Kulinarische Eigenwilligkeiten

Ich habe immer gedacht, Portugal sei das Land des Baccalhau. Getrockneten Stockfisch findet man hüben und drüben und es soll so viele Rezepte geben, wie das Jahr Tage hat. Kann man sich vorstellen, denn der getrocknete, gesalzene und wieder eingeweichte Fisch ist nicht nur schmackhaft, sondern auch sehr festfleischig und mag für Vieles taugen. Dass die Portugiesen viel Fisch essen, liegt ohnehin auf der Hand. Ein Gang durch die Markthallen (immer der Nase nach, sollte man nicht fündig werden) zeigt schnell, wie vielfältig das Angebot an Meeresgetier ist.

Doch was haben wir da an mehreren Marktständen gesehen? Fein säuberlich in Netze verpackt oder auch nur in einem grossen Eimer mit einer alten Blechdose zum schöpfen – SCHNECKEN. Nicht etwa Weinbergschnecken, wie sie bei uns von sogenannten Feinschmeckern „genossen“ werden. Nein, kleine Hüüslischnägge, wie sie bei uns im Garten herumschleimen. Was die Portugiesen wohl damit anfangen? Dämpfen, pürieren und als Suppe essen? Grillieren und mit Ketchup verfeinern? Gratinieren? Roh essen? Aus lauter Tierliebe wieder im Garten aussetzen? Ich will es lieber nicht wissen.

Am Ende Europas

Die Algarve – also die Südküste Portugals – gilt als eine der beliebtesten Ferienregionen Europas. Sie hat verschiedene Gesichter. Im Osten, da wo wir angefangen haben, sind die Strände flach, meist sind Lagunen vorgelagert, so dass man nur über Brücken oder mit dem Boot ins Meer kommt. In dieser Region ist es trotz erheblichen Touristenbauten noch einigermassen beschaulich geblieben. Nicht so im Westen. Dort wechseln sich Sandstrände und felsige Küstenabschnitte ab. Und dort geht die Post ab. Hässliche Ferienburgen reihen sich an der Küste auf und haben sich tief ins Landesinnere gefressen. Wir haben diesen Anblick nur von der Autobahn aus genossen, das hat vollends gereicht. Unseren ersten Stellplatz bei Manta Rota, nahe der spanischen Grenze, können wir nur in den höchsten Tönen loben. Ein eigens für Wohnmobile ausgeschilderter Parkplatz hinter der Düne und dem weitläufigen Strand. Duschen, Wasserhahn, Entsorgung, Läden in unmittelbarer Nähe. Mehr zu begehren wäre unverschämt.

Im Hinterland sieht es immer etwa gleich karg aus. Dort wo bewässert werden kann, gedeihen üppig Orangen- und Zitronenbäume sowie Gemüse. Etwas genügsamer sind die Olivenbäume. Sonst viel Gestrüpp und entlang der bescheidenen Wasserläufe meterhohes Schilf mit herrlich blühenden Oleandern, aufgeforstete Pinienwälder und häufig Eukalyptusbäume. Die Portugiesen haben die meisten ihrer Bäche und Flüsse aufgestaut. Nicht etwa, um Strom zu gewinnen, sondern für die Wasserversorgung. Da und dort sieht man Windfarmen, viele sind noch im Entstehen.

Wir konnten uns trotz der hohen Temperaturen für zwei Velotouren ins Hinterland aufraffen. Die Route zu finden war auf der ersten Runde ein Glücksfall. Die Orte, die in unserer Karte verzeichnet sind, sind auf den Wegweisern nicht drauf, so konnten wir nur der Nase nach fahren – und sind einigermassen dort gelandet, wo wir wollten. Die Strasse variierte von asphaltiertes Bachbett bis tip-top. Aufgrund dieser Erfahrung hatten wir uns für die zweite Tour für eine gelb eingezeichnete Strasse entschieden, in der Hoffnung, dass wir so nicht an jeder Kreuzung die Karte hervorholen müssen – denn das Navi mögen wir beim Velofahren nicht auch noch dabei haben. Bingo! Auf und ab, an vereinzelten Häusern und noch weniger Dörfern vorbei strampelten wir auf einer durchwegs guten Strasse 32 km durchs Hinterland und auf dem gleichen Weg wieder zurück.

