Sonntags-Vergnügen in Melbourne

Es gibt mit Sicherheit Leute, die dem heutigen Tag entgegengefiebert haben, vielleicht sogar extra früh aufgestanden sind, damit sie jaaa nichts verpasst haben. Sie haben es nicht erwarten können, bis die Automobil-Rennsaison wieder losgeht.

Zu der Sorte gehöre ich bekanntlich nicht. Dennoch bietet der Grosse Preis von Australien immer wieder Anlass für meinen innig geliebten Mitbewohner und mich, uns an eine besondere Reiseanekdote zu erinnern. Eine Anekdote, die wir auch gerne mal erzählen, wenn es denn so grad zum Thema passt, und die euch hoffentlich auch zum Schmunzeln bringen wird.

Im Sinne eines faulen Sonntags-Beitrags empfehle ich euch deshalb die Lektüre dieses Beitrags, den ich vor drei Jahren veröffentlicht habe.

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Boxenstopp in Melbourne

Mein innig geliebter Mitreisender schaltete entschlossen einen Gang höher. Das Fahrzeug beschleunigte. Unüberhörbar. Noch ein Gang. Und weil es so locker ging, gleich noch einer. Der Mitreisende verfiel in einen veritablen Temporausch, während es mich regelrecht in den Sitz drückte.

Unsere Fähre nach Tasmanien legte erst am Abend ab. Wir hatten noch den ganzen Tag zur Verfügung. Da uns bekannt war, dass es am Hafen praktisch nur Kurzzeit-Parkplätze gab, suchten wir uns einen geeigneten Aufenthaltsort, um die letzten Stunden auf dem australischen Festland zu verbringen. Wir fuhren in den Albert Park, eine zentrumsnahe, grüne Oase Melbournes. Breite Strassen durchzogen den ganzen Park. Wie es in Australien an solchen Orten üblich ist, hatte es mehrere schattenspendende Unterstände mit Tischen und Bänken und ebenso viele Grillstellen. Man muss wissen, dass kaum etwas so sehr dem australischen Lebensstil entspricht wie ein Barbecue im Freien. Wegen der Gefahr eines Buschfeuers (zugegeben, die wäre in einer Grossstadt nicht wirklich gross) sind die BBQs meist elektrisch betrieben. Solche BBQ Kochstellen werden meist kostenlos zur Verfügung gestellt. Je nachdem, wer sie vorher benutzt hat, sind sie mehr oder weniger sauber. Aussehen tun sie in etwa so:

Wir suchten uns also die schönste Grillstelle aus, parkten unser Wohnmobil und begannen, unser Essen zuzubereiten. Was es gab? Keine Ahnung, Känguru vielleicht, ein Würstchen oder Lammfleisch. Sicher kein Tofu.

Da wir immer noch zu früh dran waren, um in den Hafen zu fahren, begann ich in einem Anflug von Langeweile, den Stadtplan von Melbourne zu studieren. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. F1-Course! Wir waren auf der Original Formel-1-Rennstrecke gelandet. Ausgerechnet wir, mit unserer lahmen Ente von einem Wohnmobil. Bei 80 km/h stand die Tacho-Nadel bockstill.

Wenn ihr also im morgigen Grossen Preis von Australien einen Kondensstreifen erblickt – von uns stammt der garantiert nicht!

Und was es unbedingt noch anzufügen gilt: Es mag Leute geben, die extra nach Melbourne pilgern, um einmal in ihrem Leben auf dem hehren Asphalt der Formel-1-Strecke zu fahren. Dazu gehören der Mitreisende und ich garantiert nicht. Insbesondere was mich betrifft, so finde ich die sogenannte „Sportart“ Automobilrennen etwas vom Aller-Aller-Dööfsten, das die Menschheit je erfunden hat.

Schrecken in Uniform (5)

Die Parkplatz Situation im Fährhafen von Melbourne war kläglich. In unmittelbarer Nähe des Eingangstores gab es lediglich Kurzzeit-Parkplätze. So konnten wir uns – obschon wir über eine Stunde zu früh am Hafen waren – nie mehr als einige Meter vom Wohnmobil entfernen. Polizisten hatten dieses besondere Fleckchen Erde als aussergewöhnlich ertragreich erkannt und patrouillierten in den kürzest möglichen Abständen. Als die Zeit endlich gekommen war, standen wir als allervorderste in der Warteschlange, um auf das gigantische Fährschiff nach Tasmanien zu gelangen. Auf zehn Fahrzeugdecks mit einer totalen Länge von 2,6 Kilometern fanden bis zu 500 Fahrzeuge Platz. Und wir sollten unter den Ersten sein, die in den gewaltigen Schiffsbauch einfahren konnten.

Dachten wir jedenfalls. Bis zu dem Moment, als ein uniformierter Hafenbeamter uns fragte, was wir in den beiden gelben Kanistern (in Australien „Jerry Can“ genannt) hinten auf dem Fahrzeug hätten. „Diesel“, antworteten wir wahrheitsgemäss. Seine Miene verfinsterte sich augenblicklich. Es sei verboten, Treibstoff in Kanistern an Bord zu bringen. Wenn wir keinen Platz für den Diesel in unserem eigenen Tank hätten und niemand in der Warteschlange sei, der Platz im Tank hätte, müssten wir die Jerry Cans mitsamt Inhalt hier lassen. „Don’t worry“, meinte er anfänglich noch, es gäbe sicher jemanden hier, der vierzig Liter Diesel brauchen könne.

Es war hinlänglich bekannt, dass der Treibstoff auf der Insel Tasmanien teurer war, als auf dem Festland. Ergo füllte jeder halbwegs solvente Automobilist vor der Überfahrt seinen Tank randvoll. Unsere Chancen, jemanden mit unserem Sprit zu beglücken, standen deshalb nicht gerade gut. Etwas mehr Glück hatten wir mit den paar Litern Benzin, die wir für unseren Generator mitführten. Die wurden wir schnell los. Allerdings hätten wir sie hier im Hafengelände nicht selber umleeren dürfen. Das hätte offensichtlich nur der Uniformierte tun dürfen, der plötzlich nicht mehr so nett war. Beinahe unwillig beschied er uns endlich, dass er nun doch jemanden gefunden habe für unseren Diesel. Dieser „Jemand“ rieb sich natürlich die Händchen, nie mehr in seinem Leben würde er für 40 Liter Diesel weniger Geld bezahlen müssen.

Nun folgte der absurdeste Teil der ganzen Episode. Wir mussten die zwei Stahlkanister mit Wasser füllen! Während der ganzen siebzehnstündigen Überfahrt quälte sich mein innig geliebter Mitreisender mit der Frage, wie wir es jemals schaffen sollten, das Wasser wieder vollständig aus den Kanistern zu bringen. Ein Dieselmotor ist ja ein Dieselmotor, weil er mit Diesel läuft. Hätten wir es in Tasmanien geschafft, unser Fahrzeug mit einem Wasser-Diesel-Gemisch zu betreiben, wären wir heute mit Sicherheit weltberühmt.