Walbeobachtungen im Wallis

“Das habe ich alles”, liess mein innig geliebter Mitbewohner verlauten, als wir im Thermalbad von Ovronnaz vor der Tafel standen, die Angaben über die Gsüchti machte, die das Wasser angeblich zu heilen vermag. Insgesamt vier Mal begaben wir uns die letzten Tage in die Fluten. Es hat etwas wunderbar Wohltuendes an sich, wenn man unter dem blauen Walliser Himmel im blubbernden, 32 Grad warmen Wasser liegt und das sagenhafte Panorama betrachten kann.

DSC01643

Besonders schön muss es im Winter und Frühjahr sein, wenn die umliegenden Berge schneebedeckt sind. Mehr als den Kopf dürfte dann aber niemand für längere Zeit aus dem Wasser ragen lassen.

Die Anlage wurde 1990 eröffnet, die beiden Aussenbecken einige Jahre später. Zum gesamten Komplex gehören mehrere Hotels und kleinere Ferienwohnungen. Das Wasser kommt übrigens 24,2 Grad warm aus einer Quelle unterhalb von Ovronnaz. Es muss also nicht nur heraufgepumpt, sondern auch noch erwärmt werden.

Im Sommer kann man sich auf den zahlreichen zur Verfügung gestellten Liegestühlen suhlen. Und dabei vorzüglich die anderen Badegäste studieren. Mitunter fühlten wir uns angesichts gigantischer Fleischberge an Walbeobachtungen erinnert. Badebekleidung von nicht viel mehr als Toblerone-Dreieck grossen Textilien bis zur Version Einmannzelt – alles taucht früher oder später vor dem Auge des aufmerksamen Betrachters auf. Und ich frage mich einmal mehr, weshalb ich mich jemals fragte, ob ich mit Kleidergrösse 38 überhaupt noch einen Bikini tragen kann.

DSC01647

Interesse an mehr Informationen? Voilà:
http://www.bains-ovronnaz.ch/de

PS: Sooo sauber waren wir schon lange nicht mehr. Allerdings auch nicht so feucht hinter den Ohren.

Hallo, ich bin’s, Ihr Nachbar!

Heute sei internationaler Nachbarschaftstag, sagte die Frau am Radio, und noch bevor sie ihren säuberlich vorbereiteten Satz zu Ende gesprochen hatte, stürmte ich aus der Wohnung. Das war die Gelegenheit! Wenn nicht jetzt, dann nie. Oder zumindest erst in einem Jahr wieder.

Ich läutete bei unseren Nachbarn. Voller überschwänglicher Freude wollte ich mich ihnen vorstellen. “Grüezi, ich bin Frau Flohnmobil und wohne seit kurzem im gleichen Haus wie Sie.” Die Frau bat mich ohne zu zögern herein, wohl etwas erstaunt ab dem Überfall, aber mit einer gewinnenden Art, die mir bewies, dass ich das Richtige tat. Sie offerierte mir einen Kaffee, stellte mich ihrerseits ihrem Mann vor und fragte sogleich nach wo denn mein Mann verbleibe.

Soweit die Theorie. In der Praxis muss ich wohl auch nach 18 Jahren weiterhin darauf warten, dass meine Lieblings-Nachbarn mal meinen Namen über ihre verkniffenen Lippen bringen.

DSC03250

Fragestunde im Zug

Gestern im Zug. Der Knirps blättert in einer Gratiszeitung. Lesen scheint er noch nicht zu können, doch das ist für das besagte journalistische Werk nicht unbedingt ein Nachteil.

“Wer ist das, Mami?” Die abgebildete Frau hat es dem Dreikäsehoch offenbar angetan.
“Adele.” Die Antwort der Mutter fällt denkbar knapp aus.
”Ist das eine Schauspielerin?”
”Nein, eine Sängerin.”
”Singt die schön?”
Nun kann sich die Mutter erstmals zu einem ganzen Satz aufraffen. “Ja, sie singt sehr schön.”
Der Knirps bohrt weiter. “Schöner als Lady Gaga?”
Spätestens jetzt spitzt die halbe S7 die Ohren.
“Ja, ich finde, sie singt wahnsinnig schön.”
Der Knirps will offenbar nichts auf Lady Gaga kommen lassen. “Aber schöner als Lady Gaga kann sie gar nicht singen.”
Der Mutter steht offenbar nicht der Sinn nach einer Diskussion über verschiedene Musik-Geschmäcker. Sie ergreift die Flucht nach vorne. “Ganz sicher singen beide schöner als ich.”

Komischerweise gibt sich der Junge mit dieser Antwort zufrieden. Nun darf gerätselt werden, wie herzzerreissend schlecht diese Frau wohl singt.

