Von Eseln und Drahteseln

Sie sind wieder gehäuft unterwegs. Ungleiche Gespanne, die wie eine Faust aufs Auge passen. Wovon ich schreibe? Von velofahrenden Paaren ab mittlerem Alter, kinderlos oder Kinder ausgeflogen. Er mit rasierten Beinen, Rennvelo mit Carbon-Rahmen, 30 Gänge, durchgestylt vom Helm bis zur Klick-Pedale. Sie auf einem Stahlross von der vorjährigen Velobörse, in Jeans, die sie sonst nur noch im Garten zum Unkraut jäten trägt, ausgelatschte Turnschuhe, auf dem Kopf der schaurige Suva-Helm aus den 90-er Jahren, das obligate Poschti-Chörbli auf dem Gepäckträger.

Die sommerlichen Temperaturen locken zu gemeinsamen Ausfahrten. Nicht nur der frischen Luft, sondern insbesondere auch dem Frieden zu Liebe. Das geht nicht lang gut, denn: Am ersten Hügelchen tritt er locker an und ehe man sich’s versehen hat, ist er auf seinem Rennpferd schon um Längen davon galoppiert, während sie auf ihrem alten Göppel die Steigung rauf keucht und froh wäre, sie hätte noch Gänge zum runter schalten.

„Scha-atz, gaht’s? Hetsch echli meh trainiert de Winter dur.“ Ein gut gemeinter Ratschlag. Aber er wird nicht viel fruchten, solange ER auf der Meinung beharrt, für SIE müsse es ja nicht gerade ein Rennvelo sein und überhaupt sei alles nur eine Frage der Kondition.

Männer dieses Landes, kauft euren Partnerinnen anständiges Sportgerät. Wenn ihr eure Frauen weiterhin auf so altem Gelumpe durch die Gegend hetzt, braucht ihr euch nämlich nicht zu wundern, wenn ihr bald wieder alleine unterwegs seid! Aber das wollt ihr doch, gebt’s zu!

Die fast perfekte Trilogie

Es hätte eine Lobeshymne werden sollen, wie die Welt sie noch nie sah und lange nicht mehr sehen würde. Ich hätte mein bestes Deutsch hervorgeholt, genau die treffenden Worte gefunden und mitten ins Schwarze getroffen mit meinen Formulierungen. Und ihr? Ihr wärt alle restlos begeistert gewesen und hättet mir vor dem Bildschirm stehende Ovationen gezollt vor Freude.

Ich hätte schreiben wollen, wie toll doch diese Jahreszeit ist. Dass man innert dreier Tage drei totale Kontrastprogramme durchziehen kann.
Tag eins steht man im Schnee, carvt wie ein Herrgöttli die menschenleeren Skipisten runter, setzt sich an die Sonne, schlürft gemütlich seinen Kaffee.
Tag zwei legt man sein ganzes Gewicht in die Velopumpe, gräbt zuunterst in der Schublade die ¾-langen Velohosen aus, schwingt sich auf den Sattel und geniesst das laue Lüftchen, das einem ums leicht angebräunte Näschen weht.
An Tag drei schliesslich verspürt man Lust, die Natur vor der Haustüre zu Fuss zu erkunden. Vom ausgedehnten Spaziergang bringt man ein Sträusslein Schlüsselblumen für den Stubentisch und einen Säcklein voll Bärlauch fürs Pesto mit nach Hause.

Ja, das wäre die perfekte Frühlings-Trilogie gewesen. Denn genau das macht den Frühling so herrlich, dass die Jahreszeiten in einander verschmelzen. Dass man beim Skifahren nicht frieren muss, beim Velofahren nicht den Schneemaden ausweichen und auf der Wanderung unzählige Pflänzlein spriessen sieht.

Hier muss ich meine Lobeshymne abrupt beenden. Für einen Frühlingstag gehört sich nämlich nicht, dass ich im Windstopper mit dem Kragen bis oben geschlossen durch die Gegend schlottere. Ich finde es auch total unangebracht, dass ich mit dem kühlen Nordwind in den Ohren das fröhliche Gepiepse der Vögel kaum hören kann. Und dass mein Rennvelo Frostbeulen davongetragen hätte, kann ich genauso wenig verantworten.

