Umwerfend weitsichtig

Hier ein paar Bilder vom heutigen Spaziergang bei einem Wetter, das einen mehr zum Ostereier Färben animiert als zum Herunterholen der Weihnachtsdekoration.

Gigantisch die Fernsicht heute, auch wenn ich den idealen Zeitpunkt zum Fotografieren verpasst habe. Vom Säntis über die Glarner, Zentralschweizer und Berner Alpen bis hin zum Jura.

Nächstenliebe in der Sauna

Die herrliche Stimmung, die die letzten Sonnenstrahlen bei unserem Spaziergang in den Wald gezaubert hat, hat mich wieder versöhnt mit einem meiner Mitmenschen.

Dabei hatte ich den Typen bis vor kurzem noch gar nie getroffen. Er gesellte sich zu uns in der Sauna. Die Sauna, ein Ort der Entspannung. Pah! Kaum abgesessen, löcherte er uns mit Fragen.

„Wohnt ihr hier?“
“Ihr wohnt dort? Wo denn?“
“Aha, ich wohne bei der Kirche.“
“Wie heisst ihr?“

Soweit zum üblichen Smalltalk, der für meinen Geschmack im schummrigen Licht der gemischten Sauna bereits zu weit ging. Dann folgte die Frage, die ihm offenbar auf der Zunge gebrannt hatte: „Seid ihr in einer Partei?“ Was soll diese unverblümte Frage, kaum kennen wir uns fünf Minuten? Für mich war bereits klar, dass ich mich nicht an dem Gespräch beteiligen würde.

Der Typ löcherte uns weiter (gnädigerweise hat ihn mein innig geliebter Mitschwitzer abgehört) und ersparte uns nicht, dass er Parteipräsident einer lokalen EVP sei. Ausserdem mussten wir uns anhören, dass er offensichtlich nach Kräften mithilft, die Überbevölkerung dieser Erde anzukurbeln. Vierfacher Vater, achtfacher Grossvater.

Dann geschah es: er richtete sich auf und setzte sich zwischen uns. Als ob wir die dicksten Freunde wären, schlug er mir, um eine seiner Aussagen zu bekräftigen, auf den Oberschenkel.

Bei aller christlichen Nächstenliebe, das kann er meinetwegen bei seinen Parteifreundinnen praktizieren, aber nicht bei mir. Und schon gar nicht, wenn ich bis auf einige Schweisstropfen splitterfasernackt bin. Ich verspürte plötzlich ein heftiges Bedürfnis, unter die kalte Dusche zu stehen.

Nichts als ein Spaziergang

Heute hat in Sölden der Auftakt zur Alpinen Skisaison stattgefunden. Die Skiindustrie versucht seit Jahren, uns mit diesem Event dazu zu verleiten, lange bevor im Flachland der erste Schnee fällt, Kohle für Wintersport-Ausrüstung locker zu machen. Tatsächlich preist jeder zweite Prospekt, der derzeit ins Haus flattert, Skis, Winterkleider und wärmende Stiefel an. Schrecklich. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass seit Wochen in den Läden Weihnachtskugeln, Kerzen und Weihnachtsguezli verkauft werden.  

Ich verspürte deshalb heute Nachmittag das dringende Bedürfnis, mich persönlich davon zu überzeugen, dass vor meiner Haustür der Winter noch nicht Einzug gehalten hat. Dass ich auf dem Spaziergang weidende Kühe, Schmetterlinge und blühende Pflanzen angetroffen habe, hat mich einigermassen versöhnlich gestimmt. Auch wenn die Sicht in die Berge eine andere Sprache spricht. Dort ist es nämlich schon bedenklich weiss.