Nicht auf den Boden treten!

Ich weiss nicht mehr, was der Auslöser für diesen Beitrag war. Eines weiss ich aber mit Gewissheit: Wenn ich solche Geistesblitze nicht sofort aufschreibe, versanden sie wieder. Es sei denn, ich hinterlasse auf meinem Pult einen Fresszettel, der mir irgendwann mal wieder zwischen die Finger gerät. So wie jetzt.

Als hätte ich ihn erst gestern zum letzten Mal gesehen, erinnere ich mich an den Staubsauger meiner Grossmutter. Anfangs der Siebzigerjahre war das Nilfisk-Teil so gross, dass es einen halben Schrank füllte. Sein Einsatz musste wohl überlegt sein, galt es doch immer zuerst, ihn zusammenzusetzen. Als Kind fand ich diesen Staubsauger ein riesen Ungetüm. Nicht von ungefähr, wir hatten daheim ein etwas dezenteres Modell.

Meine Grossmutter aber hantierte mit ihrem Nilfisk souverän in der 3 1/2-Zimmer-Wohnung im Zürcher Heuried Quartier. Dort gab es keine Spannteppiche, wie sie in der damaligen Zeit in grässlichen Farben und Mustern Mode waren, sondern im Eingangs-Bereich einen Klinker-Boden und “echte” Teppich-Läufer. Dieser rotbraune Klinkerboden muss meiner Grossmutter heilig gewesen sein. Denn beim Betreten der Wohnung galt es stets, vom Treppenhaus in einem grossen Schritt direkt auf den Läufer zu treten. Wenn nicht, gab’s ein Donnerwetter. Einem Hüpfspiel gleich bewegte man sich in der Wohnung meiner Grossmutter von Teppich zu Teppich fort. Wehe, wenn man die Fränseli in Unordnung brachte! Ich glaube, meine Grossmutter war die Einzige, die je einen Fuss direkt auf diesen Klinkerboden gesetzt hatte. Und auch das nur, wenn sie ihn putzte.

Vor dem Haus gab’s eine Teppichstange. Und im Putzkasten – so viel Platz war neben dem Nilfisk-Monster dann doch noch – ein geflochtener Teppich-Klopfer. Heute stehen nur noch vor älteren Häusern solche Teppichstangen. Und einen Teppich-Klopfer habe ich glaub seit Jahren nicht mehr gesehen.  Ihr?

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So muss der Staubsauger meiner Grossmutter auch ausgesehen haben. An seine glänzende Oberfläche kann ich mich noch gut erinnern. Das Bild habe ich auf dieser Website gefunden.

Ausgefranst

Als ich als Au-pair in England war, stellte die Lehrerin in der Schulstunde, die von lauter Leidensgenossinnen besucht wurde, die Frage, wofür Teppiche gut seien. Meine von Staubwedel und Bügeleisen geprägte Antwort liess nicht lange auf sich warten: Zum Staubsaugen natürlich.

Fast drei Jahrzehnte später weiss ich: Das war nur ein Teil der Antwort. Denn Teppiche – so sie denn nicht von Wand zu Wand verlegt sind und der Gattung „Spannteppich“ angehören – haben Ränder. Und diese können im allerübelsten Fall mit Fränseli versehen sein.

Noch übler als die Fränseli an einem Teppich sind nur noch die Leute, die denken, solche Fränseli müssten alle artig in die gleiche Richtung stehen bzw. liegen. Meine Schwägerin, obschon sie sich nur noch unter beträchtlichem Geächze bücken kann, kämmt regelmässig die Fränseli an ihren zwei Dutzend Teppichen stramm. Das müsse so sein, behauptet sie. Ihre Putzfrau hat sich geweigert, diese Arbeit zu übernehmen und glattweg erklärt, von ihr aus könne sie die Teppichfränseli abschneiden.

Eine erheiternde und mehrfach geführte Diskussion in unserem Freundeskreis hat aufgezeigt, dass Fränseli offenbar eine Altersfrage sind. Die ältere Generation legt grossen Wert auf stramme Fränseli. Das Bild stammt aus der Wohnung meiner Mutter. Was schliesst ihr daraus?