Wunderbar, da abschliessbar

Ein Vorhängeschloss erfüllte in der Vergangenheit in erster Linie den Zweck, etwas unter Verschluss zu halten. Ob es nun an einer Schatztruhe, einem Koffer oder, wie im vorliegenden Fall, an der Türe eines Kellerabteils hängt. Erst seit diese vermaledeiten Liebesschlösser allenthalben Brückengeländer verunzieren, sind Vorhängeschlösser von ihrem eigentlichen Zweck abgekommen.

Nicht so in unserem Hause! Da dienen sie – im engeren wie weiteren Sinne des Erfinders – dazu, die Kellerabteile geschlossen zu halten. Hier ein kleiner, unvollständiger Querschnitt durch unser Mehrfamilienhaus:

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Es ist unschwer auszumachen, dass nicht alle Bewohner unseres Hauses die gleichen Vorstellungen eines verschlossenen Kellerabteils haben. Während die einen das Vorhängeschloss nur lose einhängen – ein krummer Nagel oder dergleichen würde ähnlich gute Dienste verrichten – geben sich unsere Lieblingsnachbarn mal wieder besonders vorsichtig. Sie umwickeln ihr Zahlenschloss zusätzlich mit Klebstreifen. Damit ja niemand auf die Idee kommt, hier Hand anzulegen!

Früher oder später werde ich der Versuchung nicht mehr länger widerstehen können, ein paar Tröpfchen Sekundenleim in das Schlösschen zu träufeln. Damit es ganz bestimmt nicht von selbst aufspringt.

Die Rettung des Currys

Auf vielseitigen Wunsch hier nun also die Fortsetzung der Keller-Räumungs-Geschichte. Wer den ersten Teil verpasst hat, kann ihn HIER nachlesen.

Die Frau – schätzungsweise gegen die Siebzig – stand da. Ich weiss nicht mehr, wer in dem Moment verdatterter war, sie und ihr Mann, den sie im Schlepptau hatte, oder der Mitbewohner und ich. Ich weiss auch nach all den Jahren nicht mehr so genau, welche Gedanken mir durch den Kopf schossen. Schätzungsweise etwas in der Art von:

Au weia!
Das darf doch nicht wahr sein!
Scheisse!
Wird sie uns mit der Polizei drohen?
Und jetzt?

Der Erklärungsnotstand war jedenfalls eindeutig bei  uns. Wie sich herausstellte, hatten mein Schwager, dessen vermeintlichen Keller wir gerade am räumen waren, und Frau – nennen wir sie mal Küng – vor Jahren schon das Kellerabteil getauscht. Dass der richtige Name an der falschen Kellertüre stand, war mit Sicherheit ein Punkt, der die Dame etwas milder stimmte, und sie schien geneigt, unserer Geschichte Glauben zu schenken. Die Geschichte war nämlich, dass mein Schwager im Pflegeheim war und nicht mehr zurückkehren würde und wir deshalb seine Wohnung räumen mussten.

Frau Küng bahnte sich an uns vorbei den Weg ins Kellerabteil. Ihr blieb der Kiefer hängen. “Was haben Sie mit all den Sachen gemacht, die hier drin waren?” Mit weit ausschweifenden Handbewegungen deutete sie an, dass da mal viel mehr gewesen sein musste, als sie jetzt noch ausmachen konnte. Die komplexe Frage liess sich nicht mit einem Satz beantworten, war doch ein Teil in unserem Kofferraum, etwas den Abfluss runter geflutscht und der grösste Teil draussen im Abfall-Container versenkt.

Zu viert begaben wir uns nach draussen, um zu retten, was zu retten war. Im Vorbeigehen raunte mir der Mann ins Ohr: “Isch guet, isch de alt Seich äntli wäg cho.” Für ihn kam es offenbar einer Erlösung gleich, dass ich die alten Säfte  unwiederbringlich den Abfluss runter gespült hatte. Im Container begann die Frau nach ihrem Hausrat zu wühlen. Blumentöpfe, Christbaumschmuck, Wanderschuhe. Alles wanderte wieder zurück in den Keller. Bei nicht wenigen Sachen beschloss sie jedoch kurzerhand: “Das kann man glaub wirklich wegschmeissen.”

Der Mitbewohner und ich entspannten uns allmählich. Bis die ominöse Frage kam: “Und was haben Sie mit meinem Curry gemacht?” Betretenes Schweigen. Fragende Blicke.  “Das hat mir ein Swissair Pilot extra aus Indien mitgebracht.” Der Vorwurf in Frau Küngs Stimme war nicht zu überhören. Das Curry schien von unschätzbarem Wert zu sein. Sie wühlte weiter und wir boten so gut wie möglich Hand. Endlich förderte sie triumphierend eine verzierte Blechbüchse von vielleicht einem Liter Inhalt zu Tage. “Da ist sie ja wieder!” Das Pulver darin hatte vielleicht noch die Farbe einer Currymischung, so riechen tat es schon lange nicht mehr. Aber Frau Küng schien glücklich.

