Fata Morgana

Im gestrigen Tages-Anzeiger wurde das folgende Bild veröffentlicht:

Bei Temperaturen bis 45 Grad Celsius haben die Behörden in Spanien die höchste Alarmstufe ausgerufen. Diese Kinder suchten Abkühlung in einem Fluss bei Pamplona im Norden des Landes.

Da fragt sich eine mit durchschnittlicher Optik und Intelligenz ausgestattete Leserin, wo bitte auf diesem Bild denn das abkühlende Wasser sein soll.

Jesses, du arms Matterhorn!

Jetzt hat also die Klimaerwärmung doch schneller zugeschlagen, als wir uns aufgrund des kühlen, nassen Julis hätten erträumen lassen. Das Matterhorn – um seine letzten Hängegletscher und Schneefelder betrogen. Sieht schon etwas gar kahl aus. Ich würde meinen: ein absolut erbärmlicher Anblick!

Ich bin reingefallen auf dieses Bild. Es ist mir im Schaufenster einer spanischen Bäckerei begegnet. Auf den ersten Blick glaubte ich wirklich, die hätten im Parque Nacional de Picos de Europa unser Matterhorn auf der Guezli-Schachtel abgebildet. Leider waren die Wolken zu dicht, als dass wir den kahlen Bruder des wahren und einzigen Matterhorns hätten erblicken können.

Ob die Guezli so trocken sind, wie der spanische Matterhorn-Verschnitt daherkommt, weiss ich nicht, denn die Schachtel ist immer noch ungeöffnet. Aber ganz ehrlich gesagt, hege ich da keine allzu grossen Erwartungen.

Hinter, vor und in der Cordillera Cantabrica

Der Blick auf die Landkarte machte neugierig. Schon mal was von Picos de Europa gehört? Wir auch nicht, aber im Norden Portugals beschlossen wir, dieses Gebirge als nächstes Ziel anzuvisieren. Rund 250 Kilometer mussten wir fahren, quer durch Niemandsland, vielfach durch topfebenes Gelände, bis wir am Fusse des gleichnamigen Nationalparks – dem ältesten Spaniens– angekommen waren.

Von einer Velotour aus – unsere Erste überhaupt in Spanien – konnten wir die bis 2’648 m aufragenden, schroffen Kalksteingipfel sehen. Prächtige Blumen gibt es hier, und sogar Bären und Wölfe sollen in der abgelegenen Gegend leben. Da wir Reisen und nicht einfach nur Ferien machen, zog es uns weiter. Wir wollten nicht nur die Bergwelt Kantabriens, sondern auch Asturiens sehen, alles in der Landkarte auszumachen unter „Cordilleras Cantabrica“. Dass wir dazu quasi nochmals ein Stück retour, also westwärts fahren mussten, nahmen wir in Kauf.

Auf der Südseite dieses langgestreckten Gebirgszuges erblickten wir plötzlich eine Landschaft, die aus lauter umgekehrten Bergen zu bestehen schien. Hier wird Kohle abgebaut. Und noch während wir uns wunderten, was die Spanier mit den riesigen Kohlehaufen anfangen, kamen die Kraftwerke in Sicht. Aha, hier wird Kohle zu Strom verkocht.

Unsere Entdecker-Mission war nicht ganz einfach, hatten wir doch nur eine Karte im Massstab 1:250’000 als Basis. Keine Reiseführer, schon gar keine Stellplatz-Daten. Und die Touristen-Informationen hatten Anfang Juli meist noch geschlossen. Derart informativ unterernährt ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir einige Überraschungen erleben mussten. Beispielsweise, als die als liebliches Gebirgstal eingestufte Region total industrialisiert war. Oder als im anvisierten Dorf kein ebener Fleck zum übernachten auszumachen war.

Trotzdem kamen wir auf unsere Kosten. Wir haben eine tolle Velotour auf einen 1’486 m hohen Pass gemacht. Tönt nicht nach viel, oder? Die meisten Alpenübergänge in der Heimat sind wesentlich höher. Aber der Ausgangspunkt lag auf 200 m. Das schien vorläufig die letzte Velotour gewesen zu sein. Denn plötzlich machte das Wetter schlapp. DAS waren wir uns wirklich nicht mehr gewohnt. Nach über einem Monat ohne einen Tropfen Niederschlag in Portugal waren wir wohl doch etwas verwöhnt! An der Costa Verde ist wirklich alles – na was wohl – grün. Saftig grün mit viel Wald, teilweise direkt bis ans Meer, mit einem hügeligen Hinterland und der Cordillera Cantabrica im Hintergrund.

