2 Jahre danach

Mein lieber Mann

Heute sind es zwei Jahre her, seit du in meinen Armen von deinen Leiden erlöst wurdest. Es war der Tag, an dem mein neues Leben anfing. Das Leben ohne dich.

So vieles ist seither geschehen. Das Leben hat es gut mit mir gemeint. Ich fiel weder in das tiefe Loch, das mir prophezeit wurde, noch vergrub ich mich daheim. Ich lernte neue Leute kennen, die ich heute meine Freunde nennen darf. Und ich traf den Mann, an dessen Seite ich mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann.

Du musst nun mein Herz mit ihm teilen. Aber für dich wird es immer Platz haben.

In Liebe und Dankbarkeit
Deine Bea

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Was soll ich tun?

Es gibt Vieles, das ich an diesem prächtigen Frühlingstag hätte tun können.

  • Eine Wanderung unternehmen.
    Habe ich gestern gemacht.
  • Mich in einem Gartencenter von der Fülle und Blütenpracht inspirieren lassen.
    Muss noch warten. Und an einem Samstag tue ich mir das ohnehin nicht an.
  • Fenster putzen.
    Muss auch noch warten. Es soll ja nicht gut sein, wenn man die Scheiben bei Sonnenschein putzt.
  • Meine neue Fotokamera ausprobieren.
    Muss auch warten. Nicht so lange wie die dreckigen Scheiben, aber dennoch…
  • Mit einem Glas Prosecco auf das schöne Wetter anstossen.
    Das Glas steht unmittelbar neben dem Notebook.
  • Skifahren.
    Ist in der Pipeline.
  • Radfahren.
    Ähm… soll ich wirklich?

Genau Letzteres habe ich heute gemacht. Es hat mich etwas Überwindung gekostet. Nach fast zwei Jahren Abstinenz habe ich mich in einem symbolträchtigen Akt aufs Rennrad geschwungen. Symbolträchtig deshalb, weil ich für mich zuerst herausfinden will, ob das Hobby, das ich mit meinem Mann geteilt habe, auch mein Hobby bleibt. Früher war das Fahrrad für mich nur Transportmittel. Erst durch meinen Mann habe ich es als Sportgerät kennengelernt. Er, der selber von einem ehemaligen Veloprofi und mehrfachen Tour-de-France-Teilnehmer in die Geheimnisse des Radsports eingeweiht wurde, hatte mich sachte an das neue Hobby herangeführt. Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben wir gemeinsam Radtouren unternommen. Sind über hohe Alpenpässe, entlang  von tiefen Schluchten, über Hochebenen und Küstenstrassen gefahren. Entlang von Rebbergen, Olivenplantagen, Wasserfällen und den verhassten Rapsfeldern.

Es wird nie mehr sein wie früher. Aber der Fahrtwind um die Ohren hat sich heute gar nicht so schlecht angefühlt.

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Abschied für immer?

“Meinst du, du wirst Conrad jemals wiedersehen”, fragte mich meine Freundin, als wir ein letztes Mal auf dem Kiesweg von der Luxusresidenz des Goldschätzchens weg fuhren.

Mit dieser banalen Frage erwischte sie mich auf dem falschen Fuss. Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Hätte ich sollen? Hätte ich diese Reise in die Provence als eine Art Abschied, Teil meiner Trauerbewältigung und gleichzeitig Zeichen für einen Neuanfang abbuchen sollen?

Ich weiss es nicht. Weiss nicht, was aus mir in den kommenden Wochen, Monaten werden soll. Im Zusammenhang mit der Luxushütte und dem Goldschätzchen weiss ich nur eines: Ich habe wunderbare Erinnerungen daran, habe ich doch dort mit meinem Mann in drei Mal mehr als drei Monate verbracht. Diese Erinnerungen sind kostbar, unvergesslich und leider auch unwiederbringlich.

Dennoch bin ich leichten Herzens weiter gefahren. Weiter in mein neues Leben. Weiter zusammen mit meiner Freundin, die momentan das Steuer für mich übernommen hat.

Das Frauchen des Goldschätzchens hat mir beim Abschied versichert, ich sei hier jederzeit willkommen. Und ich bin mir sicher, dass auch das Goldschätzchen nichts dagegen hätte, würde ich nochmals bei ihm aufkreuzen. Es wird wissen, dass von diesen übel riechenden Dingern noch einige übrig sind. Und ich bräuchte nicht mit leeren Händen an der schweren Eichentüre zu klopfen.

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