Black Friday

Liebe Emma

Die Glocken haben heute ganz für dich alleine geläutet, die Klänge der Orgel galten einzig dir.

Nun bist du wieder an der Seite deines Mannes. Du hast doch Pinky schon angetroffen, oder?

Bestimmt wird dir auch bald dein jüngerer Bruder begegnen. Sag ihm bitte, wie sehr ich ihn vermisse.

Leb wohl!

Bea

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Todestag

Todestag”, was für ein grässliches Wort!

Erster Todestag” – nicht minder grässlich. Brutal. Eine Leidensgeschichte. Unabwendbar. Heute.

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Red heart Mein über alles geliebter Mann  Red heart

Heute vor einem Jahr hast du in meinen Armen deinen letzten schweren Atemzug gemacht, wurdest von deinen unsäglichen Leiden erlöst.

Vieles ist seither geschehen. Es sind Türen aufgegangen, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt. Dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denken würde. Du bleibst immer in meinem Herzen, wirst bis an mein Lebensende ein Teil von mir sein.

Deine Bea

Ein Beet voller Rosen für meinen Mann

Noch immer fällt es mir schwer, die Frage zu beantworten. Umso mehr, wenn sie wirklich ernst gemeint ist und nicht nur einer dahingeworfenen Floskel abgedroschener Gewohnheit entspricht.

Noch immer fällt es mir schwer, heiter und frei von – weitgehend hausgemachten – Schuldgefühlen “ja” zu sagen. Ja zu der Frage, wie es mir geht.

Noch immer denke ich, man erwarte von mir ein leidvolles Gesicht. Man erwarte von mir – weniger als ein Jahr nach dem Tod des Menschen, der mir in den letzten 24 Jahren immer zur Seite stand – dass es mir einfach noch nicht gut gehen KÖNNE.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es geht mir gut. Und das habe ich zu einem grossen Teil dem Menschen zu verdanken, der in meinem Herzen weiterlebt. Durch unseren grossen Altersunterschied lag es nahe, dass ich – selbst wenn der Krebs nicht so erbarmungslos zugeschlagen hätte – eines Tages allein sein würde. Über all die Jahre hat mein Mann mich durch seinen starken Charakter, seinen Humor und seine Einstellung subtil auf die Zeit nach seinem Tod vorbereitet.

DSC08171Und so klingt es fast etwas pathetisch. Aber die Veränderungen, die in mir während der kostbaren Jahre an der Seite meines Mannes vor sich gegangen sind, helfen mir nun, den Alltag alleine zu bewältigten.

Dafür bin ich unendlich dankbar.

 

Vakuum in der Agenda

Als mein Mann starb, hatte ich Angst, geradezu Panik, vor einer leeren Agenda. Ich schaute auf meinen Kalender, und da war … nichts. Leer, keine Termine mehr. In den letzten vier Monaten hatte es praktisch alle Tage einen Termin gegeben, der mit der Krankheit meines Mannes in Verbindung stand. Für mich und meine Bedürfnisse blieb keine Zeit mehr.

Aber auch als mein Mann noch gesund war, war unsere Agenda nicht wirklich ausgefüllt. Wir machten nicht gerne Verabredungen auf lange Sicht. Das gab uns zwar die Flexibilität, bei schönem Wetter sofort durchstarten zu können. Allerdings fanden wir dann so kurzfristig nur selten Begleitung für unsere Wanderungen und sonstigen Aktivitäten. So waren wir häufig nur zu zweit unterwegs. Auf der Skipiste, dem Wanderweg, der Veloroute. Das Gspänli war ja immer da. Der Partner verfügbar mit gleichen Interessen. Lange und langwierige Absprachen erübrigten sich.

Nach dem 4. Juli 2017 – ich hatte es auf mich zukommen sehen – musste ich mich völlig neu orientieren. Nicht nur für meine Freizeitaktivitäten, aber für die auch. Ich habe weder Familie noch Geschwister. Es taten sich Türen auf, mit denen ich nie gerechnet hätte. Sicher, es hängt auch mit meiner Art, wie ich auf die Leute zuging, zusammen. Daheim warten, bis jemand anklopft, und mich für eine Wanderung oder nur schon für einen Kaffee auffordert, das war nicht meine Art. Für gewisse Leute mag ich etwas forsch ans Werk gegangen sein. Für mich jedoch hat es so gepasst.

Acht Monate später habe ich die Gewissheit: Selbst wenn am Sonntagabend noch kein Eintrag in der Agenda für die kommende Woche steht, ich werde nicht die ganze Woche alleine verbringen. Es sei denn, ich will das. Was für ein gutes Gefühl! Und sollte es Leute in meinem Umfeld geben, die denken, die lustige Witwe dürfte ruhig noch etwas mehr Zurückhaltung üben, dann ist mir das sowas von Wurst!