Auf der Nordseite der Picos de Europa machten wir eine eher kurze, aber nicht weniger begeisternde und imposante Wanderung in einer Region, die einen vergessen lässt, dass man sich Luftlinie keine 20 Kilometer vom Meer entfernt befindet. Asturien ist ausgesprochen gebirgig. Direkt hinter der zerklüfteten Küste geht es los mit den Bergen.

Asturien hat uns begeistert und wir können uns bestens vorstellen, wieder einmal an die Nordküste Spaniens zu reisen. Die 11 Tage die wir hier verbrachten, waren nur gerade ein Müsterli. Aber ein sehr Appetit anregendes.

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Entschollen!

Es hat mich wirklich eiskalt erwischt, als ich feststellen musste, dass mein Surfstick den Geist aufgegeben hatte. Mitten in der Reise, mit noch vier Wochen vor mir. Dabei wollte ich doch alle paar Tage einen Blogbeitrag veröffentlichen. Wollte euch berichten, was uns passiert ist. Wollte euch erheitern mit unseren Erlebnissen, gluschtig machen mit schönen Fotos.

Aber es kam bekanntlich anders. Meine Bemühungen, in Portugal Ersatz für meinen schlappen Surfstick aufzutreiben, verliefen im Sand; stets heftiges Kopfschütteln, wenn ich nach einem Stick ohne SIM-Lock fragte. Ich begann mich langsam mit der Idee anzufreunden, dass ich vielleicht nur noch einmal pro Woche ins Netz kann. Einmal schleppte ich mich in ein Lokal, wo es einen drahtlosen Internet-Zugang gab, denn ich musste ein wichtiges Mail verschicken. Einmal konnte ich ein Netz anzapfen – bequem vom Wohnmobil aus.

Und dabei bleib es dann. Denn ich mag nicht mit dem Notebook unter dem Arm durch eine Altstadt schlendern, bis ich ein – ! hechel ! – WiFi-Zeichen an einer Türe ausmachen kann. Und bei MacDonalds verpflegen mag ich mich auch nicht, nicht mal gegen einen kostenlosen Internet-Zugang. Logo, in der Hinsicht bin ich eine altmodische Tante. Längst hat WordPress Möglichkeiten geschaffen, dass Blog-Beiträge auch von einem Smartphone aus veröffentlicht werden können. Mein Mobiltelefon aber kann wenig mehr als telefonieren – und daran werde ich auch nichts ändern.

Zweieinhalb Wochen, 19 Tage, offline. Abgenabelt von der Welt. Keine Mails, keine Kommunikation mit Freunden aufrecht erhalten, erst recht keine neuen Beiträge im Flohnmobil. Ich wurde schon per SMS angefragt, ob der Surfstick nicht mehr funktioniere.

Mit jedem Tag, der ins verregnete Land zog, wurde ich etwas gleichgültiger. Jetzt dauert es dann ja nur noch eine knappe Woche. In spätestens vier Tagen sind wir daheim, dann bin ich saniert. Ich versuchte mir einzureden, dass ich bestimmt nichts verpasse, wenn ich noch ein paar wenige Tage lang ohne Internet bin.

Und ich habe es tatsächlich überstanden! In dem Moment, wo diese Zeilen entstanden sind zwar noch nicht, aber bis ihr sie im Flohnmobil lesen könnt ganz bestimmt. Ja, wir sind wieder zu Hause. Um mehrere Tausend Euro erleichtert. Mit ein paar Tausend Kilometern mehr auf dem Tacho. Um viele Erfahrungen bereichert. Den Kopf voller schöner Bilder. Und die Sonnencreme-Tuben nicht ganz so leer, wie der Anfang der Reise hätte erahnen lassen.

Wisst ihr, was jeweils das Schlimmste ist, wenn wir nach einem Trip quer durch halb Europa nach Hause kommen? Wir haben so viele neue Regionen gesehen, die wir auch mal ausgiebiger bereisen möchten, dass wir gleich wieder losfahren könnten. Eine dieser Neuentdeckungen werde ich euch – auch wenn es mittlerweile alter Kaffee ist – morgen vorstellen. MORGEN, und nicht irgendwann mal.