Fortbewegen auf Hundepfoten

Hunde, die in Häusern gehalten werden, so habe ich mir von kompetenter Seite sagen lassen, laufen alle mehr oder weniger untertourig. Sie suchen sich dann eine andere Beschäftigung, die darin bestehen kann, Frauchens Schuhe anzunagen oder das Mobiliar abzuändern. Unser Goldschätzchen läuft auch untertourig. Zwar zeigt es kein Interesse an unseren Schuhen, die mangels Platz mehr oder weniger wild verteilt neben der Eingangstüre stehen, doch die zwei, drei Stunden, die wir mit ihm täglich spazieren gehen, sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein des Bewegungsdrangs dieses kräftigen Jagdhundes.

So schleicht das Goldschätzchen trotz unserer Aktivitäten, die wesentlich ausgedehnter sein dürften, als die mit seiner Besitzerin, tagsüber immer mal wieder ab und bleibt oft mehrere Stunden weg. Oder auch nur vor dem Tor des Grundstücks, lässt sich aber partout nicht anlocken. Und gehorchen ist ja bekanntlich nicht die Stärke des Goldschätzchens. Das beunruhigt uns mittlerweile nicht mehr so gross, denn spätestens wenn am Abend der Futternapf scheppert, findet sich der Hund wieder ein.

Bis auf ein Mal. Da erschien kein Conrad mehr. Mein innig geliebter Mitbewohner und ich hatten uns schon damit abgefunden, dass wir eine sturmfreie Bude hätten, da klopfte es nach 21.00 Uhr an der Türe. Als ich öffnete, zwängte sich der Hund an meinen Beinen vorbei so weit die Rollleine reichte ins Haus rein. Draussen stand die Besitzerin seiner Hundefreundin, bei der er sich die letzten paar Stunden aufgehalten hatte. Diese Art von Hundetaxi hatten wir bereits einmal, da wurden wir von Freunden der Hausbesitzerin angerufen, das Goldschätzchen liege bei ihnen im Garten und sei völlig „perfectly happy“. Damals waren wir diejenigen, welche das Auto charterten und zum gut 1,5 km entfernt liegenden Haus fuhren.

Am liebsten würde das Goldschätzchen natürlich in den Abendstunden abschleichen, um die ganze Nacht hindurch seinem Jagdtrieb zu frönen. Doch da ergreifen wir – bis jetzt erfolgreicher als das letzte Mal – geeignete und rechtzeitig Massnahmen.

Eine dieser Massnahmen heisst: Bewegungstherapie. Da der Hund Radfahrer nicht als reinzubeissende Spielzeuge anschauen soll, hat seine Besitzerin auf Anraten einer Hundetrainerin eine Hundespaziereinrichtung fürs Velo angeschafft. Wenn ich zu Hause jemanden mit so einem Geschirr sehe, wie er seinen Hund Gassi fährt, habe ich bis anhin immer den Kopf geschüttelt. Doch unter den gegebenen Umständen ist es eine gute Möglichkeit, den Hund etwas müde zu machen und ihn zu beschäftigen.

Der Mitbewohner – hier auf einem seines Standes unwürdigen schlappen Damenvelo – fährt nun fast jeden Tag mit dem Hund eine etwa 3 km lange Wegstrecke. Für die diesjährige Tour de France ist leider die Anmeldefrist schon abgelaufen. Aber bis 2015 dürfte das Goldschätzchen in absoluter Topform sein.

Ferienende

in den Sommerferien in der 5. Klasse durfte ich eine Woche zu meiner Lieblings-Tante. Ferien bei meiner Tante waren stets ein freudiges Ereignis, denn sie hatte zwei Kinder in meinem Alter und diese waren wie Geschwister für mich. Dummerweise ging meine Tante mit ihrer Familie nach einer Woche selber in die Ferien und konnte mich nicht mitnehmen. Da meine Eltern am Arbeiten waren, war geplant, dass ich eine Woche bei meinen Grosseltern auf dem Bauernhof verbringen sollte.

Schon am zweiten Tag wurde es mir dort stinklangweilig. Die Kinder vom benachbarten Hof waren alle weg, ich hatte niemanden zum spielen. Meine Grossmutter, damals fast siebzig,  war zwar eine herzensgute Frau, doch sie musste auf dem Hof arbeiten und konnte nicht etwa Zooausflüge machen, wie das heutige Grossmütter mit ihren Enkeln tun. Mein Grossvater dagegen war ein Brummbär. Alle seine Enkel, mich inklusive, hatte er das Fürchten gelernt. Es schien ihm grossen Spass zu bereiten, wenn er uns mit der Mistgabel hinterher rennen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals etwas Vernünftiges mit mir gesprochen hätte.

Als Stadtkind war ich auf dem Bauernhof mehr ein Hindernis denn eine Hilfe. Man konnte mich bestenfalls anstellen zum Johannisbeeren ablesen oder bei den Hühnern im Stall die Eier holen. Im Kuhstall hatte ich nichts verloren, zu viel Schiss hatte ich vor den Kühen, die zwar angebunden waren, aber jederzeit einen Schritt nach hinten machen konnten oder – nicht auszudenken – den Schanz lupfen und… na ihr wisst schon. Einzig zu den Kälbern wäre ich gerne gegangen, doch da musste ich wiederum an den Kühen vorbei, drum liess ich das auch bleiben.

Am dritten Tag stand mein Entschluss fest: Ich wollte nicht mehr länger bleiben. Nach dem Frühstück packte ich meine Siebensachen. Ich schleppte gerade das Köfferchen die steile Treppe runter, als mich meine Grossmutter erblickte. Ihre Augen hinter den dicken Brillengläsern wurden gross wie Wagenräder.

„Was hast du denn im Sinn?“
„Ich will nach Hause.“
„Aber da ist doch niemand, deine Mutter und dein Vater arbeiten beide.“
„Das ist mir egal, hier ist es mir zu langweilig.“

Da ich nicht umzustimmen war, begann das grosse Umhertelefonieren, bis sich endlich jemand fand, der mich an den nächsten Bahnhof fuhr. In den Siebzigerjahren stand noch nicht vor jeder Haustür ein Auto. Für mich war es nichts Aussergewöhnliches, alleine mit dem Zug zu fahren. Zweimal musste ich umsteigen, dann noch zehn Minuten zu Fuss, und ich war wieder glücklich und zufrieden daheim.

Wie sich meine Grossmutter gefühlt hatte, als ich das Weite suchte, war mir damals piepegal. Eines weiss ich mittlerweile: Mit neun eigenen Kindern, einem nie enden wollenden Berg Arbeit auf dem Hof und einem Scheusal von einem Mann hätte sie selber sicher oft genug Grund gehabt, den ganzen Bettel hinzuwerfen und auszuziehen.