Des Sommers auf Winters (Ab)Wegen

Wenn man eine Kuh bei einer Schneekanone sieht, macht man sich schon seine Gedanken. Was kann da nicht alles falsch gelaufen sein!

Die arme Milchfabrik wurde etwas gar früh auf die Weide gelassen.

oder

Dem Skigebiet ging mitten im Winter die Kohle aus.

oder

Das eine oder Rindvieh verspürte allzu beizeiten den Frühling und die gesamte Herde tat es ihm gleich.

oder

Der Pistenchef sah keine Veranlassung, am Ende der Skisaison die Schneekanonen abzuräumen.

Was auch immer es war, es wirkt irgendwie sonderbar, wenn man mitten im Sommer Herbst einer Schneekanone begegnet. Und noch sonderbarer ist es, wenn man einen matschigen Wanderweg hochkeucht, über den man im Winter total locker auf den Skiern runterbolzt.

Wäre an dieser Stelle nicht eine Schneekanone gestanden, mein innig geliebter Mitbewohner und ich hätten nie und nimmer erkannt, dass wir uns mitten auf der Talabfahrt von Waltensburg bewegen.

Herbstlich einsam

Das war ein Spätherbst! So etwas hatte der Steinbock noch nie erlebt. Herrlich angenehme Temperaturen, der Blick auf die Hornlosen häufig durch eine dicke Nebelschicht verwehrt, die lästigen Gondeln und Sessellifte ausser Betrieb. Und im Gegensatz zu anderen Jahren verbreiteten nicht mal die Schneekanonen ihre fauchenden, grunzenden Geräusche. Es war einfach zu warm zum schneien.

Der Steinbock frohlockte. Von ihm aus konnte es noch lange so weitergehen. Ihm gefiel die Ruhe, die so viel besser in die abgeschiedene Bergwelt passte als der Rummel, den die Hornlosen verbreiteten, sobald sie erschienen.

Etwas weniger gut erging es seinem Cousin östlich des Rheins. Was hatte der Idiot auch dorthin auswandern müssen, das hatte er nun davon! Die Österreicher, diese skiverrückte Nation, hatten es schon vor Wochen schneien lassen. Und nun – so hatte sein Cousin berichtet – reihten sich die künstlich erzeugten Schneeflecken wie eine Perlenkette auf den Hängen auf und wurden jeden Tag kleiner. Der Steinbock wusste zwar nicht, was das Wort „Energieverschwendung“ zu bedeuten hatte, irgendwie schwante ihm aber, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Ein anderer Cousin, ebenfalls ein Abtrünniger, hatte sogar berichtet, dass die Österreicher mittlerweile selbst Gletscher beschneiten. Und dies auf einer Höhe, wo es selbst ihm schwindlig wurde. Auf über 3’000 Metern liessen sie es bei stahlblauem Himmel schneien.

Er schüttelte unwirsch seine prächtigen Hörner. Was würde den Hornlosen wohl als Nächstes einfallen?