Natürlich haben wir uns auch mal ins Getümmel gestürzt. Die Altstadt in Lagos mit ihren engen Gassen ist nämlich sehenswert. Und von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung zum touristischen Aushängeschild der Algarve – der Ponte da Piedada. Die Küste ist in diesem Abschnitt felsig und das Meer hat aus den Klippen Türme ausgesägt. Das alles ist ganz nett und sollte man sich sicher anschauen, wenn man schon mal hier ist. Wir kommen nicht umhin, die Great Ocean Road in Australien als Vergleich hinzuzuziehen. Sorry, liebe Portugiesen, aber dort geht es noch ein paar Schuhnummern imposanter zu und her!

Beim Cabo Sao Vicente, dem südwestlichsten Punkt des europäischen Festlandes, thront ein Leuchtturm über den 60 Meter hohen Klippen. Hier treffen Tante Mittelmeer und Vater Atlantik aufeinander. In dieser windumtosten Gegend kann sich kein Baum behaupten. Nur noch Gestrüpp beherrscht das Landschaftsbild. Und ein Stand, der die „Letzte Bratwurst vor Amerika“ verkauft.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Unheilbar reisekrank

Wir haben in den vergangenen Tagen viel, viel Asphalt gesehen. Kilometerweise. Von sehr unterschiedlicher Qualität. Wir haben Grossstädte umfahren und extrem menschenleere Gegenden traversiert. Wir haben morgens geheizt und am Nachmittag die Klimaanlage laufen gelassen. Wir haben mitverfolgt, wie sich die Vegetation mehrmals von Grund auf verändert hat. Wir haben Maisfelder gesehen, Reben, Getreide, Oliven- und Zitrusplantagen. Wir haben Rinder und Schafe auf ausgetrockneten Weiden „grasen“ sehen. Und ich habe so viele Störche gesehen, dass ich davon beinahe schwanger geworden wäre.

Nun sind wir in unserem Ferienland angekommen. Nach 2’300 Kilometer quer durch halb Europa haben wir den Süden Portugals erreicht. Man kann sich natürlich fragen, ob es Sinn macht, an so vielen schönen Orten vorbeizufahren, um ein derart weit entferntes Ziel anzuvisieren. Diese Frage haben wir uns beim Kilometerfressen der vergangenen Tage auch gestellt. Aber das Reisefieber hat uns nun mal gepackt – schon vor Jahren. Wir sind infiziert. Unheilbar reisekrank.

Wo andere ins Flugzeug steigen für einen Ferienreise nach Zypern, Andalusien oder die Malediven sind wir lieber mit dem Wohnmobil unterwegs. Welche Art des Reisens mehr CO2 verursacht, sei dahingestellt. Aber immer nur daheim ums Haus rum schleichen ist ja wirklich nicht das Gelbe vom Ei.

Eins ist jedenfalls klar: Autobahnen haben wir vorläufig genug gesehen.

Auf Fährtensuche

Wildpferde solle es hier geben, hatten wir im Reiseführer gelesen. Zwar nur noch Vereinzelte, aber definitiv nachgewiesen. Wow, wilde Rosse, für uns tönte das nach Winnetou, nach Abenteuer. Nichts wie los!

Was waren wir entzückt, als wir auf unserem Streifzug durch den portugiesischen Nationalpark Peneda Geres nach wenigen Metern auf Rossgagel stiessen. Ob wir tatsächlich das Glück hatten, wilde Pferde anzutreffen? Wenigstens aus der Ferne hätten wir schon gerne einen Blick erhascht. Da, schon wieder einer! Mit Stecklein begannen wir, den Gagel zu zerlegen. Wir waren uns schnell einig: Der war schon ziemlich trocken und dem entsprechend alt. Aber wer weiss, da lag auf einmal alle paar Meter so ein Rossbolle, vielleicht waren da auch Neuere darunter.

Hey lueg! Da war wieder einer. Ganz weich, ganz feucht – frisch geschissen. Wir wurden von Vorfreude ergriffen. Die Pferde mussten ganz in unserer Nähe sein. Ja ganz bestimmt würden wir sie demnächst durchs Gebüsch erspähen. Unser geschärfter Blick ortete immer neue Gagel. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis wir die Wildpferde mit eigenen Augen sehen würden.

Als wir den Pferdestall sahen, waren wir plötzlich nicht mehr so überzeugt, ob wir als Indianer Furore gemacht hätten.