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Quizfrage: Welche dieser gackernden Hennen bin ich?

Schweigen wäre Gold gewesen

Sie ist keine Zufallsbekanntschaft, wohnt sie doch seit einigen Jahren in unserer Überbauung. Ich habe sie einfach noch nie getroffen. Der Zufall jedoch wollte es, dass wir uns in den vergangenen Monaten mehrmals über den Weg liefen. Das letzte Mal sahen wir uns auf einer gemeinsamen Zugsfahrt nach Zürich.

Wir wissen wenig von einander. Die Gespräche bewegen sich im Rahmen von “ach, du wohnst schon so lange hier”, “hast du Familie?” und ähnlichen Banalitäten.

Dass mein Mann vor fünf Monaten gestorben war, wusste sie ebenso wenig, wie dass es ihn überhaupt gegeben hatte. Das konnte ich ihr nicht übel nehmen. Als sie von seinem Tod erfuhr, fragte sie nach, woran er gestorben sei. Ich habe kein Problem, darüber zu sprechen. Ich kann ja meine Informationen selber dosieren.

Aber seither habe ich ein Problem mit dieser Frau. Denn sie plapperte munter auf mich ein: “Ich bin geschieden. Es ist eigentlich kein Unterschied, ob du von einem Mann geschieden bist oder er gestorben ist. Weg ist weg. Und du musst ihn wenigstens nicht mehr anschauen.”

Schweigen wäre Gold gewesen. Diesen Zustand hatte ich im Moment jedoch gerade für mich in Anspruch genommen.

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Weder hier noch dort

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Du hättest Freude gehabt. Freude am Schnee. Deinem Element.

Du hättest auch Freude an diesem Spaziergang gehabt. Diesem Spaziergang, den wir so oft zusammen unternommen hatten. Mit dem Blick auf den See, wo du so viele Stunden verbracht hast, und in die Berge.

Aber du wärst gar nicht hier gewesen. Wie alle Jahre im Dezember hättest du deinem Hobby gefrönt. Und hättest verpasst, dass es über Nacht auch vor der Haustüre weiss geworden ist.

Jetzt bist du weder hier noch dort. Und ich vermisse dich so schmerzlich.

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Kein wir mehr

Ich gehe auf den Wegen, die wir so oft begangen haben.

Ich versuche, den Sträuchern, die wir gepflanzt haben, ein würdiges Aussehen zu verleihen.

Ich blicke auf den See, auf dem du so viele glückliche Stunden verbracht hast.

Ich fahre das Auto, das wir gemeinsam ausgesucht hatten.

Ich futtere die Schokolade, die du so gern mochtest.

Ich lache mit Menschen, die wir unsere Freunde nannten.

Ich sitze auf dem Sessel, der immer dir vorbehalten war.

Ich liege in dem Bett, in dem wir so viel und so guten Sex hatten.

Ich esse mit dem Besteck, das du so oft benutzt hast.

Ich überlege mir, was du jeweils sagen würdest.

Ich blättere durchs Fotoalbum und werde an all die unbeschwerten Momente mit dir erinnert. 

Das Schlimmste an meiner neuen Situation ist,
dass mir mit DIR auch das WIR genommen wurde.

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Kiss the fish

Im letzten Oktober bot sich meinem Mann die rare Gelegenheit, bei uns am See ein Ruderboot zu kaufen. Rar insbesondere deshalb, weil die Bootsplätze Mangelware sind. Er hatte das Privileg, nicht nur ein wunderschönes Holzruderboot zu erwerben, sondern auch den dazugehörigen Liegeplatz im Bootshaus. Die bestmögliche Variante.

Wie hatte er sich darüber gefreut! Fischen war ihm in den vergangenen Jahren ein geliebtes Hobby geworden, das er beinahe zur Perfektion ausgebaut hatte. Das eigene Boot war das Tüpfchen auf dem I. Ich malte mir aus, wie ich im darauffolgenden Sommer mit ihm zusammen auf den See raus rudern würde. Ich würde öfters mitgehen als bis anhin, weil das Boot grösser war als jenes, das er gemietet hatte.

Es kam anders. Nach der Krebs-Diagnose im März hatte mein Mann gerade noch genügend Kraft, um das Boot nach der Überwinterung wieder einsatzbereit zu machen. Es war höchst ungewiss, ob er jemals wieder angeln gehen könnte. Vielleicht noch in Begleitung. Ich hatte mir damals geschworen, ich würde jeden Fisch einzeln küssen, sollte mein Mann nochmals in der Lage sein, auf den See raus zu rudern, zu angeln und einen Fang heim zu bringen.

Es war ihm nicht vergönnt. Als er schon deutlich angeschlagen war, fädelte er den Verkauf seines Boots an einen Kollegen ein. Was muss damals in meinem Mann vorgegangen sein. Ein weiterer Funke Hoffnung war erloschen.