DSC06987

Entzückend entrückend

DSC03805

“Kann man helfen mit dem Rücken?” Als ich die Wörter endlich einsortiert hatte, dauerte es nochmals eine Weile, bis ich merkte, dass sie mich betrafen. Wir waren nur noch zu zweit in der Garderobe des Fitness-Clubs. Neben mir hatte sich eine Frau aufgebaut, kurze, graue Haare, geschätzte 65, schlank, die sich anerbot, mir den Rücken einzucremen. Ich muss etwas verdattert aus der Wäsche geschaut haben, die ich noch gar nicht trug. So flüchtete ich mich in die erstbeste Ausrede: “Danke, dafür ist mein Mann zuständig.” Um gleich hinterherzuschicken, dass mir so ein Angebot noch nie gemacht worden sein. Die Eincremerin klärte mich auf. Sie seien jeweils ein paar Frauen, die gemeinsam in die Sauna gingen, und dort habe es sich eingebürgert, dass man sich gemeinsam den Rücken abrubble und auch eincreme.

So also war das. Nichts desto trotz war mir nicht daran gelegen, mir von einer Wildfremden, mochte sie es auch noch so gut meinen, den Rücken einzucremen. Damit war das Thema vorderhand erledigt, beschäftigt mich aber in Gedanken weiterhin. Wie sich bald herausstellen sollte, war ich nicht das einzige “Opfer” der Rückeneincremerin. Auch Kolleginnen, die am gleichen Ort trainieren, wurden schon mal mit ähnlichen Angeboten von ihr beglückt. Bis heute habe ich die Eincremerin noch nie im Kraftraum gesehen. Sie wird doch ihr Abo nicht nur haben, um wildfremden Frauen den Rücken einzuschmieren?

Es sollte nicht lange dauern, da war ich wieder in der Garderobe. Und wieder am Eincremen nach dem Duschen. Die Eincremerin kam – vorbei an weiteren Damen, die sich in der Garderobe aufhielten – schnurstracks auf mich zu und formte den Satz, den sie offenbar bestens auswendig kannte: “Kann man helfen mit dem Rücken?” Diesmal war ich so gut wie fertig mit eincremen und das sagte ich ihr auch. Ein etwas unbehagliches Gefühl überkam mich dabei. Langsam aber sicher drohten mir die Ausreden auszugehen. Und der Frau direkt ins Gesicht zu sagen, sie solle mich mit ihren Angebot in Ruhe lassen, finde ich auch etwas hart.

Wie würdet ihr auf ein solches Angebot reagieren?

Wie sag ich’s meinem Kinde?

Das Thema entbehrt nicht einer gewissen Brisanz. Und es braucht etwas Diplomatie, je nach Situation auch ziemliche Unverfrorenheit, jemanden damit zu konfrontieren. 

Aber wie? Wie wähle ich meine Worte so, dass mein Gegenüber nicht eingeschnappt ist?

Soll ich dem Frieden zu Liebe grosszügig darüber hinwegsehen? In Zukunft einen Sicherheitsabstand einhalten oder sogar den Mitmenschen meiden?

Immerhin ist ein zu viel genauso schlimm, wie ein zu wenig. Und der oder die Besagte merkt es oftmals selber gar nicht.

Andererseits – so wie es ist, ist es auch nicht gerade angenehm. Aber wer weiss, vielleicht bin ich selber davon betroffen, nur hat es mir noch nie jemand unter die Nase gerieben.

Wie sage ich jemandem, dass er nicht gerade salonfähig riecht? Oder, dass mir sein Parfum/Rasierwasser nicht passt?

DSC07762

Gebannt

Da sassen wir und tranken unseren Kaffee. Unseren wohlverdienten Kaffee in der Wärme eines angeschriebenen Hauses. Dies nach einigen Skiabfahrten. Um uns herum etliche weitere Skifahrer mit ähnlichen Ambitionen.

Mein innig geliebter Mitbewohner und ich schlürften den Kaffee, genossen die grandiose Szenerie, die die verschneite Bergwelt zu bieten hatte. Wir unterhielten uns über dieses und jenes. Schwiegen uns auch mal nur an. Uns war wohl dabei. Keine Langeweile.

Dann der entscheidende Moment: Der Mitbewohner begab sich an den Ort, wo auch der Kaiser von China alleine hin geht. Nun sass ich da. Ganz alleine inmitten der vielen Skifahrer hatte ich plötzlich Zeit, mein Umfeld etwas genauer zu mustern. Sie sassen zum Teil dicht gedrängt an den Tischen, zum Teil auch nur zu zweit. Allen war gemein, dass sie sich weder für ihr Gegenüber noch für die sie umgebende Bergwelt interessierten. Stattdessen starrten sie alle auf ihr Handy. Als ob das Skifahren dort über die Bühne gehen würde.

Ich konnte es nicht glauben. Erhob mich, überblickte die ganze skifahrerische Meute, die übrigens aus auffallend vielen reinen Männergruppen bestand. Ich hielt Ausschau nach jemandem, der NICHT im Banne seines Handys war. Es gab solche Leute. Sie waren spärlich. So spärlich wie die Schneeflocken, die ab und zu aus dem blau-grau-blauen Himmel fielen. Fassungslos musste ich – einmal mehr – zur Kenntnis nehmen, dass der heutige Mensch nicht mehr ohne sein Handy auskommt. Auch nicht beim Skifahren. Im Beisein seiner Freunde. Man sitzt zwar zusammen, aber jeder ist intensiv damit beschäftigt, seine digitalen Streicheleinheiten zu verteilen.

