Am kulinarischen Marterpfahl

Ich weiss, ich wiederhole mich. Aber ich trete auch immer wieder von neuem ins kulinarische Fettnäpfchen. Völlig unbedarft, naiv.

Ich hatte ausgeblendet, dass das Südtirol kulinarisch mehr zu Österreich zählt als zu Italien. Und musste es bitter büssen. Mit Kümmel!

Dieses Gewürz kann ich nicht ausstehen und wenn mir etwas mit Kümmel vorgesetzt wird, kann ich es bestenfalls noch dank meiner guten Kinderstube essen. Grundsätzlich wird für mich alles, restlos alles, und sei Kümmel nur in homöopathischen Dosen vorhanden, dadurch ungeniessbar.

Nicht mal diese prächtige Platte mit den vielfältigen Apéro-Häppchen, die man uns im Hotel offerierte, blieb verschont. Nur dank rechtzeitigem Anti-Kümmel-Reflex blieb mir der Gang an den kulinarischen Marterpfahl weitestgehend erspart.

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Wer immer noch nicht glaubt, dass ich keinen Kümmel mag, dem sei dieser Beitrag aus den Anfangszeiten des Flohnmobils ans Herz gelegt.

Verwechslungsgefahr

Auf den ersten Blick sehen die Körnchen wirklich zum Verwechseln ähnlich aus. Doch im Zweifelsfall meldet der Gaumen schnell und unbestechlich, ob es sich um Anis, Fenchel oder Kümmel handelt. Zumindest mein Gaumen. Denn Kümmel verbreitet einen Geschmack, den ich noch nie ausstehen konnte. Deshalb muss ich immer besonders auf der Hut sein, wenn wir – wie jetzt gerade – in unserem östlichen Nachbarland in den Ferien sind. Die Österreicher sind richtig heiss auf die krummen, gestreiften Körnchen und verstecken sie fast überall: in Saucen, hinter, auf und zwischen Kohlstreifen, im Brot. Löffelweise werden sie auf Rippchen gestreut oder in die Suppe gekippt. Einfach beiseite schieben bringt in einem solchen Fall leider keine Abhilfe, weil der Geschmack sich bereits auf dem Essen festgesetzt hat. Besonders hinterlistig erscheint es mir, wenn Kümmel gemahlen unter die Speisen gemischt wird. So getarnt gibt er sich erst zu erkennen, wenn die kulinarische Falle bereits zugeschnappt ist.

Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, dass Kümmel Gerichte bereichern soll. Seine schlimmste Form, viel ärger als auf Blätterteig-Gebäck, Backofen-Kartoffeln oder gar an Kutteln, ist flüssig. Die Menschheit muss sich in einem argen Notstand befunden haben, als sie sich berufen fand, selbst aus Kümmel noch Schnaps zu brennen. Dass Kümmelfrüchte schon bei Ausgrabungen in Pfahlbauten gefunden wurden, wertet sie in meinen Augen nicht auf. Allenfalls verspüre ich ein gewisses Mitleid mit meinen Vorfahren im Lendenschurz.

Seinen nahen Verwandten bin ich besser gesinnt. Anis und Fenchel sind beides wunderbare Gewürz-Samen, die ich über alles liebe. Für meinen Geschmack gibt es vor allem mit Anis viel zu wenig Gerichte. Auf die vielleicht bahnbrechende Idee, dass ich einmal versuchen könnte, Kümmel in Rezepten durch Anis zu ersetzen, bin ich erst beim Schreiben dieses Posts gekommen. Doch auch Fenchel fristet in unseren Breitengraden ein tristes Dasein. Tritt der seltene Fall ein, dass ich in einer Zeitschrift oder einem Kochbuch auf ein entsprechendes Rezept stosse, wird es am nächstmöglichen Termin nachgekocht.

Anis ist aber auch ein männlicher Vorname, der vor allem in der arabischen Welt vorkommt. Ich war überhaupt nicht erstaunt, als ich erfuhr, dass Anis „freundlich“, „nett“ oder „liebenswürdig“ bedeutet. Passt doch hervorragend. Ich würde meinen Sprössling nicht nur deshalb lieber Anis als Kümmel taufen.

Eine Verwechslung der drei genannten Gewürze ist in meinem Haushalt übrigens ausgeschlossen. Denn dort findet sich nicht mal ein Krümel Kümmel.