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Dieses Bild zeigt meinen Mann auf einer seiner wenigen Ausfahrten mit dem eigenen Boot im letzten Herbst. Es entstand heute vor einem Jahr. Für mich strahlt es eine derartige Symbolkraft aus, dass ich das Bild verwendet habe für die Danksagung.

Unser gemeinsame Weg

Zwei Tage lang lag der dicke Kartonumschlag in meiner Wohnung, bevor ich mich getraute, ihn zu öffnen. Ich wusste, es würde ein harter Brocken werden. Aber irgendwann musste ich ja.

Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte das Fotoalbum, das nun vor mir lag, noch mit meinem Mann zusammen anschauen. Ich habe so viele Bilder von unseren gemeinsamen Reisen, Wanderungen, Ausflügen auf dem PC, die ich bestenfalls einmal anschaue, wenn ich ein geeignetes Bild für einen Blog-Beitrag suche. Als mein Mann krank wurde, begann ich damit, ein Album mit Bildern von ihm zu erstellen. Kein Querschnitt durch unsere gemeinsamen 24 Jahre, aber immerhin von den letzten 12 Jahren, seit ich auf Digitalfotografie umgestiegen bin. Ich hatte immer gehofft, dass wir uns das Album noch gemeinsam ansehen könnten. Aber die Zeit lief mir davon. Es war mir plötzlich wichtiger, die letzten Wochen an der Seite meines Mannes als vor dem Monitor zu verbringen.

Als mir der Moment endlich geeignet schien, richtete ich mich im Wohnzimmer gemütlich ein, entfernte die Kartonverpackung und anschliessend das Cellophan-Papier um mein Werk. Lange betrachtete ich den Deckel, den dieses Bild schmückt:

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Die ersten Emotionen überkamen mich schon, als ich den Titel las: „Die schönsten Momente unseres gemeinsamen Weges“. Langsam blätterte ich Seite für Seite um. Obschon ich die Bilder kannte, jedes einzelne selber geschossen hatte, entdeckte ich viel Neues auf den über einhundert Seiten. Es wurde ein tränenreicher Abend. Ich überlegte mir, was mein schwerkranker Mann dabei empfunden hätte, wenn er all diese Bilder von sich gesehen hätte, als er noch stundenlange Wanderungen unternehmen konnte, bei Wind und Wetter auf der Skipiste stand, auf den See zum Angeln ruderte. Vielleicht ist es besser, dachte ich beim Betrachten der Bilder plötzlich, dass ihm dies erspart blieb. Es hätte ihn nur noch mehr auf seinen hilf- und aussichtslosen Zustand aufmerksam gemacht.

Aber mir wird das Album helfen, das Bild meines Mannes wieder ins richtige Licht zu rücken. Weg vom schwer angeschlagenen, unheilbar Kranken hin zu dem was ich an ihm immer sah: Den unternehmungslustigen, witz- und geistreichen, liebevollen Ehemann, der auf alles eine Antwort wusste und mir so sehr das Gefühl von Sicherheit vermittelt hat. Momentan bin ich zwar noch weit davon entfernt, aber ich hoffe zumindest, dass mir das in absehbarer Zeit gelingen wird.

Schon schön betont

Es war erst gut einen Monat her, dass mein Mann verstorben war. Da hatte mich eine Kollegin an einem Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Sie hatte eine Freundin eingeladen und gedacht, ich würde auch ganz gut in die Runde passen.

Wir drei Witwen verbrachten einen unterhaltsamen Sonntag. Ich erwähnte nebenbei mal, ich hätte vor wenigen Tagen Gäste bekocht. Da schaute mich die Frau, die ich erst wenige Stunden kannte, an und entgegnete völlig entgeistert diese zwei Worte, die mich seither nicht mehr loslassen:

“Jetzt scho-o-o-n?”

Ich war perplex. Was erwartete man von mir? Was dachte meine Umwelt im allgemeinen und diese Frau im besonderen von mir, was vier Wochen nach dem Tod meines Mannes angebracht wäre? Wie lange sollte ich mich daheim verkriechen? Trübsal blasen und Trauerkleidung tragen.

Tatsache ist: Ich habe nicht ein einziges Mal schwarze Kleidung getragen. Nicht mal an der Abschiedsfeier. Meine Trauer über den Tod meines Mannes äussert sich nicht darin, dass ich mit verweinten Augen herumlaufe, kein Radio an habe, mir keine Unterhaltung, kein Lachen und keine Kontakte zur Aussenwelt erlaube. Das wäre ganz und gar nicht im Sinne meines Mannes gewesen.

Wenn die besagte Witwe wüsste, was ich in nächster Zeit geplant habe, würde sie wahrscheinlich vor lauter “jetzt schon?” gehörig nach Luft schnappen.

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