereisen möchte; im Moment bin ich ganz froh, meine Füsse zu Hause am Trockenen zu haben.