Aber vielleicht bin ich da etwas zu voreilig. Denn der astronomische Frühlingsanfang wird erst morgen früh, um 00.21 Uhr sein. Es werden noch genügend Gelegenheiten kommen, die Frühlings-Trilogie zu perfektionieren.

Wie man sich füttert, so wiegt man

Die WHO musste zuerst eine breit angelegte Studie in Auftrag geben, um das herauszufinden, was meine Augen schon sei längerem mit Schrecken beobachten: Die Menschheit wird immer dicker. Sie frisst zu viel und sie bewegt sich zu wenig.

Mir tun nicht all die Leute Leid, die zu fett sind, denn in den meisten Fällen sind sie selber schuld daran. Nein, mich bedauern Leute wie Pflegepersonal oder Rettungsmannschaften, die sich mit solchen Bombern von Berufes wegen herumschlagen müssen.

Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, wie man sich so viel anfressen kann, dass man schliesslich nur noch in der Zeltabteilung Kleider kaufen kann. Den Spruch „Dicke sind gemütlich“ lasse ich nicht gelten, denn in meinem Bekanntenkreis hat es ganz viele ganz schlanke Menschen, die sehr, sehr gemütlich und umgänglich sind.

Die ganze Schuld auf Fertigprodukte, Stress und mangelnde Zeit für körperliche Betätigung abzuschieben, ist zu einfach. Wer wirklich will, kann sich auch Zeit nehmen, zum sich im Alltag zu bewegen. Zwischen gar nichts tun und auf einen Marathon hin trainieren gibt es schliesslich viele Zwischentöne.

Ich kann mein Gewicht nämlich auch nur halten, indem ich viel und regelmässig Sport treibe. Denn Essen, das steht ausser Frage, ist eine wunderbare Sache, die Spass macht und ausserdem einen grossen Teil unserer Zeit einnimmt. Wer mir Letzteres nicht glaubt, soll einmal einige Tage lang Fasten. Einfach nichts essen, nur trinken. Er wird staunen, wie viel mehr Zeit übrig bleibt, wenn nicht eingekauft, gekocht, gegessen und abgewaschen werden muss.

Ich bin stolz, dass selbst ich in der WHO-Studie erwähnt wurde. Die Schweizerinnen haben nämlich europaweit den tiefsten Body Mass Index. Und da bin ich auch dran beteiligt, obschon ich weit davon entfernt bin, ein Klappergestell zu sein.

Mit Rücksicht auf Ästheten habe ich das heutige Bild stark verkleinert. Wer es partout nicht lassen kann, klicke direkt auf das Anschauungsbeispiel. Aber es soll niemand sagen, er sei nicht vorgewarnt gewesen!

Einfach göttlich

Vorne nichts, hinten nichts. Viertelstundenweise kein Auto. Keine Menschenseele, bestenfalls Rindviecher, die glotzend am Zaun stehen. Keiner, der hupend an einem vorbei fährt. Niemand, der den Stinkefinger zeigt. Keiner, der haarscharf an meinem Vorderrad vorbei reinschneidet und mich damit fast vom Sattel holt. Kein Lastwagen, der mir zwischen dem Randstein und seinem Hinterrad keinen halben Meter lässt. Keine Radwege, die alle paar hundert Meter die Strassenseite wechseln.

Das ist Radfahren in Frankreich. Und Frankreich ist damit unser bevorzugtes Land, um unser bevorzugtes Hobby auszuüben. Es gibt endlos viele schwach befahrene Strassen, auf denen man praktisch den ganzen Tag alleine unterwegs ist. Sie führen durch herrliche Gegenden, endlose Wälder, entlang von Schluchten, Stauseen, durch malerische Dörfer.

Wir haben es wieder mal genossen. Fast 1’000 Kilometer Rennrad sind wir diesen Herbst in Frankreich gefahren. Eigentlich mögen wir gar nicht nach Hause gehen, denn dort geht es  – auch wenn wir uns schwach befahrene Nebenstrassen aussuchen – wieder viel hektischer zu und her.