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Damit war wohl der Sonntag von Frau Küng gerettet und der Keller mal wieder gründlich ausgemistet worden, erledigt war für sie die Sache jedoch noch nicht. Sie schien wild entschlossen, sicher zu gehen, dass wir auch wirklich das richtige Kellerabteil fänden, das auszumisten es gälte.

Wunderbarerweise passte dort der mit “Keller” angeschriebene Schlüssel auf Anhieb. Frau Küng wich noch immer nicht von unserer Seite. Sie steckte ihre Nase ins muffige Kellerabteil und sog neugierig alles auf, was sie sah. Und da gab es allerhand. Da waren wir mit dem Keller unser mittlerweile treuen Begleiterin vergleichsweise noch gut bedient gewesen! Leere Kartons, eine Sauerstoff-Flasche, Spazierstöcke, eine Langlauf-Ausrüstung aus den Anfängen der Sportart, muffige Bücher, Luftbefeuchter, staubige Decken. Das ganze Elend begann nochmals von vorne!

Zuvorderst auf einem Gestell prangte ein Kaffee-Vollautomat. Wesentlich unälter als alles, was sonst in dem finsteren Loch deponiert war. Frau Küng sah ihre Stunde gekommen. “Was machen Sie damit?” wollte sie wissen. Ihre Körperhaltung und die fordernde Stimme liessen keinen Zweifel zu, dass sie grosses Interesse an dem Gerät hatte. Da der Mitbewohner und ich bereits eine moderne Kaffeemaschine besassen, überliessen wir der “Geschädigten” die Maschine, trugen sie sogar noch zwei Etagen hoch in ihre Küche.

Damit hatten wir für heute definitiv genug geräumt, gemistet, Staub geschluckt. Wenn wir wieder kommen würden, wüssten wir zumindest, welchen Keller wir räumen mussten. Aber da gab es ja noch ein Estrich-Abteil. Und eine vollgestopfte Wohnung. Das Grauen hatte eben erst begonnen.

Was haben Sie mit meinem Curry gemacht?

Die verwandtschaftliche Konstellation bringt es mit sich, dass mein innig geliebter Mitbewohner und ich schon mehrere Male in den höchst zweifelhaften Genuss gekommen sind, eine Wohnung zu räumen. Man könnte uns mittlerweile als alte Routiniers bezeichnen, jedoch sind wir auf diese Auszeichnung nicht wirklich scharf. So eine Räumung ist nämlich alles andere als ein Genuss. Man zerpflückt das Leben der Person, die darin häufig über Jahrzehnte gewohnt hat, regelrecht in Stücke. Für die betroffenen Personen müsste es peinlich sein, wären sie noch in der Lage, alles mitzuerleben bzw. aufzunehmen, was bei uns meist nicht der Fall war. Für uns war es stets mit viel Arbeit verbunden. Und auch mit viel Dreck.

Unsere erste Räumung galt der Wohnung meines Schwagers. Der Mitbewohner und ich waren damals noch beide 100 Prozent berufstätig und mussten das destruktive Projekt in unserer spärlichen Freizeit angehen. Als erstes nahmen wir uns den Keller vor. Am Schlüsselbrett hingen zahlreiche Schlüssel, doch keiner wollte zum Vorhängeschloss des Kellerabteils passen. Der Mitbewohner fackelte nicht lange, holte Werkzeug, schraubte an den Riegeln rum und schon waren wir im Inneren des muffigen Kellerabteils.

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Zu unserem Bedauern trafen wir nicht eine umfangreiche Wein-Sammlung an, sondern in erster Linie alten Gerümpel. Wir machten uns an die Arbeit. Sortierten, was noch brauchbar war, was in den Abfall-Container hinter dem Haus landen sollte, was man allenfalls separat entsorgen musste. Es war vor über 20 Jahren, als es in Zürich noch keine Sackgebühr gab, so füllten wir an jenem Sonntagnachmittag ganz allmählich den Container mit Blumentöpfen, alten Koffern, Blechdosen und was halt in dem Kellerabteil so rumstand. Auf einem Gestell lagerten eingemachte Obstsäfte. Kategorie uralt. Die kippte ich kurzerhand in der Waschküche in den Abguss, spülte die Flaschen aus und stapelte sie, um sie später in den Altglas-Container zu schmeissen.

Wir waren den ganzen Nachmittag am Werke. Da weder der Mitbewohner noch ich zur Kategorie „Sammlertyp“ gehören, kamen wir einigermassen gut voran. Während sich der Keller sichtlich leerte, füllten sich unser Kofferraum und der Abfall-Container. Als wir beschlossen, dass wir an diesem Tage nicht mehr fertig würden und nun heim gehen wollten, erschien eine ältere Frau im Keller. Sie kam auf uns zu und fragte mit grossen, staunenden Augen: “Was machen Sie da in meinem Keller…?”

Fortsetzung folgt. HIER.