Kann man so feige sein?

Der Tag begann, wie ein Skitag beginnen sollte. Blauer Himmel, kalt aber nicht arschkalt, Pulverschnee, windstill. Also etwa so:

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Leider verwandelte sich unser aller Euphorie innert Sekunden in ein beklemmendes Gefühl. Das Gefühl, dass es jeden von uns hätte erwischen können. Aber es erwischte nur Therese.

Sie wurde während dem Fahren seitlich gerammt, stiess einen Schrei aus, blieb liegen. Er, sie oder was immer es war, der/die sie umgenietet hatte, fuhr unbekümmert weiter!

Unsere Kollegin dagegen, sie musste zuerst mit dem Rettungsschlitten, danach mit dem Heli abtransportiert werden. Mittlerweile wissen wir: schwere Verletzungen an beiden Beinen. Therese wird in den nächsten 24 Stunden in ein Spital in die Schweiz verlegt werden. Wann sie wieder ein halbwegs normales Leben führen wird, steht in den Sternen.


Auch wenn du das nie lesen wirst:

Liebe Theres
Die ganze Gruppe ist zutiefst betrübt über das, was vorgefallen ist. Wir wünschen dir von Herzen eine möglichst schnelle, vollständige Genesung und hoffen, dass du nächstes Jahr trotz allem wieder mit dabei sein wirst.


Ich selber habe zwar nicht gesehen, wie es passiert ist, weil ich vorausgefahren bin. Aber ich habe eine Stinkwut auf diesen Typen, der eine Frau, die korrekt und nicht unbeherrscht gefahren ist, umgenietet und sich danach einfach aus dem Staub gemacht hat.

Unser Trabant bei Flugwetter

Er flimmert wieder fast jeden Tag über den Bildschirm, der Spot der SUVA. Und wie vor drei Jahren geht der Mond noch immer auf komische Art und Weise unter.

So falsch das auch sein mag, so wichtig und richtig ist die eindrückliche Warnung, auf der Skipiste nicht zu viel zu riskieren. Kein Tag ist bis jetzt vergangen, an dem wir nicht mehrmals den Helikopter hätten fliegen sehen (in der Regel kein gutes Zeichen) oder an dem einer der zahlreichen Rettungs-Motorschlitten hätte ausrücken müssen.

Bei der Fahrweise der Skifahrer wundert mich allerdings nichts mehr. Die meisten haben ihre Skis nicht im Griff und fahren vorwiegend dort durch, wo der Ski mit ihnen hin rast. Kommt hinzu, dass das heutige Skimaterial und die Pisten, die – zumindest in den Morgenstunden – glattgehobelt sind, hohe Tempi auch bei relativ schwachen Fahrern erlauben. Geschwindigkeit scheint alles zu sein, der Stil bleibt dabei auf der Strecke. Die Sicherheit auch. Zusammenstösse sind an der Tagesordnung und ziehen so leider auch unbeteiligte Skifahrer in Mitleidenschaft.

Mein innig geliebter Mitbewohner und ich scheinen zur aussterbenden Gattung Skifahrer zu gehören, die ihren Ski steuern und ihn nicht vergewaltigen. Als gute Skifahrer (der Mitbewohner ist nicht umsonst Schneesportlehrer) haben wir unser Sportgerät im Griff und hobeln nicht einfach die Pisten runter, sondern fahren gediegene, gezielte Schwünge. Ich weiss, das stinkt jetzt erheblich nach Eigenlob. Aber es muss einem ja schon zu denken geben, wenn man ständig rechts und links überholt wird von Fahrern, die zwecks Richtungswechsel lediglich ihre Skienden wegschieben können und mehr oder weniger in der Falllinie fahren. Unser Stern geht jeweils erst auf, wenn sich auf der Piste Haufen gebildet haben. Dann lässt sich die beschriebene Skitechnik nur noch bedingt anwenden und plötzlich fahren alle ganz zahm.

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Monduntergang über Samnaun

Das besagte Werbefilmchen der Schweizerischen Unfallversicherungs Anstalt SUVA, das eindringlich vor den Risiken auf der Skipiste warnt, gibt es – zusammen mit einem Kommentar von Frau Flohnmobil – hier anzuschauen.

Mein rot/weisser Schutzengel

Sein Skitag dauerte eine knappe halbe Stunde. Dann lag er regungslos im Schnee. Seine Kollegen eilten herbei, dann der Mann von der Pistenrettung. Es war noch nicht einmal halb Zehn. Eine halbe Stunde später tauchte aus dem tiefblauen Himmel der Rega-Heli auf. Eine weitere halbe Stunde später hob der rot/weisse Vogel wieder ab und flog Richtung Chur ins Spital.

Unser Skitag begann um 6.00 Uhr mit dem Läuten des Weckers und endete gegen 17.00 Uhr, als wir vor der Haustüre wieder aus dem Auto stiegen. Dazwischen lag ein Skitag wie aus dem Bilderbuch. Ohne Zwischenfälle, mit heilen Knochen, um ein paar Franken erleichtert, dafür mit guter Laune ausgestattet.

Einmal mehr wurde mir bewusst, wie schmal der Grat zwischen Glück und Unglück, Freud und Leid ist. Und wie gerne ich den Jahresbeitrag für die REGA bezahle. Nicht zuletzt weil ich hoffe, nie, nie die Dienste der Retter aus der Luft in Anspruch nehmen zu müssen.