Das Hühnerdesaster

Wir kamen vom Einkaufen zurück, fuhren die letzte Kurve auf der geschotterten Zufahrt und sahen sie. Sie verhiessen nichts Gutes. Ganz im Gegenteil, sie zeugten von einer veritablen Katastrophe.

Mein innig geliebter Mithüter und ich schauten uns entsetzt an. Das durfte doch nicht wahr sein! Erst vor wenigen Tagen war eine Junghenne spurlos verschwunden. Nun hatte der unbekannte Täter, wer oder was es auch immer gewesen sein mochte, erneut zugeschlagen.

Wir parkierten unser Auto, trugen die Sachen ins Haus und durchs Wohnzimmerfenster sah ich einen weiteren Federhaufen. Und später entdeckte ich nochmals einen Federhaufen. Von den Hühnern waren nur noch die vier halbwüchsigen Küken und drei Hennen auffindbar. Wir scheuchten sie sofort in ihr Gehege und machten uns auf die Suche nach den anderen. Einmal mehr durchstreiften wir den Garten und das Gelände. Keine Hühner mehr auszumachen. Aber auch keine weiteren Spuren. Keine Federn, kein Blut, einfach nichts.

Fassungslos schauten wir uns an. Was für ein Schlag ins Gesicht. Wir hatten Büsche gerodet, gejätet, stundenlang den Garten gewässert, einmal pro Woche den Rasen gemäht, Spinnweben entfernt, die nicht während unserer Anwesenheit entstanden sein konnten, kiloweise Beeren gepflückt, Wasserleitungen, Steckdosen, defekte Scharniere und Sockelleisten geflickt, Katze und Hühner gefüttert. Wir hatten unser Bestes gegeben, dass die Besitzer Haus und Hof mindestens so antreffen würden wie sie es uns anvertraut hatten. Und nun dies!

Der Mithüter sprach schon davon, dass es das erste und letzte Mal Housesitting sein würde. Diese Verantwortung wolle er nicht mehr übernehmen. Die Hühner seien doch das Herzblut der Frau und Kinder gewesen. Da könnten wir noch lange behaupten, wir seien gar nicht Schuld dran, schliesslich hätte man  uns gesagt, wir müssten die Hühner tagsüber raus lassen.

Später am Abend tauchten nochmals zwei Hühner auf. Der Verlust belief sich definitiv auf zwei Legehennen, ein wenige Wochen altes Küken, eine Junghenne und den Chef der Truppe. Am nächsten Morgen schienen die Hühner irgendwie ab der Rolle zu sein, total desorientiert, man könnte fast sagen apathisch. Vermutlich war ihre Hackordnung empfindlich über den Haufen geworfen worden.

Später erfuhren wir, dass die Familie dieses Jahr ausserordentlich Pech mit ihren Hühnern gehabt haben muss. An einem einzigen Wochenende seien 16 Tiere der insgesamt 29-schnabligen Truppe ums Leben gekommen. Vor kurzem habe der Hund eines Verwandten zwei Hühner erwischt, im selben Monat habe ein Raubvogel sein Unwesen getrieben und mehrere Küken mitgenommen. Das ist die Schattenseite eines glücklichen Hühnerlebens. Wir jedenfalls werden die Hühner in der uns verbleibenden Zeit nicht mehr aus ihrem Gehege lassen.

Und dann waren‘s nur noch…

Am Anfang unserer Housesitting-Zeit hier in Schweden gingen wir gewissenhaft jeden Abend die Hühner zählen, bevor wir zusperrten. Uns wurde gesagt, die Gackertanten würden am Abend von selbst in den Stall zurückgehen. So wurden wir etwas nachlässig und verliessen uns darauf, dass die acht Hühner samt ihren Küken und der Hahn sich auch tatsächlich dort einfanden.

Das ging solange gut, bis uns eines Morgens, noch bevor wir das Hühnergehege öffneten, ein Huhn quietschfidel über die Wiese entgegenkam. Trotz geschärften Sinnen unsererseits ging uns dieselbe Henne am Abend wieder durch die Latten. Fortan wurde gewissenhaft gezählt, bevor im Hause Huhn zugesperrt wurde. Die aufmüpfige Henne blieb aufmüpfig und brauchte jeden Abend eine Spezialeinladung, die mein innig geliebter Mithüter in Form einiger unmissverständlicher Gesten aussprach.

Das ist der lustige Teil der Geschichte aus dem Hühnerhof. Der traurige Teil ist, dass wir tatsächlich ein Huhn weniger haben. Seit gestern fehlt von einer Junghenne, die sonst immer im Schlepptau ihrer Mutter und jüngeren Schwester unterwegs war, jede Spur. Bemerkt haben wir das beim abendlichen Hühnerinventar. Die halbwüchsige Gackertante kuschelte sich normalerweise in einer Box zusammen mit ihrer Schwester an die Mutter.

Wir suchten das Gelände ab, so gut das bei dieser Wildnis überhaupt möglich ist. Weit und breit kein Huhn, noch nicht mal eine Feder davon. Wir müssen davon ausgehen, dass die Junghenne vorzeitig ihre Reise in den Hühnerhimmel angetreten hat.

Lauter glückliche Hühner – und ich mittendrin

Die Hühner, so meinte mein innig geliebter Mithüter, seien auf einem Bauernhof seit jeher die Sache der Frau gewesen. Drum würden die Hühner auch hier in unserem Housesit in Schweden in meinen Kompetenzbereich fallen. So die Theorie.

In der Praxis sieht das so aus, dass wir uns die Aufgaben rund um die Viecher teilen. Ich hole die Eier und der Mithüter den Mist aus dem Stall raus. Soll ich da etwa was dagegen haben? Die Hühner dürfen gemäss unserer Hausfrau nicht vor zehn Uhr raus, sonst besteht die Gefahr, dass sie die Eier im weitläufigen Umland legen. Suchen wäre in so einem Fall von wenig Erfolg gesegnet – bei dem Kraut! Sobald ich mich am Morgen dem Gehege nähere, scharen sich alle Hühner beim Törchen und rasen sofort an mir vorbei in die Freiheit. Abends gehen sie alle freiwillig wieder in den Stall und wenn der Mithüter das Gehege schliessen geht, sitzen alle schon brav auf ihrem Stängeli. Zu schade eigentlich, ich hätte ihm zu gerne mal zugesehen, wie er einer Henne hinterher rennt.

Zu unserer Hühnerschar gehören acht Hühner und fünf Küken. Eine der Hennen ist gerade am Brüten. Eine weitere wird auf Schritt und Tritt von ihren vier Küken begleitet. Wenn Hühner glücklich sein können, dann müssen diese Hühner überglücklich sein. Den ganzen Tag können sie frei herumlaufen, nach Belieben in den Rabatten scharren, den Rasen verscheissen und dabei zufrieden vor sich hingackern.

Und dann gibt es natürlich noch den Chef der ganzen Truppe. Ein etwas abartiges Geschöpf, das ständig so gackert, als ob es ein Ei gelegt hätte. Vielleicht ist das in Schweden so. Oder vielleicht auch generell, ich bin ja keine Bäuerin. Denn wie ein ebenso lieber wie aufrichtiger Freund sehr treffend bemerkt hat: Von der Tastatur zur Mistgabel ist ein weiter Weg.