Metaphysisches Gruseln

Es gibt wohl kaum eine geeignetere Gelegenheit, sich mit seinem Konterfei auseinanderzusetzen, als beim Coiffeur. Allerdings auch keine brutalere. Während die Federn fallen oder die Haarpracht einer farblichen Veränderung harrt, starrt es einem unbarmherzig an.

Verfolgt wird die kleinste Bewegung der Augen, registriert jedes Zucken der Mundwinkel. In sehr unvorteilhaftem, da gnadenlos ehrlichem, Licht, präsentiert sich jede Hautunebenheit, jede Falte von ihrer besten Seite.

Es gibt kein Entrinnen. Während das, was gemeinhin als Frisur bezeichnet wird, eben erst am Entstehen ist, darf man sich ausgiebig mit den Folgen der Schwerkraft befassen. Man kann sich ausrechnen, wie viele Jahres es noch braucht, bis die Wangen endgültig beim Kinn unten angekommen sind, der Hals der einer Galapagos-Schildkröte ähneln wird.

Trotz der schonungslosen Wahrheit, dem Loch im Portemonnaie und des mehrstündigen Aufenthalts beim Coiffeur habe ich diesen Ausflug – mutmasslich – unbeschadet überstanden.

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Im Gegensatz zu Mani Matter packte mich nämlich kein metaphysisches Gruseln im Coiffeur-Gestühl.