Doch genau wie die Wohnmobil-Saison, neigt sich auch die Velo-Saison ihrem Ende entgegen. Denn wir mögen nicht dick vermummt aufs Velo steigen. 18 Grad ist die Schmerzgrenze, denn auf dem Velo fühlt sich diese Temperatur ohnehin frischer an. Für 18 Grad haben wir noch entsprechende Wäsche. Wird’s kälter, verzichten wir freiwillig. Schliesslich haben wir noch ein Abo fürs Fitness-Center. Und dort werden wir halt auf dem statischen Göppel träumen, wie es war und sein könnte. Nämlich wie Gott auf dem Velo in Frankreich.

Sonne und Schatten

Es ist noch keine zwei Monate her, da sind wir jedem Baum hinterher gefahren. Schatten war angesagt. Einfach nur Schatten! Und nun, anfangs September, ist jeder Baum ein Baum zu viel. Zumindest noch zu Beginn der Woche. Da hatten wir jeweils im Wohnmobil morgens 12 Grad. Wie schön wäre es da gewesen, hätte uns die Sonne schon frühmorgens ins Wohnmobil geschienen und die Heizung etwas unterstützt. Aber woher soll man am Abend wissen, wo am nächsten Morgen die Sonne aufgeht und welcher Baum allenfalls als Spielverderber in der Landschaft stehen könnte?

Das „Wintertraining“ haben wir vorläufig hinter uns. Allerdings haben wir auf unserer ersten Velotour vor vier Tagen sämtliche Velowäsche, die wir eingepackt hatten, angezogen. Gut 60 Kilometer sind wir durchs Limousin gestrampelt. Vorbei an Feldern, Bauernkäffern und den für die Gegend so typischen Charolais-Rindern. Eine sehr stämmige, kräftige Rasse. Am Anfang der Tour hat uns der heftige Rückenwind kräftig geschoben. Doch da wir am Wohnmobil keinen Autopiloten haben und drum wieder an den Ausgangspunkt zurück mussten, war uns klar, dass irgendwann der Wind von vorne blasen würde. Und wie!

Unser nächstes Ziel war der Lac de Vassivière. Den weit verzweigten Stausee hatten wir vor vier Jahren entdeckt. In der Zwischenzeit hat sich dort einiges verändert. Konnten wir seinerzeit noch mit dem Womi auf das Parkgelände fahren, ist nun auf dem Parkplatz davor Schluss. Dafür ist dort ein Euro-Relais aufgestellt worden und das Problem mit der Versorgung/Entsorgung ist somit auch gelöst – sofern das Ding funktioniert, was bei uns nicht der Fall war.

Wir haben von diesem herrlichen Stellplatz aus eine Velotour gemacht und sind 70 Kilometer in stetigem Auf und Ab durch die Gegend geradelt. In dieser Gegend gibt es sehr viel Wald und dieser Wald ist, bzw. wäre, sehr pilzverdächtig. Momentan ist es zwar für ein üppiges Pilzwachstum zu trocken, doch ich bin überzeugt, dass in den Möösli und unter den Tannen, Eichen, Birken und Farnen zu gegebener Zeit tonnenweise Pilze wachsen müssen.

Und wer uns nicht glaubt, dass es in der Zwischenzeit wärmer geworden ist, dem sei Folgendes gesagt: Statt zu duschen sind wir gestern im See schwimmen gegangen. Ohne Frostbeulen oder ähnliche Folgeschäden!

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In Frankreich gibt es so etwas wie eine Nachsaison kaum. Seit dem 2. September gehen die Kinder wieder zur Schule und seither ist schlagartig überall tote Hose. Aber Wohnmobile sieht man trotzdem hüben wie drüben. Mir scheint, alle Jahre mehr. Wir waren jedenfalls auch 15 Womis auf dem Parkplatz zum übernachten.

Gestern Abend haben wir uns mit unseren Stellplatz-Nachbarn, Ingrid und Herbert aus Singen, angefreundet. Im Verlaufe des Abends hat je eine Flasche Schnaps den Besitzer gewechselt. Wir haben eine halbvolle Flasche Pineau, ein likörähnliches Gebräu, mit ins Womi getragen und haben dafür unsere Flasche Schlehenfeuer stehen lassen. Sorry, Gabi und Erhard, aber dieses Gesöff mit dem Nachgeschmack von Grappa konnte uns nicht begeistern. Okay, rein rechnerisch haben wir einen schlechten Schnitt gemacht, haben wir doch 40 % Alkohol gegen deren 17 % eingetauscht. Aber für uns passt das so.