Nun warte ich nur noch darauf, dass ich auf der Piste jemanden überhole, der während der Fahrt grad ein SMS schreibt.

20141209_110225

Lautstark

Besonders musikalisch war ich noch nie. Sieht man mal davon ab, dass ich – wie so mancher Teenager – seinerzeit meine Eltern mit der immer gleichen Musik aus dem Plattenspieler in den Wahnsinn trieb. Auch im persönlichen Mittelalter brauche ich keine Dauerbeschallung, um mich wohl zu fühlen. Ein Instrument zu erlernen, das war mir aus verschiedenen Gründen nicht vergönnt. Übers Xylophon mit den knallbunten blechernen Plättchen hinaus habe ich es nie gebracht.

Wenn ich nun aber sehe was in unserem Wohnhaus zwei Stockwerke über unseren geplagten Ohren abgeht, bin ich vielleicht ganz froh, dass ich nie ein Musiknstrument erlernt habe. Welches Instrument dort oben gespielt wird, kann ich nicht schlüssig sagen, irgend eine Guge muss es sein. Und mag diese Guge auch auf einem recht anständigen Niveau bepustet werden, so bleibt sie in erster Linie einfach nur ein Ärgernis. Ob Trompete, Posaune oder was auch immer, ich kann dieser Tuterei nur einen Vorteil abringen: Mäuse und ähnliche Plagegeister wird es in unserem Haus nicht mehr geben, solange dieser Musiker an der gleichen Adresse wohnt.

Vielleicht wäre das die Lösung für Frau Müller, die sich mit ähnlichen Problemen herumschlägt: Einfach neue Nachbarn organisieren.

Einmal tief Luft holen

Ich gehe die letzten Stufen hoch. Die letzten Sekunden für mich allein, meine Gedanken. Mein innig geliebter Mitbewohner streckt bereits seinen Finger der Klingel entgegen. Höchste Zeit für mich, eine andere Miene aufzusetzen. Gute Miene zu bösem Spiel.

Der Schlüssel dreht sich im Schloss, und da ertönt sie auch schon, ihre Stimme. Ein seltsames Gemisch aus schrill, piepsend, krächzend. Es tut weh in meinen Ohren. Aber ich werde sie in den nächsten paar Stunden ertragen müssen. Genauso wie die immer gleichen Gespräche. Zuerst über das allgemeine Befinden, dann über Geld. Es folgen alte Geschichten, die ich schon zig Mal gehört habe und die mir, wenn sie zur Pointe Luft holt, ein gequältes Lachen abringen. Dann steht wieder Geld im Mittelpunkt. Und Erben. Und wieder die alten Zeiten. Ich beisse mich durch, mache alles mit, doch nach ein paar Stunden ist das Fassungsvermögen meiner Ohren erschöpft.

Meine Gefühle für meine Schwägerin werden nie in den Himmel wachsen.

Farbige Autos

Letzthin wurde im Einkaufsladen ausgerufen: „Der Fahrer mit dem gelben VW, Kennzeichen ….. möge sich bitte SOFORT …“

Ob der Fahrer mit dem gelben Wagen sich wirklich SOFORT weiss ich nicht. Aber seither beschäftigt mich die Frage, wo denn eigentlich der schweizerdeutsche Begriff „mit em gääle Wägeli“ (mit dem gelben Wagen) her stammt.

Besonders rühmlich ist es ohnehin nicht, wenn man jemandem vorschlägt, ob man ihm s’gääle Wägeli kommen lassen soll. Das bedeutet nämlich nicht mehr und nicht weniger, als dass die betroffene Person reif für die Klapsmühle ist.

Das Schweizer Radio hat hier einige Ausdrücke aufgelistet. Warum das Wägeli gääl und nicht blau, grün oder gar weiss mit leuchtorangen Streifen ist, darüber schweigt sich das Medium allerdings auch aus.

Was gibt es in eurem Dialekt für Ausdrücke, wenn jemand – ähm – etwas irr ist?

Mitteilungsbedürfnis, ganz akut

Ach sie hätte sich so schlapp gefühlt. Einfach schlapp. Unerklärlich schlapp. Dann sei sie zum Arzt gegangen, dieser hätte sie auf alle möglichen Krankheiten untersucht, Schilddrüse, Vitaminmangel, Blutwerte, bis er herausgefunden habe: Sie sei in den Wechseljahren. In den Wechseljahren! Mit vierundvierzig!

Diese Geschichte musste ich mithören, als ich vor zwei Tagen im Fitness-Center unter der Dusche stand.

Und die genau gleiche Geschichte durfte ich auch heute wieder im Fitness-Center vernehmen, diesmal nur noch etwas wortreicher ausgeschmückt, vielleicht einen Tick dramatischer noch.

Die Wechseljährige lässt offenbar nicht locker, bis sie der ganzen Welt von ihrem Schicksal erzählt hat.

Früher oder später wird sie wohl auch mich erwischen. Sie mit der Geschichte von ihrem Leiden. Ich harre meiner persönlichen Abreibung!