Auf dem Viehmarkt

“Nimm doch d’Bea.” Sinngemäss kam es wohl so rüber, wenngleich sie es bestimmt nicht wörtlich gesagt hatte. Die Aufforderung galt einem Bekannten von ihr, der eben erst eine Beziehung beendet hatte, die zunehmend kompliziert wurde. “Weisch, d’Bea hät kei Altlaste. Da gitts weder en ifersüchtige Ex-Partner no Chind, wo chönnted schwierig tue.”

“Nimm doch d’Bea.” Hallo? So einfach geht das nicht! Ich werde ja schliesslich nicht feil geboten auf einem Viehmarkt.

Wer mein Herz erobern will, muss sich schon etwas einfallen lassen. Jawohl!

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Mein Schatzkästchen

Mein Mann war ein Mensch der Taten und Worte. Kein Theoretiker. Von unbarmherzigen Umständen in seiner Jugendzeit geprägt, stand er mit beiden Beinen im Leben. War sehr nüchtern. Zu meinem Leidwesen nur bedingt romantisch. Lesen und Schreiben war ausserhalb des beruflichen Alltags nicht so sein Ding. Nur in den Anfängen unserer Beziehung schrieb er mir. Dafür fast täglich.

Diese Briefe, Karten, Zitate, ironischen “Vermisstanzeigen”, sie alle habe ich aufgehoben. In einer Schachtel, die mein Mann mir mal als Geschenk von einer Geschäftsreise nach Paris mitbrachte.

Als wir nach einem halben Jahr zusammenzogen, kam der Postfluss abrupt zum Stoppen. Fortan bedurfte es besonderer Anlässe, damit ich in den Genuss einiger Zeilen kam.

Die Karte zu meinem 31. Geburtstag hatte mein Mann selber gestaltet. Er verwendete damals Rubbelbuchstaben (weiss jemand hier überhaupt noch, was das ist?) und schrieb mir in geschwungenen Lettern diesen Satz, der mich noch immer tief berührt und trotz der ganzen Nüchternheit, die mein Mann für Aussenstehende mitunter ausstrahlte, seine tiefe Liebe zu mir zum Ausdruck brachte.

Du bist meine Lebensquelle.
Ich trinke von Dir und bin ewig durstig.

Heute wäre unser 20. Hochzeitstag.

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Gestempelt

Der Pöstler hat mir heute einen besonderen Brief gebracht. Einen, dem eine von Hand geschriebene Karte beigelegt war. Was für eine Rarität in der heutigen Zeit. Wann habe ICH das letzte Mal etwas von Hand geschrieben, das länger als eine Einkaufsliste lang war? Hm.

Der Brief gab mir noch wegen etwas anderem zu denken. Die Absenderin hatte ihrem Schreiben nämlich buchstäblich einen Stempel aufgedrückt. Ihren eigenen mit der ihrer Adresse. Sowas, begann es in mir zu rattern, besitze ich schon lange nicht mehr. Seit mein innig geliebter Mitbewohner und ich den gleichen Namen haben, habe ich keinen eigenen Stempel mehr. Für die paar Mal, wo ich meinen Namen mitsamt Adresse schreiben müsste, kann ich auch noch meine Handschrift bemühen. Dort, wo es keine Rolle spielt, knalle ich einfach den Stempel des Mitbewohners drauf. Und wenn immer möglich verwende ich ohnehin den Computer.

Dennoch rumort es etwas in mir. Es sieht fast so aus, als hätte ich mit der Heirat vor 13 Jahren ein Stück meiner Identität verloren.