Heute Abend stehen wir in Treignac auf dem offiziellen Stellplatz der Gemeinde. Dieser liegt auf einem Wiesengelände und grenzt an den Bach an. Hoffentlich haben wir richtig parkiert, dass morgen die Sonne nicht erst nach 11.00 aufs Dach brennt.

Ich in mir

Die Flohnerin in mir hat heute erst mal ausgeschlafen und dann gemütlich gefrühstückt.

Die Hausfrau in mir hat acht Gläser Nektarinen-Konfitüre gemacht.

Die Putzfrau in mir hat das Abstauben auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Bäckerin in mir hat einen prächtigen Sonntags-Zopf gemacht.

Die Sportlerin in mir ist mit dem Rennvelo 70 Kilometer weit gestrampelt.

Der Bünzli in mir hat sich über die rücksichtslose Fahrweise gewisser Automobilisten aufgeregt.

Die Geniesserin in mir hat nach der Velotour ohne Reue ein Stück Melonen-Quark-Torte verdrückt.

Die Gärtnerin in mir hat etwas an den Blümchen herumgezupft.

Das Faultier in mir hat den ganzen Abend vor dem Fernseher verbracht.

Die Ehefrau in mir hat mal wieder ein schlechtes Gewissen, weil sie vermeintlich den Mann vernachlässigt beim Bloggen.

Die Bloggerin in mir hat gesiegt.

Endlich mal wieder!

Normalerweise haben wir um diese Jahreszeit eine vierstellige Zahl auf dem Kilometerzähler. Doch 2010 ist irgendwie alles anders. Angefangen hat es mit dem üblichen Frühlings-Dilemma. Skifahren, aufs Velo, oder vielleicht doch eine nette Wanderung? Dann war mehr oder weniger der ganze Mai schlechtes Wetter. Ab Ende Mai bis Mitte Juli waren wir mit dem Wohnmobil unterwegs. Die Strassen waren weder in Ungarn, noch Slowakien oder Tschechien besonders einladend für eine Tour mit dem Rennvelo. Und so sind wir heim gekommen mit lächerlichen 500 Kilometern auf dem Zähler.

Zugegeben, wir sind etwas wählerisch, wenn es um eine Radtour geht. Wir wollen uns nicht verregnen lassen und lange Wäsche mögen wir im so genannten Sommer auch nicht anziehen. Doch heute hat es selbst für unseren Geschmack wieder mal gepasst. Wenn man mal grosszügig darüber hinweg sieht, dass erst kurz vor Mittag angenehme Temperaturen Einzug hielten.

Rennvelo fahren ist ein toller Sport. Ich habe ihn erst durch meinen innig geliebten Gümmeler kennen gelernt. Vorher hatte ich irgendein Einkaufsvelo und eine schittere Geiss von einem Mountain-Bike. Ich musste lernen, mit Klickpedalen zu fahren. Ich musste lernen, 2 x 7, später sogar 3 x 9 Gänge zu schalten. Ich musste lernen, Windschatten zu fahren. Ich musste lernen, fahrend eine Banane zu essen. Ich musste lernen, meine Kräfte einzuteilen. Ich habe alles gelernt! Und es hat mir immer mehr Spass gemacht.

Beim Velofahren ist man ganz nahe an der Natur. Man sieht Dinge, die man vom Auto aus nie sehen würde. Wenn man im kleinsten Gang einen Pass hinauf schnaubt, hat man viiiel Zeit, sich umzusehen. Heute habe ich den kleinsten Gang nie gebraucht. Die heutige Runde ist eine unserer Standard-Runden. Aber auch auf dieser gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Der Schmetterling jedenfalls, der mich einige Flügelschläge lang begleitet hat, war letztes Mal nicht dort. Auch die Baustellen ändern ihr Gesicht ständig. Felder werden abgemäht, mitten auf dem Veloweg steht ein Traktor.

Unsere Gegend ist ein Paradies zum Velo fahren. Ein mitunter etwas ruppiges zwar. Doch für etwas gehen wir ja 2 x in der Woche ins Krafttraining.